Titelbild: Bernt Ruttner

Anlässlich unseres 25-jährigen Bestehens befragten wir langjährige Vereinsmitglieder zur Entwicklung des Vereins und der Biologie in Österreich. Vielen Dank an Dr. Bernt Ruttner, Gründungsmitglied der ABA (vormals VÖBL), für das Interview.

Mit welchen Erwartungen und Hoffnungen sind Sie vor 25 Jahren der Austrian Biologist Association (ABA) beigetreten?

Die ABA wurde als VÖBL, als Vereinigung Österreichischer Biologielehrer, von den Landes­arbeits­gemeinschaftsleitern der AHS gegründet. Gedacht war, einen Biologielehrer-Verein zu schaffen, der – analog zu den Vereinen der Chemie- oder der Geographielehrer – außerhalb des Ministeriums und der Landesschulräte Informationen und Fortbildungen organisieren kann. Im Gegensatz zu den anderen Vereinen fehlten uns aber zahlungskräftige Sponsoren. Landwirtschaftskammern oder Pharmafirmen trauten den Biologielehrern nicht so richtig über den Weg. Bei Chemie und Geographie waren die wirtschaftlichen Interessen klar, bei Biologie nicht. Außerdem erlebte die politische Partei der Grünen ihren ersten Aufschwung und irgendwie nahm man an, dass Biologielehrer automatisch Grüne sein müssten. Dennoch wurde der Verein gegründet und gleich auch das Konzept einer informativen Zeitschrift erarbeitet, an der sich jede interessierte Biologielehrkraft beteiligen konnte. Sie hieß VÖBL und wandelte sich im Laufe der Zeit ins „bioskop“.

Zudem wollte die ABA gegenüber dem Ministerium eine weisungs­unabhängige Vertretung erreichen und sich aktiv an der Lehrplan-Diskussion beteiligen beziehungs­weise die Stundentafel für die Biologie ändern – Stichwort: 7.-Klasse-Loch. Auch die Ausweitung des Vereines auf andere Schulformen wie zum Beispiel den Berufsbildenden Höheren Schulen (BHS) wurde angestrebt, um eine Vertretung aller Biologielehrer zu erreichen. Das gelang auch, allerdings schlug sich diese Erweiterung nicht unbedingt in den Mitgliederzahlen zu Buche, wie erhofft.

Enttäuscht waren wir vom Ministerium, weil nie ein maß­geblicher Vertreter (Vorstandsmitglied, Präsident) in die Lehrplankommission eingeladen wurde und auch das Schließen der 7.-Klassler-Lücke wurde leider nicht erreicht. Allerdings konnten wir im schulautonomen Bereich Modelle erstellen, wo dieses Vorhaben gelang.

Welches Resümee ziehen Sie nach 25 Jahren?

Die VÖBL beziehungsweise die ABA haben eine lange Entwicklung hinter sich. Der erste Schritt vom reinen Biologielehrer-Verein weg gelang mit dem Andocken an die EU. Die ABA vertritt damit die biologischen Interessen EU-weit. Die Öffnung für alle Biologen war der nächste Schritt. Schon der zweite Präsident war keine Lehrkraft. Zunehmend kristallisierte sich heraus, dass die ABA eine Vertretung aller in biologischen Fachbereichen Tätigen sein sollte, sprich: Die Biologie in Österreich hat einen Namen. Dazu fand auch die Umbenennung von VÖBL zu ABA statt. Die modernen IT-Technologien machten eine intensive Vernetzung möglich. Mit dem Newsletter wurde ein weiterer Schritt zur Attraktivität erreicht. Dank junger Kräfte im Vorstand konnten auch die Universitäten „erobert“ werden. Es freut mich auch, dass wir jetzt eine sehr engagierte und durchschlagskräftige Präsidentin haben.

Selbst wenn die Mitgliederzahl höher sein könnte – viele „Gründungslehrer“ sind mittlerweile in Pension – ist die ABA für die Biologie in Österreich wichtig und hat eine 25-jährige Erfolgsgeschichte hinter sich. Die Gründung lag seinerzeit sozusagen in der Luft. Der Zulauf vor allem junger Biologen zeigt, dass die Anliegen der ABA noch immer aktuell sind.

Warum braucht es eine Österreichische Biologen-Vereinigung?

Biologische Berufe sind weit gestreut, vom Lehrer über Angestellte in den verschiedenen Verwaltungsebenen (Land, Bund) und bei den Kammern sowie in der Industrie (zum Beispiel Pharma- und Umweltreferenten) und vor allem als Selbstständige. Auch wenn die Wirtschaftskammer die Vertretung der Selbstständigen beansprucht, bin ich mir nicht sicher, ob die ideellen und fachlichen biologischen Ziele bei der Kammer wirklich gut aufgehoben sind. Daher ist die Vernetzung der Biologen Österreichs ein wichtiger Aspekt der ABA. Sie dient einerseits als Stellenbörse, andererseits der Abstimmung untereinander, um über bestimmte aktuelle Themen eine einheitliche Meinung zu repräsentieren.

Wie soll die Österreichische Biologen-Vereinigung diese Ziele ihrer Meinung nach erreichen?

Viele Ziele sind bereits erreicht. Was wir noch besser machen können, ist die Kommunikation mit der medialen Öffentlichkeit via Presseaussendungen oder Pressekonferenzen. Damit die Stimme überall gehört wird. Das würde wahrscheinlich auch einen gewissen Mitglieder-Zulauf mit sich bringen. Allerdings muss ich selbstkritisch dazu anmerken, wir haben dieses Ziel in der Vergangenheit auch nur selten geschafft. Über die Formulierung von Positionspapieren sind wir auch nicht weit hinaus gekommen. Die IT-Generation wird das aber sicher besser machen.

Wen betrachten Sie unter Österreichs Biologen für sich persönlich als die größte Inspiration und warum?

Das ist schwierig zu sagen, da ich die Biologie praktisch mit der „Vatermilch“ aufgesogen habe. Mein Vater war ebenfalls Naturgeschichtelehrer, wie es damals hieß, und Botaniker. Ich lernte also von klein auf Freilandbiologie. Er gründete auch die Landesorganisation der Österreichischen Naturschutzjugend, kurz ÖNJ, in Oberösterreich und vor ein paar Jahren stellte sich heraus, dass er der beste floristische Kenner des Castelfeders war. Das ist ein naturgeschützter Porphyrhügel im Südtiroler Unterland. Dort hielt er im Sommer immer ein ÖNJ-Lager ab. Auch diese Tradition führte ich noch circa 30 Jahre lang weiter. Weiters wurde ich natürlich auch von meinem Doktorvater Heinrich Wagner beeinflusst, der mir mitgab, die Pflanzendecke nicht „einzuschachteln“ sondern als Kontinuum zu betrachten. Eine Sichtweise, die nicht nur für die Pflanzendecke gilt, sondern auch in der Evolution und damit für die  ganze Betrachtungsweise der Biologie wichtig ist.

Mit welchem biologischem Fachbereich beschäftigen Sie sich zurzeit?

Eigentlich interessiert mich noch immer alles und ich versuche von den neuesten Erkenntnissen in allen Fachbereichen etwas mitzubekommen – also Genetik, Humanevolution, Evolution und Systematik und und und … Das geht ganz gut über diverse Newsletter und auch gute Sachbücher. So zum Beispiel jetzt gerade ein Buch über „Künstliche Photosynthese“, das gute und sachliche Argumente in der laufenden Diskussion zu E-Autos oder H-Antrieb liefert.

Im Herbst hielt ich einen Vortrag über das Verhältnis von Religion und Wissenschaft. Ebenfalls ein spannendes Kapitel, das weit über den bekannten Streit Darwin versus Kirche hinaus geht.

Daneben bemühe ich mich in meinem Heimatort Timelkam die naturwissenschaftliche Abteilung im neuen Heimat- und Archivmuseum einzurichten. Ich halte die Popularisierung der Naturwissenschaften – im besten Sinne – für einen ganz wichtigen Aspekt unserer gesellschaftlichen Entwicklung. In England gibt es dafür sogar einen eigenen Lehrstuhl.

Vielen Dank!

Dr. Bernt Ruttner ist Gründungsmitglied der ABA (vormals VÖBL), AHS-Biologielehrer (in Ruhe), ehem. Landes ARGE-Leiter v. OÖ, ehem. Bundessprecher der ARGE-Leiter, Schulbuchautor, Pflanzensoziologe und Exkursionsleiter.

Titelbild: Auf der Seegrube oberhalb von Innsbruck (Foto: Riccabona)

Sigbert Riccabona und Johannes Kostenzer haben als Umweltanwälte Tirols die Natur stets im Blick gehabt und viel erlebt: von blühenden Projekten und keifenden Bürgermeistern bis hin zu ökologischen Harakiri-Unternehmungen. Im Gespräch mit bioskop erzählen sie, was sich in den letzten Jahrzehnten bezüglich Natur in Tirol getan hat und was noch geschehen muss, damit das Alpenland bleibt, was die Postkartenidylle verspricht.

Abb. 1: Johannes Konstanzer, aktueller Landes­umwelt­anwalt von Tirol.

 „Tirol isch lei oans…“ tönt es bei so manchem Volksmusik­abend und meint damit nicht nur heimatliche Gefühle. Im Hintergrund schwingt sie mit, die Postkarten­romantik als „Sehn­suchtsort im Herzen der Alpen“, wie es die Tirol Werbung nennt: Mehr hoch als weit, mit viel Tradition, Sportsgeist und vor allem Natur pur verteilt auf rund 12.640 km2. Wie sehr aber um diese (noch) intakte Natur gerungen werden muss bei all dem Fortschritt und der Globalisierung – vor allem in den letzten 25 Jahren – davon kann die Umwelt­anwaltschaft ebenfalls ein Lied singen.

So treffen dort, mitten in Innsbruck, unlängst zwei aufeinander: Der eine bärtig, mit freundlichen Augen, Jahrgang 1942, der andere etwas jünger, dynamisch in seinen Bewegungen, mit gewinnendem Lächeln. Es handelt sich um den ehemaligen Landesumweltanwalt Sigbert Riccabona und den aktuellen Landesumweltanwalt Johannes Kostenzer. Noch ehe das Gespräch offiziell beginnt, stehen beide im regen Austausch: über früher, über heute – aber was hat sich verändert?

Mehr Achtsamkeit, mehr Technikwahn

Abb. 2: Sigbert Riccabona, ehemaliger Tiroler Landesumweltanwalt. Blick vom Ende der Tiroler Alpen hinaus auf entspanntes, flaches, mitunter sanft-hügeliges Alpenvorland bei Pfronten.

Da ist zum Beispiel das Verständnis der Bevölkerung für die Natur. Grüne Wiesen entlang der Autobahn seien toll, erklärt Riccabona, „wenn ich aber durch diese Wiesen spaziere, ist das ein ganz anderes Erlebnis und dieses fühlende sich in der Natur bewegen, da gibt es heute Impulse, die es früher nicht gegeben hat. Da war das selbstverständlich.“ Grund für diese neue Achtsamkeit mögen auch die technischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte sein. Sie stehen dem Naturerlebnis antagonistisch gegenüber. Gibt das Smartphone beim Wandern nämlich den Geist auf, sei bei vielen Kindern Trübsal blasen statt Natur genießen angesagt, weiß Riccabona. Selbiges gilt wohl auch für manchen Erwachsenen. Die Natur sei dann nur mehr „nette Spielerei“. Der momentane Trend zu mehr Achtsamkeit soll dem entgegenwirken und die Natur wieder in den Fokus rücken.

Gelingen tut das nicht immer. Das Problem bestehe auch darin, dass sich der Mensch seit etwa 30 Jahren immer weniger als Teil der Natur begreift, ist Kostenzer überzeugt. Damit reduziere sich das empathische Miteinander auf ein wirtschaftliches, das sich groteskerweise aber trotzdem wieder der Naturbilder bedient. Warum? „Weil Dinge wie ein Sonnenaufgang am Berg trotzdem jeden Menschen berühren“, stellt Kostenzer klar, „und da würde ich schon erwarten, dass man dem auch Wertschätzung zukommen lässt.“

Natur als Cashcow und Kulisse

Über Definition und Ausdruck dieser Wertschätzung ist man sich aber bisweilen wohl nicht ganz einig. Im Tourismus etwa wird das Grün kombiniert mit steilem Fels sehr wohl geschätzt, aber mehr als Cashcow, denn um seiner selbst wie es scheint. Ein Beispiel dafür stellt der Trend zur Megareisegruppe dar. Eine hat vergangenen Frühling üppig „Selfie bestickt“ unter anderem Schweizer Naturjuwele wie den Dreitausender Titlis erklommen: 12.000 Chinesen und Chinesinnen, verteilt auf drei Wochen. Ähnlich dürfte das Szenario im 700-Seelenort Hallstatt im Salzkammergut sein, mit über 19.000 Bussen jährlich. Die Kassen klingeln – die Anrainer scheinen nur murrende Statisten in diesem „Freilichtmuseum“, die Natur reine Kulisse.

So arg ist es in Tirol noch nicht. Dennoch scheint das Interesse an Wachstum im Tourismus und damit Gewinn auch hier präsent, besonders im Winter. Nicht umsonst pumpen Investoren derzeit 180 Millionen Euro in ein Bauprojekt in Kitzbühel, wie der SPIEGEL neulich berichtete. Ein Nobelresort am Wasenmoos-Gebiet soll es werden, wo es offenbar kaum Plastik geben wird, aber dafür Rodung, 500 neue Betten nebst einem Schutzgebiet und einen Elektro-Porsche für jeden, der eines der dreizehn millionenschweren Chalets kauft.

Das hat Geschichte, wie Riccabona weiß. Schon in der Zwischenkriegszeit habe das bäuerliche Tirol mit dem Tourismus angefangen, „da waren die skifahrenden Städter für die Bauern allerdings noch Spinner.“ Nach dem zweiten Weltkrieg sei die Landwirtschaft dann versorgungstechnisch noch wichtiger geworden: 90 % des Grund und Bodens habe den Bauern gehört, die zunehmend in die Politik drängten. Man entdeckte erneut, dass sich Tourismus auszahlen könnte. Pragmatisch fällte man Bäume und baute Häuser – „Hotels, die alle ausschauen wie aufgeblasene Bauernhöfe“, bemerkt Riccabona, „die Geburtsstunde des bäuerlichen Kitschs.“ Ab da musste es immer schneller gehen. „Wenn ein Seilbahnunternehmer damals eine Seilbahn bauen wollte, habe ich gesagt: Schaut‘s wenigstens auf eine ordentliche Architektur“, erzählt Riccabona, da kam‘s postwendend zurück: „Hört‘s ja nicht auf den, die Architektur kostet nur Zeit und Geld.“

Abb. 3: Beschneiungsanlage Sölden. Erdbewegungen, Teich und Leitungen im Gletschervorfeld; Foto: S. Riccabona

Naturschutzprobleme als Raumordnungsprobleme

Heutzutage mag man im touristischen Tirol stilvoller bauen. Der Anfang bleibe laut Riccabona aber der gleiche: Ein neues Produkt, dass in die Zeit passt, nachhaltig wirkt, aber am Ende zu einem rein technischen Projekt avanciert, ohne soziale Betrachtung. Das betrifft auch Innsbrucks Beschaffenheit. Der ehemalige Umweltanwalt sieht das kritisch: „Vielleicht gibt‘s jetzt eine Seilbahn mitten in der Stadt, um die Mobilität zu verbessern, vielleicht geht es ums Energiesparen, aber nicht darum, dass man beim Bauen ein Miteinander sucht und durchmischte Gebiete erhält mit Lebensqualität.“

Das Miteinander insgesamt in Tirol gestaltet sich durch den hohen Zerschneidungsgrad der Täler tatsächlich schwierig. Schuld daran sind auch die größeren Bau- und Pistenprojekte der letzten Jahre. Manche Zusammenschließungen von Skigebieten wie etwa Saalbach-Fieberbrunn seien relativ harmlos, meint Kostenzer, andere wiederum wie etwa das aktuelle Projekt Kappl-St. Anton durchschneide wichtige Korridore und Rückzugsräume für Tiere. Mit der Raumordnung seien auch derartige Überlegungen ins Hintertreffen geraten. „Es gibt zwar eine Wohlmeinung dazu, dass es gescheit wäre, solche Dinge in die Planung einzubeziehen. De facto passiert in die Richtung aber wenig bis nichts. Man müsste überörtlich Überlegungen anstellen – nicht nur für Tiere, sondern auch für den Mensch“, betont Kostenzer. So seien auch neue Siedlungserschließungen oft nur auf Autos ausgerichtet: „Da gibt`s dann Schleifen, wo man mit dem Auto super reinfahren kann, aber wenn einer zur Kirche gehen will, dann muss der das Auto nehmen oder einen riesen Umweg gehen. Das sind Kleinigkeiten, aber da ist viel falsch gelaufen. 70 % der Naturschutzprobleme sind heute eigentlich Raumordnungsprobleme.“

Das kommt auch vom Inseldenken, ergänzt Riccabona. Man fokussiere oft nur einen Aspekt. Neben dem Naturschutz gehe es in wachsenden Ballungsräumen wie dem Inntal auch darum, eine neue Kulturlandschaft zu finden und dafür brauche es zusätzlich gezielte Landschaftsplanung:

„Wenn man die Gewässer in den Vordergrund stellen würde, hätte man eine Multifunktionalität: Naherholungsräume, Überflutungsräume, aber auch Übergangszonen. Ganzheitlich gedacht wäre das das Um und Auf, und nicht, dass jede Gemeinde der anderen Gemeinde die Hochhäuser aufsetzt und nur an sich denkt. Das ist ein großes Manko.“

Sigbert Riccabona

Mit der Idee, Korridore und Übergangszonen zu schaffen, sei man übrigens schon bis zum Landtag gegangen – dort fand man die Idee gut, aber die Umsetzung habe man sich nicht vorstellen können. Man wolle bei etwaigen Unfällen in diesen Bereichen nicht haften, habe es da geheißen.

Abb. 4: Rückbau. Renaturierung am Inn in der Imsterau; Foto: Riccabona

Die Sache mit der Artenvielfalt

Trotzdem gab bzw. gibt es in Tirol weiterhin Bemühungen für mehr Biodiversität und geschützte Übergangsorte im Siedlungsraum. „Blütenreich“ nennt sich zum Beispiel ein Projekt der Umweltanwaltschaft, welches seit September 2015 in mittlerweile fast 30 Tiroler Gemeinden erfolgreich läuft.  Dabei werden naturferne Flächen wie Begleitstreifen von Geh- oder Radwegen möglichst naturnahe gestaltet, um Verbindungswege, Lebensräume und Rückzugsorte für (bedrohte) Tiere und Pflanzen zu schaffen. „Richtig behandelt wird ein schmaler Streifen zum Biotop,“ erklärt Kostenzer. Es geht ihm aber nicht nur um solche Flächen. Tirol zeichnet die Höhenerstreckung aus, dadurch sind nur 12% des Bundeslandes dauerhaft besiedelbare Fläche. So gebe es zwar wesentlich mehr Tier- und Pflanzenarten als in homogenem Gelände, gleichzeitig aber „ist es weniger auffällig, wenn eine Vogelart nach der anderen verschwindet. Wir erleben es gerade ganz akut, dass die Artenvielfalt, die wir gewohnt sind und als Kinder selbstverständlich gefunden haben, die wir in den letzten 20 Jahren mit Monitoring und Schutzmaßnahmen versucht haben zu erhalten, trotzdem abnimmt. Das ist ein Problem, mit dem man sich auseinandersetzen muss.“

Dialoge von Klimanotstand bis Wasserkraft

Der Klimawandel erschwert die Situation zusätzlich. Da braucht es Fingerspitzengefühl im Dialog. Riccabona kennt das noch von seiner Zeit als Umweltanwalt, wo ihm ein schimpfender Bürgermeister einst die Augen öffnete. „Auf scharfe Angriffe scharf zurückreden bringt nichts“, hat er damals gelernt, „man sollte lieber fragen: Warum hat der eine andere Meinung…“  Nachhaltigkeit sei eben auch ein soziales Projekt, wo die Zivilgesellschaft  eingebunden gehöre. Man müsse erkennen, dass das längere Prozesse sind und da brauche es Leute, die das begreifen.

In Innsbruck gibt es mit der jetzigen Grünen Stadtregierung, die heuer auch den Klimanotstand ausgerufen hat, durchaus guten Willen. Nur das Land müsse insgesamt noch nachziehen, meint Kostenzer:

„Wenn ich mir anschaue, wo und wie überall gebaut werden darf, bis hinauf zu den Bergstationen und Skierschließungen, die eine Dimension haben, größer wie ein Museum für moderne Kunst im Tal, quasi Shopping-Malls am Berg – und das alles ohne irgendeine raumordnerische Prüfung, das versteh‘ ich einfach nicht und das geht nach wie vor.“

Johannes Konstenzer

Ähnliches gilt für den Ausbau der Energieversorgung, Stichwort Wasserkraft. „Ein energieautarkes Haus ist gar nicht so futuristisch, aber für die TIWAG wäre das ein Horror, wenn jeder sich selbst versorgt. Da wird ziemlich geschwiegen oder man hat Angst davor“, mutmaßt Riccabona. Schon bei seinen damaligen Verhandlungen mit dem Landeshauptmann habe es geheißen, man müsse zwecks Geld den Strom ins Ausland verkaufen. Dagegenreden sei schwierig gewesen, auch dank einer Tiroler Eigenheit:

Egal welch gute Gespräche man in der Kaffeepause geführt habe, in der Verhandlung habe sich plötzlich alles dem Grundsatz „Zum Wohle des Landes“ gebeugt. Wer nicht dafür sei, kritisiere das Land. „Ein freier Dialog war damals nie möglich“, räumt Riccabona ein.

Kostenzer setzt heute eher auf fachliche Kompetenz: Er legt unaufgefordert eigene Daten zu bestimmten Sachverhalten vor und macht mit seinem Team gebetsmühlenartig auf die Problematiken aufmerksam. So finde man langsam immer mehr Gehör und es habe sich auch einiges geändert. Beispielsweise hat Kostenzer vor 25 Jahren als Sachverständiger für Wasserkraftanlagen noch miterlebt, wie zahlreiche neue Anlagen ohne ausreichende Berücksichtigung ökologischer Aspekte durch das Land genehmigt wurden – das war modern. Gewusst wo, gewusst wie sei mittlerweile nicht nur der Ansatz der Umweltanwaltschaft, sondern auch der Behörde und vieler Planungsbüros.

Trotzdem, er halte sich nicht mit Überzeugungsarbeit auf: „Davon habe ich mich schon lang verabschiedet. Das Beste, was man erreichen kann, ist dem anderen verständlich zu machen, warum man selber so denkt”, sagt Konstenzer, „wenn das einen Nachdenkprozess auslöst, ist das für mich schon ein Erfolg und ändert oft auch die Situation.“

Künftig mehr Weitblick statt Tunnelblick

Vieles konnte in den letzten Jahrzehnten verbessert werden, manches ist noch in der Pipeline. Grundsätzlich aber müsse für die Zukunft auch im Umweltverständnis umgedacht werden, meint Riccabona. Es gehe um eine neue Strategie. Zurzeit habe noch jeder seinen Tunnelblick auf den eigenen Bereich gerichtet: die Wasserkraft auf ihre Pläne, der Tourismus auf seine und die Biologie auf ganz eigene Interessen. Inseldenken eben. Dabei ließe sich oft eine Verbindung herstellen.

Tatsächlich hieß es in einem Zeitungsartikel unlängst, Tourismus und Umweltanwaltschaft seien in gewisser Hinsicht eher „Zwillinge als Gegner“. Das stimme zumindest in der Hinsicht, als eine „attraktive Naturlandschaft genau das ist, was auch der Gast möchte“, präzisiert Kostenzer. Gleichzeitig steige dadurch unsere Lebensqualität. Die Balance macht`s, zudem eine gewisse Vielfalt und Flexibilität. „Es darf nur alles nicht allzu sehr beschleunigt werden“, gibt Riccabona zu bedenken, „es muss wachsen können, dass es auch gelebt werden kann.“ Bei der Jugend habe er da bereits interessante Denkanstöße bemerkt, etwa bei Architekturstudenten, die versuchen ganzheitliche Projekte mit Weitblick zu gestalten oder jungen Künstlern, die sich der Vergangenheit bedienen, um in der Gegenwart Neues für die Zukunft zu schaffen. Dafür müsse längerfristig aber auch ein gesünderes Verhältnis zwischen Tourismus, einheimischer Bevölkerung, Landschaft und Bewirtschaftung erreicht werden, ist Kostenzer überzeugt. Denn letztendlich isch Tirol eben net lei oans, es ist Vieles und all das müsse in Zukunft wieder ins Gleichgewicht gebracht werden.

Sigbert Riccabona

ist 1942 in Innsbruck geboren und hat Kulturtechnik und Wasserwirtschaft sowie Raumplanung und Raumordnung in Wien studiert. Als Jungingenieur sollte er durch Entwässerungen und Flussbegradigungen das „10. Bundesland“ Österreichs miterschaffen, erkannte aber die fatalen Auswirkungen und rief später den ersten Förderschlüssel zum Rückbau von Gewässern ins Leben. Von 1990 bis 2007 wurde er zum ersten Landesumweltanwalt Tirols und behielt neben den Fakten fortan auch die ästhetische und emotionale Landschaftskomponente im Blick. Riccabona lebt heute in Innsbruck.

Johannes Kostenzer

ist Kufsteiner, Jahrgang 1965, Biologe und seit 2008 Landesumweltanwalt von Tirol. Sein Interesse an unversehrter Natur war immer schon groß und dieses Interesse möchte er auch bei anderen wecken. So ist Kostenzer unter anderem auch der Initiator des jährlich stattfindenden, international bekannten Nature (Film) Festivals in Innsbruck. In seiner Freizeit beschäftigt er sich gern mit Kunst bzw. Architektur und paddelt auf europäischen Flüssen oder Bächen. Nachdenken kann er aber am besten im Gehen, am liebsten über mehrere Tage hinweg, wie er sagt. Kostenzer hat zwei Kindern und lebt in Innsbruck.

Tiroler Umweltanwaltschaft: http://www.tiroler-umweltanwaltschaft.gv.at/

Dieses Jahr veröffentlichten das Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie und das Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus ihre fertige Energie- und Klimastrategie mit dem betont zeitgeistigen Titel „#mission2030“. Bereits im Vorfeld war lautstarke Kritik der Opposition, NGOs und seitens von ExpertInnen an dem Papier aufgekommen: Zu wenig konkret, kein Finanzierungsrahmen, keine Ansätze für eine ökosoziale Steuerreform, war der Tenor der Kritik. Richtungsweisende wirtschaftspolitische Entscheidungen zeichnen bislang das Bild einer Regierung, für die Umwelt- und Klimaschutz, im Widerspruch zu ambitionierten Ankündigungen, keine realpolitische Priorität haben. Was steht im Strategiepapier der ÖVP/FPÖ-Regierung und was sind die Pläne der Regierung hinsichtlich Klima- und Energiepolitik?

Ambitioniert klingen die Ziele aus der Energie- und Klimastrategie der ÖVP/FPÖ-Bundesregierung allemal. So möchte die Bundesregierung die Österreichischen Treibhausgasemissionen bis 2030 um 36 Prozent gegenüber dem Niveau von 2005 senken, sowie die heimische Stromerzeugung zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen gedeckt sehen. Gar von einer totalen Dekarbonisierung der heimischen Wirtschaft bis 2050 ist die Rede. Im Verkehrssektor und bei der Raumwärme sieht die Regierung die größten Einsparungspotentiale. Hier möchte man verstärkt „Akzente setzen“ und künftig den Fokus auf E-Mobilität und thermische Sanierung legen. Innovationskraft und Bewusstseinsbildung sollen gefördert, Investitionen in Energieeffizienz forciert werden.

Wie viel politischer Wille und Bereitschaft zur Umsetzung tatsächlich dahintersteckt, zeigt ein genauer Blick auf die Inhalte des 62 Seiten umfassenden Papiers auf.

Kernpunkte der Energie- und Klimastrategie

Die Ziele der Energie- und Klimastrategie scheinen, wenn schon im internationalen Vergleich nicht übermäßig ambitioniert, ausreichend um die in Paris gesetzten Ziele zu verfolgen. Der Teufel steckt aber bekanntlich im Detail, denn die Suche nach Finanzierungsmodellen und konkreten Ansatzpunkten für Gesetzesnovellen gestaltet sich als frustrierendes Unterfangen. Man beschränkt sich über weite Strecken des Papiers auf Absichtserklärungen.
Die Bundesregierung sieht sich zukünftig vor acht mehr oder weniger konkrete Aufgaben im Energie- und Klimasektor gestellt, darunter einige gute Ansätze wie eine dringend notwendige „Evaluierung des Förder- und Abgabensystems zur Erreichung der Klima- und Energieziele“. Bei genauerem Hinsehen finden sich dann aber vor allem Hinweise auf konservative budgetäre Grenzen.

Andere Aufgaben tragen mehr oberflächliche Titel wie „Den urbanen und ländlichen Raum klimafreundlich gestalten“ oder „Rechtliche Rahmenbedingungen für ein klimafreundliches Österreich schaffen“.

Als weitere Kernpunkte der Strategie werden erwähnt:

  • – Forschung und Innovation als Schlüssel für einen erfolgreichen Standort
  • – Verantwortung für jede und jeden – Bildung für eine nachhaltige Zukunft und Bewusstsein schaffen
  • – Technologien für die Dekarbonisierung nutzen

Parallel zur Energie- und Klimastrategie erkennt die Regierung zumindest die Notwendigkeit von Anpassungen an den Klimawandel an. Die Erderwärmung wird sich künftig auf der Nordhalbkugel überproportional stark auswirken, so auch in Österreich. Weniger Schnee im Winter sowie heißere, trockenere Sommer belasten nicht nur die Natur, sondern haben auch massive Auswirkungen auf die heimische Wirtschaft, beispielsweise auf Tourismus und Landwirtschaft. Für notwendige Maßnahmen beruft man sich im Wesentlichen auf die „Österreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel“ von 2012, die seither schrittweise implementiert wird und im Jänner 2017 in aktualisierter Fassung neu veröffentlicht wurde.

Die Zielsetzungen für die zentralen Sektoren

Die oben angeführten Ziele wurden nicht zwingend aus Eigeninitiative formuliert: es gilt, Auflagen der EU im Rahmen des Pariser Klimaabkommens zu erfüllen. Bis 2030 plant die EU eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um 40 Prozent gegenüber dem Stand von 1990, eine Erhöhung der Energieeffizienz um 27 Prozent und einen Mindestanteil an erneuerbaren Energien von ebenfalls 27 Prozent.
Die Österreichische Klimastrategie legt ihren Fokus auf Innovation und Technologie. Ziel ist es, Österreich als „Vorreiter bei Elektromobilität und alternativen Antrieben “ zu positionieren und „starke Impulse“ für den Ausbau des öffentlichen Verkehrsnetzes zu setzen. So wird in dem Papier veranschlagt, den Verkehrssektor – mit 22,9 Mio. Tonnen CO2eq an Treibhausgasemissionen (46 Prozent-Anteil) der aktuell größte THG-Emittent – langfristig zu dekarbonisieren.

Im Gebäudesektor möchte man die THG-Emissionen bis 2030 durch thermische Sanierungen und Umstellung auf erneuerbare Energieträger und Fernwärme von aktuell 8 Mio. Tonnen CO2eq auf 5 Mio. Tonnen reduzieren. Auch in der Industrie soll ein „Innovationsschub“ in Richtung strombasierte Verfahren und erneuerbare Energien eine klimaneutrale Entwicklung anstoßen.
Im Landwirtschaftssektor argumentiert man mit Zielkonflikten (Versorgungssicherheit) und bleibt konkrete Ideen für eine klimafreundliche Umstrukturierung schuldig, aber auch hier wird generell eine Dekarbonisierung angestrebt. Dieser Zielkonflikt wird durch Bundesministerin Köstingers Nebentätigkeit als Vizepräsidentin des Bauernbundes unterstrichen.

Insgesamt soll bis 2030 der Anteil an erneuerbaren Energien am gesamten Österreichischen Bruttoendenergieverbrauch auf einen Wert von 45–50 Prozent angehoben werden. 2017 lag dieser Wert bei 33,5 Prozent.

Leuchtturmprojekte: E-Autos, Ausbau des Schienenverkehrs & Ausstieg aus Ölheizungen

Zwölf „Leuchtturmprojekte“ sollen zeitnah den ersten Anstoß für eine klimafreundliche wirtschaftliche Entwicklung geben, in ihnen sieht die Bundesregierung eine große Chance für die nachhaltige ökonomische Trendwende. Die Eckpfeiler sind eine E-Mobilitätsoffensive, die thermische Gebäudesanierung und die Stärkung des schienengebunden öffentlichen Verkehrs, aber auch nachhaltige Finanzierungstrukturen („Green Finance“), Energieforschungsinitiativen, ein „100.000-Dächer-Photovoltaik- und Kleinspeicher-Programm und ein Projekt für eine effiziente Güterverkehrslogistik sind dabei.

Woher das Geld für diese zeitnah umzusetzenden Projekte kommen soll, bleibt vorerst offen. Kein einziges der Projekte ist mit einem Finanzierungsrahmen beziffert. Immerhin gibt es von Infrastrukturminister Norbert Hofer die Zusage „in den nächsten Jahren“ 14 Milliarden Euro in den Bahnverkehr investieren zu wollen. Bundesministerin Köstinger versprach, beim Umweltschutz nicht zu kürzen, sondern ließ wissen, sie plane „einige hundert Millionen Euro“ in diesen zu investieren. Wie sie das angesichts der eigentlich stattfindenden budgetären Kürzungen im Umweltsektor bewerkstelligen möchte, bleibt abzuwarten.

Kritik wird laut: Zu wenig, zu industriefreundlich, kein finanzieller Rahmen

Bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Papiers hagelte es seitens von ExpertInnen, Opposition und NGOs Kritik an der Energie- und Klimastrategie der Bundesregierung. So nennt Greenpeace das Papier einen „zahnlosen Papiertiger“ und meint “die Handschrift von Wirtschaftskammer und Industriellenvereinigung“ zu sehen. Der WWF beschreibt es als eine „PR-Broschüre, die Österreich beim Klimaschutz weiter zurückfallen lässt“.
Aus der Opposition waren Rufe wie „durch die Bank unverbindlich“ (SPÖ-Energiesprecher Wolfgang Katzian), und „programmiertes Scheitern“ (Rudolf Anschober, grüner Landesrat in OÖ/Umwelt und Klimaschutz) zu hören. NEOS-Umweltsprecher Michael Bernhard schloss sich der von vielen Seiten vertretenen Forderung einer ökosozialen Steuerreform an. Die Liste Pilz nannte die Strategie eine lediglich „ausgeschmückte Version des Regierungsprogramms“.

Das Fehlen von konkreten Zahlen und Fristen bemängeln ebenfalls ExpertInnen, etwa Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb (BOKU Wien) in einer ExpertInnenbefragung der Tageszeitung „der Standard“. Auch sie wünscht sich, wie die meisten ExpertInnen national und weltweit, eine ökosoziale Steuerreform. „Willensbekundungen werden ohne regulatorische Rahmenbedingungen nicht von alleine passieren“, bestätigt die gelernte Biologin Renate Christ, ehemaliges Mitglied des UNO-Klimarats, gegenüber dem „Standard“.

Andere ExpertInnen bemängeln vor allem die durchwegs fragliche Finanzierung. Manche Ansätze werden aber auch vorsichtig positiv bewertet: Angela Köppl vom Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung (WIFO) erkennt zum Beispiel die geplante thermische Sanierung von Gebäuden an, die aber ohne Absprache mit den Ländern nicht realisierbar sei. Generell werden einzelne Punkte zwar angesprochen, aber das Systemdenken dahinter fehle, so die Klimaexpertin des WIFO.

Ministerin Elisabeth Köstinger sieht die lautstarke und deutliche Kritik hingegen als Bestätigung, „einen guten und konstruktiven Weg der Mitte“ gewählt zu haben. Minister Norbert Hofer bestätigt kryptisch, dieses Papier sei in einer anderen Regierungskonstellation nicht möglich gewesen. Er sehe, dass beim Verkehrssektor 2,5 Prozent Zulassungsquote bei Elektrofahrzeugen zwar viel, aber nicht genug sei, zeigt sich jedoch überzeugt, dass „sich vieles verändern wird“.

Dritte Flughafenpiste, Tempo 140. Politische Impulse im Widerspruch zum Klimaschutz

Abb.1 Flugzeuge am Flughafen Wien-Schwechat. Quelle: flickr, David Jones

Gemessen an kürzlich getroffenen klimapolitischen Entscheidungen zeigt sich jenes düstere Bild, das die fehlende Finanzierung für die Energie- und Klimastrategie bereits befürchten lässt.

Als Reaktion auf den Rechtsstreit um die dritte Flughafenpiste in Wien-Schwechat legte die Regierung einen Entwurf für ein „Standortentwicklungsgesetz“ vor, dass die Genehmigungsverfahren bei Großprojekten beschleunigen kann, auch wenn eine allfällige Entscheidung im Umweltverträglichkeitsprüfungs-Verfahren noch aussteht. Der Entwurf sorge abrupt für derart heftige Kritik, dass sich das Wirtschaftsministerium genötigt sah, Ende August mit einer Überarbeitung zu beginnen. Öffentliche Stellungnahmen aus Umwelt- oder Justizministerium blieben bislang aus. Im Vorfeld hatte das Bundesverwaltungsgericht den Bau der dritten Flughafenpiste aus Umweltschutzgründen gestoppt, das Verfahren liegt nun wieder bei der ersten Instanz. Eine weitere heftig umstrittene Reaktion auf die Causa ließ nicht lange auf sich warten: so plant die Regierung den Zugang zu UVPs für NGOs deutlich zu erschweren. Konkret möchte die Regierung Vereinen unter 100 Mitgliedern fortan keine Parteienstellung in UVPs zugestehen; weiters sollen die NGOs die Daten ihrer Mitglieder bekannt geben, um nachzuweisen, dass sie über die notwendige Zahl an Mitgliedern verfügen. Der Gesetzesentwurf stehe daher (neben dem Ausschluss vieler lokaler NGOs und Vereine aus den künftigen Verfahren) in Widerspruch zur Datenschutzverordnung der EU, ließen Kritiker des Entwurfs vermerken.
Verkehrsminister Hofer, zu großen Teilen für die Energie- und Klimastrategie mitverantwortlich, ist bisher vor allem mit seinem Herzensprojekt Tempo 140km/h auf der Autobahn aufgefallen, nicht gerade ein Prestigeprojekt für den Klimaschutz. Auch an dem umstrittenen Projekt Lobau-Tunnel hält Hofer trotz zahlreicher Proteste von UmweltschützerInnen und Opposition fest. Hier setzt sich der Trend, Umwelt- und Klimaschutz hintenanzustellen, wenn die Wirtschaft anklopft, fort. Das Nachhaltigkeitsministerium hüllt sich bislang in eisernes Schweigen zu Hofers umstrittenen Plänen.

Zu allem Überdruss wird das Budget für Klima- und Umweltschutz ab diesem Jahr sukzessive gekürzt. War der Klimaschutz ÖVP und FPÖ 2017 noch 623 Millionen Euro Wert, so werden es 2021 nur mehr 567 Millionen sein. Weniger sparsam war man hingegen bei der Anschaffung des neuen Fuhrparks, den sich die Regierung nach Angaben der Opposition rund eine Milliarde Euro kosten lässt. Mehr als das gesamte Umwelt- und Klimaschutzbudget. Akzente für Elektromobilität setzen? Mitnichten. 7-er BMWs mit Verbrennungsmotor tun ihren Zweck auch.

Der „gute, konstruktive Weg der Mitte“ von Köstinger und Hofer entpuppt sich im Tagesgeschäft der Regierung als Lippenbekenntnis ohne Durchsetzungskraft. Es ist bislang ein erfreulicher Weg für etablierte Industriezweige und ein katastrophaler Weg für den Klimaschutz.

Österreichs Rolle im internationalen Kontext

Wenn die letzten Jahre eine Indikation für die Zukunft unseres Planeten waren, dann läuft der Weltgemeinschaft die Zeit davon, um ein Kippen des Weltklimas aus dem zivilisationsfreundlichen, stabilen Eiszeitklima der letzten Millionen Jahre in ein für die menschliche Bevölkerung und einen großen Teil der heute noch lebenden Arten existenzbedrohendes Treibhausklima zu verhindern.

Österreich hat derzeit den EU-Ratsvorsitz inne. Es wäre eine gute Gelegenheit gewesen, auf europäischer und internationaler Ebene wirklich Akzente zu setzen. Der Fokus des österreichischen EU-Ratsvorsitzes liegt aber einzementiert auf Migrationsbekämpfung und Außengrenzschutz. Die Stimme des Europäischen Klimaschutzes ist, wenigstens im politischen Diskurs, auf dramatische Art zu leise. Eine fatale Entwicklung, denn unser Planet erlebt aktuell mehrere zivilisationsbedrohende, ökologische Krisen, von denen der Klimawandel nur eine ist. Doch die Politik steckt ihren Kopf in den sprichwörtlichen Sand.

Den Minimalkompromiss von 35 Prozent Reduktion der THG-Emissionen im KfZ-Sektor verkaufte Ministerin Köstinger im Oktober als großen Erfolg, trotz einiger Stimmen aus der EU die für ein wesentlich ambitionierteres Ziel eingetereten waren. Die Deutsche Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) zeigte sich persönlich enttäuscht über den Kompromiss, sah sich aber gezwungen die weniger ambitionierte Linie der deutschen Bundesregierung zu verteten.

Auch außerhalb Österreichs werfen Entscheidungen der führenden Regierungen Fragen auf: Die USA sagen unter Donald Trump dem Pariser Klimaabkommen den Kampf an, Justin Trudeau führt das umstrittene Keystone XL Pipeline Projekt in Staatseigentum über, während das Migrationsthema lange den Europäischen politischen Diskurs dominierte, führte der Klima- und Umweltschutz lange ein Schattendasein, obwohl sie mittlerweile zur existenziellen Frage geworden sind. Österreich ist für diese Entwicklung durchaus mitverantwortlich und betreibt während seines EU-Ratsvorsitzes genau jene Nicht-Klimapolitik, die uns weiter in Richtung der ökologischen Katastrophe führt. Bedenklich ist, dass der Klimaschutz nicht nur in Österreich ein tragisches politisches Randthema bleibt.

Ein unsanftes Erwachen kam Anfang Oktober vom lange erwarteten Sonderbericht des IPCC (Weltklimarat der UN) zum 1,5-Grad Ziel, der nicht weniger als eine Hiobsotschaft an die Weltgemeinschaft ist: Bis 2030 müssten die weltweiten THG-Emissionen um 40 Prozent reduziert werden, um ein Ansteigen der globalen Durchschnittstemperatur auf 1,5°C zu begrenzen. Das 2°C – Ziel des Pariser Klimaabkommens genüge nicht, um die Auswirkungen der Erderwärmung auf ein beherrschbares Maß zu begrenzen und eine weltweite Katastrophe zu verhindern. Auf Anfrage von Ö1 sah Ministerin Köstinger am Tag der Veröffentlichung „keinen Handlungsbedarf“ und Österreich auf einem „guten Weg“. Tatsächlich befindet sich Österreich jedoch weit entfernt vom europäischen Spitzenfeld und hinkt im Klimaschutz hinterher. Es entsteht langsam der Eindruck, die Bundesregierung ruhe sich auf dem Scheitern anderer Länder aus, anstatt den eindringlichen Apell des IPCC ernst zu nehmen.

Abb.2: Mais nach einer Dürre in Texas. Quelle: flickr US.Dpt. of Agriculture

Dem nächsten UN-Klimagipfel im polnischen Kattowitz, kommt dank dieser Entwicklung und weiterer besorgniserregender Forschungsergebnisse große Bedeutung zu: Es mehren sich laufend die Hinweise, dass das 2-Grad-Ziel des Pariser Klimaabkommens nicht genügt, um eine irreversibles Treibhausklima mit fatalen Folgen für die Ökosphäre und die menschliche Zivilisation abzuwenden; sofern es überhaupt noch eingehalten werden kann. Feedback-Effekte könnten ein endgültiges Kippen des Erdklimas früher auslösen als befürchtet. Das wäre für Europa und auch Österreich mehr als nur ungemütlich. Neben gletscherfreien Alpen, regelmäßigen Dürren und Missernten (die Österreichische Hagelversicherung schätzt allein den von der ersten Hitzewelle 2018 angerichteten Schaden auf 210 Millionen Euro), und häufigeren, schwereren Unwettern wäre auch Massenmigration in nie gekanntem Ausmaß eine weitere Konsequenz. Auch die nächsten fünf Jahre dürften neuen Erkenntnissen zu Folge außergewöhnlich warm werden.
Es ist Zeit zu handeln und den politischen Dornröschenschlaf zu beenden. Vielleicht folgt die Weltgemeinschaft endlich dem dramatischen Appell des Weltklimarates und ringt sich zu einer von fast allen Experten eindringlich als hochwirksames, politisches Steuerungsinstrument geforderten CO2-Steuer durch.

Der Widerstand aus Ländern wie den USA, Australien und möglicherweise manchen EU-Ländern wird jedenfalls groß sein. Die erneut extrem ausfallende Atlantische und Pazifische Hurricane-Saison, die Flutkatastrophen in Asien sowie die alle Rekorde einstellenden weltweiten Hitzewellen und Dürren, die das Jahr 2018 brachten, waren jedenfalls ein erster Vorgeschmack auf das, was uns noch blüht, wenn wir unserer Treibhausgas-Emissionen nicht schnellstmöglich bremsen. Der Klimawandel traf uns wesentlich früher als erwartet mit voller Wucht, und kein Land der Welt kann sich seinen katastrophalen Folgen mehr entziehen.

Dieser Beitrag erschien in etwas abgewandelter Form auf unhappyus.com, Titelbild: Biologin Anna Schöpfer am Fluss (Credit: Eveline Mader)

oder was man über Österreichs längsten freien Flussabschnitt noch wissen sollte

Vor kurzem hat der EU-weite Fitnesscheck der Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) geendet: Bis März konnte online jeder seine Stimme abgeben und sich für den Fortbestand des Gewässerschutzes aussprechen. Das Ergebnis ist noch nicht bekannt. Sollte die Umfrage nicht zugunsten der WRRL ausfallen, könnte eine Aufweichung der Richtlinien die Folge sein. Um dem vorzubeugen, haben die Westösterreichischen Biologen beim Naturkino unlängst Hafner`s Inn-Doku im Haus der Begegnung in Innsbruck gezeigt. Anna Schöpfer hat den fachlichen Input dazu geliefert. Im Interview erzählt uns die Doktorandin, wie eine Reise nach Laos ihr Leben verändert hat, warum der Inn der Europäer mit der liberalsten Grenzeinstellung ist und wieso eine Wasserrahmenrichtlinie eigentlich einen Test bestehen muss, damit uns die Flüsse erhalten bleiben.

Anna, wenn du von deinen Projekten erzählst, ist das Thema Fluss omnipräsent. Woher kommt die Faszination dafür?

In Laos am Fluss. Quelle Anna Schöpfer

Nach der Schule war ich mit Freundinnen in Laos. Es ist ein irrsinnig schönes Land mit wenig Infrastruktur, deswegen sind wir nur an Flüssen entlang gereist. Es war das erste Mal, dass ich natürliche Flüsse gesehen hab. In Tirol wächst man ja neben dem total verbauten Inn auf. In Laos hab ich gemerkt: Der Fluss macht ja Biegungen, ist verzweigt, hat natürliche Ufervegetation. Er ist Trinkwasserquelle, Fischgrund, die Leute leben davon, aber das Land ist in starkem Wandel.

Inwiefern?

Es wird abgeholzt für Gummibaumplantagen. Zudem gibt es viel Müll durch den Tourismus und die Veränderung des Lebensstandards. Der Müll landet im Fluss. Außerdem sind viele Staudammprojekte in Entwicklung – da hab ich gemerkt, das hat doch gravierende Folgen für das Land, für die Menschen. Ich hab das Bedürfnis gehabt in einem Bereich zu arbeiten, der Relevanz hat, aktuelle Themen aufgreift und international eine Rolle spielt, wo es um Lebensgrundlagen geht. Ich hab dann auf der Boku Umwelt- und Bioressourcen Management studiert. Im Master bin ich wieder zu den Flüssen zurückgekehrt und hab mich für Gewässermanagement (Limnology and Wetland Mangement) entschieden.

Inn bei Innsbruck. Quelle: Anna Schöpfer

Du bist auch bei der Westösterreichischen Biologenvereinigung aktiv und gestaltest den monatlichen Filmabend „Welt der Wunder“ mit. Kürzlich habt ihr auch die ORF-Doku „Inn-Der grüne Fluss aus den Alpen“ von Franz Hafner gezeigt. Was macht den Inn so besonders, dass man gleich eine ganze Doku darüber macht?

Der Inn ist ein sehr interessanter Fluss. Er beginnt in der Schweiz, im Engadin, fließt dann durch Tirol, Bayern und Oberösterreich und mündet schließlich in Passau in die Donau. Er fließt also durch 3 Länder. Das ist das Tolle an Flüssen: Sie haben keine nationalen Grenzen, sind verbindendes Element zwischen den Ländern. Der Inn in Tirol hat zudem die längste durchgehende freie Fließstrecke Österreichs. Allerdings ist er an vielen Stellen eingeengt worden, z.B. durch Wasserkraftwerke. Am Inn gibt es jedoch großes Potential für eine Renaturierung, also für einen Rückbau zur natürlichen Flusslandschaft.

Wie stellt man sich das vor?

In einer Zusammenarbeit zwischen den drei Länderpartnern soll nun gemeinsam überlegt werden: Was ist der aktuelle Zustand des Inns, wo gibt es Defizite, was wär der Zielzustand und wo gibt es Möglichkeiten, das zu erreichen.

Das könnte im Inntal schwierig werden, oder?

Ja, im Inntal stoßen besonders viele Interessen aufeinander: Es ist ein verdichteter Siedlungsraum, dann gibt`s Landwirtschaft dort und auch der Hochwasserschutz muss gewährleistet werden. Trotzdem gilt es Räume zu finden, wo man wieder für die Natur Platz machen kann, wo man den Fluss aufweiten und Synergien finden kann. Ein Beispiel: Wenn man den Fluss aufweitet und die Au an den Fluss anbindet, hat man auch wieder einen Hochwasserschutzeffekt. Filme wie die Inn-Doku sind ein guter Anfangspunkt, den Inn wieder mehr ins Bewusstsein der Leute zu rücken.

Anlass für die Doku beim Naturkino war ja auch die Abstimmung zur Wasserrahmenrichtlinie (WRRL), eine Art Fitnesscheck. Kannst du uns mehr dazu erzählen?

Die WRRL ist seit 2000 eine der stärksten Umweltgesetzgebungen der europäischen Union und wird in ganz Europa umgesetzt. Ziel ist es, den Zustand aller Gewässer in Europa zu verbessern. In den letzten Jahren sind viele Flüsse renaturiert worden, aber man ist noch weit von den Zielen entfernt. Der von dir erwähnte Fitnesscheck wurde im Herbst 2018 gestartet. Dazu gehört auch die von den Umweltorganisationen organisierte Public Consultation. Bis März konnte da jeder online seine Meinung zur WRRL kundtun. Aus dem Grund hatten wir uns auch für die Inn-Doku entschieden, um deutlich zu machen, warum es wichtig ist, dass die WRRL erhalten bleibt und warum man bei der Consultation mitmachen sollte.

Die Abstimmung ist zwar offiziell schon vorbei, aber vielleicht kannst du trotzdem nochmal erklären: Was wären denn nun konkrete Gründe, die für eine starke WRRL sprechen?

Unsere Süßwasserräume gehören zu den gefährdetsten Lebensräumen der Erde, was den Artenschwund betrifft. 83 Prozent der Tier- und Pflanzenarten sind seit 1970 aus unseren Flüssen, Seen und Feuchtgebieten verschwunden. Grad in Europa sind viele Flüsse verbaut oder Feuchtgebiete trockengelegt worden. Da wäre es wichtig Tier- und Pflanzenarten wieder Raum zu geben. Außerdem sind Flüsse kreative Elemente in unserer Landschaft und seit Jahrtausenden eine Inspiration für die Menschen und ihre Entwicklung. Interessensverbänden der Industrie und Landwirtschaft käme eine Schwächung der WRRL allerdings gelegen.

Was würde denn eine Abschwächung des Gesetzes bewirken?

Wenn das Ergebnis der Consultation negativ ausfällt, das heißt viele Leute die WRRL abgelehnt haben, kann es sein, dass nach den EU Wahlen die Rahmenrichtlinie umgebaut bzw. aufgeweicht wird. Das wäre ein enormer Rückschlag, weil die WRRL große Wirkung hat und viel verhindert z.B. Kraftwerke an bestimmten Orten. Sie besagt auch, dass Fischtreppen gebaut werden müssen. Zudem sieht die WRRL vor, dass es für jedes Flusseinzugsgebiet einen Management-Plan gibt – im besten Fall grenzüberschreitend. Am Inn gibt es das noch nicht, aber der WWF ist dran. Wenn die WRRL in Takt bleibt und in der Praxis Fahrt aufnimmt, könnte ein echtes Leuchtturmprojekt am Inn entstehen. Idealerweise würde die drei Länder kooperieren und einen innovativen Management-Plan aufstellen.

Was wünscht du dir für den Inn?

Ich wünsch mir, dass es Stellen gibt, wo man natürliche Flusslandschaft erleben kann und dass Tier- und Pflanzenarten einen Platz haben. Am lässigsten wär, wenn man ein Stadtviertel machen könnte, wo man besser zum Fluss hinkommt, wo uns der Fluss wieder näher wäre …

…also nach Baumbart bei Herr der Ringe: „Brecht den Damm, befreit den Fluss“?

[lacht] Alle Mauern niederreisen geht nicht, natürlich muss man in Tirol auch den Hochwasserschutz gewährleisten. Aber der Inn sollte mehr Freiheit haben, dann würden wir auch mehr davon haben. Die Leute sollten sich Zeit nehmen ans Flussufer zu gehen und zu beobachten. Das tut uns gut.

Am Lech. Quelle: Anna Schöpfer

Anna Schöpfer ist PhD Studentin am Institut für Ökologie an der Universität Innsbruck und hat Heraklits Ausspruch Panta rhei praktisch zur Lebensphilosophie gemacht. Für ihre Dissertation untersucht sie im Augenblick, wie sich die Flusslandschaft im Tiroler Lech durch die Verbauungen und Renaturierungen verändert hat und ob sich der natürliche Zustand nach der Renaturierung wiedereinstellt. Nebenbei engagiert sie sich für die Westösterreichische Biologenvereinigung und plant derzeit ein größere Flussaktion – Stichwort „Science Rafting“, mehr sei dazu aber noch nicht verraten.

Links

Titelbild: Der Wolf – Räuber, Jäger und Nachbar? Quelle: via pixabay

Die Wölfe in Deutschland zählen zur mitteleuropäischen Flachlandpopulation. Diese ist eine von zehn Wolfspopulationen in Europa. Zurzeit erholen sich die verschiedenen Populationen und die Wölfe breiten sich in den verschiedenen Ländern Europas wieder aus. Aus biologischer Sicht, und für die Tierart Wolf, wäre es wichtig, dass die verschiedenen Populationen wieder miteinander in Verbindung treten. Im ersten Interview dieser Reihe spricht Helene Möslinger über die Wolfspopulation in Deutschland und den Umgang mit der Tierart.

Abb.1: Helene Möslinger – Biologin und Wolfsexpertin. Quelle: Helene Möslinger.

Helene Möslinger ist seit Mai 2017 Vollzeit beim LUPUS Institut für Wolfsmonitoring und -forschung tätig und arbeitet zudem seit sechs Jahren im Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ in Rietschen.

Worin besteht die Aufgabe des Kontaktbüros?

Das Kontaktbüro „Wölfe in Sachsen“ ist die zentrale Ansprechstelle für Behörden, PressevertreterInnen und die Bevölkerung. Unsere Aufgabe ist es, die Bevölkerung objektiv, offensiv, ehrlich und zeitnah über den Wolf, dessen Rückkehr und das Zusammenleben mit ihm zu informieren. Das Wissen über diese Tierart zu erhöhen, um unter anderem, Vorurteile und Ängste abzubauen, ist unser Ziel. Die Arbeit beinhaltet die Beantwortung von allgemeinen bis speziellen Fragen über Wölfe; sei es per E-Mail, Telefon oder in einem persönlichen Gespräch. Wolfshinweise werden entgegengenommen und an das LUPUS Institut, welches das Monitoring in Sachsen koordiniert, weitergegeben. Wir nehmen uns den Ängsten und Sorgen der Bevölkerung an und wirken ihnen entgegen. Die Wissensvermittlung über den Wolf soll in Zukunft ein möglichst konfliktarmes Miteinander ermöglichen.

Wie viele Wölfe gibt es zurzeit in Deutschland?

Im Jahr 2016/17 (1. Mai 2016 bis 30. April 2017) wurden in Deutschland 60 Rudel, 13 Paare und drei territoriale Einzeltiere nachgewiesen. Die Entwicklung über die Jahre und weitere Informationen zur Ausbreitung in Deutschland finden sich auf der Seite der Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (www.dbb-wolf.de).

Seit wann sind Wölfe in Deutschland wieder heimisch?

Im Jahr 2000 wurde die erste Reproduktion freilebender Wölfe nach etwa 150 Jahren in Deutschland wieder nachgewiesen. Bereits Ende der 90er Jahre hat sich ein Paar im Bereich der Muskauer Heide (Sachsen) eingefunden, welche im Jahr 2000 Welpen großgezogen hat. Nach dem zweiten Weltkrieg wanderten immer wieder einzelne Wölfe in die damalige DDR, diese durften damals erlegt werden. Aus dieser Zeit sind mehrere Nachweise bekannt. Nach der Wiedervereinigung wurde der Wolf 1990 in ganz Deutschland unter Schutz gestellt. Weitere Infos unter www.wolf-sachsen.de und www.dbb-wolf.de.

Wie sieht es mit der Akzeptanz der Bevölkerung gegenüber dem Wolf aus?

Der Wolf ist weder ein Kuscheltier noch ist er eine Bestie. Wölfe sind Wildtiere, die in der Kulturlandschaft neben uns Menschen leben können. Das Thema Wolf polarisiert. Es gibt extreme Gegner und extreme Befürworter. Eine Umfrage im Jahr 2006 (pdf) von Petra Kaczensky (Universität Freiburg & Wien) im Auftrag des BMU zeigte, dass der Großteil der Bevölkerung dem Wolf eher indifferent gegenübersteht. Ein wichtiger Faktor neben Informationen über die Tierart Wolf ist die Zeit, in der Erfahrungen mit dem Wolf zu leben gesammelt werden können.

Wie, glaubst du, sieht die Zukunft der deutschen Wölfe aus?

Die Wölfe in Deutschland zählen zur mitteleuropäischen Flachlandpopulation. Diese ist eine von zehn Wolfspopulationen in Europa. Zurzeit erholen sich die verschiedenen Populationen und die Wölfe breiten sich in den verschiedenen Ländern Europas wieder aus. Aus biologischer Sicht, und für die Tierart Wolf, wäre es wichtig, dass die verschiedenen Populationen wieder miteinander in Verbindung treten. Ich denke die Frage muss heißen: Wie sieht die Zukunft der Wölfe in Europa aus? Wollen wir mit einem großen Beutegreifer als Nachbar leben und können wir manche Verhaltensweisen ändern (z.B. Anwendung von Herdenschutzmaßnahmen)? Dass ein Zusammenleben möglich ist, zeigt über 15 Jahre Erfahrung in Deutschland und vielen anderen europäischen Ländern. In wie weit wir uns darauf einstellen können, dass wir einem Wolf am Tage und auch in Ortsnähe begegnen können und dass Nutztiere wie vor allem Schafe und Ziegen ordnungsgemäß geschützt werden sollen, um die Schäden gering zu halten, hängt von uns ab.

Was ändert sich?

Da der Wolf in Mitteleuropa weitestgehend ausgerottet war, sind wir es nicht mehr gewohnt mit ihm zu leben. Die Unkenntnis über das Tier, Ängste, Unsicherheit kommen zum Vorschein. Kehrt er nun aber zurück, müssen wir uns mit unseren Vorstellungen, Unerfahrenheit und Ängsten auseinandersetzen.

Wenn ich in einem Gebiet lebe, wo auch Wölfe leben, kann man Hinweise auf den Wolf finden (Kot, Spuren), man kann das Tier sehen, ihn hören. Wir müssen erst wieder lernen mit dem Wolf zu leben. Wie verhält sich der Wolf, wenn er mich sieht? Wie, wenn er einem Auto begegnet?

Ändert sich das Verhalten des Wildes? Mit dem Wolf ist ein stets präsenter Jäger auf der Fläche, der Gewohnheiten rasch mitbekommt. So ist es besser, als Reh flexibler und unberechenbarer zu werden. Dies wiederum kann jedoch die Jagd des menschlichen Jägers erschweren oder zumindest verändern.

Auch die Nutztierhaltung, vor allem von Schafen und Ziegen, kann sich verändern. Wie muss ich die Tiere halten, damit der Wolf nicht einfach an sie herankommt? Trotz allen Überlegungen und Sorgen: Im Grunde kommt aber hier eine Tierart zurück und das in einer Zeit, in der viele Tier- und Pflanzenarten verschwinden. Umso wichtiger erscheint es, jenen Tieren, die auch in der stark durch den Menschen genutzten und veränderten Landschaft leben können, eine Chance zu geben.

Vielen Dank für diesen Einblick in die Wolfssituation in Deutschland!

Wie steht es um den Wolf? – die aktuelle Interviewreihe im bioskop wirft einen Blick auf die Wolfspopulation in Europa. Neben dem Interview mit Helene Möslinger aus Deutschland, folgen Kurzinterviews mit ForscherInnen aus Italien, Kroatien, Polen und Estland).