Umweltkommunikation

Die Rückkehr großer Beutegreifer nach Mitteleuropa ist ein Riesenerfolg für den Naturschutz. Bei anderen Parteien sorgt ihre Rückkehr jedoch für Widerstand. Umweltkommunikation und ein offener Dialog sind wichtig, um für mehr Akzeptanz zu sorgen. Mit einer sachlichen und lösungsorientierten Umweltkommunikation setzt sich das Projekt „Leben am Limit“ für Beutegreifer in Mitteleuropa ein.

„Es geht nur das eine: Unserem Vieh die Almen, dem Wolf die Wildnis!“

So heißt es auf den Bannern des Vereins zum Schutz und Erhalt der Land- und Almwirtschaft in Tirol. Wer sich öfters in Tirol aufhält, hat die Banner sicher schon gesehen. Das Thema Wolf polarisiert und sorgt nicht nur in Tirol für verhärtete Fronten.

In den letzten Jahrzehnten hat der Naturschutz in Europa viel bewirkt. Strengere Auflagen und neue Richtlinien haben nicht nur dem Wolf die Rückkehr nach Mitteleuropa ermöglicht. Auch Bär- und Luchspopulationen wachsen langsam aber stetig. Doch obwohl die großen Beutegreifer wichtige Bestandteile intakter Ökosysteme sind, bietet ihre Anwesenheit viel Konfliktpotenzial.

Während Umweltschützer die Rückkehr von Bär, Wolf und Luchs als großen Erfolg feiern, sehen vor allem Landwirte in ihrer Rückkehr eine Bedrohung für die Land- und Almwirtschaft und fordern den erleichterten Abschuss.

Speziell der Wolf sorgt in Österreich für negative Schlagzeilen. Insbesondere Konflikte mit Nutztierhaltern mindern die Akzeptanz in der Bevölkerung und stehen einer dauerhafte Wiederansiedlung im Weg. Immer wieder kam es in der Vergangenheit zu illegalen Abschüssen.

Wolf (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Die Situation ist nicht einfach und erfordert Kompromissbereitschaft auf beiden Seiten und den Willen etwas zu ändern. Im dichtbesiedelten Mitteleuropa teilen sich Mensch und Tier zumindest partiell die gleichen Lebensräume und gelegentliche Aufeinandertreffen lassen sich daher kaum vermeiden. Daran müssen sich viele erst noch gewöhnen.

Im europäischen Kontext geht es beim Naturschutz vor allem darum, Wege für ein harmonisches Miteinander zu finden, bei dem menschliches und nicht-menschliches Leben gleichermaßen profitieren. Im dichtbesiedelten Europa ist das eine Herausforderung aber gleichzeitig auch eine Chance. Doch nicht immer werden Chancen auch als solche erkannt. Denn wie wir Dinge wahrnehmen, hängt auch davon ab, wir darüber kommunizieren.

Die Rolle der Umweltkommunikation

In der Debatte um die Rückkehr großer Beutegreifer sorgt eine oftmals emotional aufgeladene, problemfokussierte und teils vorurteilsbehaftete Kommunikation für die Verschärfung des Konflikts. Wut und gegenseitiges Unverständnis sind die Folge und erschweren die Findung dauerhafter Lösungen.

Eine lösungsorientierte und sachliche Umweltkommunikation hingegen schafft Raum für einen offenen Dialog und eröffnet neue Zukunftsperspektiven. Durch gegenseitiges Verständnis lassen sich Chancen besser erkennen und nutzen.

Fotoausstellung Leben am Limit. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Leben am Limit – Umweltkommunikation mit Bildern

Wie so eine Kommunikation aussehen kann, zeigt das Projekt “Leben am Limit”.

Trotz der Herausforderungen, die mit der Rückkehr der Beutegreifer einhergehen, ist Mitgründerin Christine Sonvilla davon überzeugt, dass es auch in Österreich passende Lebensräume für die großen Tiere gibt.

Gemeinsam mit ihrem Lebensgefährten Marc Graf und ihrem Kollegen Robert Haasman hat die Naturfotografin und Biologin daher 2015 das Foto- und Filmprojekt ins Leben gerufen.

Mit „Leben am Limit“ wollen Sonvilla und ihre Kollegen zeigen „wo überall vor allem große Beutegreifer am Limit sind“ und „für Tierarten werben, die es schwer haben“.

In Mitteleuropa erobern sich Beutegreifer langsam ihren Lebensraum zurück. Über 120 Wolfsrudel gibt es in Deutschland, Slowenien hat eine der dichtesten Braunbärenpopulationen weltweit und durch Schweizer Wälder streifen wieder Luchse.

Luchs in den österr. Kalkalpen. Noch immer ein seltener Anblick in Österreich. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf
Luchsspur im Vordergrund, dahinter Forscher beim Abchecken der Fotofalle – nicht immer sind Sonvilla und ihre Kollegen vor Ort zum Fotografieren; (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Nach Österreich sind die Tiere, wenn man von ein paar Individuen absieht, allerdings noch nicht wieder dauerhaft zurückgekehrt. Dieses Ungleichgewicht habe letztendlich den Anstoß zu „Leben am Limit“ gegeben, erzählt Sonvilla.

Mit Fotos und Filmmaterial dokumentieren sie und ihre Kollegen das Zusammenleben von Mensch und Beutegreifer in Mitteleuropa. Besonders wichtig sei ihnen dabei, dass ihre Bilder eine klare Message haben. „Ich glaube es braucht diese Kombination aus Foto, Film und Message“, erklärt Sonvilla. Ihre Fotos sollen zeigen, dass ein Miteinander von Mensch und Tier auch im dichtbesiedelten Mitteleuropa, wo die Tiere in unmittelbarer Nähe zu uns Menschen leben, möglich ist.

Herdenschutzhund in den österreichischen Alpen. Herdenschutzhunde in Kombination mit Elektrozäunen sind wichtige Maßnahmen, um Nutztiere gegen Angriffe von Beutegreifern zu schützen. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf
Ein Elektrozaun schützt die Bienenstöcke vor Bärenangriffen. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Auf ihren Bildern sieht man oft einen Mix aus Natur- und Kulturlandschaft; man sieht Tiere und Menschen. In unaufgeregter Art und Weise machen die Fotos deutlich, wie sehr unser Lebensraum sich mit dem der Tiere überschneidet. Die Bilder vermitteln Normalität und zeigen ein Europa, in dem nicht jeder Bär, der sich in die Nähe eines Dorfes wagt, zwangsläufig ein Problembär ist.

Kulturlandschaft in unmittelbarer Nähe zu Beutegreifer-Gebieten. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf
Bären im Garten eines kleinen Dorfes in Slowenien. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Offener Dialog: Mit Leuten ins Gespräch kommen

Doch die Fronten beim Thema Beutegreifer sind verhärtet. Kommunikation sieht Sonvilla daher als „das Mittel, das wirklich um und auf ist“ um zwischen den Fronten zu vermitteln.

Mit ihrer Arbeit wollen sie und ihre Kollegen einen Dialog ermöglichen und auch „all jene erreichen, die vielleicht gar nicht per se naturaffin sind“. Dazu gehören laut Sonvilla vor allem auch die sogenannten Schlüsselleute: „Menschen aus der Landwirtschaft, die Nutztierhalter, die Jägerschaft, also jene Bereiche, in denen es wirklich zu Konflikten kommt“.

Besonders Vorträge schätzt Sonvilla, um einen Dialog und Austausch zu ermöglichen. Denn immer wieder würden sich auch Nutztierhalter und Jäger ihre Vorträge anhören und im Anschluss komme man dann häufig miteinander ins Gespräch, sagt sie. Bei solchen Gesprächen in entspanntem Rahmen merkt sie dann immer wieder, dass auch bei vielen Skeptikern durchaus Bereitschaft bestehe, etwas zu ändern.

Fotoausstellung + Führung für Schulen beim Fotofestival Montier im Nov. 2019. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Etwas ändern kann sich ihrer Meinung nach jedoch nur, wenn die Betroffenen auch dabei unterstützt werden, sich auf die neue Situation einzustellen. Leider überlasse man die Betroffenen in Österreich aber noch immer viel zu sehr sich selbst, kritisiert Sonvilla.

Sachlich und neutral statt emotional aufgebauscht

In den Medien wird das Thema Beutegreifer häufig aufgegriffen. Doch statt Lösungsansätze aufzuzeigen, werde die Debatte leider oft durch eine einseitige und unsachliche Berichterstattung weiter angeheizt, sagt Sonvilla. „Das ist eine irrsinnig gefährliche Form von Diskurs, weil es eben keinen Diskurs darstellt und auf vorgefassten Meinungen fußt […]. Es braucht einfach wirklich diese neutrale Basis“.

Was das angeht, sieht Sonvilla einen großen Vorteil in ihrer Unabhängigkeit. Denn im Vergleich zu größeren Umweltorganisationen wie dem WWF, hätten sie weniger mit Vorurteilen zu kämpfen und könnten auf einer neutraleren Ebene agieren. Dabei heiße neutral keinesfalls emotionslos, aber eben auch nicht „emotional aufgebauscht“.

Hoffnungsvoll, auch hinsichtlich einer offenen und neutralen Umweltkommunikation, stimmen Sonvilla grenzübergreifende Beutegreifer-Projekte wie das EU-finanzierte LIFE-DINALP BEAR. „Denn da ist wirklich zu hoffen, dass da dann auch wirklich mal ein Dialog zu Stande kommt“, sagt sie.

Christine Sonvilla und Marc Graf  2019 bei einem Vortrag in Belgien. (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Das LIFE-DINALP BEAR Projekt ist ein EU-finanziertes Projekt. Das Projekt setzt sich für ein friedliches Zusammenleben von Mensch und Bär ein und erforscht Mensch-Bär Konflikte und Management-Strategien, die keine Tötung der Tiere vorsehen. 2020 hat das Projekt den renommierten LIFE-Award in der Kategorie Natur gewonnen.

Das Beispiel Beutegreifer zeigt, wie wichtig die Meinung der Öffentlichkeit im Natur- und Umweltschutz ist. Sie entscheidet oftmals darüber, wie mit bestimmten Themen und Herausforderungen umgegangen wird. Eine sachliche und lösungsorientierte Umweltkommunikation ist wichtig, um einen Rahmen für Austausch und gemeinsames Handeln zu schaffen und so gemeinsame Zukunftsvisionen zu entwickeln.

Bären in der Nähe einer Siedlung (im Hintergrund des Fotos zu erkennen). (c) Christine Sonvilla und Marc Graf

Weiterführende Links

Leben am Limit

LIFE DINALP-BEAR homepage

DINALP-BEAR Analysis

Sonvilla-Graf-Homepage



Sie fressen sich durch fremde Körper den Weg ins Leben, werfen ihre Brut wie Bomben ab, verleihen Begriffen wie Oralsex oder Vorspiel neue Dimension und gehen für den Fortbestand ihrer Art buchstäblich über Leichen: Was immer Hollywood erfindet, hat die Natur im Stamm der Gliederfüßer bereits realisiert. Passend zum Valentinstag, werfen wir mit Dr. Michael Greeff (ETH Zürich) einen Blick auf einige der bizarrsten Liebes- und Fortpflanzungsrituale von Insekten & Co. 

Die Kälte erzeugt fast Gänsehaut im Keller der Zürcher Weinbergstrasse 56. Doch sie hat ihren Grund – es ist die vorerst letzte Ruhestätte eines gigantischen toten Zoos, der vor lebenden (gefräßigen) Artgenossen geschützt werden muss. Was hier noch lebt, stört nur die Toten: namentlich zwei Millionen vollständig präparierte Insekten, von stecknadelkopfklein bis handtellergroß, teils zwei Jahrhunderte alt, gebettet in unzähligen Holzschubladen – viele davon Vertreter von Arten mit bizarren Biographien und noch bizarrerem Liebesleben.

(c) Entomologische Sammlung / ETH Zürich

Die Freaks unter den Lebewesen

Evolutionsbiologe Dr. Michael Greeff kann seinem Publikum ein Lied davon singen. Als Leiter der Entomologische Sammlung der ETH Zürich ist er fürs Kuratieren, Digitalisieren, aber auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Insekten sind die Freaks und Hippster unter den Lebewesen“, schmunzelt Greeff, „wenn ich sie als ‚Tiere‘ bezeichne, schauen mich die Leute manchmal erstaunt an. Es sind Tiere, aber sie haben einen anderen Status für uns als etwa Wirbeltiere. Insekten und andere Gliederfüßer sind uns nicht ähnlich. Sie sind dekorativ, schön, aber auch bizarr, ausgeflippt, für viele eklig.“ Man habe da bisweilen eher die Assoziation zu Aliens, und das zu Recht – speziell, wenn es um die Fortpflanzung geht. Wo gibt es beim Menschen schon Embryonen, die sich durch einen Körper fressen und daraus hervorbrechen? Aber der Reihe nach.

Pfauenspinnenmännchen (c) Jurgen Otto / Wikipedia Commons

Gefährliches Vorspiel

Auch bei Gliederfüßern gilt: Die Angebetete muss erstmal gefunden und überzeugt werden – oft eine Sache auf Leben und Tod. Pfauenspinnen-Männchen – ein schönes, aber exotisches Beispiel – richten ihren prächtig gefärbten Hinterleib auf und vollführen damit einen Tanz, der an einen maskierten Medizinmann bei der Regenanrufung erinnert. Ist das Weibchen beeindruckt, hat das Männchen Glück; falls nicht, schwebt es in doppelter Lebensgefahr: Nicht nur das Weibchen wird ihn attackieren, auch Fressfeinde könnte das Gewedle bereits angelockt haben. Aber immerhin, seine Balz ist nicht ganz so verzweifelt wie jene mancher Mantisarten hierzulande – deren Tanz soll sicherstellen, dass die Auserkorenen das Männchen nicht fälschlicherweise schon vor der Paarung für Beute hält. In jedem Fall gilt: Je satter das Weibchen, desto sicherer der Sex.

Tierisches Kamasutra in vier Akten

Wenn es zur Sache geht, sind Spinnentiere wohl die kreativsten Vertreter unter den Arthropoden. „Webspinnenmännchen zum Beispiel bauen ein Netz, worauf sie die Spermien abgeben“, erklärt Greeff, „an der Pedipalpe verfügt das Männchen über eine Art Boxhandschuh mit einer leeren Röhre. Damit saugen sie die Spermien vom Netz auf, suchen das Weibchen, hoffen, die Balz zu überleben und führen dann, wenn das Weibchen es zulässt, diesen Bulbus – so heißt der Boxhandschuh – samt Spermien zur Geschlechtsöffnung des Weibchens. Es ist ein Schlüssel-Schloss Prinzip – der Bulbus passt nur zur Öffnung von Weibchen der gleichen Art.“

Männchen einer Webspinnenart mit Bulbi (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich /Albert Krebs 

Bei den Zwergfüßern (Tausendfüßer) wiederum gehen die Männchen lieber kein Risiko ein, bei der Balz gefressen zu werden. Sie lösen das Problem durch eine Spermatophore am Boden – praktisch Sperma am Stil – und gehen dann ihrer Wege. „Dieses Konstrukt findet das Weibchen und nimmt die Spermien in den Mund“, erzählt Greeff, „dann legt das Weibchen ein Ei ab, gibt die Spermien aus dem Mund auf dieses Ei und bringt das Ganze dann – wiederum mit dem Mund – auf ein Moospflänzchen auf, wo der Nachwuchs aus dem Ei schlüpft und sich vom Moos ernährt.“

Eine Spielart davon finde sich übrigens auch bei Pinselfüßern: „Da produziert das Männchen allerdings ein kleines Spermiennetz und lässt einen langen Faden übrig, der in die Landschaft ragt. Per Zufall stoße dann das Weibchen auf den einsamen Leitfaden. Es folgt ihm, fast wie Theseus Ariadnes Faden im Labyrinth des Minotauros, bis es das Spermiennetz erreicht und die Eier damit befruchtet. Kurzum: Das Weibchen trifft das Männchen nie.

Ameise und Bläuling (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Albert Krebs 

Bei einer australischen Schmetterlingsart aus der Familie der Bläulinge wäre das undenkbar. Sie bevorzugen Kontrolle. „Die Männchen schlüpfen sogar früher “, erklärt Greeff, „und warten dann extra bei einer weiblichen Puppe bis das Weibchen schlüpft – allerdings in Gesellschaft von zig anderen Freiern. Öffnet sich die Puppe, beginnt das Gerangel und endet mit der Vergewaltigung des Weibchens durch das stärkste Männchen.“ Bisweilen warten die Männchen irrtümlich bei der falschen, also einer noch ungeschlüpften männlichen Puppe. Diese wird trotzdem vergewaltigt, „möglicherweise damit das eine Männchen auch das Spermienpaket des anderen bei der Kopulation überträgt“, mutmaßt Greeff. Verwundern würde es nicht, geht es doch in der Biographie der Bläulinge skurril weiter: Manche ihrer Raupen duften und hören sich z.B. an wie Ameisenlarven, werden also von Ameisen versorgt und sogar auf die Weide getragen.

[AUDIO]

Eine kurze Geschichte von Ameisen und Bläulingen, erzählt von Michael Greeff

Showdown mit Eierbomben und alienistischen Kuckuckskindern

Geht es um den Nachwuchs, sind auch parasitoide Formen typisch für Insekten – wie jene kreative des Wollschwebers: „Er umwickelt seine Eier mit Staub und baut so kleine Bomben, die er dann über den Nesteingängen von solitären Wildbienen abwirft“, sagt Greeff. Die Wildbienen verstauen dort normal ihre eigene Brut samt Pollenpaket. „Verschließen sie den Eingang, ohne das Staub-Ei entdeckt zu haben, kann die Larve des Wollschwebers getrost schlüpfen, die Bienenlarve fressen und dann obendrauf noch das Pollen-Lunchpaket genießen.“

Großer Wollschweber (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Albert Krebs 

Toppen können das fast nur Schlupfwespenarten. Diese dreisten Insekten-Vertreter legen ihre Eier direkt in die Jungstadien von anderen Insekten. Die Jungwespen fressen dann von innen her die fremde Larve auf, ohne diese zu töten. „Sie lassen alle lebenswichtigen Organe bis zum Schluss unberührt. Erst, wenn sie bereit sind sich zu verpuppen, werden sie gefressen. Kein Wunder also, dass manche Leute bei Insekten an Aliens denken“, meint Greeff. Embryos, die einen von innen auffressen und aus einem Körper hervorbrechen kenne man ja sonst nur von Hollywood – tatsächlich sei das aber typisch Insekt.

Schützenswerte Vielfalt

Wertschätzung für den Erhalt und die Erforschung genau diese Vielfalt generiert sich laut Michael Greeff in erster Linie über Faszination für diese sensiblen Lebewesen, die auf den ersten Blick oft nur eklig und unangenehm scheinen mögen. „Nur wenige Faktoren reichen aus, damit eine Art nicht mehr vorkommt. Daher sind sie ein Indikator dafür, wie sich unsere Umwelt verändert.“ So gesehen dokumentiert eine Sammlung wie jene der ETH Zürich immer auch die Welt – einschließlich ihrer evolutionären Siege und Sackgassen. Was den Ideenreichtum in der Fortpflanzung betrifft, toppen Insekten und andere Gliederfüßer den Menschen jedenfalls bei Weitem. Langeweile kommt da keine auf – nicht mal im toten Zoo der Weinbergstraße 56, legen doch Museumskäfer ihre Eier bevorzugt in totes Insektengewebe…aber das ist eine andere Geschichte.

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(c) Michael Greeff

Michael Greeff ist derzeit Leiter der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich. Am Beginn seiner Karriere forschte er zum Paarungsverhalten von Hummeln sowie zur Frage, weshalb sich die sexuelle Fortpflanzung bei Pflanzen und Tieren durchgesetzt hat. Dann wechselte er in die Bioinformatik, entwickelte Software in Japan und München, bis er in Zürich durch Zufall zurück zu den Insekten fand und seitdem als Kurator sowie Lehrender maßgeblichen Anteil daran hat, dass die Entomologische Sammlung von 1858 zeitgemäß wiedererweckt und weitervermittelt wird.

Weiterführende Links: Artenschutz-Projekte Insekten Tirol

Bug Buddies

Projekt “Blütenreich” Tiroler Umweltanwaltschaft

Tagfalter-Monitoring (Projekt Viel-Falter)

Artenhilfsprogramm Alpenbockkäfer

bioskop
:: Das bizarre (Liebes)leben von Insekten & Co
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Zum diesjährigen „fish migration day“ haben Lena Fehlinger und die ABA zusammen ein Online-Event organisiert. ZOOM sei Dank mussten wir trotz der Einschränkungen durch die Covid19-Bestimmungen nicht auf eine spannende Vortragsreihe verzichten. Der offizielle „fish migration day“ wurde übrigens in den Oktober verlegt – im Herbst dürfen dann hoffentlich die tollen Workshops und Aktionen wieder stattfinden. Für alle, die nicht teilnehmen konnten oder die Vorträge noch einmal Revue passieren lassen möchten, haben wir noch einmal kurz zusammen gefasst, womit wir uns am 16. Mai beschäftigten.

Der World Fish Migration Day (WFMD) ist ein jährlicher Aktionstag, um das Bewusstsein für die Bedeutung von Wanderfischen und frei-fließenden Flüssen zu stärken.

Fischwanderhilfen-Monitoring beim Kraftwerk Greifenstein

Mag. Dr. Michael Schabuss hat die Vortragsreihe eröffnet und über seine Arbeit und das fischökologische Monitoring der Fischwanderhilfe beim Kraftwerk Greifenstein berichtet.

Im Rahmen des LIFE+ 10 NAT/AT/016 „Network Danube“ Projekts, welches von 2011 bis Ende 2019 lief, sollte die Durchgängigkeit für die Donau-Fische wiederhergestellt,  mehrere Natura2000 Gebiete vernetzt  und Schlüsselhabitate wiederhergestellt und geschaffen werden, vor allem Jung- und Laichfischlebensräume.

Beim KW Greifenstein wurde ein naturnaher Umgehungsbach von circa vier Kilometern Länge konstruiert. Mittels Fischreusen, PIT-Antennen, Elektrobefischungen und Fang-Wiederfang-Methodik wurden im ersten und zweiten Jahr nach der Fertigstellung Fische markiert und kartiert.


Die Fischaufstiegshilfe beim KW Greifenstein
copyright: PROFISCH, Michael Schabuss

In den Jahren 2018 und 2019 wurden an die 17.000 Fische aus 50 Arten in der Reuse, der Donau und der Fischwanderhilfe beim KW Greifenstein gefangen. Davon waren 42 Arten heimische Fische und acht nicht-heimische Arten. Es wurden ebenso 13 geschützte Arten nach der FFH (Annex II & V) nachgewiesen. Insgesamt waren es an die 11.600 Fische, die in der Auf- und Abstiegsreuse der Fischwanderhilfe dokumentiert wurden.

Mittels Elektrobefischung wurden 29 Arten im Umgehungsgerinne gefangen, in der Donau waren es 27 Arten – auch seltene Arten wie der Sichling (Pelecus cultratus) und der Perlfisch (Rutilus meidingeri) wurden nachgewiesen. Die häufigsten Arten in den Reusen waren Rotauge (Rutilus rutilus), Laube (Alburnus alburnus), Aitel/Döbel (Squalius cephalus) und Flussbarsch (Perca fluviatilis).

Mittels PIT-Tag wurden insgesamt 10.000 Fische aus 46 Arten markiert. 56 Prozent der markierten Fische wurden an einer der Antennen und 40 Prozent am Ausstieg registriert. Der Großteil der Fische nutzte das System über einen längeren Zeitraum, die maximale Verweildauer eines Fisches lag gar bei 16 Monaten, was für eine gute Akzeptanz der Maßnahme durch die Fische spricht! Rund 30 Prozent der Fische, die in der Donau unterhalb des KW Greifenstein markiert wurden,  konnten in der Fischwanderhilfe Greifenstein mittels PIT-Tag-Antennen registriert werden. Hierbei zeigte sich außerdem, dass auch kleine Arten wie die Laube über sehr weite Strecken wandern, schließlich sind es von Greifenstein nach Ottensheim an die 200 Flusskilometer.

Eine weitere Vermutung ist, dass Fische auch die Schiffsschleusen nutzen, wie es sie zum Beispiel beim KW Ybbs-Persenbeug, das noch keine Fischwanderhilfe hat, gibt.

Grundsätzlich zeigten die Ergebnisse, dass die Fische die Wanderhilfe gut annehmen und nutzen, sowohl große Adulte als auch sehr kleine und/oder juvenile Fische.

Die Kombination von herkömmlichen Methoden (Elektrobefischungen in der Donau und im Umgehungsgerinne, sowie Reusenuntersuchungen) mit PIT-Tag-Untersuchungen liefert wichtige Daten über die Fischzönose und das Wanderverhalten der Donaufischfauna und ermöglicht somit eine Funktionsüberprüfung von Fischwanderhilfen an großen Fließgewässern.

Rechtliche Hürden der Fischmigrationen

Darauf folgend widmete sich Mag. Christoph Cudlik den „rechtlichen Hürden“ der Fischmigrationen.

In Österreich bestanden 2015 an die 30.000 Wanderhindernisse, wovon an die 70 Prozent Hochwasserschutzmaßnahmen und an die 11 Prozent der Wasserkraftnutzung zuzurechnen sind, die restlichen Hindernisse kommen durch u.a. den Tourismus, Fischzuchten und Bewässerungsanlagen zustande. Nach der Wasserrahmenrichtlinie (RL 2000/60/EG; kurz: WRRL) besteht die Hauptaufgabe darin, die bestehenden Hindernisse passierbar zu machen und neue Hindernisse direkt mit Hinblick auf Durchwanderbarkeit zu planen. Dabei ist zu beachten, dass hinter jedem Wanderhindernis auch ein Wasserrecht steht, das durch die im Verfassungsrecht verankerte „Eigentumsgarantie“ geschützt ist und eine besondere Rechtfertigung für jeden Eingriff erforderlich macht.

Überdies dienen Wanderhindernisse regelmäßig auch öffentlichen Interessen,  wie beispielsweise Hochwasserschutz, Energieerzeugung, Nahrungsmittelsicherheit und Trinkwasserversorgung.

Diesen öffentlichen Interessen stehen die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie WRRL,  das Verschlechterungsverbot und das Verbesserungsgebot gegenüber. Nach dem Verschlechterungsverbot ist eine Verschlechterung des ökologischen Zustandes von Wasserkörpern zu verhindern, nach dem Verbesserungsgebot sind Wasserkörper überdies zu sanieren und zu verbessern, um einen guten Zustand und ein gutes ökologisches Potential zu erreichen.

Um den Gewässerzustand und damit die Einhaltung der Umweltziele zu beurteilen,  enthält die WRRL unterschiedliche Qualitätskomponenten, wie die biologische Qualitätskomponente Fische. Zur Erreichung des Zielzustands müssen lediglich geringfügige Abweichungen von der typspezifischen Gemeinschaft hinsichtlich Zusammensetzung und Abundanz sowie das Fehlen einzelner Altersstufen in der Population toleriert werden. Wanderhindernisse sind insbesondere dann passierbar zu gestalten, wenn selbst dieser (herabgesetzte) Zielzustand der Qualitätskomponente Fische nicht erreicht werden kann.


So oder so ähnlich könnte es unter Fischen ablaufen bei der Wanderung.
copyright: Lena Fehlinger

Die WRRL sieht vor, dass die Mitgliedstaaten Pläne darüber aufstellen, wie sie die Umweltziele der Richtlinie erreichen wollen: Im Nationalen Gewässerbewirtschaftungsplan (NGP)  Österreichs werden in sechsjährigen Planungszyklen prioritäre Sanierungsräume und Maßnahmen zur Zielerreichung festgelegt. Die Maßnahmen des NGP sind jedoch nicht unmittelbar verbindlich. Es kommen drei Möglichkeiten in Betracht, um die Sanierungsziele zu erreichen: Eine freiwillige Sanierung, eine Sanierungsprogrammverordnung (der Landeshauptleute) oder einen §21a Bescheid der zuständigen Wasserrechtsbehörde.

Wenn eine Zielerreichung per Verordnung durchgesetzt werden soll, legt der/die LH Sanierungsziele und -maßnahmen fest, die Wasserberechtigten haben dann innerhalb von zwei Jahren ein Sanierungsprojekt vorzulegen. Dabei ist auch eine Leermeldung möglich, wenn laut Wasserberechtigtem das Ziel bereits erreicht oder der Eingriff unverhältnismäßig wäre. Sowohl ein Sanierungsprojekt als auch eine Leermeldung werden in weiterer Folge von der zuständigen Wasserrechtsbehörde geprüft, bei Vorliegen aller Voraussetzungen (hinsichtlich der Zielerreichung) bewilligt und in weiterer Folge umgesetzt.

Ein Weiterbestand eines Wanderhindernisses ist insbesondere dann denkbar, wenn der Zielzustand erreicht oder die Maßnahmen zur Zielerreichung unverhältnismäßig wären. Der Zielzustand kann insbesondere dann erreicht sein, wenn  entweder ein „erheblich veränderter Wasserkörper“ vorliegt, weil in diesen Wasserkörpern bestehende Nutzungen bei der Festlegung des Umweltziels zu berücksichtigen sind, oder der Zielzustand nur kleinräumig überschritten wird. Ein Eingriff wird als unverhältnismäßig erachtet, wenn der Aufwand nicht in Relation zum Nutzen steht, wenn die Maßnahme nicht das gelindeste zum Ziel führende Mittel ist beziehungsweise wenn die Verhältnismäßigkeitsprüfung nicht gesetzeskonform erfolgte.

Ein §21a Bescheid kommt zustanden, wenn sich nach der Bestandsaufnahme ergibt, dass öffentliche Interessen nicht hinreichend geschützt sind. In diesem Fall werden individuelle Anpassungsziele festgelegt und Auflagen vorgeschrieben. Es wäre sogar denkbar, dass die Wasserbenutzung vorübergehend oder auf Dauer eingeschränkt oder untersagt wird.

Zusammenfassend ist ein Weiterbestand von Wanderhindernissen aus rechtlicher Sicht nur unter sehr strengen Voraussetzungen beziehungsweise in Ausnahmefällen denkbar.  Nach der WRRL sollen bis 2027 in allen Wasserkörpern die Umweltziele erreicht werden. Aus rechtlicher Sicht sind die gesetzlichen Mittel dazu jedenfalls vorhanden. Allerdings könnte die Zielerreichung in vielen Wasserkörpern vor allem an den wirtschaftlichen Voraussetzungen scheitern.

Von der Vjosa zur Donau

Dr. Paul Meulenbroek vom Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement (IHG) der Universität für Bodenkultur (BOKU)  hielt einen Vortrag über die Vjosa in Albanien und zeigte anhand eindrucksvoller Aufnahmen, wie dieser oft als „letzter wilder Fluss Europas“ betitelter Fluss sich von den hierzulande bekannten, teils begradigten und veränderten Flussläufen unterscheidet.


Die Vjosa – so kann ein wilder Fluss aussehen.
https://www.euronatur.org/unsere-themen/kampagnen-und-initiativen/rettet-das-blaue-herz-europas/aktuell/detail/news/berner-konvention-fordert-albanien-zum-schutz-der-vjosa-auf/
copyright: Gregor Subic

Anadrome Fische kommen zum Ablaichen ins Süßwasser (z.B.: Stör), katadrome Fische wandern zum Laichen ins Meer (z.B.: Aal) und potamodrome Fische wandern im Süßwasser von Standort zu Standort (z.B.: Barbe oder Nase). Für all diese Fischarten ist es notwendig, durchgängig passierbare Flussläufe zu haben oder wieder zu schaffen, um ihrem natürlichen Lebenszyklus zu entsprechen. An der Vjosa mit ihren teils abgeschnittenen, ruhigen Seitenkanälen, dem Hauptkanal und ausgedehnten Schotterbänken finden nicht nur unterschiedlichste Fischarten den für sie perfekten Lebensraum, auch profitieren die Lebensräume um den Fluss – Uferzonen, Wälder, Grasland – von den regelmäßigen Überschwemmungen und Sedimentumlagerungen.

Im Zuge der geplanten Bauprojekte an der Vjosa wurde das „Scientists for Vjosa“-Komitee gegründet, welches sich zum Ziel setzt, international Aufmerksamkeit auf die Lage der Vjosa und deren unsichere Zukunft zu lenken.

  • Im Hauptkanal (Eupotamon A) finden sich beispielsweise Arten wie Dünnlippige Meeräsche (Liza ramada), Europäischer Aal (Anguilla anguilla), Briana (Barbus prespensis) oder Chondrostoma vardarense.
  • In den seichteren Verbindungsstücken des Hauptkanals, in welchen sich auch regelmäßig Totholz-Ansammlungen bilden – wenn auch nicht so viele wie es sein sollten) findet man u.a.die Pindus-Schmerle (Oxynoemacheilus pindus), Skadar-Gründling (Gobio skadarensi)s und Briana (Barbus prespensis).
  • In den zum Hauptkanal verbundenen Seitenarmen (Parapotamon) tummeln sich u.a. Alburnus scoronza und der Schneider (Alburnoides bipunctatus).
  • In abgeschnittenen Seitenarmen (Plesiopotamon) welche nur bei Überflutungsereignissen mit dem Hauptkanal in Verbindung treten, kann man den Blaubandbärbling (Pseudorasbora parva) und Cobitis ohridana finden.
  • Ausgeprägte Makrophytenbestände (Paläopotamon) in Altwassergebieten bieten ein weiteres wichtiges Habitat.
  • In Teichen in Flussnähe finden sich zudem Arten wie Pelasqus thesproticus, Pachychilon pictum und Cobitis ohridana.

Die „connectivity“ (Verbundenheit) dieser unterschiedlichen verfügbaren Habitate führt dazu, dass saisonalen und alltäglichen Ansprüchen von Arten in unterschiedlichsten Lebenszyklusstadien und artspezifischen Ansprüchen gleichermaßen Genüge getan wird.

Momentan sind am Balkan, besonders auch um und an der Vjosa, unzählige Bauprojekte in Planung, teilweise auch schon in Konstruktion oder fertiggestellt.

Wenn die Pläne an der Vjosa umgesetzt werden, wird sich die Vjosa in eine Kette von Stauseen verwandeln, der Rückstau der einzelnen Hindernisse wird sich also bis zum jeweils dahinterliegenden Hindernis ziehen. Man kann sich ausmalen, was das für die vielen verschiedenen Arten bedeuten würde, wenn sich statt des vielfältigen Flusslaufes ein riesiger Stausee  bilden würde.

Im Zuge der Recherche und Forschung an der Vjosa hat sich nun ergeben, dass an die 625 Hektaran Lebensräumen, die durch Habitat-Richtlinie eigentlich geschützt wären, direkt durch den Stau verloren gehen würden. Zudem sindweitere 2578 Hektar flussabwärts von den Veränderungen indirekt betroffen. Man kann davon ausgehen, dass sie langfristig ebenso verloren gehen werden.

An der Vjosa wurden insgesamt mehr als 1200 Arten nachgewiesen, wovon viele in den Gefährdungskategorien der IUCN und albanischen Roten Liste geführt werden.

Verglichen mit anderen europäischen Flüssen, welche sich aufgrund der historischen Änderungen von einem wilden Fluss, welcher viel Raum beanspruchte, zu einem Kanal und einer Aneinanderreihung von Rückstau-Gebieten entwickelte, kann die Vjosa als eines der letzten Referenzsysteme für einen noch unverbauten Fluss herangezogen werden.

Grundlegende Funktionen von natürlichen Fließgewässern können hier noch untersucht  und Restaurierungsmöglichkeiten für andere degradierte Flüsse abgeleitet werden.

Immer der Nase nach …

Kristof Reuther studiert an der Universität für Bodenkultur „Applied Limnology“ (Angewandte Gewässerökologie) und dreht weiters großartige Filme. Auf seiner persönlichen Webseite kann man sich u.a. seinen 2020 gedrehten Film über die Nase ansehen: www.kristof-reuther.de.

Sein Vortrag drehte sich vornehmlich um die Notwendigkeit von Renaturierung und Revitalisierung am Beispiel von Wanderfischarten wie der Nase. Zunächst wurden die beiden Begriffe näher definiert: Renaturierung bezieht sich auf die Wiederherstellung naturnaher Lebensräume und Revitalisierung wertet bestehende Lebensräume in Teilaspekten auf. Physische Veränderungen von Flussbett, Flusslauf, Uferzone und sämtliche Hindernisse (Querbauwerke) sind die Hauptgründe für Revitalisierungs- und Renaturierungsmaßnahmen.

Global betrachtet nehmen die Artenzahlen der Süßwasserarten drastisch ab.

Wanderfische, insbesondere Kieslaicher (wie die Nase), die Ihre Eier auf oder im Substrat ablegen, stellen besonders hohe Ansprüche an die Durchgängigkeit und die Intaktheit der Habitate.

Nasen beispielsweise nutzen die Zubringer der Donau als Laich- und Jungfischhabitate. Früher kamen sie in großen Schwärmen vor, durch die Zerstörung und Zerschneidung der Lebensräume schrumpfen die Populationen jedoch und damit auch die anderen Fischarten.

Junge Nasen sind ein Indikator für einen guten Gewässerzustand. Die Fische laichen zwischen März und Mai bei 8-12 Grad Wassertemperatur an schnell fließenden Stellen, sogenannten Riffeln oder Furten. Bei funktionalem Substrat können wesentlich mehr Eier ins Substrat gelangen und die embryonale Entwicklung bis zur Emergenz vergleichsweise ungestört stattfinden, wohingegen bei verschlämmtem (kolmatiertem) Substrat die Eier nur in die oberste Schicht gelangen und viel leichter gestört werden und verdriften, und so vergleichsweise viel weniger zur Emergenz gelangen.

Das Laichgeschehen wird durch viele Faktoren beeinflusst, beispielsweise Wassertemperatur, Wassertiefe, die schon erwähnte Substratbeschaffenheit und Fließgeschwindigkeiten. Alle diese Faktoren können durch (hauptsächlich) anthropogene Störungen beeinträchtigt werden: die Wassertemperaturen verändern sich zunehmend durch den Klimawandel, Fließgeschwindigkeiten und Wassertiefen werden durch Flussbegradigungen homogenisiert, der Geschiebetrieb wird durch Wasserkraftwerke unterbrochen. Wenn das Gewässer nicht mehr in der Breite arbeiten kann, tieft es sich ein und die Seitenbäche verlieren ihre Anbindung.

An der Pielach (LIFE+ Projekt 2009-2014) und der Traisen (LIFE+ Projekt 2012-2016) wurde neuer Lebensraum geschaffen und die Mündung und Anbindung verbessert.


Die Donau und die darin einmündende Traisen
copyright: Kristof Reuther

Studenten der BOKU, wie Kristof Reuther, untersuchten, ob die gesetzten Maßnahmen an diesen Zubringern erfolgreich waren. Es zeigte sich, dass in der Pielach die Nasenpopulation aktuell sogar zu steigen scheint und hunderte von Nasen jedes Jahr in die Traisen zum Laichen ziehen. Auch andere Fischarten wie Barben, Aitel und Rußnasen profitieren von den Maßnahmen und finden in den neu geschaffenen Abschnitten der Traisen passende Habitate.

Es wird deutlich, dass durch die Schaffung von geeigneten Habitaten geschwächte Fischpopulationen unterstützt werden können und auch müssen.

Wir hoffen mit dieser Vortragsreihe Anstoß gegeben zu haben – zum Nachdenken, Grübeln, sich informieren und aktiv werden.

Titelbild: (c) Eppenberger

Häufig verlieren wir viele Worte darüber, warum wir Natur und Umwelt schützen sollen. Dabei sind keine Worte nötig. Wir müssen nur hinschauen – egal, wo wir sind. Watch & enjoy!


Fragaria vesca
(c) Julia Ecker

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am Fuji
# SonnenaufgangamFuji / Japan_(c) Michael Steinwandter


Ahorn am Inn
#Inn / Innsbruck_(c) Julia Ecker


Braunbär
#BärenlandKamtschatka_(c) Eppenberger

Morgentau
(c) Julia Ecker

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Moos
#ohneMoosnixlos / Salzburg_(c) Julia Ecker

Skorpion
#AristotelesSkorpion / Samos_(c) Julia Ecker

Löwenzahn
(c) Julia Ecker

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Muscheln
#Adriaküste (morgens)_(c) Julia Ecker

Griechische Insel
#Vigla / Samos_(c) Julia Ecker

Durchs Mikroskop
#TheHiddenKingdomOfFungi_(c) Julia Ecker

Am Lech
#Lech / Tirol_(c) Anna Schöpfer

Langfühlerheuschrecke
#Poecilimon hamatus / Samos_(c) Julia Ecker

Earth Day
#Bayern_(c) Julia Ecker

Spinne
(c) Julia Ecker

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Moos
#Cladonia sp. (Flechte) / Salzburg_(c) Julia Ecker

Earth Day
#Lotus Peak in den Huangshan Mountains / China_(c) Michael Steinwandter

Widderchen
#Widderchen / Südtirol_(c) Peter E.

Earth Day
#SonnenuntergangReintalerSee / Tirol_(c) Julia Ecker

Happy Earth Day

Ernst Bromeis hat die größten Seen der Schweiz durchschwommen, den Rhein in voller Länge und ein Stück des Baikals – nicht für den Sport, sondern für eine besondere Botschaft. Die WÖB hat mit dem Extremschwimmer über das Wasser als Menschenrecht gesprochen, über Mut und Grenzerfahrung, trügerische Lösungen und die Chance, mit den eigenen Fähigkeiten durch kleine Aktionen Größeres in Gang zu setzen.

Es ist Rushhour unter dem Blick von Niki de Saints Phalles buntem Engel: Ankommende Züge, Menschen mit Reiseutensilien, viele von ihnen edel mit Zigarren, noblen Anzügen, Wildledertaschen oder sonstigen Attributen, die vom gehobenen Lebensstil Zürichs zeugen. Mittendrin, am vereinbarten Treffpunkt, sticht ein Mann aus dieser Masse hervor – etwas zu sportlich in seiner Aufmachung für die Noblesse ringsum.

Ernst Bromeis grüßt freundlich, vergibt die paar Minuten Unpünktlichkeit und weiß auch gleich wohin. Ob „Mundart“ für das Gespräch gut sei, fragt er über seine Espressotasse hinweg – einen Stock oberhalb der wuselnden Bahnhofshalle, ruhiger, obgleich nicht weniger schick. Er dachte vermutlich erst an seine Heimatsprache Romanisch vom Engadin – bleibt aber dann doch bei einer schweizerischen Standardvariante, als er beginnt vom Rhein zu erzählen. Ihm fühlt er sich am nächsten, weil er alles in sich trägt und irgendwie auch sein Leben widerspiegelt.

(c) Das blaue Wunder – Andrea Badrutt

Zwischen zwei Polen

Als Bromeis zum ersten Mal in den Rhein stieg, um ihn der Länge nach zu durchschwimmen, und damit scheiterte, war ihm nicht bewusst, was diesen Fluss wirklich ausmachte. „Er bewegt sich zwischen zwei Polen oder Kontrapunkten“, erklärt Bromeis, als passionierter Klavierspieler mit den Begriffen der Musik vertraut. „Der Rhein entspringt in den Alpen, in einer sehr archaischen, menschenleeren Landschaft, und mündet schließlich bei Rotterdam – einem der größten Häfen der Welt, Sinnbild für Zivilisation und Globalisierung – in die Nordsee…

…sich ins Wasser zu begeben, einzutauchen und vom Archaischen in die Zivilisation reinzuschwimmen, das fasziniert mich bis heute.”

Diese Faszination mag auch daher rühren, dass sich Bromeis mit seiner Tätigkeit ebenfalls zwischen zwei „Polen“ oder vielmehr Welten bewegt: An Land ist er heute Wasserbotschafter – einer, der bei Vorträgen vor seinem Publikum steht und versucht, es mit Worten zu bewegen, zum Nachdenken zu bringen über dieses lebensnotwendige Element. Im Wasser aber ist er es, der sich bewegt und dazu schweigt. Dort ist er nur Schwimmer: „Ich bin dann in einem fluiden Element, wo ich keinen Stand mehr habe, wo ich nichts greifen kann“, erklärt Bromeis, „im Wasser ist alles anders als an Land, da herrschen andere physikalische Gesetze. Auch der Mensch funktioniert anders im Wasser. Ich finde es sehr bereichernd, dass ich zwischen beiden Welten wählen und leben darf.“

Der Traum von der Tour de France (c) Bromeis

Zwei „Welten“ waren es auch, die Bromeis durch seine Kindheit im Engadin begleiteten. In der Familie stand die Musik im Zentrum, in der Gesellschaft der Sport. Gepflegt hat er beides. Er wollte zunächst Lehrer werden, um beide Fächer unterrichten zu können. Als ihn der Lehrberuf nicht ausfüllte, träumte er von der Tour de France.

„Aber ich war nicht für die Träume als Spitzenathlet in einem gedopten Umfeld gemacht.“

Was nun? Musik oder doch Sport? Ganz klar, der Ernst geht in die Musik, haben die meisten Leute gesagt und sich geirrt – denn „der Ernst“ machte schon damals nie, was nach Meinung anderer geschehen sollte. Bromeis wählte Sport, diesmal aber nicht als Athlet. Er wurde Trainer im Spitzensport und hatte damit Erfolg, blieb aber unruhig. Er merkte, dass er sich sein eigenes „Gefäß“ schaffen musste, um kreativ zu sein. „Ich wollte etwas bewirken – nicht nur Medaillenträume erfüllen, sondern gesellschaftlich etwas gestalten, aber mit den Mitteln, die ich habe, um mich ausdrücken zu können. So ist 2007 das Projekt Das blaue Wunder entstanden“, erzählt er und nimmt noch einen Schluck Kaffee.

Premiere: Bromeis durchschwimmt die großen Seen des Oberengadins (c) Das blaue Wunder – Andrea Badrutt

Grenzschwimmer – 1.230 km von der Quelle bis zur Mündung

Die Idee war plötzlich da: Er würde das Wasser zu seinem Beruf machen und als Schwimmer hinweisen auf jene Ressource, die in unseren Breiten viel zu oft als selbstverständlich und unerschöpflich wahrgenommen wird. Das größte Süßwasser- reservoir der Welt wollte er durchschwimmen, um ein Zeichen zu setzen. „Aber du kannst beim Klettern auch nicht mit dem größten Berg anfangen“, räumt Bromeis ein, „also bin ich vor meiner Haustüre gestartet.“ Er durchschwamm zunächst 200 Bergseen in seinem Heimatkanton Graubünden. Danach folgte der größte See in jedem Schweizer Kanton. Er legte, wenn zeitlich möglich, die Strecken dazwischen mit dem Rennrad zurück. So brachte er das Wasserthema unter die Leute, hielt Vorträge, sprach mit den Medien. Das Echo war enorm und Bromeis schnell klar: Der Aktionsradius muss weiterwachsen.

2012 nimmt er schließlich die 1.230 Kilometer des Rheins in Angriff – von der Quelle in Graubünden bis zur Nordsee. „Wenn du an der Quelle stehst, am Anfang dieses Weges, ist da immer Demut“, erinnert er sich an diesen besonderen Moment, „aber du musst auch mutig sein. Du springst hinein in eine andere Welt, das kann Angst machen – gleichzeitig ist es aber auch Vorfreude.“

Am Rheinfall (c) Das blaue Wunder – Dorothée Meddens

Das erste Mal klappt das Vorhaben tatsächlich nicht. Erst beim zweiten Anlauf 2014 bezwingt Bromeis den Rhein trotz Hochwasser und Kälte. Dabei schwimmt er sechs bis acht Stunden am Tag, mit kleinen Pausen. Am Schluss taten ihm die Schultern weh, der Rücken, so vieles schmerzte. Durchhalten ließ ihn der Glaube an die Wirkung seiner Aktion. „Es geht mir nicht um die Stoppuhr“, betont er. Es geht ihm um die selbst gestellte Aufgabe, im Dienste einer Botschaft an die Gesellschaft:

Wasser ist lebensnotwendig, aber endlich und darum schützenswert.

Schwimmt man so lange Strecken, fällt nämlich auf: Wasser ist nicht gleich Wasser. Es verändert sich. Am Rhein habe es viel Treibgut wegen der Regenfälle gegeben, so Bromeis. Bei seiner Expedition 2015 Richtung Mailand habe er die Veränderung dann sogar schmecken können. Irgendwann war es einfach nicht mehr Lago Maggiore Wasser, es war dann der Fluss Ticino, dann der Kanal: „Durch den Kanal geht’s hinab, es ist Ende Sommer, alles steht. Du siehst, dass Verschiedenes mit dir mitfließt, ob Exkremente oder nicht kannst du nicht sagen, aber vor Mailand spürst du dann schon, dass es nicht einfach Sedimente sind, die da mit dir mitkommen – es ist Dreck.“ Laut Kanalbetreiber sei das Wasser okay gewesen, die Ärzte in Mailand hielten Bromeis für verrückt. Schwimmen, in dieser Brühe?!

© Das blaue Wunder-Christian-Gartmann

Vom Mikroplastik zum Makroproblem

Er selbst fand das bezeichnend für ein generelles Problem, das wir heute mit der Wassergüte haben. „Uns wird suggeriert, dass wir im Wasserschloss leben. Wunderbare Gewässer, touristisches Kapital. Das ist aber nur so, weil man die ganze Makroverunreinigung herausgebracht hat. Es stinkt nicht mehr, ist nicht offensichtlich dreckig“, bemerkt Bromeis. Vom Mikroplastik wisse man zwar, dass es existiere, aber dazu habe man keinen Bezug. „Das ist das, was uns in einer falschen Sicherheit wiegt und uns nicht sehen lässt, was wirklich ist. Aber wie wichtig wäre es, dass wir jetzt den nächsten Schritt machen.“ Man könne immer etwas tun, so Bromeis, überall auf der Welt. Sogar für Orte wie den Nil, den Ganges oder den Amazonas.

„Man bedenke: Die Kläranlage von Basel ist erst 1982 gebaut worden. Bis zu dem Zeitpunkt ist in Basel, in der hochentwickelten Schweiz, der ganze Dreck in den Fluss gekippt worden – heute unvorstellbar. Es gibt also sehr wohl Hoffnung, dass größere und kleinere Flüsse sauberer sein könnten, wenn wir Menschen die richtigen Schlüsse und schließlich auch die Konsequenzen zögen.“

Projekte für technisch ausgeklügelte, teure Abwassersysteme lassen sich heute in der finanziell gut situierten Schweiz allerdings etwas leichter umsetzen als etwa in Indien oder Afrika, vorausgesetzt die Bereitschaft zur Veränderung ist da. Das ist auch Bromeis klar. In manchen Gegenden Afrikas beispielsweise müsse daher ein wesentlich leistbareres Abwassersystem her – mancherorts sei nämlich nicht die Wasserknappheit das Problem, sondern die Kontamination. Aus dem Teufelskreis müsse man rauskommen – Wasser und freier Zugang dazu sei ein Menschenrecht und eine Menschenpflicht.

Kraftwerk Reckingen © Das blaue Wunder – Dorothée Meddens

Differenzierung statt One-Way-Solution

Nicht, dass in der Schweiz alles Gold wäre was glänzt. Das zeige laut dem Wasserbotschafter auch der Energiesektor. Beinahe 60 % der erneuerbaren Energie in der Schweiz werden über Wasserkraft produziert. Seit größere Wasserkraftwerke kaum mehr gebaut werden dürfen, stürze man sich auf Kleinwasserkraft:

„Das versucht man dann als saubere Energie zu verkaufen“, meint Bromeis kopfschüttelnd, „so werden aber auch die letzten Seitenarme der Flüsse zerstört.“

Dabei gebe es Alternativen. Die Lösung wäre mehr Differenzierung, findet Bromeis, „man sollte sich fragen: Was wäre die richtige Energie für den Alpenraum, was für Menschen am Meer? Was für Indien, was für Afrika? Doch der nötige Dialog dazu fehlt.“ Die Politik sei darin kein Vorbild und das mache es schwer. „Stattdessen will sie einfach die ganze Gesellschaft elektrifizieren – über Nacht.“

Es ist ein bisschen wie bei der Rheinexkursion: Neues braucht eben Mut. „Mut, das partikulare Interesse in den Wind zu schießen für die Allgemeinheit. Aufeinander zugehen hat für beide Seiten Vorteile. Wir haben das als Menschheit nur noch nicht gelernt“, ist Bromeis überzeugt, „Momentan leben wir in einer Welt, wo ein Teil ständig versucht zu bewahren, was früher einmal funktioniert hat. Nun wagt man aber nicht den Schritt nach vorn. Die Schneesportindustrie ist das beste Beispiel.

Lej-da-Rosatsch-(c)-Andrea-Badrutt

“Wir versuchen krankhaft an etwas festzuhalten, das 150 Jahre gut lief, aber jetzt mit der Klimakrise kommen wir an den Anschlag.“

Die Industrie und die ökologische Seite müssten endlich einen Kompromiss finden. „Aber jeder denkt nur an sich: Noch fünf Jahre arbeiten, dann bin ich pensioniert, dann hab ich mein Problem gelöst. Die Zusammenarbeit aber wagt keiner.“ Auch das sieht Bromeis als seine Aufgabe: Brückenbauer sein zwischen verschiedenen Zielgruppen. Er setzt sich für die Wasserbildung im Tourismus ein und für das Wassersolidaritätsprojekt Solidarit’eau Suisse oder Blue Peace. 

„Ich halte Vorträge für völlig verschiedene Menschen: Für Spitzensportler, Kirchengemeinden, für die ETH Zürich.  Es liegt bei mir, wie ich mit wem rede. Der Sinn bleibt immer der gleiche. Ich kann jedoch der sein, der den Zugang legt.“

Allerdings gibt es auch skeptische Leute, die auf Distanz gehen und nicht kooperieren wollen – man nehme ihn dann als Eindringling wahr, als Konkurrenten, der in ein fremdes Territorium eindringt und dort alles über den Haufen werfen will. So mancher zweifelt auch an seinen Absichten. „Trotzdem versuche ich zu verbinden, nicht zu teilen“, betont Bromeis, „Polarisierung führt uns weg von der Differenzierung, sie bringt nur Konflikt.“

Am Baikal (c) Das blaue Wunder – Maurice Haas

Schwimmend den ältesten See der Welt bezwingen

Am 11. Juli 2019 bricht Bromeis zu seinem bislang größten Abenteuer auf: zum über 670 km langen, von Gebirgen umsäumten Baikalsee in Sibirien. Mit seinen 1.642 m Tiefe und den rund 25 Millionen Jahren auf dem Buckel, ist der Baikal der tiefste und älteste Süßwassersee und damit das größte Süßwasser-Reservoir der Welt. Die schiere Größe des Sees wird für Bromeis zur unüberwindbaren Herausforderung. „Ist man sehr lange im Wasser unterwegs, ist es viel schwieriger den Fokus zu behalten als an Land“, erklärt der Schwimmer, „an Land ist der Fokus sichtbar. Das Phänomen ist vergleichbar, wenn man beispielsweise die Antarktis quert und ein Whiteout erlebt. Aber an Land gibt’s theoretisch immer einen Horizont, der dir Kraft und Orientierung gibt. Im Wasser allerdings – und der Baikalsee hat in der Regel auch nicht Korallenriffe – siehst du nur ins Schwarze hinab, du verlierst den Fokus.“ Nach 60 km gibt Bromeis auf, gezwungenermaßen.

Warum?

Das interessiert die Zuhörer immer am meisten, verrät er schmunzelnd über seine Kaffeetasse hinweg. Aber auch ihn scheint die Frage immer noch zu beschäftigen. Er denkt kurz nach: „Weil es auf vielerlei Weise eine Überforderung gewesen ist“, sagt er dann langsam „und das hat sich mit den Herzrhythmusstörungen gezeigt. Wenn etwas nicht geht, gibt es immer Gründe. Aber wer scheitert, kann auch gescheiter werden, nur ist das in unserer westlichen Gesellschaft immer negativ konnotiert, oder? Du darfst schon tausend Mal scheitern, aber du musst tausendundeinmal wieder aufstehen. Etwas anderes geht nicht in unseren Breitengraden.“

Zukunftspläne – Von Bächen und Strömen

Und nun? Am Ende ist auch Bromeis ein Kind dieser Gesellschaft. Scheitern gilt nicht, dafür ist er wohl zu sehr Sportler. Die letzte Exkursion hat er abgeschlossen, aber der Baikal an sich lässt ihm keine Ruhe. Bei einem zweiten Anlauf, würde er allerdings im Norden anfangen, weil er im Süden schon war, und weil es ein ganz unglaubliches Gefühl wäre, am Ende nochmal dort vorbeizukommen, wo er schon mal vorbeigeschwommen ist, sagt er. Außerdem…

„bin ich auch an den Baikal gegangen mit dem Wissen, dass ein Wasserbotschafter zu wenig ist für die Welt. Es braucht mehr. Dem Gedanken will ich jetzt weiter nachgehen und sehen, ob ich es schaffe, eine Wasserbot- schafterInnen-Bewegung in Gang zu setzen.“

Was er bislang erreicht hat, möchte er nicht in Zahlen oder Statistiken fassen. Qualität messe sich nicht an Statistiken. So wie er versucht seinen Kindern im Alltag Achtsamkeit beizubringen, so möchte er die Menschen mit seinem Engagement für das Wasser anstecken. Das sei sein „Geschenk“ an die Menschen, sagt er und lässt den Blick durchs mittlerweile halbleere Café Richtung Fenster schweifen, wo sich bereits der Abend ankündigt. „Ich habe nie das Ziel den ganzen Saal zu überzeugen. Es reicht, wenn nur ein paar darunter sind. Ich sehe, dass ich mit Leuten, die für die gleiche Sache kämpfen wie ich, etwas erreiche. Sollte ich nur ein Tropfen sein und der andere ein Tropfen, sind wir zusammen schon zwei und dann noch einer und so weiter. Menschen, die sich auf ihre Art für etwas engagieren, sind vielleicht ein Bach, vorerst noch kein Strom, aber es ist eine Bewegung da und ich bin glücklich ein Teil von dieser Bewegung zu sein, die zum Strom wachsen kann.”

Mehr Infos unter: Das blaue Wunder

Titelbild: Auf großen Äckern werden zum Ausbringen von Pflanzenschutzmitteln Spritzgeräte in Kombination mit einem Kraftfahrzeug verwendet (Foto: Frank Vincentz, CC BY-SA 3.0)

Pflanzenschutzmittel, umgangssprachlich als „Spritzmittel“ bezeichnet, sind routinemäßiger Bestandteil unserer Landwirtschaft und damit unserer Lebensgrundlage. Leider sind Informationen zu diesem kontroversen Thema – mit Ausnahme des berühmten Glyphosats – gut versteckt in sperrigen Gesetzestexten, Sicherheitsdatenblättern und Studien. Dieser Artikel versucht hier einen Zugang zu legen und einen komprimierten Überblick zu verschaffen, denn wie der Philosoph Michel Foucault einst meinte:  Machtausübung und Weiterentwicklung funktioniert in einem modernen Staat in erster Linie über Informationsbeschaffung. Dies gilt umso mehr weil über 90 % der Österreicher nicht unmittelbar in der Landwirtschaft tätig sind.

Mehr als Chemie

Pflanzenschutzmittel umfassen allgemein Substanzen, Methoden und Organismen, die dazu dienen, Kulturpflanzen vor Krankheitserregern, Fressfeinden, Parasiten sowie Konkurrenten zu schützen oder aber das Wachstum der Pflanzen auf gewünschte Weise zu beeinflussen. In der öffentlichen Diskussion allerdings beschränkt sich der Begriff meistens tatsächlich auf industriell synthetisierte Chemikalien, die bei der Bekämpfung diverser landwirtschaftlicher „Schädlinge“ Einsatz finden. Weit größeren Einfluss auf die Pflanzengesundheit haben jedoch Faktoren wie die Auswahl geeigneter Sorten für einen bestimmten Standort, Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit oder eine durchdachte Fruchtfolge.

„Integrierter Pflanzenschutz“ was ist das?

Gemäß dem Konzept des Integrierten Pflanzenschutzes sollen chemisch-synthetische Pflanzenschutzmittel nur eingesetzt werden, wenn keine sinnvolle mechanische oder biologische Methode zur Verfügung steht. Das Vorsorgeprinzip wiederum verpflichtet Pflanzenschutzmittel-Anwender im Zweifelsfall eine Pflanzenschutzmethode zu wählen, die die menschliche Gesundheit und die Umwelt möglichst nicht schädigt – will sagen „vorsorglich“ agiert. Das Vorsorgeprinzip greift also bereits, wenn negative Auswirkungen wahrscheinlich, aber noch nicht zur Gänze bewiesen sind. Sowohl der Integrierte Pflanzenschutz als auch das Vorsorgeprinzip sind in der EU gesetzlich verankert (der Integrierte Pflanzenschutz im Speziellen in der Richtlinie 2009/128/EG).

Das Problem mit dem Pudel

Unter diesen Gesichtspunkten könnte man als unvoreingenommener Beobachter meinen, dass der Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel doch selten sein müsse. Tatsächlich ist ihr Einsatz aber wesentlicher Bestandteil unserer konventionellen Landwirtschaft. „Des Pudels Kern“ in diesem Fall ist unter anderem folgender: Die genannten gesetzlichen Bestimmungen werden von den Anwendern und Interessensverbänden teilweise bewusst anders interpretiert oder sogar ignoriert. Zusätzlich sind die Kontrollbehörden zum Teil damit überfordert (oder nicht willens?) komplexe Konzepte wie den integrierten Pflanzenschutz einzufordern und dessen Einhaltung zu kontrollieren. Man beschränkt sich bei Kontrollen oft auf Formales und auf das, was leicht kontrollierbar ist. So prüft man etwa, ob die persönliche Schutzausrüstung vorhanden ist oder ob die sogenannten ‘Spritztagebücher‘ alles vorbildlich dokumentieren. Wie plausibel die Aufzeichnungen sind und ob die Pflanzenschutzmittel-Anwendungen korrekt erfolgten, kann oft nur schwer und mit viel Aufwand nachvollzogen werden. Zur Einhaltung eines Integrierten Pflanzenschutzes und des Vorsorgeprinzips tragen solche Kontrollen daher nicht ausreichend bei – mit maßgeblichen Folgen für Gesundheit und Umwelt.

Abb. 3: Gemüsefelder und Erntehelfer in Kematen, Tirol

Wie aus einer Revolution und einem folgenschweren Paket die Gegenwart wurde

Um die heutige Situation und den Einsatz chemisch-synthetischer Pflanzenschutzmittel nachvollziehen zu können, ist es wichtig, die historische Dimension zu kennen. Während der industriellen Revolution kam es zu vielfältigen, unter anderem naturwissenschaftlichen Entwicklungen, die in der sogenannten Grünen Revolution in den 1960ern gipfelten – aus heutiger Sicht ein doppeldeutiger Begriff. Dabei erhielten Landwirte nämlich ein spezielles Angebot: ein folgenschweres Gesamtpaket aus synthetischen, schnell löslichen Düngern (den Durchbruch brachte das Haber-Bosch-Verfahren), Neuzüchtungen von Nutzpflanzen mit höheren Erträgen und synthetischen Pflanzenschutzmitteln.

Dass die Grüne Revolution, wie viele andere Revolutionen, eine klare (macht)politische Dimension hatte, zeigte die federführende Beteiligung der US-Regierung und der Rockefeller Foundation. Norman E. Borlaug, ein US-amerikanischer Agrarwissenschaftler und Pflanzenzüchter, erhielt für seine Bemühungen im Zuge der Grünen Revolution 1970 den Friedensnobelpreis. Sein erklärtes Ziel war eine Ertragssteigerung, um den Welthunger zu bekämpfen.

Während sich die (absolute) Weltagrarproduktion im Vergleich zu damals tatsächlich erhöht hat, besteht das Problem des Hungers bekannterweise bis heute. Zusätzlich verursacht die konventionelle, auch sehr pestizidlastige Landwirtschaft, die einst aus der Grünen Revolution entstand, mittlerweile hohe Kosten und Schäden für die Allgemeinheit. Zu diesen zählen ein hoher Ressourcenverbrauch (Wasser, Energie, Rohstoffe), Bodenbelastung, Erosion und Schadstoffbelastung (Treibhauseffekt!), Biodiversitäts- und Lebensraumverlust und damit einhergehende Verluste an Lebensqualität für den Menschen. Die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) empfiehlt daher eine ökologischere, ganzheitliche Form der Landwirtschaft, die ebenso die Weltbevölkerung ernähren kann und dies auf bedeutend nachhaltigere Weise.

Abb. 4: Strukturformel Glyphosat

Glyphosat und seine Gefährten

Auch wenn es bis heute (Jänner 2020) nicht umgesetzt wurde, beschloss das österreichische Parlament 2019 ein Verbot des bekannten Wirkstoffs Glyphosat – einer der weltweit am häufigsten eingesetzten Unkrautvernichter. Der Wirkstoff ist unter anderem Bestandteil von Monsantos prominentem Produkt RoundUp. Das mag hierzulande den Eindruck erweckt haben, man hätte einen großen Schritt in Richtung Reduktion des Pflanzenschutzmitteleinsatzes unternommen. Tatsächlich ist Glyphosat in der österreichischen Landwirtschaft aber von relativ geringer Bedeutung, eher träfe das Verbot Verwalter öffentlicher Grünanlagen oder die Bahnbetreiber.

Abb. 5: Unsachgemäß gelagertes Insektizid Agritox aus einer Wohnungsentrümpelung
Foto: Barbara Leuprecht

Von den circa 1.470 derzeit in Österreich zugelassenen Pflanzen­schutz­­mittel­­produkten (Stand August 2019) haben viele zudem eine höhere Gefährdungs­­­einstufung als die berüchtigten Produkte mit Glyphosat. Nur sind diese Produkte außerhalb von Anwenderkreisen kaum jemandem bekannt. Da wären beispielsweise folgende:

Das Insektenbekämpfungsmittel (Insektizid) Agritox (Register-Nummer 1797-0) mit dem Wirkstoff Chlorpyrifos ist in Österreich seit 1974 zugelassen. Es ist offiziell eingestuft als gesundheitsschädlich und gewässergefährdend. Zudem ist es für Bienen gefährlich. Die European Food Safety Authority (EFSA) geht beim Wirkstoff Chlorpyrifos seit 2011 auch von einem hohen Langzeitrisiko für Säugetiere aus. In einer verantwortungsbewussten, aktuellen Entscheidung der EU-Kommission wurde die Zulassung von Chlorpyrifos nicht mehr verlängert. Das bedeutet konkret dass der Wirkstoff in der gesamten EU nur mehr bis 16. April 2020 verwendet werden darf.

Das Pilzbekämpfungsmittel (Fungizid) Askon (Reg. – Nr. 3077-0) wird im Gemüsebau gegen verschiedene Erreger von Pilzkrankheiten eingesetzt. Die Wirkstoffe sind Azoxystrobin und Difenoconazol, die beide unterschiedliche biochemische Wirkmechanismen aufweisen. Askon ist offiziell eingestuft als akut toxisch beim Einatmen, chronisch gewässergefährdend sowie als sensibilisierend für Haut und Atemwege.

Accurate (Reg. – Nr. 2956-0) ist wie das erwähnte RoundUp ein Unkrautvernichter (Herbizid), allerdings wirkt es nur auf zweikeimblättrige Pflanzen. Es ist in Österreich im Getreideanbau zugelassen und wird gegen „Unkräuter“ wie Klatschmohn, Vogelmiere oder Hirtentäschel verwendet. Offiziell anerkannt ist, dass es schwere Augenschädigungen verursachen kann, sowie chronisch und akut Gewässer gefährdet.

Man könnte noch viele weitere Beispiele nennen. Auf dem Weg zu einer ökologischeren, nachhaltigen Landwirtschaft sind auf jeden Fall noch weitere politische Reformen nötig, die von einer umfassend informierten und selbstbestimmten Öffentlichkeit angestoßen werden müssen. Ebenso wichtig ist es, das Bewusstsein für den Integrierten Pflanzenschutz zu stärken und Alternativen zur konventionellen Landwirtschaft zu erforschen. Derzeit wird von den gesamten Forschungsgeldern im Agrar- und Nahrungsmittelbereich nur circa ein Prozent für die Erforschung des ökologischen Landbaus aufgewendet.

Landwirtschaft ist eine der wesentlichsten und schönsten Berufungen der Menschheit. Als solche sollte sie kein Nischenthema nur für Spezialisten sein, sondern Bestandteil der Allgemeinbildung und so eine starke gesellschaftliche Teilhabe stimulieren. 

Mahlzeit!

Abb. 6: Roggen

Weiterführende Literatur:

  • Bundesamt für Ernährungssicherheit (2019). Österreichisches Pflanzenschutzmittelregister. Online: https://psmregister.baes.gv.at/
  • Carson, Rachel (1971). Silent Spring. Penguin, Harmondsworth.
  • Dowswell, Christopher (2009). Norman Ernest Borlaug (1914-2009). Science, Vol. 326, Issue 5951.
  • EFSA (2011). Conclusion on the peer review of the pesticide risk assesment of the active substance chlorpyrifos. EFSA Journal 2011;9(1):1961. [14 pp.]
  • Kiss, F. & Steinert A. (2018). Handbuch Pflanzenschutz im Biogarten. Löwenzahn, Innsbruck.
  • Löwenstein, Felix (2015). Es ist genug da. Für alle. Knaur, München.
  • UNCTAD (2013). Wake up before it is too late: Make agriculture truly sustainable now for food security in a changing climate. Trade and Environment Review 2013, Genf. Online: https://unctad.org/en/pages/PublicationWebflyer.aspx?publicationid=666
  • Zaller, Johann G. (2018). Unser täglich Gift: Pestizide – die unterschätzte Gefahr. Deuticke, Wien. 

 

Titelbild: Gernot Waiss

Einladung zum Start-Workshop des Mitmach-Projekts

Sind Sie gerne in der Natur unterwegs und interessieren sich für die heimische Tierwelt? Oder sind Sie vielleicht sogar selbst Eigentümer oder Pächter einer Streuobstwiese?

Wir suchen naturbegeisterte Menschen, die mit uns an drei Tagen im Jahr die Fauna der Streuobstwiesen im Biosphärenpark Wienerwald erkunden wollen. Seltene und faszinierende Arten wie Wendehals, Wiedehopf, Steinkauz, Gartenrotschwanz, Mauswiesel, Baumschläfer, Segelfalter oder Gartenhummel warten darauf, von Ihnen entdeckt zu werden!

Streuobstwiesen sind ein unverzichtbares Landschaftselement im Biosphärenpark Wienerwald. Im Frühling bieten die blühenden Bäume einen prachtvollen Anblick, im Herbst versorgen sie uns mit köstlichen Früchten. Aber nicht nur wir Menschen profitieren von Streuobstwiesen. Zahlreiche, teils seltene Tierarten sind auf diesen speziellen, abwechslungsreichen Lebensraum angewiesen. Wir wollen die Artenvielfalt unserer heimischen Streuobstwiesen erforschen und so zu ihrer Erhaltung beitragen.

Bei diesem Start-Workshop können Sie sich unverbindlich informieren, wie, wo und wann Ihr freiwilliges Engagement in unserem Forschungsprojekt gefragt ist.

Wo: Festsaal der Österreichischen Bundesforste, Pummergasse 10-12, 3002 Purkersdorf
Wann: Freitag, 28.2.2020, 16:00-18:00 Uhr
Aus organisatorischen Gründen bitten wir um Ihre Anmeldung bis Freitag, 21.2.2020 unter 02231/63341-7171 oder biosphaerenpark@bundesforste.at.
siehe auch: www.bpww.at oder www.bundesforste.at/biosphaerenpark

Mag. Gernot Waiss
Projektleitung
0664 / 618 90 98
gernot.waiss@bundesforste.at

Titelbild: Eisbär am Eisrand: © Steve Morello / WWF-Canon

Klimawandel und Lebensraumzerstörung dezimieren Eisbären, Koalas und Jaguare – Hoffnung für Myanmars Elefanten, Saiga-Antilopen und Sehuencas-Wasserfrosch – WWF fordert globalen politischen Kraftakt zum Schutz tierischer und menschlicher Lebensgrundlagen.

WWF Österreich zieht Bilanz und veröffentlicht die tierischen Gewinner und Verlierer des Jahres 2019. Klimakrise, Lebensraumzerstörung und Wilderei sorgen dafür, dass die Internationale Rote Liste auf über 30.000 bedrohte Tier- und Pflanzenarten angewachsen ist – ein trauriger Negativrekord. Menschliche Eingriffe machen vor allem den Eisbären, Koalas und Jaguaren das Überleben schwer. Entgegen dem Trend gibt es aber auch gute Nachrichten aus dem Tierreich. In Myanmar werden kaum noch Elefanten gewildert. Die Saiga-Antilopen erholen sich von einer Seuche. Und womöglich kann der Bestand des Sehuencas-Wasserfroschs durch den Fund eines Weibchens gerettet werden.

„Der Mensch ist Zeuge und Verursacher des größten Artensterbens seit dem Verschwinden der Dinosaurier. Vor allem die Klimakrise verändert Ökosysteme in dramatischem Tempo. Viele Tiere und Pflanzen können sich nicht schnell genug anpassen.”

WWF-Artenschutzexperte Georg Scattolin.

Die globalen Bestände an Fischen, Vögeln, Säugetieren, Amphibien und Reptilien sind in den letzten 50 Jahren um durchschnittlich 60 Prozent eingebrochen. Auch Österreich ist kein Vorbild und verliert drastisch an Artenvielfalt. Etwa ein Drittel der heimischen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten gilt als gefährdet.

„2020 braucht es einen globalen politischen Kraftakt für eine Trendwende im Umwelt- und Naturschutz. Erderhitzung und Artensterben sind Zwillingskrisen. Sie hängen unmittelbar zusammen und befeuern sich gegenseitig. Diese bedrohliche Entwicklung und die erschreckende Untätigkeit der Politik bedeuten nicht nur ein Fiasko für die Tierwelt. Letztlich zerstören wir damit unsere eigene Lebensgrundlage”, so Scattolin.

VERLIERER 2019

Eisbär (Ursus maritimus). Bild: Steve Morello / WWF-Canon

Eisbär:
Bis 2050 könnte die Arktis im Sommer komplett eisfrei sein. Doch Eisbären leben und jagen auf Packeis. Da ihr Lebensraum rapide schmilzt, halten sie sich schon jetzt vermehrt auf dem Festland auf. Angelockt von Nahrungsabfällen nähern sie sich dort menschlichen Siedlungen, was Konflikte verursacht und oft mit einem Abschuss endet. So wird die Klimaerhitzung nicht nur durch fehlendes Eis zum Überlebensproblem. Die Zahl der Eisbären ist auf Talfahrt, wie aktuelle Erhebungen der Weltnaturschutzunion IUCN belegen. Ein Drittel der globalen Population könnte bis 2050 verschwinden.

Koala (Phascolarctos cinereus). Bild: Shutterstock / Yatra / WWF

Koala:
Den ver­heerenden Busch­bränden in Australien fielen hunderte Koalas zum Opfer. Große Flächen an Eukalyptus­wäldern, zugleich Lebensraum und Nahrungs­grundlage der Koalas, sind niedergebrannt.

Doch auch ohne Großfeuer wird es für die Tiere immer enger. Australien rodet jedes Jahr schätzungsweise 500.000 Hektar Wald. In den vergangenen 25 Jahren ist die Koala-Population um rund ein Drittel eingebrochen.

Jaguar (Panthera onca) in Pantanal, Brasilien. Bild: Y.-J. Rey-Millet / WWF

Jaguar:
Eines von vielen Opfern der Regen­­wald­brände im Amazonas ist der Jaguar. Die Flammen zerstören ins­­besondere seine Reviere in Brasilien und Bolivien.

Mindestens 500 Raubkatzen starben im Feuer oder wurden aus ihrem Lebensraum vertrieben. Dadurch nehmen Konflikte zu. Die Tiere fliehen in andere Gebiete, auch in die Nähe von menschlichen Siedlungen, wo sie häufig erschossen werden.

Kaiserpinguine (Aptenodytes forsteri). Bild: © Fritz Pölking / WWF

Kaiser­pinguin:
Schreitet die Erd­erhitzung in diesem Tempo voran, könnte die Population der Kaiser­pinguine bis 2100 um 86 Prozent abnehmen, wie Untersuchungen des Ozeanografischen Forschungsinstituts WHOI prognostizieren. Das für die Pinguine überlebenswichtige Packeis schmilzt. Den Tieren fehlt zunehmend Lebensraum zur Jagd und als Schutz vor Feinden. Bereits jetzt beobachten Forscher einen massiven Rückgang der Population und weniger überlebende Jungtiere.

Sumatra-Nashorn (Dicerorhinus sumatrensis). Bild: naturepl.com / Mark Carwardine / WWF

Sumatra-Nashorn:
In Malaysia ist das letzte Sumatra-Nashorn eines na­türlichen Todes gestorben. In Indo­nesien gibt es derzeit nach WWF-Schätzun­gen nicht einmal mehr 80 Tiere, verteilt auf neun isolierte Population. Die Nashörner kämpfen mit drastischem Lebensraumverlust, da Wald für Palmölplantagen, Papierproduktion und Bergbau gerodet wird. Außerdem fallen zahlreiche Tiere der Wilderei zum Opfer.

Jangtse-Riesenweichschildkröte:
Das letzte bekannte Weibchen der Jangtse-Riesenweichschildkröte verstarb dieses Jahr in einem chinesischen Zoo. Nun lebt nur noch ein männliches Exemplar im Zoo in Suzhou. In Vietnams freier Wildbahn gibt es lediglich zwei weitere Exemplare, deren Geschlecht allerdings unbekannt ist.

GEWINNER 2019

Asiatischer Elefant (Elephas maximus). Bild: Julia Thiemann / WWF-Germany

Elefanten in Myanmar:
Noch 2017 wurde in Myanmar fast wöchen­tlich ein Ele­fant wegen seiner Haut getötet, die in dem süd­­ost­­asiatischen Land zu Haut­cremes verarbeitet wird. Der WWF intensivierte seine Arbeit zur Eindämmung der Wilderei – mit großem Erfolg. In den Regionen Bago und Yangon wurden überhaupt keine Elefanten mehr illegal erlegt. In Irrawaddy hat sich die Zahl gewilderter Elefanten von 16 auf 7 mehr als halbiert.

Saiga-Antilope:
Tausende mongolische Saiga-Antilopen fielen 2017 einem tödlichen Virus zum Opfer, der von Schaf- und Ziegenherden übertragen wird. Die Seuche und der folgende harte Winter waren fatal. Die Population schrumpfte von 11.000 auf 3.000 Tiere. Mittlerweile zeigen die ersten Saigas Immunität gegen den gefährlichen Krankheitserreger, wodurch die Population wieder wächst.

Sehuencas-Wasserfrosch:
Als letzter seiner Art lebte ein männlicher Sehuencas-Wasserfrosch fast zehn Jahre alleine in einem Aquarium des Naturhistorischen Museums Alcide d’Orbigny in Bolivien. Im Zuge einer gezielten Suchaktion fand man in den Nebelwäldern des Landes ein weibliches Pendant. Durch zahlreiche Nachkommen könnte die schwindende Art nun doch erhalten bleibt.

Goldschakal (Canis aureus). Bild: Ola Jennersten / WWF-Sweden

Goldschakal:
Da er wärmere Temper­aturen bevorzugt, breitet sich der Gold­schakal von seiner ange­stammten Region in Süd­osteuropa in die zunehmend milder werdende Mitte des Kontinents aus. Seine Population übersteigt in Europa momentan die des Wolfs um das Siebenfache. Auch im Osten Österreichs gibt es regelmäßige Sichtungen. Was für Artenschützer ein Grund zur Freude ist, nehmen Niederösterreich und das Burgendland zum Anlass, die europaweit streng geschützte Art zu bejagen. Obwohl der Erhaltungszustand immer noch ungünstig ist.

Hirschferkel:
Das hasengroße Huftier galt für fast 30 Jahre als verschollen. Im November 2019 sind mehrere Vietnam-Kantschile aus der Familie der Hirschferkel im Südosten Vietnams in Kamerafallen getappt. Die Region gehört zum Annamiten-Gebirge, einer der artenreichsten Regionen der Erde. Der WWF ist dort bereits seit Jahren für den Artenschutz aktiv.


Georg Scattolin ist der Leiter des internationalen Programms beim WWF. Er hat an der Universität Wien im Hauptfach Zoologie diplomiert.
Vor Beginn seiner WWF-Laufbahn im Jahr 2003 sammelte er Erfahrungen in den Bereichen Zoologie, Ökologie, Umweltbildung und Naturschutz im Rahmen von Tätigkeiten für die Universität Wien, das Naturhistorische Museum Wien und die internationale Kommission zum Schutz der Donau.
Scattolin hat das Meeresprogramm des WWF Österreich begründet, war danach im Auftrag des WWF International in Papua-Neuguinea stationiert und koordiniert heute die internationalen Projekte des WWF Österreich in Südostasien und im Südpazifik.

Titelbild: Julie-Kolibrie auf Pixabay

Anlässlich unseres 25-jährigen Bestehens befragten wir langjährige Vereinsmitglieder zur Entwicklung des Vereins und der Biologie in Österreich. Vielen Dank an Dr. Günter Krewedl für das Interview!

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Titelbild: Glühwürmchen. Foto: Stefan Ineichen, www.gluehwuermchen.ch

Glühwürmchen sind ein gutes Zeichen für natürliche Lebensräume; sie sind Nützlinge, die vor allem unliebsame Schnecken vom Garten fernhalten und erfreuen viele Menschen mit ihrem Leuchten. Die Umweltberatung hat ein Beobachtungsprojekt gestartet. Mitarbeiten kann jede und jeder: Jede Sichtung von Glühwürmchen im Großraum Wien kann einfach per Mail oder telefonisch gemeldet werden.

Glühwürmchen sind Indikatoren für gut strukturierte, naturnahe Lebensräume. Eine Voraussetzung dafür, dass die Lebensräume der Glühwürmchen erhalten bleiben, ist naturnahes Gärtnern – also keine Pestizide einzusetzen, bei der Pflanzenauswahl auf die Vielfalt zu achten und auch Wildpflanzen wachsen zu lassen. Wenn dann noch die künstliche Gartenbeleuchtung auf ein Minimum reduziert wird, umso besser!

Romantisch und nützlich

In Österreich gibt es drei Arten von Glühwürmchen (siehe Infobox). Eines haben sie alle gemeinsam: Sie erzeugen in ihrem Körper durch Biolumineszenz kaltes Licht in den Leuchtzellen an ihrem hinteren Bauchende. Romantisch finden das Glühen der Glühwürmchen, die eigentlich zur Ordnung der Coleoptera, also zu den Käfern gehören, nicht nur Menschen: Das Leuchten dient dazu, dass Männchen und Weibchen in der Paarungszeit zueinanderfinden. Glühwürmchen erfreuen nicht nur unser Gemüt, sie sind auch nützlich: Glühwürmchenlarven vertilgen alle Arten von Schnecken. Die Opfer werden mit mehreren Giftbissen überwältigt, oft meterweit bis zu einem geschützten Fressplatz geschleppt und dort in Ruhe verspeist.

Glühwürmchen-Hotspots vom Prater bis zum Maurer Berg

DIE UMWELTBERATUNG erhebt Glühwürmchenvorkommen in Wien. BeobachterInnen können unter der Hotline 01 803 32 32 anrufen und den UmweltberaterInnen mitteilen, wo sie Glühwürmchen entdeckt haben. Viele Glühwürmchen leuchten an bekannten Ausflugszielen. Romantische Plätze an lauen Sommerabenden sind zum Beispiel Prater, Dehnepark, Gspöttgraben und Maurer Berg.

Glühwürmchenstandorte

Eine Liste sämtlicher Glühwürmchenstandorte, die bei DIE UMWELTBERATUNG gemeldet wurden, ist auf www.umweltberatung.at/gluehwuermchen zu finden. Meldungen von Glühwürmchenstandorten nimmt DIE UMWELTBERATUNG an ihrer Hotline entgegen: Tel. 01 803 32 32, service@umweltberatung.at

Infoblatt „Glühwürmchen“

Informationen über die Lebensweise der Glühwürmchen, welche Arten in Österreich vorkommen und wodurch sie im Garten gefördert werden, bietet DIE UMWELTBERATUNG im Infoblatt „Glühwürmchen“, das kostenlos heruntergeladen werden kann: www.umweltberatung.at/gluehwuermchen-das-zauberhafte-funkeln-im-dunkeln

In Österreich findet man vorwiegend drei Arten von Glühwürmchen vor:

Lampyris noctiluca – der Große Leuchtkäfer: Hier leuchten nur die Weibchen, die auf Halmen sitzend auf die Männchen warten. Die Larven ernähren sich unter anderem von Nacktschnecken. Lamprohiza splendidula – der Kleine Leuchtkäfer: Die Männchen fliegen leuchtend durch die Nacht; die Weibchen sitzen – ebenfalls leuchtend – an Pflanzen. Phosphaenus hemipterus – der Kurzflügel-Leuchtkäfer: Leuchtet relativ wenig und bleibt in Bodennähe.Weltweit gehören zur Familie der Leuchtkäfer (Lampyridae) rund 2.000 Arten. Wer mehr über die Klassifikation der Lampyridae erfahren möchte, findet auf Fauna-EU mehr Infos.

Links

https://fauna-eu.org/cdm_dataportal/taxon/613a87e4-253a-4834-bf5e-1f07d7dae694
www.umweltberatung.at/gluehwuermchen