Titelbild: Mark Benecke – der Sherlock Holmes der Kriminalbiologie. Quelle: Christoph Hardt

Mark Benecke ist Kriminalbiologe. Bekannt als „Herr der Maden“, gelobt als „Popstar der Wissenschaft“ und ins Rampenlicht gestellt als der „tätowierte Politiker“ – doch Mark bleibt Mark. Ein Biologe, der „macht wozu er Bock hat und fertig“. Im Interview erzählt Benecke von seinem Weg in die Kriminalbiologie und forensische Entomologie, das Insektensterben und seine Haustiere, die Fauchschaben (Gromphadorhina portentosa).

Mark Benecke ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Als solcher wird er zu unterschiedlichen Kriminalfällen berufen und unterstützt die Spurensuche maßgeblich. So wurde Benecke auch zur Untersuchung von Adolf Hitlers vermeintlichem Schädel (Craniumfragment & Zähne) im Moskauer Staatsarchiv und im Archiv des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) hinzugezogen.

Seit mehr als 25 Jahren ist Benecke international als Kriminalbiologie tätig und spezialisiert sich hier unter anderem auf die forensische Entomologie. Aktuell betreibt er als freiberuflicher Biologe das Institut „BENECKE FORENSIC BIOLOGY – International Forensic Research & Consulting“ in Köln. Studiert hat er zunächst Biologie/Zoologie und Psychologie an der Universität Köln. Erst durch ein Praktikum in der Rechtsmedizin gelangte er dann in die Forensik und promovierte schließlich auch am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. Benecke erweiterte seinen Fokus zudem durch diverse internationale Ausbildungen im Bereich der Forensik, u.a. absolvierte er ein Training an der FBI Academy. Später war er auch selber als Trainer auf der Body Farm des FBI in Tennessee tätig.

Wie Mark Benecke selbst sagt, ist er eigentlich einfach „ein Ärmel hochkrempelnder Biologe, der dann auch manchmal vor Gericht sitzt“ und so biologisches Wissen mit kriminalistischen Faktenstrukturen verbindet. Nebenbei trägt Benecke durch die Publikation von Sachbüchern und seine Vorträge vor breitem Publikum zur Wissenschaftskommunikation bei. Thematisiert werden vergangene Kriminalfälle und die spannenden Möglichkeiten entomologischer Untersuchungen in der Forensik, Tötungs-Methoden wie Erhängungen und Enthauptungen und, wie könnte es anders sein, der Kreislauf des Lebens. Ein informativer und spannender Abend ist garantiert.

Im Interview mit dem bioskop erzählt Mark von seinem Weg in die Kriminalbiologie und forensische Entomologie, das Insektensterben und seine Haustiere, die Fauchschaben (Gromphadorhina portentosa).

Fangen wir doch einfach ganz von vorne an. Die meisten BiologInnen in meinem Bekanntenkreis haben schon in der Kindheit Heuschrecken im Lupenglas beobachtet und Farbtabletten in Eprouvetten gemischt. Wie bist Du zur Biologie gekommen?

Als Kind wollte ich Koch werden. Aber die Spurensuche und das Experimentieren, vor allem in der Chemie, haben mich auch schon immer interessiert. Damals habe ich Staub auf Tesafilm geklebt und unter einem ganz billigen Mikroskop angeschaut oder auch jahrelang versucht, Schneeflocken mit Lack einzufangen. Ich liebe Tatsachen, Beweisbares und Messbares. Das erfahren wir durch Experimente, sonst nicht. So kam das dann, dass ich Biologie studiert habe.

Und die BiologInnen hatten die besten Partys. Kein Witz.

Fakten und Spurensuche – da bist Du in der Forensik genau richtig. Wie sieht denn Dein Arbeitsalltag als Kriminalbiologe aus?

Das kommt auf den Fall an. Wenn es sich um einen aktiven Tatort handelt und die Zeit da ist, dann gehe ich auf Spurensuche und bin mit der Tatortrekonstruktion beschäftigt. Erstmal wird alles dokumentiert. Wenn es um die Bedeutung der Spuren für den Fall geht, lautet die Regel: Ich glaube erst einmal gar nichts. Niemals das annehmen, was vermeintlich offensichtlich ist – ganz im Gegenteil. Man muss neutral und ohne jede Annahme vorgehen. Ich halte mich da an Sherlock Holmes: “There is nothing more deceptive than an obvious fact.”

Die Aufträge bekommen wir von verschiedenen Leuten. Grundsätzlich kann mein Team und mich jeder beauftragen. Ich arbeite für offizielle Stellen und für Angehörige, wenn sie nicht zu traumatisiert sind und noch Energie für die Fallarbeit haben. Wir kriegen auch oft Akten, und entweder der Angehörige, Staatsanwalt, Polizist oder auch Journalist sagt: Guck mal, hier stimmt etwas nicht.

In einigen Fällen übergibt uns die Polizei die Insekten direkt und wir bestimmen dann erst im Labor die wichtigsten Fakten, wie Art, Lebensraum, Alter, Lebenszeit auf der Leiche und so. Durch solche Details lässt sich schon einiges feststellen, das für die Fallbewertung interessant ist.

Welche Spuren sind an einem Tatort für Dich interessant?

Blutspuren, genetische Fingerabdrücke, Insekten, auch andere Spuren – jedes kleine Detail kann spannend sein oder werden. Sogar Teelichter. Ich wurde einmal zu einem Mordtatort gerufen, an dem noch Teelichter brannten. Ein scheinbar nebensächliches Detail. Ich habe sie dennoch fotografiert und im Nachhinein haben die Fotos bei der zeitlich-räumlichen Rekonstruktion der Tat geholfen.

Insekten sind für das Verständnis auch sehr hilfreich. Ich gucke mir Gliedertiere an, um beispielsweise Hinweise zu bekommen, wie lange die Leiche am Fundort war oder ob sie mit Sicherheit längere Zeit am Fundort gelegen hat und nicht transportiert wurde.

Bei deinen Interviews und Auftritten thematisiert Du auch ein sehr wichtiges Thema: Das Insektensterben. Beeinflusst der Artenverlust auch Deine Arbeit?

Die Untersuchung von Todesfällen wird dadurch schwieriger. Vor dreizehn Jahren ist uns das Insektenproblem zum ersten Mal aufgefallen. Da fielen uns im Sommer die Schmeißfliegen (Calliphoridae) weg, deren Larven wir zur Bestimmung der Leichenliegezeit verwenden. Wir müssen also drumherum arbeiten und uns mehr auf andere Spuren konzentrieren. Ich arbeite ja auch mit Blut, Sperma und so. Es gehen auch manchmal aus anderen Gründen Spuren verloren, so ungewöhnlich ist das also nicht. Wir arbeiten mit dem, was wir haben.

Die Frage ist eher, wie wir Menschen weiterleben können, wenn durch den Verlust anderer Tier- und Pflanzenarten das gesamte Lebensnetzwerk zusammenbricht. Populationszusammenbrüche sind biologisch nichts Besonderes, aber hier wirkt der Mensch mit. Das ist kein Spruch vom Wollsocken-Biolehrer, sondern Realität.

Insekten, Larven, Maden – das sind deine täglichen Wegbegleiter. Hast Du Lieblinge?

Abb.1.: Mark Benecke mit seinen Haustieren – den Fauchschaben. Quelle: Thomas van de Scheck

Eigentlich mag ich ja alle Insekten, denn sie sind großartige, teils uralte Konstruktionen. Aber es ist eine ziemlich einseitige Zuneigung. Insekten interessieren sich nicht für menschliche Gefühle.

Im Berliner Naturkundemuseum bin ich Pate der Markusmücke, auch Markus- oder Märzfliege (Bibio marci) genannt. Die kommen nur einmal im Jahr zum Vorschein. Wenn man eine Markusfliege mit einer Leiche in einen Teppich einwickelt und im See versenkt, kann ich dann anhand der Fliege bestimmen, in welcher Jahreszeit das war. Außerdem sind Markusfliegen ganz schwarz, und ich mag alles, was schwarz ist.

Lustig sind auch Käsefliegenmaden. Die können springen und krümmen sich vorher wie ein Croissant zusammen. Außerdem schreien alle im Labor noch lauter, wenn diese Maden aus einem Leichensack springen.

Siehst Du dich eher als Biologe oder Forensiker?

Eigentlich bin ich einfach ein Ärmel hochkrempelnder Biologe, der manchmal vor Gericht sitzt. Wichtig ist, dass ich im Herzen Biologe bin. Kriminalistik ist einfach eine Anwendung meiner biologischen Tätigkeit.

An der Universität Wien interessieren sich vor allem Studierende der physischen/biologischen Anthropologie für eine Karriere in der Forensik. War deine Karriere ein Glücksfall?

„Karriere“ würde ich es jetzt nicht nennen. Mir macht es einfach Spaß. Meine Frau und ich arbeiten 365 Tage im Jahr und haben keinen Urlaub. Wer spannende, unbekannte Welten im Kleinen erforschen will, hat als freiberufliche/r Forensiker/in einen der vielfältigsten und verantwortungsvollsten Spielplätze im naturwissenschaftlichen Bereich.

Siehst du Bedarf für BiologInnen in der Forensik?

Klar, massenhaft. Es macht nur keiner. Die meisten wollen halt Hubschrauber fliegen, mit Blaulicht herumrasen oder so was. Bei uns geht es aber um Messen, Zählen, Sortieren und Fotografieren. So gesehen trifft unsere Wirklichkeit eigentlich nie die Erwartungen. Wer gerne sehr vertieft und verkauzt rumwurschtelt, extrem ordentlich und sehr ehrlich ist, für den ist das was.

Mein Tipp wäre, auf der Jobsuche auch mal bei der Polizei und bei Routine-Labors reinzuschnuppern. Da herrschen normalere Arbeitsbedingungen.

Gibt es bestimmte Qualifikationen, die man mitbringen sollte?

Ja. Freude an sehr guter, präziser Fotografie, Akribie, Ordnungsliebe, Detailversessenheit und Offenheit für die schrägsten Dinge: Unsere Fälle klingen oft nahezu unmöglich. Wir untersuchen auch Blutwunder, Leichen-Öle, Mumienkeller und dergleichen. Es ist auch zwingend notwendig, jederzeit zu reisen und andere Menschen, Lebensweisen und Kulturen ganz ehrlich und tief zu akzeptieren.

Spaß an Ausrüstung ist auch gut. Ich suche immer neue, noch präzisere Messgeräte, die aber nie digital sein dürfen, weil sie sonst zu schnell kaputt gehen. Ich habe bestimmt schon fünfzig Taschenlampen getestet, und ein großer Testbericht für eine stabile Metall-Tatort-Lampe mit Sperma auf verschiedenen Textilien stammt auch aus unserem Labor.

Hast du noch einen abschließenden Tipp für die Studierenden?

Ja: Arbeiten, nicht reden.

Durch Deine Arbeit bist Du ja ziemlich abgeklärt, wenn es um das Thema „Tod“ geht. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, wie man den menschlichen Körper nach dem biologischen Tod noch verwenden kann. Angefangen von der Nutzung für Forschung und Wissenschaft bis zum Einsatz als Dünger durch Promession. Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, was mit Deinem Körper passieren soll?

Mir egal, das können andere entscheiden. Ich bin dann ja tot und kriege nix mehr mit. Fäulnis im Freien finde ich normal, natürlich und energieeffizient, aber da sich viele Menschen davor gruseln, will ich nichts erzwingen, was anderen unangenehm ist.

Danke für das Interview. Und vielleicht sieht man sich ja bei deiner nächsten Vorstellung in Wien.

PROMESSION ist eine neue Bestattungsmethode, die auf der Forschung der schwedischen Biologin Susanne Wiigh-Mäsak beruht. Der Verwesungsvorgang wird hierbei durch vorheriges kryotechnisches Granulieren und Trocknen der Leiche beschleunigt. Anschließend kann das Granulat kompostiert werden. Die Methode erlangte in den letzten Jahren unter dem Schlagwort „Öko-Bestattung“ mediale Aufmerksamkeit.

MARK BENECKE IN WIEN
Termine: 6. Juni 2018 – Hitlers Schädel
               8. Juni 2018 – Bakterien, Gerüche und Leichen
Ort:         Rabenhof Theater
Rabengasse 3, 1030 Wien
Mehr Informationen zu Mark Benecke: http://home.benecke.com/

Titelbild: Untersuchungsfläche am Hochschwab. Quelle: Harald Pauli

Gebirge sind häufig Hotspots der Biodiversität. Gleichzeitig sind sie aber aufgrund ihres Arten- und Endemiten-Reichtums und den speziellen klimatischen Gegebenheiten durch den Klimawandel besonders gefährdet. Seit mittlerweile zwei Jahrzehnten beschäftigen sich Forscherteams in der ganzen Welt mit den möglichen Folgen für die alpine Flora. Die Idee dazu entstand in Österreich.

Die internationale Ausrichtung spürt man nicht sofort, wenn man das GLORIA-Büro im 19. Bezirk/Wien betritt. Es ist eine lichtdurchflutete Altbauwohnung in einer ruhigen Lage, umgeben von schicken Häusern und Grünflächen vor den hohen Fenstern. Doch tatsächlich ist GLORIA mittlerweile eine der wenigen langfristigen internationalen Forschungsinitiativen mit Sitz in Österreich.

GLORIA (Global Observation Research Initiative in Alpine Environments)
Ist eine Initiative, die ein internationales Monitoring-Netzwerk für Langzeitbeobachtungen alpiner Pflanzengesellschaften betreibt. Die vergleichenden Studien (sowohl nationaler als auch internationaler Art) zielen vor allem darauf ab, Biodiversitätsmuster zu erfassen und die Auswirkung des Klimawandels auf die Hochgebirgsvegetation festzustellen.

Als Anfang der Neunziger der Klimawandel zu einem Begriff und langsam auch zu einem Thema der öffentlichen Medien wurde, gab es noch sehr wenige Initiativen, die sich mit Langzeitveränderungen durch die globale Erwärmung befassten. „Zu der Zeit war ich Diplomand bei Georg Grabherr und in meiner Dissertation wollten wir die Veränderung in der alpinen Flora untersuchen“, erzählt Harald Pauli, der mittlerweile der Kopf des GLORIA Teams ist. Die Idee war, Gipfel, wie die Hochwilde in den Ötztaler Alpen, von denen es historisch vollständige Artenlisten gab, erneut zu besuchen und ein aktuelles Arteninventar zu erstellen. „Natürlich war nur ein geringer Teil der historischen Daten für einen Vergleich geeignet, doch es ließ sich dennoch ohne Zweifel feststellen, dass nun viel mehr Arten auf den Gipfeln vorkamen“, erinnert sich Pauli an die Resultate der Arbeit, die ihn und seinen Kollegen Michael Gottfried zwei Sommer lang beschäftigte. Die zweite Publikation zu den Ergebnissen schaffte es dann überraschend in der Zeitschrift Nature. „Damit war klar, dass wir in diese Richtung weitermachen müssen“, so Pauli.

Von einer Publikation zu einem weltweiten Netzwerk

Die Motivation, das Projekt fortzuführen war gegeben, allerdings gab es kaum Vergleichsdaten auf nationaler und internationaler Ebene, vor allem aber außerhalb Europas. Meist waren nur mehr oder weniger unvollständige Artenlisten vorhanden, was die Auswertungsmöglichkeiten einschränkte.

„Wir brauchten Genaueres“, schildert Pauli die Situation, die schließlich zu dem mittlerweile internationalen GLORIA-Netzwerk führte. Anfang des Jahrtausends tastete das Team um Georg Grabherr das Interesse der internationalen Forschungsgemeinschaft zu den Forschungsbestrebungen ab und erntete sogleich positive Reaktionen. Das erste EU-Projekt wurde daraufhin eingereicht. Das Netzwerk, das mit 18 Gebieten begann, umfasst mittlerweile 130 Gebiete verteilt auf sechs Kontinente.

Abb.1: Europäische Gebirgsregionen mit GLORIA-Erhebungsflächen. Diejenigen 17 Regionen, die in die erste Erhebung 2001-2008 eingebunden waren sind mit schwarz umrandeten gelben Punkten gekennzeichnet. Quelle: Harald Pauli
Abb.1: Europäische Gebirgsregionen mit GLORIA-Erhebungsflächen. Diejenigen 17 Regionen, die in die erste Erhebung 2001-2008 eingebunden waren sind mit schwarz umrandeten gelben Punkten gekennzeichnet. Quelle: Harald Pauli

Erste Ergebnisse

Im Jahr 2001 erfolgte die erste Erhebung der Gefäßpflanzengemeinschaften auf den Dauerflächen der 66 Gipfel in den 17 europäischen Regionen. Nach der Wiederholungskartierung 2008, lagen die ersten Vergleichsdaten vor. Dabei war ein Höhersteigen der Arten auf fast allen Gipfeln erkennbar. Im Schnitt verschoben sich die Artengrenzen um 2,7 Meter nach oben. Die Artenvielfalt stieg ebenfalls um durchschnittlich acht Prozent an. Dies bedeutet, dass die Pflanzen nicht nur ihre Obergrenzen ausweiten, sondern auch Pflanzen von unten nachdrängen. Dies könnte zu Problemen vor allem bei jenen Pflanzen führen, die bereits am Limit ihrer oberen Verbreitungsgrenze wachsen und nicht mehr weiter ausweichen können. Der Gletscher-Hahnenfuß kann sich beispielsweise gar nicht an höhere Temperaturen anpassen. Er würde, bei Fehlen geeigneter kühlerer Habitate, schnell seine physiologischen Reserven aufbrauchen. Im schlimmsten Fall würde dies lokale Aussterbeereignisse nach sich ziehen. „Ein Aussterben ist aber natürlich schwer festzustellen. Wir können nur einen Rückgang in der Bedeckung oder eine Verdrängung durch andere Pflanzen festhalten und daraus mögliche Schlüsse ziehen“, erklärt Pauli.

Abb.2: Der Gletscher-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis) ist gut an das raue alpine Klima angepasst. Unter wärmeren Bedingungen sind seine physiologischen Grenzen schnell erreicht. Quelle: Harald Pauli
Abb.2: Der Gletscher-Hahnenfuß (Ranunculus glacialis) ist gut an das raue alpine Klima angepasst. Unter wärmeren Bedingungen sind seine physiologischen Grenzen schnell erreicht. Quelle: Harald Pauli

Die Zunahme der Artenzahlen vollzieht sich jedoch nicht in allen europäischen Regionen gleichermaßen. In mediterranen Gebieten zeigt sich gar eine Abnahme der Artenzahlen. Dies könnte auf einen kombinierten Effekt von Klimaerwärmung und abnehmender Niederschlagsmenge zurückzuführen sein. „Weniger Regen führt zu Trockenstress, den nur wenige Pflanzen aushalten“, folgert Pauli. Diese Ergebnisse seien vor allem deshalb besorgniserregend, führt er weiter aus, da „gerade in den mediterranen Gebieten, die verfügbaren Hochgebirgsflächen sehr klein sind und ein hoher Grad an Endemismus besteht“. Diese endemischen Pflanzen haben wenig Möglichkeiten, ihre Verbreitung den klimatischen Gegebenheiten anzupassen. Bereits nach den ersten sieben Jahren wurden 31 Prozent der 2001 aufgenommenen Endemiten nicht erneut gefunden (Pauli et al., 2012).

Außerdem konnte eine zunehmende Thermophilisierung der alpinen Flora festgestellt werden. Das bedeutet, dass in den untersuchten Regionen, die Bedeckung jener Pflanzen zunimmt, die an höhere Temperaturen angepasst sind. Diese Pflanzen, die normalerweise weiter unten (in der montanen oder subalpinen Zone) wachsen und größer als die meist klein- und langsam-wüchsigen alpinen Arten werden, wandern nach oben und konkurrieren mit den alpinen Arten um Licht. Im Schnitt konnte festgestellt werden, dass sich die Höhenstufen in sieben Jahren um fünf Prozent nach oben verschoben. Dies führt zu einem Schrumpfen der Hochgebirgszonen mit genügend niedrigen Temperaturen für an Kälte angepasste Hochgebirgsarten (Gottfried et al., 2012).

Abb.3: Der Indikator für die Thermophilisierung (D) ist signifikant positiv auf europäischer Ebene. Der rote Strich repräsentiert die mittlere Thermophilisierung in Europa, der grüne Bereich ist das 95% Konfidenzintervall. Orange Punkte und horizontale Balken stehen für den Mittelwert D pro Region sowie die dazugehörigen 95% Konfidenzintervalle. Quelle: Gottfried et al., (2012)
Abb.3: Der Indikator für die Thermophilisierung (D) ist signifikant positiv auf europäischer Ebene. Der rote Strich repräsentiert die mittlere Thermophilisierung in Europa, der grüne Bereich ist das 95% Konfidenzintervall. Orange Punkte und horizontale Balken stehen für den Mittelwert D pro Region sowie die dazugehörigen 95% Konfidenzintervalle. Quelle: Gottfried et al., (2012)

Ausblick in die Zukunft

„Unser Schwerpunkt in den nächsten Jahren wird es sein, vermehrt funktionelle Merkmale gemeinsam mit den anderen Monitoring-Daten aufzunehmen.“, beantwortet Pauli die Frage nach der Zukunft von GLORIA. Damit werden die Interpretationsmöglichkeiten und die Aussagekraft der Daten erheblich verbessert. Funktionelle Merkmale können eine mögliche Thermophilisierung anzeigen oder auf den Rückgang von Niederschlägen hindeuten (skleromorphe Pflanzen). In den mediterranen Gebieten ist der Rückgang der Niederschlagsmenge (siehe „Erste Ergebnisse“) derweil nur eine mögliche Erklärung für den Artenrückgang. Da es weder möglich noch praktikabel wäre überall Wetterstationen zu bauen, kann die Hypothese durch die Untersuchung funktioneller Merkmale geklärt werden.

Allerdings gibt es keine einheitliche Literatur zu diesen Merkmalen, die einen Vergleich über Ländergrenzen hinweg zuließe. Deshalb ist eines der nächsten Ziele des GLORIA-Teams einen vollständigen Datensatz mit diesen Zusatzinformationen, zumindest einmal für Europa, zu erstellen.

Außerdem müssen die Daten, die 2015 im dritten Durchgang des Projekts erhoben wurden, noch analysiert werden. Anhand dieser könnte nun bereits ein Trend in den Entwicklungen prognostiziert werden.

Hürden eines internationalen Langzeitprojekts

Langzeitmonitoring-Initiativen wie GLORIA stoßen aber auch auf viele Probleme, die gleichzeitig als Kritik am Forschungsalltag gesehen werden können, der in den meisten Wissenschaften nun eingekehrt ist. Pauli erklärt die Schwierigkeiten so: „Monitoring-Daten, die nur alle fünf bis zehn Jahre erhoben werden, fallen nicht unter die Kriterien der meisten Fördertöpfe. Aber in Bezug auf den Biodiversitäts- und Klimawandel sind nur solche Projekte wirklich sinnvoll“.

Europaweit gibt es kaum Fördergelder für Projekte, die über mehr als fünf Jahre laufen. Langfristige Finanzierungskonzepte sind nicht en vogue. Deshalb müssen immer neue Projektanträge geschrieben werden, „obwohl sich an der grundsätzlichen Fragestellung nichts ändert und ein Projektdurchgang vielleicht auch gar nicht genug ist, um sie zu beantworten“, so Pauli. Um ein Bestehen der Initiative zu sichern, müsse das Team vermehrt Strategien entwickeln, wie das Monitoring langfristig finanziert werden kann, „weil die Daten ja auch mit jedem Durchgang interessanter und wertvoller werden“.

Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, neue Dauerbeobachtungsflächen außerhalb Europas zu schaffen. Gerade in Afrika und Asien gibt es wenige Monitoring-Flächen. Dies liegt einerseits an der weniger ausgeprägten Tradition zur Feldbiologie und andererseits an der teils fehlenden oder unvollständigen Bestimmungsliteratur. Auch politisch ist die Kooperation zwischen manchen Ländern kaum möglich und Sprachbarrieren erschweren die Zusammenarbeit weiter.

Trotz dieser Hürden ist mit GLORIA etwas gelungen, was bisher kaum denkbar war: In allen Klimaregionen der Erde verteilt auf sechs Kontinente, gibt es WissenschafterInnen, die in gemeinsamer Anstrengung an einer Fragestellung zum möglicherweise brisantesten Problem unserer Zeit arbeiten – den Auswirkungen des Klimawandels.

Harald Pauli

Harald Pauli
Die Berge begleiten den Hochgebirgsökologen bereits in seiner gesamten Laufbahn. Harald Pauli studierte Biologie mit dem Schwerpunkt Botanik an der Universität Wien und arbeitete dann lange Zeit in der Forschungsgruppe um Georg Grabherr zu klimawandel-induzierten Veränderungen von Gefäßpflanzen in der alpinen und nivalen Zone. Mittlerweile ist er Leiter des internationalen GLORIA Netzwerkes und Monitoringprogramms an der BOKU und der ÖAW sowie Vizedirektor des Instituts für Interdisziplinäre Gebirgsforschung, IGF, an der ÖAW.

Titelbild: Urknall. Quelle: Dorthe Landschulz. Aus: Wissenschaftliche Cartoons. Holzbaum-Verlag

Der Titel ist Programm, die Bilder aber lustiger als er erschließen lässt.

Was kann Wissenschaft heutzutage? Menschen Dinge erzählen, die sie dann eh nicht glauben? Oder vielleicht Wissen produzieren, das in der Menge „alternativer Wahrheiten“ untergeht?

Weiterlesen

Titelbild: MitarbeiterInnen des Büros des Rektorats. Quelle: Universität Wien

Johannes Sorz

Johannes Sorz ist an der Uni Wien im Büro des Rektorats beschäftigt, wo er als Referent für Forschung und Nachwuchsförderung tätig ist. Nach seinem Studium der Botanik an der Uni Wien hat er sein Doktoratsstudium an der Universität für Bodenkultur am Department für Integrative Biologie abgeschlossen. Vor seiner derzeitigen Tätigkeit war er als Experte für das FP7 (7 th Framework Programme for Research and Technological Development der EU) im Bereich europäische und internationale Programme der FFG (Forschungsförderungsgesellschaft) beschäftigt.

Im Büro des Rektorats ist er einerseits die direkte Ansprechperson für alle fachlichen Fragen des für die Forschung zuständigen Rektoratsmitglieds als auch Ansprechpartner für alle zentralen Einrichtungen der Universität im Bereich Forschung (z. B. Forschungsservice, DoktorandInnenzentrum, Qualitätssicherung). Er unterstützt das Rektorat zudem bei der Ausarbeitung und bei den Verhandlungen der Leistungsvereinbarungen mit dem Bundesministerium, bei den Budgetverhandlungen (Zielvereinbarungen) mit den Fakultäten und Zentren und ist für Auswertungen und Monitoring von wissenschaftlichen Leistungen (Drittmitteleinwerbungen, Publikationen, Patente, etc.) und für die Entwicklung von Indikatoren zur leistungsorientierten Mittelvergabe im Bereich der Forschung zuständig. Seine weiteren Kernaufgaben umfassen außerdem: Entwicklung und Administration der universitätsinternen Forschungsförderungsmechanismen (Forschungsplattformen, Forschungsverbünde, Forschungscluster); Hochschulrankings (Analyse der Ergebnisse und Vorbereitung der Presseaussendungen); Erstellung von Analysen und Berichten zu aktuellen Trends in der Forschung und in der nationalen und internationalen Forschungs- und Forschungsförderungslandschaft.

Auch selbst ist er in der Forschung aktiv, nämlich im Bereich der Bibliometrie/Szientometrie (Auswertung von wissenschaftlichen Ergebnissen) und beschäftigt sich außerdem wissenschaftlich mit der Aussagekraft von Universitätsrankings. In diesen Bereichen hat er bereits wissenschaftliche Artikel publiziert. Seine neueste Arbeit kann man hier nachlesen.

1) Beschreibe kurz Deinen Arbeitsalltag. Was sind Deine Hauptaufgaben?

Ich komme so um acht Uhr ins Büro und arbeite in der Regel acht bis neun Stunden. Es gibt saisonale Stoßzeiten wie zum Beispiel die Vorbereitungen der Zielvereinbarungen mit den Fakultäten, die eher arbeitsintensiv sind. Meist sind Anfragen (Mail, Telefon) von WissenschaftlerInnen der Uni Wien zu den Förderinstrumenten oder von FunktionsträgerInnen zu den diversen Beschlüssen des Rektorats zu beantworten. Sehr oft benötigen entweder der Vizerektor für Forschung oder der Rektor bestimmte Auswertungen. Wie z.B. wer forscht an der Uni Wien zum Thema x? Oder eine Delegation aus dem Land x kommt zu Besuch, wer kooperiert in der Forschung mit Universitäten in diesem Land? Wieviel hat der oder die ForscherIn y in den letzten Jahren publiziert? Welche Universitäten in Österreich oder in einem anderen Land forschen im Bereich x?
Stehen Leistungsvereinbarungen, Zielvereinbarungen oder die Erstellung eines aktuellen Entwicklungsplans an, dann sind vorbereitende Unterlagen für das Rektorat zu erstellen und man macht sich gemeinsam mit den Rektoratsmitgliedern Gedanken über die strategischen Ziele der Universität und wie diese mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu erreichen sind. Dafür gibt es immer eine Menge Termine fachlich zu betreuen, rektoratsintern, mit den Fakultätsleitungen, mit den Leitungen der Serviceeinrichtungen oder anderen Leitungsorganen (Senat, Unirat), Ministerialbeamten, etc.
Ein wichtiger Teil der Regelarbeit ist auch die Vorbereitung der Rektoratssitzungen. Einmal die Woche findet ein Treffen aller Rektoratsmitglieder statt und dafür müssen alle möglichen Unterlagen vorbereitet werden. Hat der/die VizerektorIn für Forschung einen Bericht vorzulegen oder es gibt ein Thema, das einen Beschluss aller Rektoratsmitglieder benötigt (z.B. Budgets für Ausschreibungen, Bestellung von FunktionsträgerInnen, Entwurf einer Leistungsvereinbarung), dann muss ich die Unterlagen dafür vorbereiten und mich um die Umsetzung der Beschlüsse kümmern.
Wenn eine Ausschreibung, zum Beispiel für Forschungsplattformen, offen ist, dann nimmt das über mehrere Monate den Großteil meiner Arbeitszeit ein. Hier sind die Ausschreibungen zu konzipieren und zu budgetieren, viele Anfragen von WissenschaftlerInnen zu beantworten, die Ausschreibungen abzuwickeln, die Einrichtung der erfolgreichen Projekte zu administrieren und der Fortschritt der Projekte zu überwachen und zu dokumentieren.

2) Was gefällt Dir an Deinem Job am meisten?

Die Vielseitigkeit der Aufgaben (es gibt immer neue Anfragen, Projekte, Themen…) und des Teams (Ex-WissenschaftlerInnen, JuristInnen, PR-Leute) sowie die sehr kompetente Büroleitung.
Außerdem kann ich mich mit dem Bereich Forschung und Hochschulen beschäftigen, was mich interessiert. An einer großen, fachlich sehr heterogenen Universität hat man mit vielen unterschiedlichen Forschungsthemen aus allen Bereichen von Archäologie über Molekularbiologie bis Quantenphysik zu tun, was ich persönlich sehr spannend finde.
Selbstverständlich ist auch die freie Zeiteinteilung ein großer Vorteil. Es gibt bestimmte Deadlines, die zu erfüllen sind, aber keine Stechuhr. Das ist sehr praktisch, wenn man ein Kind hat, das zum Beispiel am Nachmittag zum Arzt oder früher aus dem Kindergarten abgeholt werden muss. Ich kann entweder früher in die Arbeit kommen, am Abend von zuhause aus arbeiten oder die Arbeit an anderen Tagen nachholen.

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Deinem Beruf? Was sind für Dich die größten Herausforderungen?

Zeitdisziplin: die Deadlines auch einzuhalten ist eine Herausforderung.
Bei den vielen verschiedenen Anforderungen und Themen ist es wichtig, nicht den Überblick zu verlieren, und abzuschätzen wieviel Zeit und Energie in eine Aufgabe investiert werden muss, und/oder ob eine Aufgabe auch delegiert werden kann, etwa an eine zentrale Serviceeinrichtung.

4) Wie bist Du auf Deinen Job aufmerksam geworden?

Ich habe mich auf ein Inserat in einer österreichischen Tageszeitung beworben.

5) Welche Qualifikationen sind für Deine Tätigkeit besonders wichtig?

Es gibt mehrere wichtige Punkte:

  • Akademischer Abschluss und Promotion: Für den akademischen Reputationsnachweis – von ForscherInnen, insbesondere ProfessorInnen, wird man ohne Doktorat kaum wahrgenommen, beziehungsweise würden sie sich „nichts erzählen“ lassen, wenn es um Forschung geht.
  • Eigene Erfahrung in der Forschung: Diese hatte ich durch meine Dissertation und meine Mitarbeit bei einem FWF-Projekt.
  • Erfahrung im Bereich Forschungsförderung, vor allem mit EU-Projekten: Diese hatte ich durch meine Tätigkeit bei der FFG.
  • Zeitliche Flexibilität (mal viel, mal wenig arbeiten, mal muss was schnell fertig sein, mal hat man Zeit…).

6) War es schon immer Dein Wunsch, eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hattest Du früher andere Berufswünsche?

Nein. Ich wollte ursprünglich Wissenschaftler werden und den Wald retten. Habe mich aber aus pragmatischen Gründen dann für eine Karriere in der Wissenschaftsadministration entschieden, da ich nach dem Doktoratsstudium in Wien bleiben und eine Familie gründen wollte. Einen unbefristeten Arbeitsvertrag findet man in diesem Lebensabschnitt eher in der Administration als in der Forschung. Ich wollte mein Leben nicht darauf aufbauen, von einer zeitlich befristeten oft prekären Stelle zur nächsten zu springen. Seit ich an der Universität Wien tätig bin, weiß ich, dass das eigentlich der Regelfall ist und, dass es für eine erfolgreiche ForscherInnenkarriere auch notwendig ist, Forschungserfahrung im Ausland zu sammeln. Ich habe für mich persönlich allerdings gemerkt, dass mich die Wissenschaft nicht in diesem Ausmaß begeistert, dass ich dafür bereit wäre, ein Leben als wissenschaftlicher Nomade zu führen, der mit viel Glück irgendwann mal nach Wien zurückberufen wird oder eine Dauerstelle bekommt.

7) Wie siehst Du die Arbeitsmarktsituation in Deinem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für Biologinnen und Biologen?

Das hängt sehr stark vom genauen Betätigungsfeld und Schwerpunkt ab, und davon was man machen will. In der Wissenschaft gibt es immer Möglichkeiten, wenn man bereit ist Opfer zu bringen, und ins Ausland zu gehen, siehe oben. Es gibt Felder, die derzeit sehr gefragt sind, wie etwa die Bioinformatik. Hier sind die Chancen, in Österreich und abseits der Universität was zu finden sehr gut. Das gleiche gilt für Biochemie und Molekularbiologie, wobei der Markt hier teilweise schon gesättigt ist. Mit organismischer Biologie ist es sehr schwer abseits der universitären Forschung etwas zu finden, wo man das Gelernte auch anwenden kann. Ich kenne allerdings niemanden, der lange arbeitslos geblieben ist. Viele meiner damaligen StudienkollegInnen sind in der Wissenschaftsadministration oder in ganz anderen Betätigungsfeldern tätig.

8) Ist ein Biologiestudium für Deine Position notwendig; welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Wie oben beschrieben: Ein Doktorat war Voraussetzung, obwohl nicht notwendigerweise in der Biologie. Für die Stelle bei der FFG war ein naturwissenschaftliches Doktorat Voraussetzung, und diese war mein Sprungbrett für meine derzeitige Position. Man lernt dann eigentlich alles im Job. Wenn man in dem Bereich noch höher hinaus will, ist ein MBA oder jede Art der Ausbildung im Bereich Wirtschaft/Finanzen sicher hilfreich.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigst Du in Deinem Berufsalltag am häufigsten?

Statistik, Mathematik und Kenntnisse der Aufbereitung wissenschaftlicher Daten.

10) Was würdest Du Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

1. Sich bereits im Studium Gedanken über die Berufswahl und mögliche Alternativen machen, und bei der Wahl des Studienzweiges darauf zu achten. Auch bei der Masterarbeit ein einschlägiges Thema wählen.
2. Rechtzeitig während des Studiums einschlägige Praktika machen, um einen Einblick in mögliche Betätigungsfelder zu bekommen und um Erfahrungen zu sammeln und Kontakte zu knüpfen.
3. Wenn man wirklich eine Tätigkeit im Bereich der Wissenschaftsadministration von vornherein anstrebt, sollte man eher nach dem BA ein Jus- oder Wirtschaftsstudium anhängen. Sich jedenfalls den MA und insbesondere das Doktorat wirklich gut überlegen. Das kann Lebenszeit sparen, wenn man nicht wirklich in die Forschung gehen will und bringt oft mehr Chancen, auch abseits der Unis. Es gibt auch interessante Postgraduate-Angebote (wie Wissenschaftskommunikation, PR, MBA, etc.), die mehr Sinn machen als ein Doktorat.

Vielen Dank für das Interview!

Universität Wien
Die Universität Wien wurde 1365 in Wien gegründet und zählt zu den ältesten und größten in Europa. Sie ist mit derzeit rund 93.000 Studenten und circa 9.700 MitarbeiterInnen die größte Forschungsinstitution Österreichs, und bietet mit über 180 Studien das vielfältigste Studienangebot des Landes. Im Bereich der Forschung gliedert sie sich in 15 Fakultäten und 4 Zentren, für die Organisation der Studien sind 49 Studienprogrammleitungen und der Studienpräses verantwortlich. Administrativ gliedert sich die Uni in 5 Stabstellen, 11 Dienstleistungseinrichtungen und die Qualitätssicherung.
Das Büro des Rektorats unterstützt den Rektor und die VizerektorInnen bei der Vorbereitung der zu treffenden strategischen Entscheidungen im Zusammenwirken mit den anderen universitären Organen (insbesondere Universitätsrat, Senat, DekanInnen, StudienprogrammleiterInnen, etc.).

FP7: 7th Framework Programme for Research and Technological Development
Das 7. Rahmenprogramm (7. RP) mit einer Laufzeit von 7 Jahren (2007-2013) war das zu der Zeit größte transnationale Forschungsprogramm der Europäischen Union mit einem Gesamtbudget von 54 Milliarden Euro. Das Ziel der Rahmenprogramme ist die Stärkung der wissenschaftlichen und technologischen Grundlagen der Industrie der Gemeinschaft sowie die Förderung ihrer internationalen Wettbewerbsfähigkeit. Im Rahmenprogramm werden die wissenschaftlichen und technologischen Ziele, die Grundzüge der Maßnahmen und Forschungsprioritäten, der Gesamthöchstbetrag und vorläufige Verteilung der Mittel, sowie die Einzelheiten der finanziellen Beteiligung der EU festgelegt.
Das Nachfolgeprogramm, gültig von 2014 – 2020, nennt sich Horizon 2020.

Ciliat in Tusche. Diese „Lebenddarstellung“ wird für Bestimmungsliteratur verwendet. Quelle: Michael Gruber

Michael Gruber hat sein Ökologiestudium an der Universität Wien mit Schwerpunkt Meeresbiologie und Elektronenmikroskopie absolviert. Er ist seit 2012 technischer Assistent an der Universität Salzburg und seit 2015 außerdem freischaffender naturwissenschaftlicher Illustrator.

1) Beschreibe kurz Deinen Arbeitsalltag. Was sind Deine Hauptaufgaben?

Abb. 1: Michael Gruber bei der Arbeit: Es erfordert viel Genauigkeit und einen guten Blick fürs Detail, Illustrationen von Organismen anzufertigen. Quelle: Michael Gruber

Hauptberuflich vermesse und zeichne ich Ciliaten (Einzeller) im Zuge eines FWF Projektes zur taxonomischen Bestimmung von Bodeneinzellern aus Venezuela, Galapagos und Australien. Da diese Tiere sehr klein sind, so zwischen 40-200µm, benötigt man ein Mikroskop um sie zu sehen. Mittels eines sogenannten „Zeichenapparates“ (Camera lucida), der seitlich am Mikroskop befestigt ist, fertige ich zuerst Bleistiftzeichnungen an, die dann noch reingezeichnet und zum Schluss in Tusche ausgeführt werden. Die Ciliaten befinden sich fixiert auf Objektträgern und werden mittels Öl-Immersion (1000-fache Vergrößerung) bestimmt.

Nebenberuflich bin ich seit Mitte 2015 als naturwissenschaftlicher Illustrator selbstständig tätig. Hier richtet sich der Arbeitsalltag nach den Aufträgen und Wünschen der Kunden.

2) Was gefällt Dir an Deinem Job am meisten?

Zuallererst, dass es ein Job ist, den ich von Herzen gerne mache: ich kann meine Kreativität nutzen, um Leute auf Besonderheiten der Natur aufmerksam zu machen. Dieser Job verbindet dadurch meine beiden Lieblingsbereiche: Biologie und Illustration.

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Deinem Beruf? Was sind für Dich die größten Herausforderungen?

Ich bin noch nicht sehr lange als freischaffender Illustrator tätig, aber das Schwierigste ist bislang die Suche nach Kunden gewesen. Die meisten, die per Mail antworten, bedanken sich freundlich, aber haben meist nicht die nötige Finanzierung oder bereits eigene Illustratoren oder Grafiker. Es gibt aber immer wieder sehr nette Kolleginnen und Kollegen, die Einblicke in ihre Sammlung erlauben, um das eigene Portfolio ein bisschen zu vergrößern oder unentgeltlich Zeichnungen in Magazinen veröffentlichen, was als Werbung natürlich auch nicht zu verachten ist.

Abb. 2: Chamäleon: Farbstifte, Tusche und Marker für die Highlights. Quelle: M. Gruber

4) Wie bist Du auf Deinen Job aufmerksam geworden?

Die Stelle an der Universität Salzburg als technischer Assistent war eigentlich als Doktoratsstelle im Internet und in der Zeitung ausgeschrieben. Wir konnten uns aber einigen, mich als technischen Assistenten anzustellen, da mir eine weitere wissenschaftliche Laufbahn aus familiären Gründen nicht zusagte. Dies war ein echter Glücksgriff und gab mir die Chance eine neue Zeichenart für mich zu entdecken: die Mikroskopie-Zeichnung. Viele der Organismen, die wir nicht oder nur sehr schlecht sehen, haben eine beeindruckende Körpersymmetrie und Schönheit wie man sie zum Beispiel in den Darstellungen von Ernst Haeckl findet. Dies sind die Dinge, die mich faszinieren und die ich den Leuten, die mit diesen Lebewesen im Alltag nicht so viel zu tun haben, näherbringen will.

5) Welche Qualifikationen sind für Deine Tätigkeit besonders wichtig?

Genauigkeit, Neugierde und Faszination.

6) War es schon immer Dein Wunsch, eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hattest Du früher andere Berufswünsche?

Eigentlich wollte ich als aktiver Meeresbiologe am Meer leben und forschen. Dieser Gedanke an endlose Freilandarbeit im Wasser, tolle Entdeckungen und viel Spaß waren zwar rückblickend gesehen leicht naiv, aber sehr anspornend. Erst bei meinem 10-jährigen Maturaklassentreffen, da arbeitete ich bereits seit Kurzem als technischer Assistent, sagte meine ehemalige Deutschlehrerin zu mir, dass sie eigentlich früher dachte ich würde einmal Zeichner oder Künstler werden – das hat mir dann letztlich die Augen für diesen Beruf geöffnet.

Abb. 3: Krebs in Punktiertechnik mit Tusche. Quelle: M. Gruber

7) Wie siehst Du die Arbeitsmarktsituation in Deinem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für Biologinnen und Biologen?

Die Arbeitsmarktsituation ist meiner Meinung nach nicht sehr gut; speziell in meiner Branche. Auf hochwertige Illustrationen wird leider sehr wenig Wert gelegt. Viele Kunden möchten Qualität – aber am liebsten gratis. Am Stellenmarkt findet man am ehesten etwas in der Pharmabranche und in der Mikrobiologie oder Genetik, aber wenn man etwas Anderes sucht, stößt man bald an seine Grenzen. Trotzdem sollte man die Hoffnung nicht aufgeben: auch wenn man anfänglich nicht den Job macht den man sich gewünscht hat, der richtige kommt bestimmt!

8) Ist ein Biologiestudium für Deine Position notwendig; welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Das Biologiestudium ist nicht zwingend notwendig, hilft aber sehr, die komplexen Strukturen und die Anatomie von Tieren und Pflanzen besser zu verstehen. Am besten wäre es, gleich naturwissenschaftliche Illustration zu studieren.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigst Du in Deinem Berufsalltag am häufigsten?

Die diversen anatomischen Zeichenübungen, Zoologie und Systematik.

10) Was würdest Du Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

Beharrlich seine Ziele zu verfolgen und sich immer weiterzuentwickeln. Jede neue Technik, jede zusätzliche Ausbildung kann nur von Nutzen sein.

Vielen Dank für das Interview!

Abb. 4: Gorillas in Gouache, einer Art Wasserfarbentechnik. Quelle: M. Gruber

Titelbild: Runde vs. runzelige Erbsenform, eines der sieben von Mendel untersuchten Merkmale (Quelle: BOKU Vollmann)

Gregor Mendels berühmte Regeln der Vererbung werden heuer 150 Jahre alt. Auf Initiative der Gregor-Mendel-Gesellschaft Wien und mit Unterstützung der Universität für Bodenkultur sowie der Veterinärmedizinischen Universität Wien wurde dazu ein Symposium an der Akademie der Wissenschaften in Wien abgehalten, das nicht nur Rückblick, sondern auch Einblick in aktuelle Entwicklungen der Genetik bot. Resümee: Die Genetik ist eine Leitdisziplin innerhalb der Biowissenschaften geworden, und die Molekulargenetik nimmt eine zentrale Stellung für Forschung in Landwirtschaft, Humanmedizin und Biologie ein.

Weiterlesen

Titelbild: Ökologe Albin Blaschka – die Arbeit im Freiland ist neben Literaturrecherche, Absprachen mit Projektbeteiligten, Nachbereitung, Auswertung und Publikationstätigkeit nur ein Aspekt seines Arbeitsbereiches. Quelle: Albin Blaschka

Albin Blaschka

Albin Blaschka ist seit September 2002 an der Höheren Bundeslehr- und Forschungsanstalt für Landwirtschaft (einer Dienststelle des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft – BMLFUW), zuerst über Werkverträge, seit Anfang 2004 als „Freier Dienstnehmer“, tätig. Zwischen 1992 und 2000 hat er Ökologie an der Universität Salzburg studiert (Magister) und zwischen 2008 und 2015 im Rahmen seiner Tätigkeiten, über die Universität Salzburg ein Doktorat absolviert.

Sein „offizieller“ Arbeitsbereich ist Projektmanagement und Support von internationalen Projekten. Die fachlich-wissenschaftlichen Tätigkeiten umfassen angewandte Fragestellungen aus den Bereichen Vegetationsökologie, Landschaftsökologie, ökologische Wiederbegrünung und Renaturierungsökologie. Zurzeit beschäftigt sich Albin Blaschka intensiv mit dem Management von Almweiden unter sich ändernden Bedingungen, unterschiedlichen Landnutzungssystemen und multifunktional genutzten Landschaften. Ein wichtiger Teil der Arbeit ist es, Wissen und Erkenntnisse der Grundlagenforschung für die praktische Anwendung aufzubereiten und an Bedarfsträger (Landwirte, aber auch Naturschutz und Tourismus, etc.) weiterzugeben.

1) Beschreibe kurz Deinen Arbeitsalltag. Was sind Deine Hauptaufgaben?

Mein eigentlicher Aufgabenbereich liegt im Projektmanagement für internationale Projekte unserer Forschungsanstalt: Informationen über Ausschreibungen zusammentragen, bei der Antragsstellung mitarbeiten, Berichtswesen und Abrechnungen sowie Beratungen und Hilfestellungen für KollegInnen an der Forschungsanstalt.
Es bleibt aber auch Zeit für fachlich-wissenschaftliche Tätigkeiten, entweder in den Projekten für deren Management ich verantwortlich bin, oder aber auch in eigenen oder von KollegInnen durchgeführten Projekten. Die zeitliche Aufteilung hängt stark von der Jahreszeit beziehungsweise vom jeweiligen Projektzyklus ab und natürlich davon, wie viele Projekte gerade an unserer Anstalt laufen. Wenn ich hauptsächlich wissenschaftlich arbeite, verteilt sich meine Zeit auf verschiedene Bereiche: Vorbereitungen und Literaturrecherche, Absprachen sowohl mit am Projekt beteiligten KollegInnen, aber auch mit GrundeigentümerInnen usw., Geländearbeit/Datenaufnahmen während der Vegetationsperiode(spätes Frühjahr und Sommer), Nachbereitung (Proben versorgen, Dokumentation, Datenmanagement, Nachbestimmungen von Arten) und Auswertungen (Statistik, GIS, etc.), Berichtswesen und Publikationstätigkeiten.

2) Was gefällt Dir an Deinem Job am meisten?

Die Abwechslung, die Herausforderung, Theorie und Konzepte in praxistaugliche Maßnahmen oder Empfehlungen umzusetzen, Wissen aus unterschiedlichen Bereichen (Botanik/Ökologie, Landschaftsökologie, Naturschutz, Landwirtschaft) zu verknüpfen und manchmal zu sehen, dass Ergebnisse der eigenen Arbeit von den BedarfsträgerInnen verwendet werden.

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Deinem Beruf? Was sind für Dich die größten Herausforderungen?

Anstrengend wird es, wenn es gilt gegen vorgefasste Meinungen und gegenseitige Vorurteile (Ökologie/Naturschutz auf der einen und Landwirtschaft auf der anderen Seite) anzukämpfen – „Wir haben das immer schon so gemacht, und werden das jetzt nicht ändern“. Auch Hierarchien und Bürokratie lassen einen von Zeit zu Zeit das Vorbild von Don Quijote ziemlich erstrebenswert erscheinen, bei allem Verständnis, dass in einer (alpinen Kultur-) Landschaft, in der viele Interessen zu Recht herrschen, Regeln und deren Einhaltung unbedingt notwendig sind.

4) Wie bist Du auf Deinen Job aufmerksam geworden?

Durch puren Zufall bzw. eigentlich Glück: Eine Studienkollegin hatte einen Werkvertrag an der Forschungsanstalt, den sie aber wegen einer anderen Jobmöglichkeit, die ihr mehr entsprach, nicht mehr vollständig erfüllen konnte. Nach Gesprächen mit dem verantwortlichen Kollegen, konnte sie den Werkvertrag auf mich übertragen – ich war damals freiberuflich tätig und immer auf der Suche nach Aufträgen. Daraus ergaben sich Folgeaufträge, zuerst ebenfalls auf Werkvertragsbasis. So entstand dann im Rahmen meines ersten EU/INTERREG – Projektes ein zeitlich begrenzter Vertrag als freier Dienstnehmer, dem durchgehend bis heute weitere folgten.

5) Welche Qualifikationen sind für Deine Tätigkeit besonders wichtig?

Die fachlichen Grundlagen der Ökologie bzw. die Kenntnis naturräumlicher Zusammenhänge und Grundkenntnisse der landwirtschaftlichen Forschung und Arbeit sind die unverzichtbare Basis. Weiter sind Datenmanagement, systemtheoretisches und räumliches Denken, GIS, grundlegende Programmierkenntnisse und Organisationstalent notwendig.
Jedoch alles, was irgendwann notwendig wäre, kann man nicht lernen/beherrschen. Daher ist es ebenso unverzichtbar, zu wissen, wo die eigenen Kenntnisse aufhören und es nicht klug ist, zu versuchen diese sich anzueignen, sondern sich KollegInnen zu suchen und mit diesen Kooperationen aufzubauen und gemeinsam an die Lösung des Problems heranzugehen.

6) War es schon immer Dein Wunsch, eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hattest Du früher andere Berufswünsche?

Im Prinzip entspricht es meinem Berufswunsch – auch wenn mein absoluter Wunschtraum während des Studiums ursprünglich mehr im universitären Umfeld bzw. im Bereich der Grundlagenforschung angesiedelt war. Auch ist der Teil meiner Arbeit, der rein im administrativen Bereich angesiedelt ist, nicht unbedingt motivierend. Er gehört jedoch dazu und bietet andererseits auch interessante Einblicke in andere Tätigkeitsbereiche. Abgesehen davon ist Projektmanagement auch ein Teil jeder wissenschaftlichen Arbeit, auch wenn mir das früher noch nicht bewusst war.

Landschaft als Labor bzw. Untersuchungsobjekt und angewandtes Arbeiten ist abwechslungsreich, heißt auch außerhalb der eigenen Expertise selbst mit anzupacken. Quelle: Albin Blaschka

7) Wie siehst Du die Arbeitsmarktsituation in Deinem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für Biologinnen und Biologen?

Die Situation ist sicher sehr schwierig und mit hohem Risiko verbunden, einen guten Job zu finden, speziell wenn man räumlich nicht so flexibel sein kann oder will. Beschränkt man sich auf die Stadt, in der man studiert hat oder die unmittelbare Umgebung, gibt man sich selber noch ein großes Handicap dazu. Sieht man sich als EuropäerIn und hat man auch entsprechende Fremdsprachenkenntnisse (im Prinzip heißt das zusätzlich zu Englisch eine weitere Sprache), erweitert dies die Chancen sehr. Wichtig sind auf jeden Fall Engagement, Fertigkeiten und Fähigkeiten („soft skills“), die über das rein Fachliche hinausgehen, leider auch meist mehr als für einen „normalen“ Job.

8) Ist ein Biologiestudium für Deine Position notwendig; welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Ein Biologiestudium ist auf jeden Fall notwendig. Kenntnisse der Landwirtschaft, zu Landnutzungssystemen allgemein und der Tierhaltung im speziellen, die ich mir in großen Teilen „on the job“ angeeignet habe, sind für die Art von Fragen, die ich bearbeite, ebenso notwendig. Kenntnisse in Ökonomie wären wünschenswert, fundierte Kenntnisse in Datenmanagement und Computer allgemein sind ebenso unverzichtbarer Teil des „Handwerks“. Diese habe ich mir zuerst als Hobby bereits zu Schulzeiten, dann im Rahmen meiner Arbeiten seit der Diplomarbeit selbst angeeignet. Statistik war während meines Diplomstudiums noch nicht so bedeutend, was sich aber inzwischen geändert hat, und das ist gut so.
Über Ausbildung/Lernen hinausgehend ist sicher ein gutes Maß an Organisationstalent und ein gewisses Selbstvertrauen und Auftreten (Vorträge, Besprechungen, etc.) zumindest hilfreich. Auch erleichtert eine gewisse Stressresistenz und Leidensfähigkeit, „Wetterfestigkeit“ und „Robustheit“ die Geländearbeiten.
Im Umfeld internationaler Kooperationen und dem Publizieren der Ergebnisse sind gute Englischkenntnisse Grundbedingung, (grundlegende) Kenntnisse einer weiteren Fremdsprache auf jeden Fall hilfreich und ein zusätzlicher Bonus.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigst Du in Deinem Berufsalltag am häufigsten?

Kenntnisse von ökosystemaren Zusammenhängen, Wissen über heimische Pflanzengemeinschaften, systemisches Denken, Artenkenntnisse und das systematische Herangehen an ein Problem/an eine Frage, also die „wissenschaftliche Methodik“ als solches, auch wenn das jetzt ein wenig klischeehaft klingt.

10) Was würdest Du Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

Bei aller Begeisterung für das eigene Fach und der notwendigen Konzentration darauf, ist es unbedingt notwendig, sich einen offenen Geist zu bewahren und zu akzeptieren, dass das Studium einem nur den Weg weist und Lernen ein ständiger Prozess und damit Teil des eigenen Lebens sein muss. Auch sich eine gesunde Portion kindlicher Neugierde und Spieltrieb zu bewahren, sich die Hartnäckigkeit aneignen, alles (auch sich selbst bzw. die eigene Meinung) in Frage zu stellen. Und über allem muss Ausdauer stehen und die Konsequenz sich von Misserfolgen jeglicher Art auf dem Weg zu einem „guten“ Job nicht abbringen zu lassensowie dabei auch nicht zu vergessen, dass das Leben aus mehr als Arbeit besteht, mag man sich auch noch so sehr damit identifizieren.

Vielen Dank für das Interview!

Titelbild: Voralpenseen sind von Cyanobakterien besiedelt, welche bei Überdüngung und Temperaturschichtung der Wassersäule Algenblüten bilden. Quelle: R. Kurmayer

Voralpenseen gelten als Juwelen der Alpenregion. Durch Überdüngung und Klimaerwärmung vermehren sich Problemalgen, die an tiefe Seen der Alpenregion angepasst sind. Welche Rolle für die Besiedlung und Blütenbildung im Ökosystem dabei der Synthese von toxischen Peptiden zukommt, ist unbekannt und wird erforscht.

Weiterlesen

Titelbild: Wurzelknöllchen an Erbse. Foto: Rainhard Turetschek

Genau wie eine gesunde Darmflora beim Menschen, kann bei Hülsenfrüchten eine spezialisierte Wurzelflora die Immunabwehr stärken. Für die Landwirtschaft bietet das eine anwendbare Methode um bei häufigeren Trockenstressperioden den Ertragsausfall von Hülsenfrüchten zu minimieren.

Weiterlesen

Titelbild: Von Blattschneiderameisen der Gattung Atta skelettiertes Blatt im „Regenwald der Österreicher“ in Costa Rica, aufgenommen im Rahmen eines Projektpraktikums mit Studierenden der Universität Wien im Februar 2015. © Franz Essl

Univ.-Ass. Mag. Dr. Franz Essl arbeitet seit September 2003 im Umweltbundesamt in der Abteilung Biologische Vielfalt und Naturschutz. Seit Mai 2013 arbeitet er in einer zweiten Halbtagsstelle zusätzlich an der Universität Wien in der Abteilung für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie als Universitätsassistent.

Univ.-Ass. Mag. Dr. Franz Essl. Naturschutzbiologe am Umweltbundesamt und an der Uni Wien

1) Franz, beschreibe bitte kurz Deinen Arbeitsalltag. Was sind Deine Hauptaufgaben?

Mein Arbeitsschwerpunkt umfasst Naturschutzforschung mit einem besonderen Interessensschwerpunkt auf biologische Invasionen, Klimawandel und seine Auswirkungen auf Arten und Lebensräume, Biogeographie und Instrumente des Naturschutzes (z.B. Rote Listen). Die Arbeit ist sehr abwechslungsreich: Einreichung, Leitung und Bearbeitung von Projekten, Lehre, Betreuung von Masterarbeiten und Dissertationen, Abhaltung von Vorträgen, Teilnahme an Tagungen und Workshops, Medienarbeit und Verfassung von Veröffentlichungen – v.a. von Artikeln in Fachzeitschriften, aber auch von Büchern und Buchbeiträgen. Generell ist meine Arbeit charakterisiert durch eine starke internationale Ausrichtung.

2) Was gefällt Dir an Deinem Job am meisten?

Mich motiviert besonders, Zusammenhänge in der Natur und daraus resultierende Konsequenzen für die Menschheit besser zu verstehen, v.a. im Kontext des rasanten globalen Wandels. Dabei arbeite ich sehr gerne im Team, wobei für mich dabei hohe Eigenmotivation, Zuverlässigkeit, Kreativität und Freude an der Arbeit wichtige Kriterien sind.

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Deinem Beruf? Was sind für Dich die größten Herausforderungen?

Die große Bandbreit an Aufgaben verlangt eine entsprechend große Breite persönlicher Fähigkeiten. Diese Anforderungen alle gut abzudecken, persönliche Stärken auszubauen und Schwächen zu beseitigen, ist nicht immer einfach.

Eine zweite Herausforderung ist das Zeitmanagement. Dies bedeutet für mich u.a. eine Fokussierung auf die wichtigen Aufgaben und Ziele und weniger wichtige Arbeiten – falls möglich – nicht zu machen oder zu delegieren. Denn es gibt auch ein Leben jenseits der Arbeit …

4) Wie bist Du auf diesen Job aufmerksam geworden?

Ich hatte schon vor meiner Anstellung im Umweltbundesamt zwei Projekte für das Umweltbundesamt bearbeitet, daraus ist dann damals eigentlich von selbst die Möglichkeit einer Anstellung erwachsen. Die Position an der Universität Wien ergab sich in Folge der Neubesetzung des Lehrstuhls für Naturschutzbiologie, Vegetations- und Landschaftsökologie. Da ich eine jahrelange intensive Kooperation mit dieser Abteilung hatte, war die Annahme einer halben Assistenzstelle ein für mich logischer Schritt, der sich bislang sehr bewährt hat.

5) Welche Qualifikationen waren besonders entscheidend, dass Du diesen Job bekommen hast?

Entscheidend sind sowohl gute fachliche, als auch organisatorische und leitende Fähigkeiten. Für ebenfalls besonders wichtig halte ich Belastbarkeit, Übersicht, Fokussierung und Reflexion, aber auch Kritikfähigkeit und aus Fehlern zu lernen.

6) War es schon immer Dein Wunsch eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hattest Du früher andere Berufswünsche?

Ein intensives Interesse für die Natur begleitet mich seit meiner Kindheit. Früher sah ich meine Zukunft im angewandten Naturschutz – dem ich mich weiterhin verbunden fühle. Die Fokussierung auf Forschung erfolgte erst später, gegen Ende meines Studiums, und teilweise sogar erst nachher. Es ist nie zu spät, sich ändernden Interessen zu folgen.

7) Wie siehst Du die Arbeitsmarktsituation in Deinem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für BiologInnen?

Ich würde mich nicht an etwas besseren oder schlechteren Berufsaussichten bei der Wahl des Studiums orientieren – viel wichtiger ist das eigene Interesse. Generell ist es aber eher schwierig, als Ökologe/in eine fixe Position zu finden – sowohl im angewandten Bereich, als auch in der Forschung. Dabei hat sich die Arbeitsplatzsituation in den letzten 15 Jahren verschlechtert. Der Grund dafür ist, dass die Mehrzahl der Stellen von Personen besetzt ist, die in den nächsten Jahren noch nicht in Pension gehen werden und weil eine Ausweitung des Stellenangebotes nur in geringem Ausmaß erfolgt. Andererseits meine ich aber, dass AbsolventInnen mit Ausdauer und Zähigkeit sowie einer fundierten Ausbildung Jobs finden werden. Zum Einstieg wird es zwar oft nicht die perfekte Stelle sein, aber so kann man Erfahrungen sammeln, die später sehr hilfreich bei der Arbeitssuche sind.

8) Ist ein Biologiestudium für Deine Position notwendig, welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Für Forschung im Bereich Ökologie und Naturschutzbiologie ist eine fundierte fachliche Grundlage essenziell und das Biologiestudium bietet hier die beste Grundlage. Nahezu ebenso wichtig sind sehr gute analytische und methodische Kenntnisse (z.B. Statistik, GIS, Datenbanken), Englischkenntnisse, und die Fähigkeiten in Netzwerken und Teams zu denken und zu arbeiten. Generell kann ich empfehlen, auf eine gewisse inhaltliche und thematische Breite in der Ausbildung zu achten. Aber: Die individuelle Interessenslage und die persönlichen Stärken entscheiden letztlich darüber, welche konkreten Qualifikationen besonders wichtig sind – diesen Weg muss jede/r für sich selbst gehen.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigst Du in Deinem Berufsalltag am häufigsten?

Das ist schwierig zu beantworten. Am wichtigsten sind für mich wohl die fachlichen und methodischen Grundlagen, die ich mir während des Studiums angeeignet habe. Vieles, was heute für meine Arbeit wichtig geworden ist, habe ich jedoch nicht oder nur bedingt während des Studiums gelernt.

10) Was würdest Du Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

Ich würde folgendes raten:

Finde heraus was Dir an einer Arbeit wichtig ist und folge deinen Interessen und Neigungen.

Sei ambitioniert, habe Ausdauer, lass dich nicht entmutigen, bleibe selbstkritisch.

Bleibe neugierig, versuche immer wieder Neues und lerne weiter.

Vielen Dank!