Sie fressen sich durch fremde Körper den Weg ins Leben, werfen ihre Brut wie Bomben ab, verleihen Begriffen wie Oralsex oder Vorspiel neue Dimension und gehen für den Fortbestand ihrer Art buchstäblich über Leichen: Was immer Hollywood erfindet, hat die Natur im Stamm der Gliederfüßer bereits realisiert. Passend zum Valentinstag, werfen wir mit Dr. Michael Greeff (ETH Zürich) einen Blick auf einige der bizarrsten Liebes- und Fortpflanzungsrituale von Insekten & Co. 

Die Kälte erzeugt fast Gänsehaut im Keller der Zürcher Weinbergstrasse 56. Doch sie hat ihren Grund – es ist die vorerst letzte Ruhestätte eines gigantischen toten Zoos, der vor lebenden (gefräßigen) Artgenossen geschützt werden muss. Was hier noch lebt, stört nur die Toten: namentlich zwei Millionen vollständig präparierte Insekten, von stecknadelkopfklein bis handtellergroß, teils zwei Jahrhunderte alt, gebettet in unzähligen Holzschubladen – viele davon Vertreter von Arten mit bizarren Biographien und noch bizarrerem Liebesleben.

(c) Entomologische Sammlung / ETH Zürich

Die Freaks unter den Lebewesen

Evolutionsbiologe Dr. Michael Greeff kann seinem Publikum ein Lied davon singen. Als Leiter der Entomologische Sammlung der ETH Zürich ist er fürs Kuratieren, Digitalisieren, aber auch für die Öffentlichkeitsarbeit zuständig. „Insekten sind die Freaks und Hippster unter den Lebewesen“, schmunzelt Greeff, „wenn ich sie als ‚Tiere‘ bezeichne, schauen mich die Leute manchmal erstaunt an. Es sind Tiere, aber sie haben einen anderen Status für uns als etwa Wirbeltiere. Insekten und andere Gliederfüßer sind uns nicht ähnlich. Sie sind dekorativ, schön, aber auch bizarr, ausgeflippt, für viele eklig.“ Man habe da bisweilen eher die Assoziation zu Aliens, und das zu Recht – speziell, wenn es um die Fortpflanzung geht. Wo gibt es beim Menschen schon Embryonen, die sich durch einen Körper fressen und daraus hervorbrechen? Aber der Reihe nach.

Pfauenspinnenmännchen (c) Jurgen Otto / Wikipedia Commons

Gefährliches Vorspiel

Auch bei Gliederfüßern gilt: Die Angebetete muss erstmal gefunden und überzeugt werden – oft eine Sache auf Leben und Tod. Pfauenspinnen-Männchen – ein schönes, aber exotisches Beispiel – richten ihren prächtig gefärbten Hinterleib auf und vollführen damit einen Tanz, der an einen maskierten Medizinmann bei der Regenanrufung erinnert. Ist das Weibchen beeindruckt, hat das Männchen Glück; falls nicht, schwebt es in doppelter Lebensgefahr: Nicht nur das Weibchen wird ihn attackieren, auch Fressfeinde könnte das Gewedle bereits angelockt haben. Aber immerhin, seine Balz ist nicht ganz so verzweifelt wie jene mancher Mantisarten hierzulande – deren Tanz soll sicherstellen, dass die Auserkorenen das Männchen nicht fälschlicherweise schon vor der Paarung für Beute hält. In jedem Fall gilt: Je satter das Weibchen, desto sicherer der Sex.

Tierisches Kamasutra in vier Akten

Wenn es zur Sache geht, sind Spinnentiere wohl die kreativsten Vertreter unter den Arthropoden. „Webspinnenmännchen zum Beispiel bauen ein Netz, worauf sie die Spermien abgeben“, erklärt Greeff, „an der Pedipalpe verfügt das Männchen über eine Art Boxhandschuh mit einer leeren Röhre. Damit saugen sie die Spermien vom Netz auf, suchen das Weibchen, hoffen, die Balz zu überleben und führen dann, wenn das Weibchen es zulässt, diesen Bulbus – so heißt der Boxhandschuh – samt Spermien zur Geschlechtsöffnung des Weibchens. Es ist ein Schlüssel-Schloss Prinzip – der Bulbus passt nur zur Öffnung von Weibchen der gleichen Art.“

Männchen einer Webspinnenart mit Bulbi (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich /Albert Krebs 

Bei den Zwergfüßern (Tausendfüßer) wiederum gehen die Männchen lieber kein Risiko ein, bei der Balz gefressen zu werden. Sie lösen das Problem durch eine Spermatophore am Boden – praktisch Sperma am Stil – und gehen dann ihrer Wege. „Dieses Konstrukt findet das Weibchen und nimmt die Spermien in den Mund“, erzählt Greeff, „dann legt das Weibchen ein Ei ab, gibt die Spermien aus dem Mund auf dieses Ei und bringt das Ganze dann – wiederum mit dem Mund – auf ein Moospflänzchen auf, wo der Nachwuchs aus dem Ei schlüpft und sich vom Moos ernährt.“

Eine Spielart davon finde sich übrigens auch bei Pinselfüßern: „Da produziert das Männchen allerdings ein kleines Spermiennetz und lässt einen langen Faden übrig, der in die Landschaft ragt. Per Zufall stoße dann das Weibchen auf den einsamen Leitfaden. Es folgt ihm, fast wie Theseus Ariadnes Faden im Labyrinth des Minotauros, bis es das Spermiennetz erreicht und die Eier damit befruchtet. Kurzum: Das Weibchen trifft das Männchen nie.

Ameise und Bläuling (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Albert Krebs 

Bei einer australischen Schmetterlingsart aus der Familie der Bläulinge wäre das undenkbar. Sie bevorzugen Kontrolle. „Die Männchen schlüpfen sogar früher “, erklärt Greeff, „und warten dann extra bei einer weiblichen Puppe bis das Weibchen schlüpft – allerdings in Gesellschaft von zig anderen Freiern. Öffnet sich die Puppe, beginnt das Gerangel und endet mit der Vergewaltigung des Weibchens durch das stärkste Männchen.“ Bisweilen warten die Männchen irrtümlich bei der falschen, also einer noch ungeschlüpften männlichen Puppe. Diese wird trotzdem vergewaltigt, „möglicherweise damit das eine Männchen auch das Spermienpaket des anderen bei der Kopulation überträgt“, mutmaßt Greeff. Verwundern würde es nicht, geht es doch in der Biographie der Bläulinge skurril weiter: Manche ihrer Raupen duften und hören sich z.B. an wie Ameisenlarven, werden also von Ameisen versorgt und sogar auf die Weide getragen.

[AUDIO]

Eine kurze Geschichte von Ameisen und Bläulingen, erzählt von Michael Greeff

Showdown mit Eierbomben und alienistischen Kuckuckskindern

Geht es um den Nachwuchs, sind auch parasitoide Formen typisch für Insekten – wie jene kreative des Wollschwebers: „Er umwickelt seine Eier mit Staub und baut so kleine Bomben, die er dann über den Nesteingängen von solitären Wildbienen abwirft“, sagt Greeff. Die Wildbienen verstauen dort normal ihre eigene Brut samt Pollenpaket. „Verschließen sie den Eingang, ohne das Staub-Ei entdeckt zu haben, kann die Larve des Wollschwebers getrost schlüpfen, die Bienenlarve fressen und dann obendrauf noch das Pollen-Lunchpaket genießen.“

Großer Wollschweber (c) Entomologie/Botanik, ETH Zürich / Albert Krebs 

Toppen können das fast nur Schlupfwespenarten. Diese dreisten Insekten-Vertreter legen ihre Eier direkt in die Jungstadien von anderen Insekten. Die Jungwespen fressen dann von innen her die fremde Larve auf, ohne diese zu töten. „Sie lassen alle lebenswichtigen Organe bis zum Schluss unberührt. Erst, wenn sie bereit sind sich zu verpuppen, werden sie gefressen. Kein Wunder also, dass manche Leute bei Insekten an Aliens denken“, meint Greeff. Embryos, die einen von innen auffressen und aus einem Körper hervorbrechen kenne man ja sonst nur von Hollywood – tatsächlich sei das aber typisch Insekt.

Schützenswerte Vielfalt

Wertschätzung für den Erhalt und die Erforschung genau diese Vielfalt generiert sich laut Michael Greeff in erster Linie über Faszination für diese sensiblen Lebewesen, die auf den ersten Blick oft nur eklig und unangenehm scheinen mögen. „Nur wenige Faktoren reichen aus, damit eine Art nicht mehr vorkommt. Daher sind sie ein Indikator dafür, wie sich unsere Umwelt verändert.“ So gesehen dokumentiert eine Sammlung wie jene der ETH Zürich immer auch die Welt – einschließlich ihrer evolutionären Siege und Sackgassen. Was den Ideenreichtum in der Fortpflanzung betrifft, toppen Insekten und andere Gliederfüßer den Menschen jedenfalls bei Weitem. Langeweile kommt da keine auf – nicht mal im toten Zoo der Weinbergstraße 56, legen doch Museumskäfer ihre Eier bevorzugt in totes Insektengewebe…aber das ist eine andere Geschichte.

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(c) Michael Greeff

Michael Greeff ist derzeit Leiter der Entomologischen Sammlung der ETH Zürich. Am Beginn seiner Karriere forschte er zum Paarungsverhalten von Hummeln sowie zur Frage, weshalb sich die sexuelle Fortpflanzung bei Pflanzen und Tieren durchgesetzt hat. Dann wechselte er in die Bioinformatik, entwickelte Software in Japan und München, bis er in Zürich durch Zufall zurück zu den Insekten fand und seitdem als Kurator sowie Lehrender maßgeblichen Anteil daran hat, dass die Entomologische Sammlung von 1858 zeitgemäß wiedererweckt und weitervermittelt wird.

Weiterführende Links: Artenschutz-Projekte Insekten Tirol

Bug Buddies

Projekt “Blütenreich” Tiroler Umweltanwaltschaft

Tagfalter-Monitoring (Projekt Viel-Falter)

Artenhilfsprogramm Alpenbockkäfer

bioskop
:: Das bizarre (Liebes)leben von Insekten & Co
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Schon mal eine Königin besiegt? Seit Game of Thrones wissen wir, das ist kein Honigschlecken. Unter Insekten dürfte das ähnlich schwierig sein, doch wer sein Glück versuchen will, probiert es am besten mit Hive – einem Strategiespiel, welches die Herzen aller Biologinnen und Biologen mit Sicherheit höher schlagen lässt. Wer es schafft die gegnerische Bienenkönigin durch geschicktes Legen und Ziehen der sechseckigen Spielsteine zu umzingeln und damit bewegungsunfähig zu machen, gewinnt. 

Für dieses Unterfangen stehen jedem Spieler eine Reihe verschiedener Spielsteine aus dem Kabinett der Arthropoda zur Verfügung. Der Clou dabei: Ähnlich wie beim Schach hat jedes darauf abgebildete Krabbeltier unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten. Die Figuren werden von den Spielern abwechselnd ins Spiel gebracht, die eigene Bienenkönigin spätestens im vierten Zug. Ab dann dürfen die gesetzten Steine auch am Spielfeld bewegt werden. Einzige Bedingung, der Schwarm (Hive) darf niemals auseinander fallen, es muss zu jedem Zeitpunkt ein durchgehender Kontakt mit allen Steinen am Feld gegeben sein. Durch dieses Konzept verläuft jedes Duell anders und teilweise kann ein einziger geschickter Zug den Ausgang der Partie komplett umdrehen. 

(c) Martin Bichler

Das Starterset kommt in einer praktischen Aufbewahrungstasche und beinhaltet 2x 11 Spielsteine sowie die Spielanleitung. Die Kunststoffspielsteine sind robust gefertigt und wiegen je ca. 22g. Der Durchmesser beträgt 41mm und die Höhe 10mm. Damit liegen die wabenförmigen Sechsecke gut in der Hand und sind auch ideal für den harten Feldeinsatz bei Wind und Wetter (z.B. für den Strandurlaub) geeignet. Noch ein Hinweis für die Reisegambler: Es gibt auch die Pocketversion, die mit kleineren und leichteren Spielsteinen geliefert wird.  Wer nun noch nicht restlos überzeugt ist, kann Hive auch als App am Handy kostenlos ausprobieren (-> Bild) und versuchen, in verschiedenen Schwierigkeitsstufen eine ominöse KI zu schlagen oder live gegen andere Online-Teilnehmer anzutreten (https://play.google.com/store/apps/details?id=com.jb.hive.android). 

Alle, die jetzt eine Untersuchung ihres eigenen Suchtverhaltens beginnen möchten, sollten zwischen € 20 und € 25 beim Spielwarenhändler ihres Vertrauens investieren. Das Basisspiel lässt sich durch zusätzliche Spielsteine (Assel, Mosquito, Ladybug) auf spannende Art und Weise erweitern. Hive transportiert zwar keine biologischen Inhalte, trotzdem mag das Spiel verschiedene Kompetenzen trainieren, wie beispielsweise analytisches Denken, Konzentrationsfähigkeit und räumliches Vorstellungsvermögen. Doch noch wichtiger als das: Hive macht einfach Spaß!  

Wenn Tiernomaden über die Leinwand ziehen, Bären mit Biologen vor der Kamera sitzen und das Publikum über Umweltskandale und den Nobelpreis für die CRISPR-Methode diskutiert, dann ist wieder Natur Film Festival Zeit in Innsbruck. Die Umstände waren 2020 allerdings herausfordernd wie nie. Bettina Lutz, Daniel Dlouhy und Johannes Kostenzer erzählen wie Corona zum Einfallsreichtum zwang und doch inspirierende Begegnungen ermöglichte.

„Wie ist denn euer Gefühl, rückblickend, jetzt da das Festival vorüber ist?“, tönt die Frage blechern durch die Kopfhörer. Normalerweise hätte man sowas gemütlich bei einem Bier besprochen und nicht über eine instabile Zoom-Verbindung. Aber ungewöhnliche Zeiten, erfordern ungewöhnliche Maßnahmen. Wie sehr, hätten sich die Kulturvermittler Bettina Lutz und Daniel Dlouhy – die beiden hier am anderen Ende der Zoomleitung – zu Beginn der Festival-Planung im Jänner allerdings wohl nicht träumen lassen.  

Anfang Oktober eröffnete Festivaldirektor Johannes Kostenzer das Innsbruck Nature Film Festival zum 19. Mal – diesmal aus Platzgründen im Metropol. Wie schon im Vorjahr, fand es im Rahmen des International Nature Festivals statt – dabei steht Tirol einige bunte Herbstwochen lang ganz im Zeichen von Natur und Umwelt: mit Workshops, Exkursionen, Vorträgen und vielen anderen Aktivitäten (Programm „Senses“). Ein Highlight aber bleibt die Filmwoche, dieses Jahr organisiert von Bettina und Daniel.

(c) INFF 2020_Eine Herauforderung in Krisenzeiten

„Uns ist, als hätten wir zwei Festivals organisiert“, schildert Bettina. „Es war wahnsinnig viel Arbeit. Planbarkeit hat es keine gegeben, weil sich alle zwei Wochen was ändern konnte.“ Dazu sei noch der Umzug ins größere Kino gekommen, um den nötigen Abstand im Saal gewährleisten zu können – „das war für mich die größte Herausforderung“, schmunzelt Daniel, Metropol ist doch normalerweise eher knalliges Blockbusterkino, weniger Naturfilm. Trotzdem habe es gut funktioniert, auch weil die Freiwilligen einen guten Job gemacht haben, wirft Bettina ein. Man sei teils auch ausverkauft gewesen, Corona-Maßnahmen entsprechend ausverkauft, aber immerhin. „Die Leute waren happy, dass da was Kulturelles passiert, etwas, das zum Nachdenken über Natur und Umwelt anregt“, meint auch Daniel. Bettina nippt an ihrer Tasse: „Das zeigt doch, dass Präsenzveranstaltungen was anderes auslösen im Menschen, und wie wichtig es ist, dass man aktuellen Themen Raum zur Diskussion einräumt.“

(C) INFF2020_”Nomads”_Tierische Migranten

Von CRISPR/Cas bis Nachtigall

Anlass zu Gesprächen dürfte das bewusst breitgefächerte Programm zur Genüge geboten haben. So konnte man in manchen Sälen Natur von einer neuen Seite kennenlernen: etwa wenn Young Talent Megan Brown vorführte, was genau in einem Schmetterlingskokon passiert oder wenn Emiliano Ruprah das Thema Migration aus tierischer Perspektive zeigte und Roman Droux von seinen Abenteuern mitten im Braunbärengebiet in Alaska erzählte. Ferner hat man gelernt, dass „Madenteppiche“ auf Kadavern zwar eklig sein mögen, aber auch enorm wichtig für die Nährstoffkreisläufe, und dass Nachtigallen offenbar gerne mit Berliner Musikern musizieren (oder sich zumindest nicht von ihnen beim Gezwitscher stören lassen).

"Der Bär in mir"_Mit Natur und Wildnis auf Tuchfühlung
(c) INFF 2020_”Der Bär in mir”_Mit Natur und Wildnis auf Tuchfühlung

In anderen Sälen wiederum ging es nachdenklicher zu: Man diskutierte vor dem Hintergrund der Nobelpreisverleihung an J. Doudna und E. Charpentier die Dokumentation Human Nature – The CRISPR Revolution; sinnierte darüber, wie es sein kann, dass in Afrika immer noch verbotene, giftige Substanzen auf dem freien Markt verkauft werden oder war ergriffen von der Geschichte eines Whistleblowers, der die furchtbaren Zustände in einem Delfinarium schilderte.

Daniel: „Uns war es wichtig, dass wir filmbranchenmäßig relevante und thematisch interessante Filme zeigen – auch welche, die unter dem Radar schwimmen, aber trotzdem wertvoll sind. Der Walrossfilm zum Beispiel spielt in Kanada – ist der also für uns hier interessant? Ja, ist er – wir müssen über Zoos nachdenken, die haben wir ja auch.“

Bettina: „Den Ausschlag gegeben hat hier aber vor allem der interessante Protagonist, obwohl der mir persönlich doch eher unsympathisch ist…

Daniel: „..aber er ist auch nie schwarz-weiß. Er beleuchtet die Graubereiche, oder? Das macht es spannend.“

Welcher Film ins Programm kommt, entscheiden oft mehrere Faktoren: Ausgewogenheit zwischen den verschiedenen Typen von Naturdokus und Umweltdokus, der Lernaspekt und eben die Spannung. „Manchmal geht‘s aber auch darum, einfach etwas einzubringen, um es dann gezielt zu diskutieren“, präzisiert Daniel, „dieses Jahr hatten wir so einen Fall mit „Protect our Winters“ – da geht es um Leute, die für nachhaltiges Snowboarden eintreten, aber zwischenzeitlich mit dem Helikopter nach Patagonien fliegen. Wir haben sie eingeladen, um darüber zu diskutieren, wie das jetzt eigentlich ist mit der Nachhaltigkeit.“

(c) INFF 2020_”First we eat”_Suzanne auf Huflattichsuche

Schöne Begegnungen auf Distanz

All das wurde beim Festival erfolgreich bewerkstelligt. Neben den omnipräsenten Masken und elefantösen Abständen zeigte sich Corona letztlich aber vor allem in der bis zum Ende geschrumpften Liste der Filmemacher und Gäste, die am Ende nicht anreisen konnten. Bisweilen aber fanden sich trotzdem kreative Lösungen, aus denen schöne Begegnungen auf Distanz wurden. Suzanne Crocker etwa, Regisseurin von „First we eat“, wollte es sich nicht nehmen lassen, die Gesichter ihres Publikums zu sehen und mit ihm in Dialog zu treten. So holte man sie virtuell her, wie Bettina erzählt:

„Das ist schon was Schönes, wenn du merkst, dass diese Virtualität keine Rolle spielt“, meint Bettina, „ob Suzanne nun im Raum gewesen ist oder nicht, das war komplett egal.“  Ähnlich sei es auch bei der Preisverteilung gewesen oder bei Workshops im Kino, die kurzerhand als Livestream präsentiert wurden. „Ich glaube, dass man da für die Zukunft gelernt hat“, meint Daniel, „online allein ist für das Festival zwar weniger interessant – dazu ist es zu wichtig, dass man live da ist und die Atmosphäre mitkriegt – aber es hilft, die Dinge weiter zu denken. Leonardo di Caprio etwa wird schwer herzuholen sein, wie wir letztes Jahr bei seiner Doku festgestellt haben, aber wer weiß. Ihn oder eine andere Persönlichkeit bei Bedarf mal anzuskypen, geht schon wieder in eine Richtung, die klappen könnte.“

(c) INFF 2020_Ausstellung zum Nature Festival im Foyer des Metropol

Fürs Erste freut man sich über das positive Feedback der Besucher und ist froh, das Festival inner- und außerhalb des Kinos gut gemeistert zu haben. „Der neue Standort und Corona stellten uns vor viele Herausforderungen“, räumt Festivaldirektor und Umweltanwalt Johannes Kostenzer ein, „gleichzeitig wurden wir aber von vielen Seiten sehr unterstützt. Ein Festival ist nur dann ein Festival, wenn sich Menschen begegnen können, sich austauschen, gegenseitig bereichern und inspirieren. Dafür ist das Miteinander an einem großartigen Ort wie der Stadt Innsbruck essentiell.“ Es sei schön, dass so viele FilmemacherInnen das Innsbruck Nature Film Festival als attraktiven Ort für Begegnung und Austausch schätzen. Am Ende sei es auch heuer bestens gelungen, „den Themen Film, Natur und Umwelt hier in den Alpen einen Ort zu geben und zu sensibilisieren für einen sorgsamen Umgang mit unserer Umwelt“, freut sich Kostenzer.

Eines ist dem gesamten Festivalteam aber bereits bei der Nachbesprechung klar: Nach dem Festival ist vor dem Festival und die gesammelte Liste an Verbesserungsvorschlägen wird Ansporn sein, das 20. Innsbruck Nature Film Festival im Oktober 2021 noch interessanter, abwechslungsreicher und spannender zu gestalten.

Du bist Natur - Fassade am Metropol
(c) INFF 2020_Fassade am Metropol

Weiterführende Links

International Nature Festival

Innsbruck Nature Film Festival

bioskop
:: Natur in 60 Filmen – Festival in schwierigen Zeiten
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Titelbild: Quelle: via pixabay.

Der Boden bebt, das Wasser im Glas auch – diese Szene aus dem Film „Jurassic Park“ kennt wohl jeder. Auch die Dinosaurier, die ihre Beute anbrüllten, bevor sie nach ihr schnappten. Aber konnten Tyrannosaurus rex und die Velociraptoren so jemals Beute machen? Bernhard Kegel geht in seinem Buch „Ausgestorben, um zu bleiben“ diesen Fragen nach, beleuchtet die Anfänge der Paläontologie und untersucht die Herkunft der Federn am Dinosaurier.

Bernhard Kegel “Ausgestorben um zu bleiben” (Dumont Verlag)

Warum Bernhard Kegel ein Buch für große Dinosaurierfreunde geschrieben hat? Das erklärt er schon im Vorwort: „(…) die Echsen der Urzeit sind aber in jeder Beziehung zu groß, um sie allein den Kindern zu überlassen“, ist sich Bernhard Kegel sicher. Dass es für Erwachsene kaum aktuelle Bücher über Dinosaurier in deutscher Sprache gibt, beklagt der studierte Biologe und Chemiker.
Was liegt also näher, als die Leserschaft mit auf eine Zeitreise zu nehmen? Einmal ins Mesozoikum und zurück – und unterwegs besuchen LeserInnen weniger bekannte Charaktere, die für die Paläobiologie eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Mary Anning, Fossiliensucherin – geboren 1799 – beispielsweise. Die Tochter eines britischen Tischlers wurde von der Royal Society als eine der zehn bedeutendsten Frauen des Landes genannt, die die Wissenschaftsgeschichte nachhaltig beeinflussten. Wie es Mary Anning so weit schaffte, beleuchtet Kegel ebenso wie den Einfluss der Popkultur auf die gesellschaftliche Vorstellung von Aussehen und Lebensweisen der prähistorischen Flora und Fauna.

Fazit: Ein kurzweiliges, unterhaltsames, aber auch gehaltvolles Buch, das auf etwas mehr als 256 Seiten plus weiterführenden Literaturtipps Lust auf Paläontologie macht. Mit fundiertem Wissen wird das innere Kind wiedererweckt, das alle „Dinonamen“ auswendig wusste und mit FreundInnen am liebsten Dinosaurier-Quartett spielte.

Über das Buch
AUSGESTORBEN, UM ZU BLEIBEN – Dinosaurier und ihre Nachfahren
Bernhard Kegel
2018, Dumont Verlag
270 Seiten, Hardcover

Titelbild: Urknall. Quelle: Dorthe Landschulz. Aus: Wissenschaftliche Cartoons. Holzbaum-Verlag

Der Titel ist Programm, die Bilder aber lustiger als er erschließen lässt.

Was kann Wissenschaft heutzutage? Menschen Dinge erzählen, die sie dann eh nicht glauben? Oder vielleicht Wissen produzieren, das in der Menge „alternativer Wahrheiten“ untergeht?

Weiterlesen

Der Titel ist bei dem Spiel der Firma Schmidt Spiele tatsächlich Programm: Alles dreht sich für die zwei bis fünf Spieler darum, überlebensfähige – sowohl carnivore als auch herbivore – Urzeit-Tierarten zu erschaffen. Während sich die Herbivoren von den Pflanzen aus dem Wasserloch bedienen, müssen die Carnivoren in jeder Runde auf die Jagd gehen. Das knappe Nahrungsangebot kann sich schnell zu einem Problem enwickeln – so kann eine Spezies genauso schnell aussterben wie sie entstanden ist!

Spielmaterial und Aufmachung

Rezension: Evolution – fressen und gefressen werden!

Beim Auspacken sind sofort die liebevoll gestalteten Illustrationen aufgefallen: „Schaaaaauuuuu mal, das Tier da – so schön!“ konnte man beim ersten Auspacken häufiger hören. Das Spiel besteht aus bunten, schön illustrierten Karten sowie aus einem Spielbrett in Form eines Wasserlochs und Nahrungschips. Die Karten verleihen den Tierarten Fähigkeiten und dienen als eine Art Währung, die man für Nahrung eintauschen kann.

Beispiel für eine Eigenschaftskarte.

Weiters gibt es für jede Tierart ein Tableau mit Holzmarkern zur Erfassung ihrer Populationsgröße und ihres Nahrungsbedarfs, und für jeden Spieler einen Nahrungschips-Beutel. Ein Highlight ist auch der süße hölzerne Startspielermarker in Form eines pflanzenfressenden Dinosauriers. Sämtliches Spielmaterial ist hochwertig verarbeitet und mit viel Liebe zum Detail umgesetzt. Begeisterung macht sich in der Redaktion breit.

Das Spiel

Vorab: Wenn man die vier Phasen des Spielablaufs sowie den Umfang der Fähigkeiten seiner Tierarten einmal verinnerlicht hat – und das zu tun, dauert nicht sehr lange – ist das Spiel einfach zu lernen. Es ist aber gar nicht so einfach, darin richtig gut zu werden: Gewinner ist der, der am Ende des Spiels die meiste Nahrung auf die Seite schaffen und die meisten Tierarten am Leben erhalten kann. Um das zu erreichen, braucht man aber nicht nur Kartenglück, sondern durchaus auch eine gute Strategie.

Evolution in Action: Das Spiel in vollem Gange.

Das Spiel machte allen getesteten Altersgruppen Spaß und birgt einen gewissen Suchtfaktor in sich. Um eine gute Strategie zu entwickeln und so den vollen Funktionsumfang der Fähigkeiten der Tierarten tatsächlich ausschöpfen zu können, bedarf es bei uns nach den ersten beiden Durchgängen noch etwas Übung. Die bioskop-Redaktion wird sich damit in den nächsten Wochen und Monaten sicherlich noch eingehend beschäftigen – wir können nicht mehr die Finger von dem Spiel lassen.

Eigenschaften, Populations- und Körpergröße der Tierarten im Überblick. Im Bild: ein Fleisch- (links) und ein Pflanzenfresser (rechts).

Evolution – ein Spiel für Biologen?

Das Thema Evolution in Spielform zu packen erscheint zunächst als schier unmögliche Aufgabe. Wer sich komplette wissenschaftliche Korrektheit erwartet, ist mit diesem Spiel natürlich nicht ausreichend bedient. Diesen Anspruch muss ein Brettspiel unseres Erachtens nach aber auch nicht haben.

Evolution bietet einen guten Einblick darin, was nötig ist, um sich als Spezies zu entwickeln – und wie wenig es braucht, um danach gleich wieder auszusterben: Die Spieler müssen sich genau überlegen, ob sie besser noch eine fleisch- oder doch lieber eine pflanzenfressende Art erschaffen. Auch was das Futterangebot anbelangt sollte gut taktiert werden – schließlich will man ja, dass die Tierarten der Gegner möglichst früh wieder von der Bildfläche verschwinden. Außerdem müssen für die Tierarten auch passende ökologische Nischen gesucht werden, indem die Spieler ihre Fähigkeiten den Konkurrenten entsprechend auswählen – ein Wettrüsten wie im richtigen Leben. Die bioskop-Redaktion kann dieses lehrreiche Spiel nur wärmstens weiterempfehlen.

Die Redaktion dankt auch unserem objektiven Mittester: Jörg Sommerauer.

Eckdaten
Autoren: Dominic Crapuchettes, Dmitry Knorre, Sergey Machin
Illustration: Catherine Hamilton
Spieleranzahl: 2-5
Alter: ab 10 Jahren
Dauer: 30-45 min
Von: Schmidt Spiele (Lizenz von NorthStarGames)
Spielmaterial:
110 Karten
1 Spielbrett in Form eines Wasserlochs
180 Nahrungschips
19 Tierarten-Tableaus mit 38 Holzmarkern
5 Stoffbeutel zur Sammlung von Nahrungschips
1 Startspielermarker in Form eines pflanzenfressenden Dinosauriers