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Titelbild: Klaus Oeggl, Paläoökologe am Institut für Botanik, der Universität Innsbruck (Credit: Klaus Oeggl)

Wie haben sich die Menschen in der Jungsteinzeit ernährt und was kann uns Paläobiologie über die Gegenwart erzählen? Im Rahmen unseres Schwerpunktthemas Paläontologie widmen wir uns der jüngeren, hauptsächlich nicht fossilen Vergangenheit.

Experte für solche Fragen ist Klaus Oeggl, wissenschaftlicher Beirat der ABA und seit 2011 Professor für Palynologie (Pollenanalyse) und Archäobotanik an der Universität Innsbruck. Als Paläoökologe beschäftigt er sich intensiv mit den Wechselwirkungen zwischen Menschen und Umwelt in der Vergangenheit. Die Paläoökologie versucht die Zusammenhänge zwischen Umwelt, Klima und Mensch zu verstehen, in dem sie Umwelt- und Klimaveränderungen der Vergangenheit beleuchtet. Die Beantwortung von Fragen, wie „Wie hat sich die Umwelt entwickelt?“ und „Wie ist im Lauf dieser Entwicklung die heutige Umwelt entstanden?“ ist für eine Einschätzung zukünftiger Vegetations-, Klima- und Landschaftsentwicklungen hoch relevant.

Ötzi („Mann vom Tisenjoch/Hauslabjoch/aus dem Eis“) ist eine Gletschermumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt wurde. Besonders bekannt machten Klaus Oeggl seine Forschungen zur neolithischen (=jungsteinzeitlichen) Gletscherleiche Ötzi, die 1991 am Tisenjoch an der heutigen österreichisch-italienischen Grenze gefunden wurde. In einem Interview erzählt er uns, welche Lebensweisen und Ernährungsgewohnheiten die Menschen in der Jungsteinzeit hatten, wie sich diese von den heutigen Gewohnheiten unterscheiden und wie uns die Paläobiologie helfen kann die aktuellen Veränderungen und deren zukünftige Auswirkungen zu verstehen.

Ötzi („Mann vom Tisenjoch/Hauslabjoch/aus dem Eis“) ist eine Gletschermumie, die 1991 in den Ötztaler Alpen entdeckt wurde.

Vielen herzlichen Dank, Prof. Oeggl, dass Sie sich für dieses Interview Zeit nehmen! Sie haben Ötzis Mageninhalt untersucht. Was kann uns das über die Ernährungsgewohnheiten und Lebensweise von Menschen in der Jungsteinzeit erzählen?

Generell muss man sagen, dass der gesamte Magendarminhalt untersucht wurde. Dieser ermöglicht es uns Aussagen über die Ernährungsweise des Eismanns zu treffen. Da wir sequenzielle Proben entlang des gesamten Magendarmtrakts genommen haben und wissen, welche Transitzeiten der Speisebrei durch den Verdauungstrakt hatte, können wir auf die Zeitabfolge schließen, in der der Eismann die Speisen zu sich genommen hat. Somit können wir rekonstruieren, was der Eismann in seinen letzten 33 Stunden gegessen hat. Das ist wirklich sensationell! Zudem sind im Speisebrei Pollen aus der Umwelt erhalten geblieben, wodurch wir sagen können, wo der Eismann in diesen letzten Stunden seine Speisen zu sich genommen hat und um welche Saison im Jahr es sich gehandelt hat.

Und was hat Ötzi gegessen? Was waren seine Ernährungsgewohnheiten?

Gegessen hat er mannigfaltig. Grundsätzlich ist zu sagen, dass er eine omnivore Diät hatte. Vom Rektum bis hin zum Dünndarm haben wir Fleisch, Gemüse und eine mehlartige Speise gefunden, die als Brot interpretiert wird. Im Magen hingegen überwog das Fett. Daraus können wir schließen, dass Ötzis letzte Mahlzeit primär Fett dominiert war. Fett hat neben Kohlenhydrate die höchstmögliche Energieklasse. Das nehme ich zu mir, wenn ich eine lange anstrengende Arbeit vor mir habe. Etwas Ähnliches kennen wir von den Bauern, wenn wir 50 Jahre zurückgehen – ein Melchermus (bäuerliches Gericht für hart arbeitende Leute aus Butter, Mehl, Milch und Salz, Anm.).

Im Fall des Eismanns war es wirklich großes Glück, dass der Magendarminhalt so gut erhalten war. Leider hat man nicht immer eine so gut erhaltene Mumie zur Verfügung. Wie geht man dann vor, um Hinweise über die Lebensweise von Menschen in der Vergangenheit zu bekommen?

Paläoökologen bei der Arbeit: Pollen und Großreste aus Bohrkernen können Auskunft über die menschliche und landschaftliche Entwicklung geben. Moore sind hervorragende Archive unserer Vergangenheit.

Paläoökologen bei der Arbeit: Pollen und Großreste aus Bohrkernen können Auskunft über die menschliche und landschaftliche Entwicklung geben. Moore sind hervorragende Archive unserer Vergangenheit.Mumien nehmen in der Forschung tatsächlich einen besonderen Status ein, da sie in der Regel gut erhalten sind. Allerdings ist nicht in jeder Mumie der Magendarmtrakt vorhanden. Mumien wurden meist artifiziell mumifiziert und einbalsamiert, wobei der Magendarminhalt entnommen wurde. Diese wichtige Informationsquelle fehlt dann leider! Wenn der Magendarmtrakt jedoch vorhanden ist, ist dessen Untersuchung die Methode erster Wahl und es können sogar Stoffwechselprodukte analysiert werden. Diese wurde auch bei der um einiges jüngeren Leiche Kwäday Dän Ts’ìnchi aus British Columbien angewandt, die auf die Zeit zwischen 1450-1700 n. Chr. datiert wird.

Weitere Aufschlüsse über die Lebensweise und Ernährung der steinzeitlichen Menschen können auch die Analyse von Pollen, Großresten und stabile Isotopen geben. In jüngerer Zeit wird auch Ancient DNA (DNA aus toten Organismen, meist älter als 100 Jahre, Anm.) herangezogen.

Welche Parallelen sehen Sie zur Ernährung und zur Lebensweise der heutigen Menschen? Oder gibt es fast nur Unterschiede?

Man muss wohl sagen, dass es mehr Unterschiede gibt. Einige Parallelen lassen sich aber doch festhalten: Es gab damals wie heute eine omnivore Ernährungsweise. Wenn wir nun die einzelnen Bestandteile der Nahrung vergleichen und vom Generellen ins Detail gehen, sehen wir, dass die letzten fünf Mahlzeiten von Ötzi immer das Gleiche waren: Fleisch, Kohlenhydrate und ein wenig Gemüse. Beim Fleisch gibt es kleine Unterschiede, eine Mahlzeit war vom Steinbock und eine vom Rothirsch. Das war dann aber schon die gesamte Variabilität. Im Großen und Ganzen bestimmte Verfügbarkeit und Monotonie die Ernährung der Menschen zu Ötzis Zeiten. Heute hingegen, kann die Ernährung so mannigfaltig sein, wie wir es uns nur vorstellen können.

Dies ist nur möglich, da es uns von der Versorgung her so gut geht, wie nie zuvor. Es gibt zu keiner Jahreszeit irgendwo einen Engpass, den wir erkennen können, an dem wir einen Mangel leiden würden. Das ist in der Vergangenheit sicher nicht der Fall gewesen. Ernährung war in der Vergangenheit zweckorientiert und durch Verfügbarkeit bestimmt, aber nicht danach ausgerichtet, was könnte ich heute anderes essen als gestern.

Ein wesentlicher Unterschied in der Ernährung der steinzeitlichen Menschen zu heute besteht aber vor allem im Gehalt der Ballaststoffe. Die Ernährung der damaligen Zeit war deutlich ballaststoffreicher.

Eine ballaststoffreiche Kost hat keinen so hohen Nährwert, wo liegt hier die Zweckmäßigkeit?

In diesem Fall geht es nicht um den Nährwert, sondern um das Sättigungsgefühl. Damit wir satt werden, brauchen wir Ballaststoffe, und das ist ein wesentlicher Punkt. Das ist etwas, was wir in der heutigen Ernährung nicht schätzen. Wir wollen keine Lebensmittel, die besonders faserreich sind, sondern wir wollen Gemüse, das besonders zart und etioliert ist (durch Dunkelheit hervorgerufenes Wachstum: Pflanzen ohne nennenswertes Festigungsgewebe, schwach, biegsam, Anm.). Wir wollen kein verholztes Gemüse, das schmeckt uns nicht und das lehnen wir ab. Vollkornprodukte sind erst seit jüngster Zeit wieder verstärkt en vogue.

War das früher anders?

Früher gehörten Vollkornprodukte zur Ernährung der gemeinen Leute und nicht das hochprozessierte Weizenweißmehl und Weißbrot. Allerdings ist das Weißmehl gar nicht so günstig für die Verdauung, da man dort einen starken Mangel an Ballaststoffen hat. So wird heute schon von amerikanischen Medizinern empfohlen dem täglichen Essen 10 Gramm Kleie hinzuzufügen, damit wir wieder ausreichend Ballaststoffe haben. Nur so kann eine natürliche Peristaltik aufrechterhalten werden und die Transitzeiten des Speisebreis im Magen bleiben im normalen Rahmen. Je weniger Ballaststoffe wir haben, desto länger ist die Verweilzeit des Speisebreis im Darmtrakt.

Das Prozessieren des Weizens und der Lebensmittel ist eine Sache, man hat früher aber einfach auch nur das essen können, was zur Verfügung war. Da brauchen wir gar nicht so weit in die Vergangenheit schauen. Im Tiroler Raum gibt es das alte Volkslied „Heut‘ ist Knödeltag“ und dann zählt man sämtliche Knödel für die gesamte Woche auf. Das zeigt dann eigentlich schon, dass permanent das Gleiche gegessen wurde. Da sehen Sie eine ziemlich monotone Ernährung. Es gab zu essen, was vorhanden war.

Lebten die Menschen zu Ötzis Zeiten mehr im Einklang mit der Natur als heute? Welche Unterschiede sind besonders stark erkennbar?

Die Menschen waren der Umwelt natürlich sehr nahe und ausgesetzt. Die Ethnien dieser Zeit hatten eine Subsistenzwirtschaft (=Bedarfswirtschaft, Anm.), das heißt sie mussten sich alles selbst erwirtschaften, was sie konsumierten. Der Handel war in diesem Zusammenhang eher sekundär. Das sehen wir auch in Ötzis Ernährung: Einkorn als auch die Gerste konnten unmittelbar angebaut werden und das Fleisch von Steinbock oder Rothirsch wurde selbst erjagt. Die größten Unterschiede zu heute ergeben sich wohl dadurch, dass sich die Urzeitmenschen alles selbst aus dem unmittelbaren Umfeld erwirtschaften und holen mussten.

Welche Rolle spielt die Paläobiologie, also salopp gesagt die Untersuchung der biologischen Vergangenheit, um die aktuellen Veränderungen in den Lebensräumen und deren zukünftige Auswirkungen zu verstehen?

Wenn wir die heutige Kulturlandschaft betrachten, steckt dahinter eine gewaltige Entwicklungsgeschichte. Diese Entwicklung gilt es mit den Untersuchungen der Vergangenheit zu erleuchten. Interessant ist, dass man die Genese nicht monofaktoriell sehen kann, sondern, dass sowohl der Faktor Mensch als auch der Faktor Klima einen Einfluss auf die Vegetation haben und diese strukturieren. Damit sind wir bei dem interessanten Bereich, dass wir Veränderungen haben, die durch den Menschen und durch das Klima ausgelöst werden. Für die heutigen Veränderungen ist dies höchst interessant, weil wir Analoga in der Vergangenheit suchen und analysieren können.

Es gibt genügend Beispiele für Zivilisationskollapse in mehreren Formen: Bereits im Neolithikum kennt man einen derartigen Zivilisationskollaps. Auch in der Bronzezeit und dann in Mesoamerika von den Mayas. Das Zusammenspiel von Klima und menschlicher Beeinflussung ist in Bezug auf den anthropogenen Treibhauseffekt hoch aktuell. Wir können Modellversuche der „Natur in der Vergangenheit“ betrachten und detailliert untersuchen. In der Vergangenheit kennen wir die Ergebnisse bereits, eine Kultur ging zu Grunde. Für unsere Zukunft kennen wir den Ausgang der Entwicklung freilich nicht!

Und worauf führt man diesen Zivilisationskollaps zurück? Auf das Klima, auf den Menschen?

Bei den Mayas war es wohl der Faktor, der immer ganz besonders gravierend wirkt: Trockenheit und Trockenphasen. Diese Trockenphasen zwingen die Menschen zu einer Minimierung der Entwicklung und teilweise dann auch zur Aufgabe des gesamten Territoriums.

Was haben wir in Zukunft zu erwarten und was sollten wir tun, damit uns kein solcher Zivilisationskollaps droht?

Wir wissen, die Erde erwärmt sich. Wir wissen aber genauso, dass wir mehr oder weniger am Ende einer Warmzeit sind und unklar ist, wie sich dies weiterentwickeln wird. Grundsätzlich ist es natürlich so, dass der anthropogene Anteil an der Erwärmung minimiert gehört und wenn man so will, auch bekämpft gehört. Die Reduktion der anthropogenen Treibhausgase und der nachhaltige Umgang mit Ressourcen sind die wesentlichen Punkte, damit unsere Zivilisation auch länger überdauern kann. Bei einem gezielten menschlichen Eingreifen in das Gesamtklimageschehen, wie dies beim Geoengineering (→ siehe Infokasten) überlegt wird, habe ich jedoch große Bedenken. Dann haben wir ein rein anthropogenes Klima, in dem wir entscheiden, ob wir es wärmer oder kälter haben wollen, so als würden wir eine Klimaanlage einschalten. Ein Eingreifen in Naturkreisläufe führt zwangsläufig zu ähnlichen Diskussionen wie damals, als es um die Errichtung der ersten Nationalparks ging: Wie wollen wir die Natur beeinflussen, soll sie freien Lauf haben oder wollen wir sie selbst steuern?

Nun ja, eine solche Beeinflussung des Klimas durch den Menschen ist derzeit ja noch große Zukunftsmusik und technisch nicht realisierbar. Es scheint jedenfalls, dass für die weiteren Entwicklungen in der Zukunft noch viel offen und unklar bleibt. Sie haben uns aber gezeigt, dass uns ein Blick in die Vergangenheit die Augen für unser heutiges Leben öffnen kann und uns die heutigen Geschehnisse besser verstehen lässt.
Ich möchte mich nochmals herzlich für dieses sehr spannende Gespräch bedanken und wünsche gutes Vorankommen in diesem interessanten Forschungsfeld!

Geoengineering

Geoengineering bezeichnet großräumige Eingriffe mit technischen Mitteln in geochemische oder biogeochemische Kreisläufe der Erde. Als Ziele derartiger Eingriffe werden hauptsächlich das Stoppen der globalen anthropogenen Klimaerwärmung, der Abbau der CO2-Konzentration in der Atmosphäre oder die Verhinderung einer Versauerung der Meere genannt.

Weiterführende Literatur
Bortenschlager, S. & Oeggl, K. 2000: The Iceman and his Natural Environment: Palaeobotanical Results. Springer Verlag – Wien.

Titelbild: Quelle: via pixabay.

Der Boden bebt, das Wasser im Glas auch – diese Szene aus dem Film „Jurassic Park“ kennt wohl jeder. Auch die Dinosaurier, die ihre Beute anbrüllten, bevor sie nach ihr schnappten. Aber konnten Tyrannosaurus rex und die Velociraptoren so jemals Beute machen? Bernhard Kegel geht in seinem Buch „Ausgestorben, um zu bleiben“ diesen Fragen nach, beleuchtet die Anfänge der Paläontologie und untersucht die Herkunft der Federn am Dinosaurier.

Bernhard Kegel “Ausgestorben um zu bleiben” (Dumont Verlag)

Warum Bernhard Kegel ein Buch für große Dinosaurierfreunde geschrieben hat? Das erklärt er schon im Vorwort: „(…) die Echsen der Urzeit sind aber in jeder Beziehung zu groß, um sie allein den Kindern zu überlassen“, ist sich Bernhard Kegel sicher. Dass es für Erwachsene kaum aktuelle Bücher über Dinosaurier in deutscher Sprache gibt, beklagt der studierte Biologe und Chemiker.
Was liegt also näher, als die Leserschaft mit auf eine Zeitreise zu nehmen? Einmal ins Mesozoikum und zurück – und unterwegs besuchen LeserInnen weniger bekannte Charaktere, die für die Paläobiologie eine entscheidende Rolle gespielt haben.

Mary Anning, Fossiliensucherin – geboren 1799 – beispielsweise. Die Tochter eines britischen Tischlers wurde von der Royal Society als eine der zehn bedeutendsten Frauen des Landes genannt, die die Wissenschaftsgeschichte nachhaltig beeinflussten. Wie es Mary Anning so weit schaffte, beleuchtet Kegel ebenso wie den Einfluss der Popkultur auf die gesellschaftliche Vorstellung von Aussehen und Lebensweisen der prähistorischen Flora und Fauna.

Fazit: Ein kurzweiliges, unterhaltsames, aber auch gehaltvolles Buch, das auf etwas mehr als 256 Seiten plus weiterführenden Literaturtipps Lust auf Paläontologie macht. Mit fundiertem Wissen wird das innere Kind wiedererweckt, das alle „Dinonamen“ auswendig wusste und mit FreundInnen am liebsten Dinosaurier-Quartett spielte.

Über das Buch
AUSGESTORBEN, UM ZU BLEIBEN – Dinosaurier und ihre Nachfahren
Bernhard Kegel
2018, Dumont Verlag
270 Seiten, Hardcover

Titelbild: Seeigel und Schnecken im Roten Meer. Quelle: Andreas Kroh

Andreas Kroh

Seit 2005 Forscher und Kurator an der geologisch-paläontologischen Abteilung des Naturhistorischen Museums in Wien. Zu seinen Aufgaben zählen neben der Forschung auch Sammlungsbetreuung und Ausstellungsgestaltung, sowie die Pflege und Weiterentwicklung der Inventardatenbanken. Seit 2006 ist er auch der Chefredakteur der Annalen des Naturhistorischen Museums, Serie A, einer der wissenschaftlichen Zeitschriften des NHM. Im Jahr 2018 übernahm er zusätzlich zu seinen anderen Aufgaben die Gesamtleitung des Verlages des NHM Wien und ist in diesem Rahmen für die Planung, Produktion und den Vertrieb der vom NHM Wien herausgegebenen Bücher verantwortlich, darunter eine Fülle von Büchern mit biologischen Inhalten, wie die Naturführer des NHM.

1) Beschreibe bitte kurz Deinen Arbeitsalltag. Was sind Deine Hauptaufgaben?

Meine Aufgaben am NHM Wien sind äußerst vielfältig: neben meiner Forschung und der Betreuung eines Teils der paläontologischen Sammlung des Museums kümmere ich mich vor allem um redaktionelle und technische Belange. So sorge ich dafür, dass die interaktiven Stationen im Bereich unserer geologischen und paläontologischen Ausstellung immer einsatzbereit sind und helfe GastforscherInnen wie KollegInnen beim Umgang mit unserer Inventardatenbank. Im Rahmen meiner Tätigkeit als Redakteur der Annalen und Leiter des Verlags des NHM Wien betreue ich diverse Zeitschriften und Bücher des Museums von der ersten Idee bis zum fertig gedruckten Werk. International bin ich auch stark in WoRMS, dem World Register of Marine Species, involviert. Dort bin ich für die Taxonomie, Nomenklatur und Systematik der Seeigel zuständig und derzeit Vice-Chair des WoRMS Steering Committee.

2) Was gefällt Dir an Deinem Job am meisten?

Durch die große Fülle an verschiedenen Aufgaben ist mein Arbeitsalltag sehr abwechslungsreich und ich arbeite mit vielen verschiedenen Menschen zusammen – sowohl international, im Rahmen meiner Forschungen, wie auch national und abteilungsübergreifend innerhalb des Museums bei der Produktion von Büchern und Gestaltung von Ausstellungen. Ich liebe neue Herausforderungen und die Vielfalt an unterschiedlichen Tätigkeiten, die meine Arbeit am Museum mit sich bringt. In einem tollen Team, wie dem des Museums, zu arbeiten macht viel Freude. Viele nationale, aber auch internationale KollegInnen wurden über die Jahre zu FreundInnen und es macht Spaß, diese bei Konferenzen wieder zu treffen oder gemeinsam im Gelände oder in Sammlungen zu forschen.

Andreas Kroh mit Studenten im Gelände
Andreas Kroh mit Studenten im Gelände. Quelle: Andreas Kroh

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Deinem Beruf? Was sind für Dich die größten Herausforderungen?

Am schwierigsten ist es, alle verschiedenen Tätigkeiten unter einen Hut zu bringen und in allen Teilbereichen meiner Tätigkeit einen konstanten Fortschritt zu erzielen. Im „Endspurt“ eines Ausstellungs- oder Buchprojekts kann es durchaus vorkommen, dass es erforderlich ist, sich mehrere Tage ausschließlich auf das jeweilige Projekt zu konzentrieren und andere Tätigkeiten kurzfristig zurückzustellen. Eine weitere große Herausforderung ist die immer schwieriger werdende gesetzliche Situation bei der Geländearbeit, sei es im geologisch-paläontologischen Bereich oder im Bereich von DNA-Proben rezenter Organismen. Die Fülle lokaler Regelungen, nationaler und internationaler Gesetze ist für den/die einzelne/n ForscherIn kaum durchschaubar, AnsprechpartnerInnen bzw. zuständige Genehmigungsstellen sind nicht immer klar definiert oder nicht erreichbar. Materialbezogene Forschung, die Proben aus verschiedensten Ländern benötigt, ist daher meiner Erfahrung nach wesentlich schwieriger und aufwändiger in der Umsetzung geworden.

4) Wie bist Du auf diesen Job aufmerksam geworden?

Ich arbeitete schon während meiner Diplomarbeit und Dissertation wissenschaftlich mit einzelnen MitarbeiterInnen des NHM Wien zusammen und hatte bereits lange bevor ich zu studieren begann den Wunsch, hier zu arbeiten. Meine erste Bekanntschaft mit WissenschafterInnen des NHM Wien war während meiner Jugend, als ich mich an einen meiner Vorgänger, Ortwin Schultz, wandte, um Hilfe bei der Bestimmung von fossilen Haifischzähnen zu erhalten.

5) Welche Qualifikationen sind für Deine Tätigkeit besonders wichtig?

Flexibilität, der Wille neue Techniken und Fähigkeiten zu erlernen, sich und seine Ergebnisse präsentieren zu können und fähig zu sein, im Team zusammenzuarbeiten sind entscheidend in meinem Beruf. Eine sehr gute Kenntnis der englischen Sprache ist heute eine weitere Grundvoraussetzung für NaturwissenschafterInnen.

6) War es schon immer Dein Wunsch eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hattest Du früher andere Berufswünsche?

Bereits als kleines Kind grub ich in einem von meinen Eltern gepachteten Garten nach Mammutknochen (ohne natürlich welche zu finden). Anfangs unterschied ich nicht zwischen der Tätigkeit von ArchäologInnen und der von PaläontologInnen, später jedoch zog es mich immer mehr zu den Fossilien hin. Unterstützt von meinen Eltern (an dieser Stelle sei ihnen herzlichen Dank dafür ausgesprochen!), konnte ich dem Hobby Fossiliensammeln in meiner Jugend intensiv nachgehen und viele Urlaubsziele wurden wegen der Möglichkeit, dort Fossilien zu finden, ausgewählt. Auch mein Biologielehrer in der Oberstufe, Herr Gerhard Deimel, unterstützte mein Interesse tatkräftig. Kurzfristig erwog ich auch ein Chemie-Studium, denn mein Chemielehrer, Herr Ralf Becker, konnte im Rahmen der Chemie-Olympiade meine Begeisterung für dieses Fach wecken. Letztlich gab aber ein Besuch beider Institute und ein Treffen mit Norbert Vavra, der damals am Institut für Paläontologie tätig war, den Ausschlag, dass ich meinem ursprünglichen Wunsch folgend Paläontologie studierte.

7) Wie siehst Du die Arbeitsmarktsituation in Deinem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für BiologInnen?

Wie in vielen Bereichen der Grundlagenforschung ist es im Bereich der Biowissenschaften nicht einfach eine Anstellung zu finden. Nicht, weil es nicht genug Arbeit und Fragestellungen gäbe, sondern vor allem, weil die öffentlichen Mittel für die Grundlagenforschung leider sehr begrenzt sind. Wer aufgrund finanzieller Erwartungen in die Wissenschaft geht, wird wohl enttäuscht werden. Wer jedoch mit Begeisterung und Überzeugung an die Sache herangeht, wird automatisch bessere Leistungen erbringen, sich und seine Tätigkeit besser „verkaufen“ können und höchstwahrscheinlich erfolgreicher sein. Oft ist dafür allerdings ein „langer Atem“ und ein gehöriges Maß an Mobilität und Flexibilität nötig, was für die Familienplanung eine Herausforderung sein kann.

8) Ist ein Biologiestudium für Deine Position notwendig, welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Nein, da ich nicht als Biologe, sondern als Paläontologe angestellt bin, auch wenn sich ein großer Teil meiner Forschung derzeit im Bereich der Evolutionsforschung, Phylogenetik und -genomik abspielt. Ein naturwissenschaftliches Studium im generellen hingegen, ist entscheidend und bildet die Grundlage für eine wissenschaftliche Karriere in diesem Bereich.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigst Du in Deinem Berufsalltag am häufigsten?

Am wesentlichsten sind hier wohl die generellen Grundkenntnisse über die Fülle an Organismen, ihre Morphologie, Diversität, Ökologie usw., die mir im Rahmen meines Paläontologiestudiums vermittelt wurden. Ebenso entscheidend für das Verständnis von Evolution und der Veränderung des Planeten Erde durch die Zeit waren die Grundlagen der Geologie, Sedimentologie und Stratigraphie – da diese ein ganz anderes Verständnis der „Deep Time“ ermöglicht haben, als wenn ich ein Biologiestudium absolviert hätte. Darüber hinaus habe ich einen Großteil der Fähigkeiten, die ich tagtäglich in meinem Beruf benötige, erst später im Berufsalltag erlernt. Und das Lernen hört nicht auf, denn ständig werden neue Methoden und Programme entwickelt, die für meine Forschung wesentlich sind, oder neue Sachverhalte entdeckt, die früher erhobene Daten in neuem Licht erscheinen lassen.

10) Was würdest Du Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

Sei neugierig, folge deinen Interessen und lass dir die Freude an der Wissenschaft nicht nehmen. Denn nur, wenn du begeistert bist und die Forschung aus innerem Antrieb machst, wirst du erfolgreich sein und berufliche Durststrecken überdauern können – denn sehr oft ist in der Forschung Ausdauer gefragt, mal weil sich die erwarteten Ergebnisse nicht einstellen, mal weil ein Antrag oder Manuskript abgelehnt wird, oder es schwierig sein kann, einen Arbeitsplatz zu bekommen.

Titelbild: Karte der Paratethys vor 17 bis 13 Mio. Jahren. Quelle: NordNordWest via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0 de

Kronenschnecken galten im Weinviertel als echte Rarität: Die letzte wurde vor rund 100 Jahren beschrieben. Hobby-Paläontologen haben nun neue Exemplare entdeckt. Ein Bericht von den Ausgrabungen am Weinviertler Strand der Paratethys.

Die Sonne brennt auf den Weinviertler Acker – oder darauf, was noch vor wenigen Tagen ein Acker war: Ein großes Loch klafft da, wo sonst Zuckerrüben und Mais angebaut werden. Die unterschiedlichen Grau- und Brauntöne der abgelagerten Bodenschichten erinnern vage an ein Stück Lasagne. Kleine, helle Stückchen ragen keck aus der Rändern. Bei genauerer Betrachtung sieht man, dass es sich um die Schalen von Schnecken und Muscheln handelt. Wo Wolfgang Sovis, der Initiator der Fossilienwelt Stetten, und seine Helfer stehen, war vor Jahrmillionen ein Meer – die Paratethys.

Die Schichten, in denen sich die Muscheln und Schnecken heute verstecken, haben sich über die Jahrmillionen angesammelt. Besonders Turmschnecken finden sich häufig. Bild: Theodora Höger

Vom Weinviertel bis ins westliche Russland zog sich vor etwa 17 bis 13 Millionen Jahren die Paratethys, die ungefähr bei Kärnten mit dem Mittelmeer verbunden war. Im subtropischen Klima tummelten sich Fledermäuse, Reptilien und kleine Säugetiere; das warme Wasser war die Heimat von Tigerhaien, aber auch von Krebsen und Schnecken. Besonders die Häuser von Turmschnecken finden sich häufig am ehemaligen Strand der Paratethys.

Vor etwa 17 bis 13 Millionen Jahren hätte man noch einen Badeurlaub im Weinviertel machen können: Hier verlief der Strand der Paratethys. Bild: NordNordWest via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0

Die Männer interessieren sich heute aber nicht für die vielen Turmschnecken. Sie sind auf der Suche nach der Kronenschnecke – ein Tier, dessen Vorkommen in dem Gebiet vor 100 Jahren das letzte Mal belegt werden konnte: „Beim Ackern traten letztes Jahr ein paar Stücke von Kronenschnecken zutage“, erklärt Sovis, der im Brotberuf als Unternehmensberater arbeitet, warum die drei Herren heute genau an dieser Stelle etwas außerhalb des verschlafenen Dorfes Weinsteig den Spaten schwingen.

„Das Band, in dem wir bereits bei der Probegrabung wunderbar erhaltene Exemplare gefunden haben, war gerade einmal 20 Zentimeter breit“, erzählt Sovis von der sprichwörtlichen Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die heutige Grabung gestaltet sich recht einfach – vor allem, weil die Fossiliensucher jahrelange Erfahrung mitbringen: Die Grabungsmethode hat Wolfgang Sovis selbst entwickelt und perfektioniert. Die Männer arbeiten sich mit einer Bohrmaschine und einem Spaten vor bis sich ein Erdbrocken löst. Plötzlich: Ein weißer Zacken! Ob das der erhoffte Sensationsfund ist? Aufgeregt legen sie einen Zacken nach dem anderen frei – vorsichtig, mit dem Pinsel – die Schalen sind zerbrechlich und die Tiere selten. Nach wenigen Minuten ist klar: Die Kronenschnecken sind in diesem Teil der Paratethys nachgewiesen – und noch dazu dürfte es sich um eines der größten Exemplare handeln, die jemals in dieser Gegend gefunden wurden.

Wenn sie fertig präpariert sind, sieht man, woher die Kronenschnecken ihren Namen bekommen. Bild: Theodora Höger; Präparat: Wolfgang Sovis