:: Waschbär und Enok – zwei nicht heimische Arten

06/09/2016 von / 0 Kommentare

Titelbild: Ruhender Enok. Quelle: Tanja Duscher.

Das Projekt „Enok und Waschbär in Österreich“ soll über die beiden noch wenig bekannten Tierarten informieren sowie ihre aktuelle Verbreitung und Bestandssituation in Österreich klären. Dafür findet eine österreichweite Nachweiserfassung mit Hilfe einer Fragebogen-Umfrage statt. Außerdem wurde in einzelnen Beispielgebieten eine Ermittlung der Populationsdichte mittels freilandbiologischer Methoden durchgeführt. Tanja Duscher von der VetMed Universität Wien steht im Interview Rede und Antwort.


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Abb.1: Tanja Duscher

Dipl-Biol. Tanja Duscher studierte von 1997-2004 Biologie an den Universitäten Göttingen und Bielefeld. Seit 2008 betreibt sie ihr Doktoratsstudium der Naturwissenschaften an der Veterinärmedizinischen Universität Wien, welches sie voraussichtlich 2016 abschließen wird. Von 2006-2016 ist sie als Projektmitarbeiterin am Forschungsinstitut für Wildtierkunde und Ökologie an der VetMed Universität Wien tätig. Momentan befindet sie sich in einer beruflichen Umorientierungsphase.

Wie kamen Sie persönlich zu Enok und Waschbär? Und wie lange beschäftigen Sie sich bereits damit?

Befreundete KollegInnen in Deutschland erforschen bzw. erforschten diese Tierarten. Als ich 2006 nach Österreich kam, erkundigte ich mich über Forschungsprojekte über Waschbär oder Marderhund und stellte fest, dass hierzulande kaum etwas über den aktuellen Status dieser neuen Wildtiere bekannt war. So entstand die Idee zu dem Projekt, an dem ich seit 2008 arbeite.

Nun handelt es sich bei Enok und Waschbär ja um Neozoen. In der Regel werden solche Arten als Gefahr für heimische Arten gesehen, sei es als Konkurrent, Fressfeind oder Krankheitsüberträger.
Wie groß ist der biologische Einfluss dieser beiden Arten in Österreich?

Bisher sind die Populationsdichten dieser Neozoen in Österreich noch zu gering, als dass überhaupt ein Einfluss festgestellt werden könnte. Sie sind aber bereits weit verbreitet und ein zukünftiges exponentielles Anwachsen der Populationen – wie es in Nachbarländern passierte – ist wahrscheinlich. Studien aus Regionen Europas, in denen diese Arten bereits in hohen Dichten vorkommen, zeigen aber, dass sie mit anderen mittelgroßen Raubsäugerarten gut koexistieren können. Als Nahrungsgeneralisten haben Waschbär und Marderhund auch keinen großen Einfluss auf bestimmte Beutetierarten. Bei lokal hoher Dichte können sie aber ein zusätzliches Risiko für bereits bedrohte Arten darstellen (z.B. Sumpfschildkröte). Die Übertragung von Zoonoseerregern (z.B. kleiner Fuchsbandwurm, Dunker‘scher Muskelegel) ist insbesondere beim Marderhund ein relevantes Thema. Die meisten Personengruppen kommen aber mit diesem scheuen Wildtier nicht in Kontakt. Das Vorkommen des für Menschen gefährlichen Waschbär-Spulwurms (Baylisascaris procyonis) wurde in Österreich bisher nicht nachgewiesen.

Gibt es Bestandsschätzungen zu Österreich?

Nein. Grundlage hierfür wäre ein österreichweites kontinuierliches, systematisches Monitoring. Möglicherweise können zukünftig die Jagdstatistiken für eine Bestandsschätzung herangezogen werden.

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Abb.2: Trittsiegel eines Enoks (Marderhund). Quelle: Tanja Duscher

Wie sollte der Staat, aus biologischer Sicht, auf diese beiden Arten reagieren?

Der Staat muss sich an die rechtlichen Vorgaben der EU halten, also an die Verordnung 1143/2014 zur „Prävention, Minimierung und Abschwächung der nachteiligen Auswirkungen […] invasiver gebietsfremder Arten auf die Biodiversität in der Union“. Auch aus biologischer Sicht halte ich die Regulierung dieser Arten und gegebenenfalls eine Intensivierung der Regulierung, insbesondere in Schutzgebieten, für sinnvoll. Eine Ausrottung von Waschbär und Marderhund in Europa – ob sinnvoll oder nicht – ist nach Spezialisten-Meinungen unmöglich. Das Management dieser Wildarten erfolgt in Österreich (gesetzlich vorgegeben) durch die Jagd, die heutzutage insbesondere bei der städtischen Bevölkerung kein sehr hohes Ansehen genießt. Hier wäre eine Unterstützung der Landesjagdverbände durch den Staat, zum Beispiel durch die Aufklärung der Bevölkerung über die Notwendigkeit der Regulierung gebietsfremder Arten, wünschenswert. Eine Bewußtseinsbildung um diese Arten in der Bevölkerung könnte auch zu einer besseren Akzeptanz und Verständnis der Jagd führen.

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Abb.3: Typische grau-schwarze Ringelung der Schwanzrute beim Waschbär. Quelle: Andreas Duscher

Langsam, aber stetig kommt es zur Rückkehr der großen Drei (Bär, Wolf, Luchs) in Europa bzw. Österreich. Inwiefern würde das diese beiden Neozoen beeinflussen?

Die Großraubsäuger können die Bestände von Waschbär und Marderhund gegebenenfalls etwas reduzieren, jedoch nur wenn auch diese Arten in entsprechender Dichte vorkommen.

Waschbär und Enok sind sich, obwohl sie zu unterschiedlichen Familien gehören, in ihrer Lebensweise nicht ganz unähnlich. Kann man hier von zwei invasiven Arten sprechen, die miteinander in Konkurrenz stehen?

Nein, dann könnten sie sich nicht zeitgleich in demselben neuen Lebensraum etablieren. Beide Arten sind als Generalisten sehr anpassungsfähig und flexibel und können offensichtlich gut koexistieren.

Wie sieht, Ihrer Meinung nach, die Zukunft von Waschbär und Enok in Österreich aus?

Aus der Sicht von Enok und Waschbär gut: sie finden hier vielerorts gut geeignete Lebensräume, haben kaum natürliche Feinde und die Tollwut, die in anderen Regionen ein starker Regulationsfaktor ist, ist aktuell in Österreich kein Thema.

Vielen Dank für das Interview!

Enok (Nyctereutes procyonoides)


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Abb.4: Enok. Quelle: Pjotr Kuczynski, Wikipedia

Der Enok oder Marderhund (Nyctereutes procyonoides) gehört zur Familie der Hunde (Canidae). Dieser wird zwischen fünf bis zehn Kilogramm schwer und kann bis zu acht Jahre alt werden. Er stammt ursprünglich aus Ostasien und wurde als Pelzlieferant nach Europa gebracht. In Österreich wurde er erstmals in den 1060er Jahren gesichtet.


Waschbär (Procyon lotor)


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Abb.5: Waschbär am Wasser. Quelle: Andreas Duscher

Der Waschbär (Procyon lotor) gehört zu den Kleinbären (Procyonidae). Er erreicht ein ähnliches Gewicht wie der Marderhund und kann in Gefangenschaft bis zu 20 Jahre alt werden. Die Tiere kommen ursprünglich aus Nordamerika und wurden ebenfalls zur Pelztierzucht nach Europa gebracht.

Weiterführende Links


Wer mehr zu Enok und Marderhund in Österreich und Europa erfahren möchte, dem sei die Website www.enok.at empfohlen.

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