:: Wissenschaftsskeptisches Österreich – Interview Reinhold Mitterlehner

16/06/2016 von / 0 Kommentare

Titelbild: Präsentation des Sujets von „Forschungsplatz Österreich“ durch Reinhold Mitterlehner. Quelle: Jakob Glaser

Vizekanzler und Wissenschaftsminister Reinhold Mitterlehner im Interview. Wie hängen Wirtschaft und Forschung zusammen? Wo liegt Österreich im europäischen Vergleich? Und weshalb sind die Österreicher wissenschaftsskeptisch?

[Böck & Judt]: Österreich gehört mittlerweile zu den Ländern in der EU, die am meisten in Forschung und Entwicklung (F&E) investieren. 2015 überstiegen die Ausgaben erstmals drei Prozent des BIP (entspricht 10 Mrd. Euro). Damit liegt Österreich an vierter Stelle und erstmals vor Deutschland – trotz der Wirtschaftskrise. Finden Sie, dass diese positive Entwicklung ausreichend an die Öffentlichkeit kommuniziert wird?

[Mitterlehner]: Laut aktueller Prognose für 2016 erreicht Österreich sogar die dritthöchste Forschungsquote aller EU-Länder. Zuletzt haben wir Deutschland überholt, jetzt Dänemark. Die F&E-Quote liegt wieder über drei Prozent und deutlich über dem EU-Schnitt von zwei Prozent, damit sind wir auf einem guten Weg. Aber es stimmt, dass die reale Datenlage nicht ganz zum Stimmungsbild in der breiten Öffentlichkeit passt. Natürlich kann es gerade bei Wissenschaft und Forschung immer mehr Geld und Ressourcen geben, in die Zukunft kann man nie genug investieren. Aber angesichts der budgetären Rahmenbedingungen sollte man auch das Erreichte sehen und honorieren, das fehlt mir sowohl in der Community als auch in der gesellschaftlichen Debatte. Ich finde nicht, dass die gesellschaftliche Relevanz von Wissenschaft und Forschung sich in der medialen Relevanz niederschlägt und dann ist es schwer der Bevölkerung die finanziellen Dimensionen zu verdeutlichen. Staat und Unternehmen geben heuer 10,74 Milliarden Euro für F&E aus, das ist mehr als die in etwa prognostizierten Gesamtkosten des Brennerbasistunnels bis zur geplanten Inbetriebnahme im Jahr 2026.

[Böck & Judt]: Laut einer Eurobarometer-Umfrage (2014) stehen Österreicher der Wissenschaft skeptisch gegenüber. Im EU-Vergleich gehört Österreich zu jenen Ländern, deren Bevölkerung am seltensten einen positiven Effekt von Wissenschaft auf unterschiedliche gesellschaftliche Fragestellungen sieht. Wie erklären Sie sich das?

[Mitterlehner]: Viele Menschen sehen den direkten Nutzen von Forschung für ihr Leben nicht und das obwohl jeder heutzutage ein Smartphone hat oder neueste Technologien nutzt. Wir wissen aus eigenen Umfragen, dass die Leute Wissenschaft grundsätzlich für sehr wichtig erachten, aber oft das Gefühl haben, dass die Experten an der Bevölkerung vorbei forschen. Daher dürfen Forscherinnen und Forscher sich nicht im Elfenbeinturm verstecken, sondern müssen offensiv für ihre Leistungen werben und die Leute emotional mitnehmen. Daher braucht es einen intensiveren Dialog mit der Bevölkerung und einen niederschwelligen Zugang zu Wissenschaft und Forschung. Hier sind aber auch die Medien als Mittler und Transformator gefordert.

[Böck & Judt]: Was ist Ihre Strategie um diese Einstellung zu verbessern?

[Mitterlehner]: Wir müssen unsere Forscher wertschätzen und Junge motivieren selbst in diesen Bereich zu gehen, wir tun das etwa mit den Kinderuniversitäten und dem Nachwuchsforschungsprogramm Sparkling Science. Mein Ressort setzt seit Jahren bewusst auf eine sehr lebendige und proaktive Wissenschaftskommunikation für die breite Bevölkerung. 2015 hatten wir mit dem „Jahr der Forschung“ einen großen Themenschwerpunkt. Dazu veranstalten wir u.a. die Researchers Night, die Robot Challenge, monatliche Science Talks in der Aula der Wissenschaften oder die Wahl zum Wissenschaftsbuch des Jahres. Allein bei der Langen Nacht der Forschung konnten wir an unserem Standort am Wiener Heldenplatz mehr als 12.000 Besucherinnen und Besucher für Wissenschaft und Forschung begeistern, da war von Skepsis oder Desinteresse nichts zu spüren. Das zeigt aber auch, dass es auf die Präsentation ankommt.

[Böck & Judt]: 2014 wurden das Wirtschafts- und das Wissenschaftsministerium zusammengelegt. Wie hängen für Sie Wirtschaft und Forschung zusammen?

[Mitterlehner]: Innovationen sind unsere Zukunftsvorsorge und sichern Arbeitsplätze. Daher muss der Forschungsstandort Österreich international vorne mitspielen. Ein Euro, der über die Forschung- und Entwicklungsgesellschaft (FFG) investiert wird, bringt 14 Euro an Wertschöpfung. Deutschland weist fast die gleiche F&E-Quote auf wie wir und ist dennoch im „Innovation Union Score Board“ weit vor Österreich. An der israelischen Technion gibt es rund 12.500 Studierende, die in der Folge für die Gründung von etwa 70 Prozent der israelischen High-Tech Firmen verantwortlich sind und pro Jahr werden an dieser Universität an die 100 Patente angemeldet. Wir müssen daher die Umwandlung von der Idee zum Produkt stärker vorantreiben. Neben dieser marktorientierten Komponente hat ein Austausch mit der Wirtschaft für die Forschungseinrichtungen aber noch den Vorteil, dass sie eine zusätzliche Finanzierungsquelle neben dem Staat haben.

[Böck & Judt]: Nach einer Novelle des Forschungs- und Technologieförderungsgesetz (FTFG) im vergangenen Herbst befürchten Wissenschaftler in Österreich, dass während die Anzahl der Anträge weiter steigt, der Prozentanteil der bewilligten Projekte sinkt. Es könnte zu einem „Lottospiel“ werden, als Reaktion könnte die Qualität der eingereichten Projekte sinken. Wie sehen Sie das?

[Mitterlehner]: Sehr niedrige Bewilligungsquoten gibt es auch bei anderen Fördereinrichtungen etwa dem ERC. Sie sind auch ein Ausdruck dafür, dass unser Wissenschaftssystem immer wettbewerbsorientierter aufgestellt ist. Wir haben in Österreich immer mehr gute Wissenschaftler, die hochkompetitiv Mittel einwerben können. Trotz der herausfordernden Budget- und Wirtschaftslage ist es uns gelungen, dem FWF für die Jahre 2016 bis 2018 ein Budget in der Höhe von 552 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen, das ist eine Steigerung von sieben Prozent gegenüber dem letzten Budget. Die Budgetfortschreibung bedeutet allerdings für den FWF, dass keine Antragsteigerung berücksichtigt werden kann und dadurch von einem Sinken der Bewilligungsquote auszugehen ist. Die bereits seit 2008 vom FWF eingegangenen langjährigen Verpflichtungen schränken den Spielraum für Neubewilligungen zusätzlich ein. Um der derzeitigen Antragssteigerung Rechnung zu tragen sowie die derzeitige Bewilligungsquote beim FWF halten zu können, müsste das Bewilligungsbudget um ca. acht Prozent pro Jahr steigen. Angesichts der notwendigen Budgetkonsolidierung kann der Staat diese Summen nicht allein aufbringen, hier braucht es auch das Bemühen um zusätzliche Finanzierungsquellen.

[Böck & Judt]: Planen Sie in nächster Zeit eine Erhöhung der Zuwendungen an den FWF?

[Mitterlehner]: Wir werden uns dafür einsetzen, dass die Budgets für Wissenschaft, insbesondere für kompetitiv vergebene Mittel erhöht werden. Gleichzeitig wollen wir, dass Mittel aus dem Österreich Fonds dem FWF zu Gute kommen (die erste Antragsrunde läuft gerade). Darüber hinaus werden wir alle Bemühungen zur Lukrierung von weiteren privaten Mittel für den FWF nach Möglichkeit unterstützen. Aber auch der FWF wird unter den gegebenen Rahmenbedingungen sein Programmportfolio modifizieren und Maßnahmen zur Stabilisierung der Bewilligungsquoten sowie zur Reduktion des Antragsvolumens setzen.

[Böck & Judt]: In diesem Jahr werden vom FWF die letzten Doktoratskollegs bewilligt. Wie stehen Sie dieser Entwicklung gegenüber?

[Mitterlehner]: Der FWF hat sich dazu entschlossen, die Doktoratskollegs in derzeitiger Form auslaufen zu lassen, da die Rolle einer Forschungsförderungsorganisation nur anstoßgebend sein kann und die Doktoratsausbildung als genuine Aufgabe der Universitäten gesehen wird. Wir haben dazu eine Anreizfinanzierung von 30 Millionen Euro über die Hochschulraum-Strukturmittel vergeben. Auch beim FWF werden in den nächsten Jahren weiterhin rund 20-30 Millionen Euro pro Jahr in strukturierte Doktoratsprogramme investiert, etwa durch die Finanzierung laufenden Bewilligungen. Es ist also ein behutsames Auslaufen. Zusätzlich werden wir uns dafür einsetzen, dass aus den Mitteln des „Österreich-Fonds“ ein Nachfolgeprogramm für bestehende strukturierte Doktoratsprogramme an den Universitäten ermöglicht wird.


Dieses Interview wurde von Anja Böck und Christine Judt für die Extraausgabe des [Statement] geführt. In dieser ist die Kurzversion des Interviews zu finden.

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