:: Tschornobyl´ – 30 Jahre später: Ansichten einer 1986 Geborenen

26/04/2016 von / 0 Kommentare
Titelbild: Denkmal und Reaktor 4 in Tschornobyl´, Ukraine. Quelle: Tiia Monto: CC BY-SA 3.0

Ich bin 1986 geboren. Ja, ich weiß was Ihr Euch jetzt denkt: nein, ihr habt recht – ich habe die Katastrophe in Reaktor 4 des Atomkraftwerks Tschornobyl‘ tatsächlich selbst nicht mitbekommen, auch nicht über die Medien: am 26. April brauchte ich noch weitere 6 Monate, um überhaupt zur Welt zu kommen. Dennoch – meine ganze Kindheit lang war es ein allgegenwärtiges Thema. Teilweise durch Witze über großes oder besonders unförmig gewachsenes Obst und Gemüse („Bist oag, der Erdopfe schaut aus wia noch Tschäanobü.“) – teilweise auch durch halblustige Kommentare über in diesem Jahr Geborene („Ahso, a Tschäanobü-Kind.“). Ja, wenn man 1986 geboren wurde, ist man diesem Thema häufig ausgesetzt. Und man hat früh zu fragen und sowohl über den Vorfall als auch über Atomkraft an sich zu lernen begonnen. Zugegeben, als in Österreich aufgewachsenes Kind kann man sich unter einem Atomkraftwerk ziemlich wenig vorstellen – wo hätte man denn auch eines sehen sollen, wenn nicht zufällig Zwentendorf gleich um die Ecke ist? Auch konnte man sich unter dessen Implikationen wenig vorstellen – was bedeutet es, wenn etwas Unsichtbares, Unspürbares etwas „verstrahlt“ – ich sehe doch gar nichts strahlen…?! Dennoch – hinter der Fassade des typisch österreichischen Galgenhumors war auch ein Unbehagen spürbar und es sprang auf mich über. Erzählt wurde mir nach und nach, wie der Sand in den Sandkästen ausgetauscht, die heimischen Pilze länger nicht mehr gegessen – ein, angeblich zu unrecht, immer noch diskutiertes Thema – und die Grenzwerte für die erlaubte Höhe an radioaktiver Strahlung in Nahrungsmitteln durch den Staat nach oben korrigiert wurden. Ich begriff, dass Radioaktivität kein Spielzeug war. Aber die Tragweite war mir 25 Jahre lang nicht wirklich bewusst.

Die Katastophe in Tschornobyl‘ und ihre Folgen

Nachdem um 01:24 Moskauer Zeit der Reaktor 4 des Kraftwerks nach einem Test, bei dem ein Stromausfall simuliert wurde, explodiert war, wurde erst nur die nahegelegene Stadt Pripyat‘ evakuiert und der Vofall ansonsten geheim gehalten. Erst zwei Tage später entdeckte ein schwedisches Kernkraftwerk dank eines automatischen Warnsystems, dass sich die Radioaktivität auf ihrem Gelände erhöht hatte. Nachdem ein Störfall im eigenen AKW ausgeschlossen werden konnte, wurde auf Grund der Windrichtung festgestellt, dass die Radioaktivität aus dem Gebiet der Sowjetunion kommen musste. Eine offizielle Stellungnahme der Verantwortlichen ließ Tage auf sich warten. Heute ist die Sperrzone etwa 4.300 km² groß und hat einen Radius von 37 km.

Laut eines Berichts der WHO sind 30 Feuerwehrleute und Angestellte des Kraftwerks direkt bei der Katastrophe ums Leben gekommen, 336.000 Personen wurden evakuiert (in den kontaminierten Gebieten, aus denen nicht evakuiert wurde, lebten etwa 5 Millionen Menschen); etwa 600.000 Personen werden offiziell als Liquidatoren (jene Personen, die direkt nach der Tragödie das Kraftwerk aufgeräumt und gesichert haben) geführt. Die genaue Zahl der indirekt Betroffenen durch Spätfolgen wie Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen kann nicht eruiert werden.

Tschornobyl‘ ist bislang die größte Atomkatastrophe gelieben, gefolgt von Fukushima im Jahr 2011 (beide INES 7) und dem Kyschtym-Unglück nahe Majak, Russland 1957 (INES 6).

25 Jahre nach Tschornobyl‘ – hat sich etwas verändert?

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Abb. 1: Fukushima Daiichi. Quelle: Flickr-User naturalflow, Creative Commons.

Im Jahr 2011, der 12. März war es, saß ich gerade im Labor als eine Kollegin ganz besorgt zu mir sagte: „Wie geht es denn deiner Gastfamilie und deinen Freunden in Japan?“ Ich hatte noch keine Nachrichten gehört, aber schnell nachdem ich das Radio eingeschaltet hatte, fühlte ich mich, als hätte mich der Blitz getroffen: Störfall in Fukushima. INES 7. Luftlinie etwa 90 km von meiner Gastfamilie und meinen Freunden. INES 7 – das bedeutet doch ähnliche Ausmaße wie in Tschornobyl‘? In meinem Kopf alle Horrorszenarien, was sich gerade bei meiner Gastfamilie und meinen Freunden zu Hause abspielte. Aufgrund des Tsunamis konnte ich sie dann fast eine Woche lang telefonisch nicht erreichen. Der Moment, in dem meine Gastmutter mir „moshi-moshi?“ durchs Telefon entgegenrief – unbezahlbar.

Diese ganze Woche lang war für mich selbst in Österreich die Radioaktivität greifbar wie nie: Meine Gastmutter hat damals nicht recht verstanden, warum ich so besorgt war (lag es nur an meinen schlechten Japanischkenntnissen?) und mir erklärt, dass alles kein Problem sei – der Tsunami habe sie ja nicht getroffen. Und Fukushima? Ach, das sei halb so wild. Ist ja eh weit weg. (Zur Erinnerung: die Auswirkungen von Tschornobyl‘ waren im ca. 2000 km entfernten Schweden noch stark genug, um einen automatischen Alarm, der für die Detektion von Störfällen eingerichtet war, auszulösen) Ich beschloss, nicht zu diskutieren. Erstens reichte dafür mein Fachvokabular auf Japanisch nicht aus. Zweitens wollte ich sie nicht unnötig beunruhigen – in ihrem Bundesland hatte gerade erst ein Tsunami alles in Küstennähe dem Erdboden gleich gemacht. Ob ich selbst nach dem Gespräch weniger besorgt war? Ich war immerhin beruhigt, dass sie alle am Leben waren. Schon allein wegen des besagten Tsunamis. Dennoch: diese Unbekümmertheit hat mir Sorgen bereitet – ob sie wohl ausreichend informiert wurden über die Tragweite des Ereignisses? Damals in Tschornobyl‘ wurde die Bevölkerung auch erst Tage später informiert – und dann nur spärlich. Ob eigentlich noch jemand an Tschornobyl‘ und dessen Opfer denkt? Was haben wir von Tschornobyl‘ gelernt? Spätfolgen, sowohl bei den Betroffenen von Fukushima als auch von Tschornobyl‘, thematisiert ein anderer bioskop-Artikel.

INES

Das Akronym INES steht für „International Nuclear and Radiological Event Scale“, zu Deutsch für die „Internationale Bewertungsskala für nukleare Ereignisse“. Die Skala ist logarithmisch und reicht von null („Abweichung“ mit keiner oder nur geringer sicherheitstechnischer Bedeutung) bis sieben („Katastrophaler Unfall“, der sich meist durch eine komplette Zerstörung der Anlage manifestiert).

Quelle: IAEA, Internationale Atombehörde

30 Jahre später – wie geht’s weiter?

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Abb. 2: Das tschechische Atomkraftwerk an der Straße zwischen Wien und Lemberg lehrt mich jedes Mal Respekt vor Technologie. Quelle: Theodora Höger.

Heute, fast fünf Jahre nach Fukushima und 30 Jahre nach Tschornobyl‘, sind Reisen in die Ukraine für mich durchaus nichts Unübliches – ich habe in den letzten neun Jahren sogar relativ viel Zeit in der Ukraine verbracht. Ich habe in dieser Zeit auch Leute kennengelernt, die vom Reaktorunglück zumindest indirekt betroffen waren – Verwandte von Liquidatoren beispielsweise. Jemanden zu treffen, der von der damaligen Havarie gänzlich unbetroffen war – in der Ukraine nahezu unmöglich. Das ganze Land, Mittel- und Osteuropa, hat auf die eine oder andere Art darunter gelitten.

Allein schon bei der Hinfahrt werde ich ständig erinnert: Jedes Mal, wenn ich am AKW Dukovany, unweit von Brno in der Tschechischen Republik, vorbeifahre, überkommt mich ein Schaudern. Ein beklemmendes Gefühl macht sich breit: im Kopf beginne ich still vor mich hinzurechnen, wie weit das in etwa von meiner Wohnung entfernt ist; in welchem Rotton im Falle einer Atomkatastrophe dort mein Wohngebiet im Weinviertel auf Landkarten in Zeitungen und dem Internet wohl gefärbt wäre – im tiefsten, oder doch nur im zweittiefsten Rot? Dank Internet weiß ich mittlerweile, dass es sich um weniger als 80 km Luftlinie handelt. Ja, es mag sein, dass AKWs effizient sind und Arbeitsplätze schaffen. Was man mit dem Atommüll allerdings macht, darüber scheiden sich bis heute die Geister. Und einem Ernstfall stünden wir heutzutage genauso hilflos gegenüber wie damals. Übrigens überlegen mittlerweile einige Länder, auch innerhalb der EU neue AKWs zu bauen und/oder ihre alten wieder in Betrieb zu nehmen.

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Abb. 3: Weltweite Produktion von Kernenergie. Quelle: Wikimedia Commons

Es bleibt weiter spannend, wie sich die Ökosysteme rund um Tschornobyl‘ und Fukushima entwickeln und verändern und auch, ob wir uns irgendwann auf einer globalen Ebene gegen die Atomkraft und für eine sichere Energieform, mit deren Nebenwirkungen wir auch umgehen können, entscheiden werden.


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