:: Hai-Mensch Interaktion: Interview mit Erich Ritter

01/03/2016 von / 1 Kommentar

Titelbild: Erich Ritter in seinem Labor. Quelle: SharkSchoolTM

Das Spezialgebiet des schweizer Verhaltensbiologen Erich Ritter ist die Interaktion zwischen Hai und Mensch. Anfang des Jahres lud der Tauchsportverband Österreich den Biologen für einen Vortrag nach Graz ein. Diese Gelegenheit für ein Interview nutzten wir sogleich, um mehr über den Werdegang des prominenten Schweizers und die Haiforschung zu erfahren.

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Abb.1: Erich Ritter Quelle: Gabriel Kirchmair

Erich Ritter studierte Zoologie und Paläontologie an der Universität Zürich. In seiner Promotion befasste er sich mit der Verhaltensökologie von Fischen und arbeitete danach als PostDoc an der Universität Miami.
Heute ist Erich Ritter Leiter der SharkSchoolTM, welche Aufklärungsarbeit in Form von Vorträgen und Kursen leistet sowie wissenschaftliche Untersuchungen zu Hai-Verhalten und Hai-Unfällen durchführt.


Warum hast Du Dich für ein Studium der Biologie entschieden? Und wie wird man eigentlich Meerestierexperte in einem Binnenland?

Mit sieben Jahren habe ich zum ersten Mal einen Hai im Fernsehen gesehen und war fasziniert. Die Art und Weise wie der Hai in den Medien beschrieben wurde, war für mich nicht nachvollziehbar. Mit zehn las ich dann Dr. Dolittle und damit war für mich klar, dass ich Haiforscher werden möchte. Mir war allerdings auch relativ früh bewusst, dass ich dafür die Schweiz verlassen muss.
Ich habe in Zürich an der ETH und an der Universität studiert und auch in Zürich promoviert, weil ich kein Stipendium für die USA erhielt. Den PostDoc absolvierte ich an der Universität von Miami, wo ich dann auch unterrichtete. Ich verließ jedoch die Universität, weil ich meine Experimente aufgrund von Haftpflichtversicherungen etc. dort nicht mehr durchführen konnte. Für mich war es wichtiger Feldbiologe zu sein – da gehöre ich hin. Erst seit einigen Jahren unterrichte ich wieder an der Universität in West Florida.

Deine Doktorarbeit – handelte diese auch schon von Haien?

Die Diplomarbeit war über Haie, die Doktorarbeit allerdings über Flussbarsche. Ich habe Verhaltensökologie studiert und die Experimente aus meiner Doktorarbeit habe ich nachher an Haien wiederholt. Der Richtung bin ich treu geblieben.

Hast Du während dieser Zeit bereits ExpertInnen in deinem Fachgebiet kennengelernt?

Ja. Ich habe während des Studiums schon darauf geachtet, wer was wie und wo macht. Das war aber nicht einfach und es gab weltweit nur eine Feldstation wo Haiforschung betrieben wurde. Ich habe mir schon damals fest vorgenommen, dass wenn ich einmal so weit bin und eine eigene Feldstation besitze, dann werde ich auch Studendierende aufnehmen. An meiner Feldstation arbeiten jetzt Studierende an ihren Bachelor-, Diplom-, Master- und PhD Thesen. Quer durch – aus allen Ländern. Alle Interessierten können bei mir arbeiten. Das ist etwas was ich immer wollte.

Da Du gerade in Österreich bist – hatte Hans Hass mit seiner Arbeit einen Einfluss auf Dich?

Ich kannte Hans Hass persönlich. Er war ein Pionier und oftmals der Erste, der etwas versucht hat. Ich habe oft mit ihm geredet und seine Ideen verhalfen mir zu einem Motivationsschub. Das darf man nicht vergessen, ich halte ihn hoch in Ehren.

Wie sieht die derzeitige Arbeitsmarktsituation in Deinem Gebiet, der Haiforschung, aus?

Abb.2: Erich Ritter im Gespräch. Quelle: Gabriel Kirchmair

Abb.2: Erich Ritter im Gespräch. Quelle: Gabriel Kirchmair

Sehr gut, im Moment gibt es zirka zweihundert hauptberufliche HaibiologInnen weltweit, viele kommen beispielsweise in Regierungsstellen unter. Ich arbeite derzeit gerade mit der US Navy zusammen und habe erst kürzlich ein Patent eingereicht. Im Moment suche ich wieder Forschungsgelder, aber in der Haiforschung und im Haischutz gibt es schon ziemlich viel Geld. Wenn sich also jemand dazu entschließt Haibiologe/-in zu werden: da gibt es durchaus Möglichkeiten. Viele kommen aus der Ökologie oder Fischereibiologie und die meisten meiner KollegInnen arbeiten fix an der Uni. In der freien Wirtschaft ist die Bezahlung teilweise deutlich besser.

Wie hast Du den Sprung vom Doktorat in die Selbständigkeit geschafft?

Das ist ein Riesenproblem! Ich hatte das Glück, dass ich in den USA sehr viel in den Medien war, weil ich so ziemlich der Erste war, der mit Haien so auf Tuchfühlung ging. Da bist du natürlich das Lieblingskind der Medien. Ich habe über hundert Sendungen gemacht, vorwiegend in den USA, die auch bereit waren, dafür zu zahlen. Damit bekommt man natürlich auch Sponsoren und so konnte ich eine finanzielle Unabhängigkeit erreichen.
Jetzt habe ich Studierende, welche nachziehen können. Diese unterrichten beispielsweise für die SharkSchoolTM. Und es ist heute auch nicht mehr so schwierig selbständig zu werden, weil es sehr viele Anwendungsbereiche gibt. Wenn man zu hundert Prozent davon leben will, dann muss man bereit sein zu reisen. Ich bin neun Monate im Jahr unterwegs. Das ist relativ viel. Wer es wirklich machen möchte, der schafft es auch.

Was sollte man Deiner Meinung nach als Biologe oder Biologin mitbringen?

Herz! Das klingt vielleicht ein bisschen wirr, aber es ist einfach wichtig. [lacht]
Die Feldbiologie wird mehr und mehr an den Rand gedrängt. Die Pharmakologie, die Biochemie – das ist das, was Geld bringt. Wenn man also in ein Gebiet geht, welches schlecht bezahlt ist und respektive vielleicht weniger Optionen bietet, dann nimmt man natürlich diejenigen, die für die Sache leben. Haiforschung: da ist Geld drin. Das muss man ganz klar sagen. Sei es für Abwehrmittel, sei es für die Ausbildung etc., und es gibt in den USA relativ viele Leute, die jetzt auf dieses Gebiet kommen. Mein Aufnahmekriterium ist relativ einfach: mich interessieren Noten nicht, mich interessiert, ob man das wirklich durchziehen möchte und dafür braucht es Herz.

Besteht die Möglichkeit bei der SharkSchoolTM ein Praktikum zu absolvieren oder eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen?

Wir bieten Praktika an und ich betreue Bachelorarbeiten im Feld oder auch reine Datenauswertungen. Diejenigen die ins Feld gehen, machen drei Wochen lang einen Feldversuch, die anderen beschäftigen sich mit Videoanalysen. Wie vorhin schon erwähnt, betreuen wir beispielsweise auch Diplom- und Doktorarbeiten. Ich lasse die Leute auch das tun, was sie wollen. Das Kernthema muss sich um Verhalten drehen und es sollte den Tieren und Menschen etwas bringen. Die praktischen Feldversuche dauern allerdings nicht länger als drei Wochen, weil es einfach mental sehr anstrengend ist.

Bei Feldversuchen kommt man oft unglaublich nahe an die Tiere heran. Was ist das größte Missverständnis zwischen Mensch und Hai?

Das größte Missverständnis ist wahrscheinlich, dass wir glauben mit den Tieren nicht kommunizieren zu können. Haie sind hochentwickelte Wesen und nicht, wie man immer hört, primitiv. Der Hai vereinigt so viele unserer Grundängste auf einmal und das ist wohl das größte Problem. Wenn diese Grundängste überwunden werden, erlebt man ein Tier, welches wirklich fantastisch ist.

Abb. 3: Hai-Mensch Interaktionen - Erich Ritter bei der Arbeit. Quelle: Erich Ritter

Abb. 3: Hai-Mensch Interaktionen – Erich Ritter bei der Arbeit. Quelle: SharkSchoolTM

Warum glaubst Du ist es zu diesem Missverständnis gekommen?

Einerseits Unwissenheit und andererseits ist nach dem zweiten Weltkrieg die Angst geschürt worden, wie etwa durch den Kinofilm Jaws [Der weiße Hai]. Warum man dadurch Angst bekommen hat, ist mir ein anderes Rätsel! Aber viele Leute haben das Gefühl, dass sie in einem Medium sind, das sie nicht wirklich kennen: das Tier kommt von unten, es könnte einen lebendig fressen und so weiter. Die Medien spielen da natürlich auch eine tragende Rolle und wirken unterstützend im Schüren von Ängsten.

Wir haben von Fallrekonstruktionen eines Haibisses gelesen. Wie funktioniert eine solche Fallstudie?

Wenn es nach einem Haibiss zu einem Prozess kommt, dann braucht man für die Versicherung oft einen Nachweis. In unserer Forschungsgruppe verwenden wir dafür Dummies, die mit Lehm benetzt sind. Die Wunde wird dann anhand von Haikiefern rekonstruiert – ähnlich wie in der Gerichtsmedizin. Anschließend erklärt man rein anatomisch, wie die Wunde zustande gekommen ist und welche Kräfte -Schnitte, Scherkräfte und so weiter – eingewirkt haben. Dann klärt man die Haiart ab, wie groß das Tier war und welche Motivation dahinter stand. In den meisten Fällen handelt es sich um Gaumenbisse, also ein Auskundschaften. Natürlich kann ein Hai große Wunden verursachen. Es gibt Wunden von einem fünf Meter langen Weißen Hai, die sehen fürchterlich aus! Manche Wunden hingegen scheinen auf den ersten Blick sehr groß zu sein, aber sie sind nur oberflächlich. Diese Wunden kann man nähen und es gibt keinen Gewebeverlust. Normalerweise arbeitet man ein bis zwei Tage an so einer Rekonstruktion, bei komplizierten Wunden schon auch mal eine Woche.

Bei Deinen Experimenten gibt es bestimmt ein gewisses Risiko, wenn etwas nicht funktioniert.

Natürlich! Aber das Risiko besteht darin, dass man teilweise sehr viel Geld in den Sand setzt, nicht dass man gebissen wird – dazu haben wir die nötige Erfahrung. Ich arbeite viel mit Tigerhaien, die kann man relativ einfach wegdrücken. Die sehen dich dann mit großen Augen an und schwimmen davon. Es gibt aber Situationen mit Weißen Haien, wo man lieber aus dem Wasser geht. Man muss es ja nicht provozieren. Allerdings muss man bei Haien die Berührungsängste abgelegen. Ich habe das mittlerweile im Gefühl.

Was sind Deiner Meinung nach die größten Gefährdungen für Haie?

Abb.4: bioskop im Gespräch mit Erich Ritter. (v.l.nr.: Gabriel Kirchmair, Erich Ritter, Dominique Waddoup, Angelika Waibel). Quelle: Gabriel Kirchmair

Abb.4: bioskop im Gespräch mit Erich Ritter (v.l.nr.: Gabriel Kirchmair, Erich Ritter, Dominique Waddoup, Angelika Waibel). Quelle: Gabriel Kirchmair

Die größte Gefahr sind die Missverständnisse. Wenn ich sage, wir müssen „Bambi“ schützen, dann fragt keiner warum, weil diese Tiere entzückend sind. Wenn man so von Haien redet, sagen die Leute: Ja, aber die beißen doch!. Es gibt kein anderes Tier, das so stark mit negativen Ansichten in den Medien vertreten ist wie der Hai. Auch das Unverständnis dafür, was diese Tiere eigentlich darstellen ist mit ein Grund. Wir müssen zuerst die Gesinnung ändern und dann aktiv den Schutz der Tiere fördern.

bioskop: Vielen Dank für das Interview!

Weiterführende Links

SharkSchoolTM (englisch) – mit Forschungs-Projekten, Verhaltensregeln und Beschreibungen vieler Haiarten


Eine Antwort
  1. Theodora

    Interessantes Interview – vielleicht wäre es an der Zeit für einen Film, dessen Protagonist ein freundlicher Hai ist, um das Image dieser wunderschönen Tiere aufzubessern…?

    02.05.2016 um 17:49
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