:: Exkursionsbericht: Auf den Spuren polnischer Wölfe

12/02/2016 von / 3 Kommentare

Titelbild: Auf der Suche nach Wölfen. Quelle: Mike Figura

Zurück zum Ursprung: Marko fährt für eine Woche nach Polen und bringt Geschichten von der wunderbar anstrengenden Forschung in der Wildnis zurück. Ein kleiner Bericht über Wolfskot, Bärendung und Luchsfäkalien.

Zum zweiten Mal besuche ich ein Wildlife Seminar in den polnischen Beskiden. Seit meiner Kindheit faszinieren mich Wölfe und dieses Seminar bietet die Möglichkeit, sich mit einem Experten auf die Spur der dort lebenden Wölfe zu begeben.
Es ist etwa halb vier Uhr morgens. Ich wache verschreckt in einem Bus im polnischen Katowice auf. Gerade habe ich eine fünfstündige Fahrt von Wien hinter mir. Und wenn ich nicht schnellstens aussteige, geht die Fahrt gleich weiter nach Krakau. Also springe ich wie ein Zombie auf Speed mit halb angezogenem Anorak, schwerer Tasche und schiefer Mütze auf dem Kopf aus dem Bus. Der Busfahrer hat den Stauraum unten im Bus bereits zugemacht und will schon weiterfahren, als ich ihm mit panischer Miene und Handzeichen deute, dass ich noch meine zweite Tasche brauche (der Busfahrer scheint nur polnisch zu sprechen oder sprechen zu wollen).

Eine Minute später begrüßt mich mein Guide Mike mit dem ich mich schon beim letzten Besuch angefreundet habe. Mike arbeitet seit vielen Jahren für die Association for Nature WOLF (AfN WOLF), einer Non-Profit-Organisation, die sich der Erforschung und Erhaltung von Karnivoren und ihrem Lebensraum widmet. Er selbst beobachtet drei verschiedene Rudel, hauptsächlich das sogenannte „Halny” Rudel, durch Spurensuche, DNS-Daten (Kot und Haare) und Wildkameras. Es geht darum, mehr über Wanderbewegungen, Verwandtschaft, Fortpflanzung, Ernährung und Verhalten der einzelnen Wolfsrudel herauszufinden.

Abb.1: Ein Teil der Beskiden. Quelle: Mike Figura

Nachdem wir mein Gepäck im kleinen, aber verlässlichen Geländewagen von Mike verstaut haben, müssen wir noch eine Stunde Fahrt in die Beskiden hinter uns bringen. Die Beskiden bezeichnen einen Gebirgsteil der Karpaten, der sich hauptsächlich durch Polen, Tschechien, die Slowakei und die Ukraine zieht.
Eigentlich hatte ich ursprünglich nicht vor, um diese Zeit in Polen anzukommen, aber leider hab ich mir ein ungünstiges Busticket verkaufen lassen (Merke: immer fragen welche Busverbindungen es sonst noch gibt!). Was aber kann man um halb sechs Uhr morgens in den Beskiden machen? Klarer Fall: irgendwo im Wald auf eine Lichtung starren – was sonst?

Und da sitzen wir nun, in einem Faltzelt unweit einer einsamen Lichtung im Wald. Wir starren beide ins Halbdunkle und hoffen, dass sich vielleicht ein Wolf, Bär oder Luchs zeigt. Ein bisschen muss ich schon über mich lachen: Andere Menschen nehmen sich Urlaub und machen sich ein paar gemütliche Tage am Strand, in einer Therme oder auf der heimischen Couch. Und dann gibt es Menschen, die frieren sich lieber um sechs Uhr früh ihren Hintern (und auch den ganzen Rest) ab, während sie auf eine Waldlichtung starren. Das Einzige das verhindert, dass ich einschlafe ist die Kälte und die Hoffnung etwas Außergewöhnliches zu sehen, aber verdammt, das ist die Art von Forschung, die mich fasziniert!

Abb.2: Wolfsspur Quelle: Mike Figura

Abb.2: Wolfsspur. Quelle: Mike Figura

Abb.3: frische Bärenspur Quelle: Mike Figura

Abb.3: Frische Bärenspur. Quelle: Mike Figura

Nach zweieinhalb Stunden brechen wir, leider erfolglos und durchgefroren, auf zu meiner Unterkunft: Eine kleine Pension direkt an der Waldgrenze und der perfekte Ausgangspunkt für die nächsten Tage. Die folgenden Tage sind aufregend, anstrengend und vor allem lehrreich.
Wir finden und folgen zahlreichen Spuren, nicht nur von Wölfen, auch von Luchsen und Bären (diesmal, zu meiner Freude, sogar recht frischen Bärenspuren und Bärendung).

Außerdem sehen wir natürlich unzählige Spuren von Schwarz- und Rotwild, beobachten einen Weißrückenspecht (Dendrocopos leucotos), einen Schwarzspecht (Dryocopus martius), das eine oder andere Auherhuhn (Tetrao urogallus), einen Rotfuchs (Vulpes vulpes), Rothirsche (Cervus elaphus), Rehe (Capreolus capreolus) und gehen einer Kreuzotter (Vipera berus) und einem Feldhasen (Lepus europaeus) auf die Nerven.

Für mich ist es immer wieder spannend, die Art von biologischer Arbeit hautnah mitzuerleben, die ich eigentlich im Sinn hatte als ich mit dem Biologiestudium begann: stundenlange Märsche durch einsame Wälder, die Sinne geschärft auf alles was sich bewegt. Die Freude über einen frischen Kothaufen eines Bären oder die Fußspur eines Luchses. Das Anbringen und Austauschen von Wildkameras, die Spannung bei der Sichtung des Videomaterials. Natürlich werden auch DNS-Proben genommen und GPS-Daten aufgezeichnet.

Eine Art der Forschung, die – meiner Meinung nach – verhindert, dass es zu einer Entfremdung zwischen Biologe und Natur kommt. Besonders in Erinnerung bleibt mir bei diesem Besuch ein Abend, an dem Mike es schafft die Wölfe zum Heulen zu bewegen. Es ist stockdunkel, als das „Halny“- Rudel vom Berg gegenüber auf Mikes Heulen antwortet. Am nächsten Morgen suchen wir natürlich sogleich auf jenem Berg nach Spuren der Tiere und kontrollieren die Wildkameras.

Abb.4: Anbringen einer Wildkamera Quelle: Mike Figura

Abb.4: Anbringen einer Wildkamera. Quelle: Mike Figura

Nach einer Woche in den Beskiden ist es für mich immer ein kleiner Kulturschock, wenn ich nach Wien zurückkehre. Meist brauche ich einige Tage bis ich mich wieder an die vielen Menschen, die teilweise schwer zu ertragenden Gerüche und den noch schwerer zu ertragenden Lärm gewöhnt habe (eigentlich habe ich mich nie wirklich daran gewöhnt). Doch solche Reisen inspirieren und erfreuen mein Biologenherz und ich gebe zu ein Romantiker der Naturwissenschaft zu sein. Denn für mich ist Biologie immer noch mehr als Papers, Statistik und der „Impact Factor“.

Association for Nature WOLF

Die Association for Nature WOLF (AfN WOLF) ist eine polnische Non-Profit-Organisation die sich für den Schutz von Säugetieren, hauptsächlich Karnivoren, in ihrem natürlichen Lebensraum einsetzt. Zentrale Tätigkeiten der Organisation sind sowohl Forschung, als auch Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildung. Die AfN WOLF wurde 1996 gegründet und besteht aus einer Gruppe von erfahrenen BiologInnen, FörsterInnen und anderen ExpertInnen.

3 Antworten
  1. Theodora Höger

    Ich danke auch – „geerdet“ ist genau das richtige Wort! Hoffentlich folgen noch viele Berichte von den wilden Tieren der Beskiden!

    16.02.2016 um 12:07
  2. Stefan Kapeller
    Stefan Kapeller

    Danke Marko! Fühle mich durch deinen Bericht wieder etwas „geerdeter“. Will raus! (Muss ja nicht gleich Polen sein)

    16.02.2016 um 11:59
    • Marko
      Marko (Author)

      Ja, ich hoffe mit solchen Berichten inspirieren zu können. :) Draußen ist immer was los.

      16.02.2016 um 12:46
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