:: Kommentar: Begriff Nachhaltigkeit

08/11/2015 von / 1 Kommentar
Titelbild: www.tagul.com (c) Claudia Radler

Es ist bekannt, dass die Ressourcen des Planeten Erde nicht unerschöpflich sind, vor allem wenn sie von einer großen Anzahl an Menschen genutzt werden. Der Begriff Nachhaltigkeit ist heutzutage in aller Munde und wir werden im Alltag laufend damit konfrontiert. Doch wie nachhaltig sind Maßnahmen und Produkte, die wir als solches angepriesen bekommen, tatsächlich?

Waschnüsse aus Indien zum Beispiel, als umweltfreundliches, nachhaltiges (weil nachwachsendes) Waschmittel in europäischen Drogeriemärkten, sollten uns alle zum Nachdenken bringen. Abgesehen von dem wenig nachhaltigen Transport, führt eine gesteigerte Nachfrage in europäischen Ländern zu Engpässen in der Verfügbarkeit und zu Preisanstiegen im Herkunftsland. Sinnvoller ist es da schon in Österreich statt zur indischen alternativ beispielsweise zur heimischen Waschnuss – der Rosskastanie – zu greifen. Dies kann man auf sämtliche Produkte anwenden, die unter dem Deckmantel der Nachhaltigkeit aus fernen Ländern angeschifft, -geflogen oder –gefahren kommen.

Auch die nachwachsende Ressource Holz, wird gerne als nachhaltiges Produkt angepriesen. Doch wo Ur- oder tropische Regenwälder abgeholzt und mit Monokulturen (Österreich: zum Beispiel Fichten; Brasilien: zum Beispiel Eukalypten) wieder aufgeforstet werden, fängt die Idee der Nachhaltigkeit zu kranken an. Ohne intensive Bewirtschaftung enden z.B. brasilianische Eukalyptus-Plantagen als Wüsten – von Nachhaltigkeit kann hier keine Rede sein. Zudem nimmt die Biodiversität in solchen Monokulturen im Vergleich zu ursprünglichen Wäldern ab und die Anfälligkeit für Schädlinge (z.B. Borkenkäfer) macht häufig den Einsatz von Pestiziden notwendig.

Wenn mit Nachhaltigkeit geworben wird, ist also Vorsicht geboten; schnell kann man den Blick dafür verlieren, was auf Dauer sinnvoll ist. Gerade deshalb sollten wir uns immer wieder aufs Neue bewusst machen, dass unser ökonomisches und ökologisches Handeln, Auswirkungen auf die Zukunft unserer Kinder und Enkelkinder hat.
Dinge die jeder von uns einfach umsetzen kann: auf Regionalität und Saisonalität beim Einkauf achten, öfter mal das Rad oder Öffis statt dem Auto verwenden, Müll vermeiden durch bedachtes Einkaufen, sich den eigenen Energieverbrauch bewußt machen und – womöglich – reduzieren.

Die bioskop-Redaktion hat Biologinnen und Biologen aus Österreich gefragt, was der Begriff Nachhaltigkeit für sie bedeutet. Hier sind einige Statements:

Mag. Dr. Katharina Bastl; Universitätsassistentin Medizinische Universität Wien, Österreichischer Pollenwarndienst:

„Nachhaltigkeit ist verantwortungsvoller Umgang mit und Bewahrung von Ressourcen, von denen man langfristig abhängt und sie daher schützen muss, um sie auch in Zukunft nutzen zu können. Das Prinzip wirkt natürlich, weil man es auch als sich schließender Kreis darstellen könnte – wie ein Lebenszyklus. Jede Entwicklung fließt in die nächst folgende, um auf die vorangegangene letztendlich zurück zu kommen (wenn der Umgang der Richtige ist).
Ein Beispiel: Gerade der Mensch nutzt die Natur oftmals aus und macht auch vor sich selbst nicht Halt. Denn was sagt uns die Zunahme an psychischen Problemen und Burn-out? Dass wir mit der Nutzung unserer Ressourcen immer noch nicht gut umgehen – in jedem Sinn.“

DDr. Veronika Grünschachner-Berger; Wildbiologin, Wildbiologisches Büro:

„Als Studenten war der Begriff ein ganz „guter, ehrwürdiger“. Nicht mehr – zB Holz aus dem Wald – zu entnehmen als nachwächst, damit wäre schon ein großer Schritt gegen Raubbau und Ausbeutung von natürlichen Ressourcen getan.
Mittlerweile hat man schon fast Bauchweh, wofür der Begriff herhalten muss und wie groß die Hülle ist, in der sich so Vieles versteckt. Nur einfach „Wieder nachwachsen“, „Wieder zur Verfügung stehen“ etc. ist einfach zu wenig. Auch eine Fichten- Monokultur wächst wieder. Ohne Prüfung weiterer ökologischer Parameter wird diese Hülle der Nachhaltigkeit immer leerer. Trotzdem muss man sich bewusst sein, dass sie ein erstes generelles Ausscheidungs-Kriterium zur Bewertung von Eingriffen in die Landschaft darstellt.“

Dr. Johannes Fritz; Verhaltensbiologe, Waldrappteam:

„Der Begriff Nachhaltigkeit ist bei mir verbunden mit Arterhalt und Artenschutz, also Maßnahmen in diesem Bereich in einer Art und Weise zu setzen und Zielsetzungen so zu definieren, dass das, was man macht, langfristig sinnvoll ist. Für mich spielt Nachhaltigkeit eine Rolle im Kontext von nachhaltiger Bewirtschaftung und nachhaltiger Handhabung von ökologischen Netzwerken und auch von Tier- & Pflanzenarten. In Machbarkeitsstudien von Wiederansiedlungsprojekten ist die Nachhaltigkeit ein wesentlicher Aspekt. Allerdings auch schwierig zu handhaben, weil die zukünftige Entwicklung von Populationen oder ökologischen Netzwerken von sehr vielen Faktoren abhängt. Daher sind Prognosen darüber, wie nachhaltig eine Wiederansiedlung tatsächlich ist, zum Teil auch sehr vage.“

Dr. Michael Matys; Zoologe, Direktor & Geschäftsführer Alpenzoo Innsbruck:

„Der Begriff der Nachhaltigkeit hat auch für Tiergärten besondere Bedeutung. Er beinhaltet zum einen die Nachzucht, um damit den Tierbestand zu sichern, ohne auf Neuzugänge aus anderen Quellen angewiesen zu sein. Zum anderen betrifft dies den Ressourcenverbrauch, der durch Kreisläufe im System möglichst gering gehalten werden soll, vor allem bei Energiebedarf, Wärmeerzeugung und Wasserverbrauch. Je nach Machbarkeit und Sinnhaftigkeit haben Zoos eine Reihe derartiger Möglichkeiten in ihre Betriebsabläufe integriert, weil Ressourcenschonung in den angeführten Bereichen nicht nur ethische Aspekte enthält, sondern auch wirtschaftliche Vorteile bringen kann, ohne sich den Begriff der Nachhaltigkeit als „grünes Mäntelchen“ umzuhängen.
Im Alpenzoo Innsbruck werden z.B. Futterzweige aus den Gehegen für die Hackschnitzelheizung verwendet. Wasserbecken und Aquarien werden über Pumpen im Kreislauf betrieben und durch biomechanische Filter gereinigt. Bewegungsmelder und Zeitschaltuhren verringern den Stromverbrauch, über Photovoltaikanlagen kann Ökostrom eingespeist werden. Quellwasser wird gefasst und für Tiertränken eingesetzt, Durchflussbecken dürfen mit behördlicher Genehmigung in natürliche Bachläufe ausgeleitet werden.
Die nachhaltige Nutzung von natürlichen Ressourcen ergibt einen „Mehrwert“ auch für die Gesellschaft. Dieses Prinzip ist nicht überall zielführend einsetzbar, aber je öfter diese Form der Bewirtschaftung Verwendung findet, desto mehr lassen sich Ökonomie und Ökologie in Einklang bringen.“

Mag. Alexander Maringer; Zoologe, Nationalpark Gesäuse:

„Nachhaltigkeit bedeutet für mich , einen ökologischen Fußabdruck anzustreben, der zumindest bei einem Planeten (1 = kein Defizit) liegt. In Summe erscheint mir das für einen Mitteleuropäer mit durchschnittlichem Lebensstandard heute gar nicht mehr möglich zu sein. Daher bin ich sehr skeptisch, wenn mit „Nachhaltigkeit“ geworben wird. Es finden sich darunter Produkte und Futtermittel aus Übersee. Schon alleine die Transportwege konterkarieren die Bemühungen und entlarven den Schwindel. In Wirtschaft wie in Politik ist derzeit alles auf kurzfristige Erträge bzw. Erfolge ausgerichtet, langfristige Strategien scheint es nicht zu geben. Darunter leidet nicht nur das Naturkapital unseres Planeten. Wie visionslos man ist, zeigt mir der jüngste Skandal der Autoindustrie. Wir betrügen uns gerne selbst und vergessen dabei, dass man Geld nicht essen kann. Das Wort „Nachhaltigkeit“ hat bereits viel an Glaubwürdigkeit eingebüßt, ich bezweifle aber, dass ein neuer Begriff unseren Planeten retten wird.“

Dr. Frank Weihmann, Ökologe, Naturschutzbund Steiermark:

Ich denke an täglich bewusstes, nachhaltiges Handeln in allen Situationen, an Ressourcen sparen und wie & wann ich dies umsetzen kann. Ich nutze Energiesparlampen, rein pflanzliche Wasch-, Spül- und Reinigungsmittel, habe mich über nachhaltiges Wäschewaschen informiert (richtige Temperatur, Kurzwaschgänge sparen kaum Energie, die Trommel muss ideal gefüllt sein, etc.) und die Benutzung eines Geschirrspülers akzeptiert: es ist umweltfreundlicher als mit der Hand zu spülen. Kein Gerät steht über Nacht auf Standby. Ein Smartphone – besonders die Neuanschaffung im Jahres- oder Zweijahresrhythmus – halte ich für nicht notwendig. Wohnung & Arbeitsplatz werden nicht überheizt. Bei Lichtverschmutzung werde ich grantig und rede Privatpersonen schon mal an. (Elektro-) Waren vom Diskounter halte ich für minderwertig und kaufe diese trotz der „tollen“ Angebote nicht. Wegen der Intensiv- & Massentierhaltung, verzichte ich auf Fleisch- & Milchprodukte (zu 100% bzw. 90%). Ich konsumiere bewusst Produkte die in Mitteleuropa biozertifiziert angebaut & hergestellt werden und keine Produkte mit Palmöl, da ich es für mich nicht akzeptieren kann, dass meine Lebensqualität auf Kosten von Natur & Menschen in anderen Teilen der Erde geht. Zudem brennen Orang-Utans, unvorstellbar. Ich praktiziere Urban & Guerilla Gardening, rette Lebensmittel, „fairteile“ diese und kaufe Kleidung überwiegend Second-Hand. Schuster & Schneidereien reparieren meine beschädigte Kleidung, Verpackungsmüll vermeide ich durch Einkäufe in Bioläden & auf Bauernmärkten. Wege in Graz erledige ich zu Fuß oder mit dem Rad, nutze wenn möglich öffentlichen Fernverkehr oder Mitfahrgelegenheiten, teile mit Freunden mein Auto und überlege ob Autofahrten wirklich notwendig sind. Ich achte auf Mülltrennung (fachgerechtes Entsorgen von Elektromüll, Leuchtmittel, etc.) und mache Mitmenschen auf Fehler aufmerksam. Dabei muss ich manchmal meine Bequemlichkeit überwinden. Alles in allem klingt es nach Kleinigkeiten; in Summe fühle ich mich auf meinem Weg bestätigt: ich verbrauche weniger Energie als der Durchschnittshaushalt und es fällt weniger Verpackungs- & Restmüll an. Manche Mitmenschen konnte ich für Veränderungen in ihrem täglichen Handeln gewinnen. Seit ich fast ausschließlich BIO kaufe, haben sich meine Ausgaben nicht erhöht. Auch in einer Zeit mit wenig Geld (weniger als Mindestsicherung) habe ich nicht auf BIO verzichtet.
Ich befinde mich in einem Prozess, versuche mein nachhaltiges Verhalten stets zu optimieren, probiere neue Wege und achte doch konsequent auf meine Lebensqualität, die in Österreich unfassbar hoch ist und ich bin dankbar, dass ich hier leben & wirken darf.


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