:: Rezension: Landraub

22/11/2015 von / 2 Kommentare
Titelbild: Äthiopien – Kleinbauern bei der Ernte © dpa/Movienet

Globale Spekulationen um Ackerland. Kleinbauern, denen ihr Land genommen wird. Eine EU-Handelsinitiative namens „Alles außer Waffen“ soll dies indirekt unterstützen. Im Gegenzug gibt es billigen Zucker und billiges Palmöl für Europa.


Vorab sei gesagt: Der Regisseur und Wissenschaftsjournalist Kurt Langbein verurteilt nicht. Er prangert nicht an. Er stellt die Protagonisten in den Vordergrund, versucht ihre Gedanken nachzuvollziehen, zeigt die Konsequenzen ihres Handelns auf und lässt bewusst beide Seiten zu Wort kommen:


Titel: Landraub
Jahr: 2015
Genre: Dokumentarfilm
Regie: Kurt Langbein
Buch: Christian Brüser, Kurt Langbein
Dauer: 95min

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Die Kleinbauern, Landarbeiter und Flüchtlinge, die mit Vertreibung, Hunger und Elend zu kämpfen haben und sich vor Versklavung durch Großgrundbesitzer fürchten müssen, auf der einen Seite; die Investoren mit ihren strukturierten Ländereien, die für sie eine Geldanlage darstellen, auf der anderen Seite.

Was sind die Auswirkungen des Landraubs?

Was will der Film also aufzeigen? Es geht um den Wert von Ackerland, der vielleicht wichtigsten und durch das Populationswachstum des Menschen auch wertvollsten Ressource, die wir auf dieser Welt haben. Nach der Finanzkrise im Jahr 2008, nach der die Preise für Grundnahrungsmittel an der Börse stiegen, wurde es vermehrt als Anlagemöglichkeit entdeckt. Selbst Mark Twain wusste: „Kaufen Sie Land. Es wird keines mehr gemacht.“ – Investoren haben bereits weltweit eine Fläche, die halb so groß ist wie Europa aufgekauft und daraufhin die Kleinbauern und indigenen Völker, die auf diesen Flächen lebten, vertrieben. Für die Region wird dort nichts mehr angebaut – die Märkte für die wohlhabenderen Länder müssen bedient werden. Dabei können für jede eingesetzte Energieeinheit bei der industriellen Landwirtschaft nur drei, bei der kleinbäuerlichen Bewirtschaftung hingegen 23 Energieeinheiten geerntet werden.

In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses. © dpa/Movienet

Abb. 1: In Kambodscha steht ein vom Landraub Betroffener auf den Trümmern seines zerstörten Hauses. © dpa/Movienet

Die Bilder, die der Film transportiert, sind imposant – sie bewegen und erschüttern: Die Ebnung der Böden, die Menschen, die plötzlich durch Enteignung vor dem Nichts stehen, aber auch die Investoren, die teilweise den Eindruck erwecken, dass sie nach bestem Wissen und Gewissen handeln.

Mancher Seher mag sich denken: „Na gut, das mag ja alles so sein. Aber das passiert in Kambodscha, in Äthiopien, in Indonesien. Was hat das schon mit mir in Österreich zu tun?“ – Der Film zeigt Antworten auf: Es hat sogar sehr viel mit uns zu tun. Einige Förderprogramme der EU, wie zum Beispiel das „Alles außer Waffen“-Abkommen, führen zu riesigen Monokulturen, die für die Biosprit-Produktion und die Zuckerindustrie eingesetzt werden. Entwicklungshilfe-Gelder aus Österreich helfen den Industriellen, um ihre Investitionen abzusichern.

Was haben ein Multimedia-Mönch, Gemüse im Burj al-Arab, Bioethanol, die Zuckerindustrie und die EU gemeinsam?

Die Antwort: Sie alle stehen im Zusammenhang mit Landenteignung. Langbein erzählt in seinem Werk die Geschichte vieler Menschen rund um den Globus und gibt den Enteigneten, aber auch den Investoren damit ein Gesicht:

Da wäre beispielsweise die Geschichte vom niederländischen Investor, der sein Geld in Äthiopien macht – er ist stolz auf seine Gemüseplantage in der Nähe von Awassa und schwärmt vom herrlichen Klima und Boden des Landes,sowie den niedrigen Produktionskosten. Seine Mitarbeiter verdienen 24 Euro im Monat, pflücken täglich für ihn Gemüse und dürfen davon nicht kosten, sich nichts davon mit nach Hause nehmen. Das Gemüse landet wenige Kameraeinstellungen später in einem der luxuriösesten Hotels der Welt: Dem Burj al-Arab in Dubai.

Multimedia-Mönch Luon Sovath kämpft in Kambodscha gegen den Landraub.

Abb. 2: Multimedia-Mönch Luon Sovath kämpft in Kambodscha gegen den Landraub. © dpa/Movienet

In einem Kloster in Phnom Penh, Kambodscha: Der „Multimedia-Mönch“ Luon Sovath sitzt in seiner Kammer und bearbeitet Videos von gepanzerten LKWs, die Häuser umfahren. Die Bewohner des Hauses haben in seinem Kloster Zuflucht gefunden. Insgesamt wurden 405 Familien obdachlos. Sämtliche Besitztümer wurden ihnen genommen. Der Grund: Eine Kautschuk-Plantage soll angelegt werden. Gefördert wird diese Vorgehensweise durch den zollfreien Marktzugang in die EU im Rahmen des „Alles außer Waffen“-Abkommens, das armen Ländern die Möglichkeit gibt, Agrarerzeugnisse zollfrei in die EU zu importieren.

Auch der Verkauf von Zucker aus Kambodscha in die EU ist ertragreich: Ein paar Investoren haben mit dem Verkauf von Zucker 50 Millionen Euro verdient. Dafür mussten zuerst nur mehr als 12.000 Menschen von ihrem Land vertrieben werden. Unter ihnen eine ältere Damen, deren Felder bereits seit Generationen in Familienbesitz waren. Vor ein paar Jahren jedoch wurde dort eine Zuckerfabrik gebaut. Gesamt sollen laut Luon Sovath bereits 500.000 Menschen in Kambodscha betroffen sein.

Was wir damit zu tun haben? Bereits 2012 wurde eine EU-Resolution verabschiedet, um das Handelsabkommen aufgrund von Menschenrechtsverletzungen auszusetzen. Der damalige Handelskommissar der EU, Karel DeGucht, glaubte den Versprechen der kambodschanischen Regierung, dass diese Vorgänge gestoppt werden. EU-Parlamentarier und Bauer Martin Häusling ist anderer Meinung und ortet die Beteiligung „europäischer Konzerne, auch Zuckerkonzerne, die sich ihr Geschäftsmodell jetzt nicht kaputtmachen lassen.“ .

Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert – nicht nur in der göttlichen Komödie von Dante Alighieri

Im durch den Bürgerkrieg zerstörten und von Ebola gebeutelten Sierra Leone gibt es mittlerweile nur noch fünf Fabriken: Eine davon ist die schweizer Firma Addax Bioenergy, die auf etwa 15.000 Hektar Fläche Zuckerrohr anbaut und daraus Ethanol als „bio“-Treibstoff für Europa gewinnt.

Die Wasserentnahme für die Zuckerrohrplantagen führt indes zu großen Problemen: „Addax mischt jetzt sogar Chemikalien ins Wasser und versprüht es auf den Feldern. Zuerst wurden die Pestizide von Hand ausgebracht, aber Addax sagt, es wurde zu viel gestohlen. Unsere Tiere sterben, wenn sie das Unkraut am Rand der Zuckerrohrfelder fressen.“, so Ibrahim Serie, der Dorfvorseher von Mabansa in Sierra Leone. Im Jahr 2014 konnte durch unabhängige Prüfungen das Herbizid Durion in Brunnen und Oberflächenwasser nachgewiesen werden. Diese Chemikalie ist in Frankreich verboten. Der „Bio-“Sprit ist dabei flächen-ineffektiv: „Mit ein, zwei Tanks Biosprit für meinen Traktor verbrauche ich so viel Fläche, wie eine ganze Familie ein Jahr lang zum Leben braucht.“, rechnet der Agrarwissenschaftler und Biobauer Felix Löwenstein vor.

In Malaysia und Indonesien haben sich hingegen die Palmölplantagen durchgesetzt, da die Lebensmittel- und Kosmetikindustrie das Palmöl als billigen, extrem haltbaren und in jeder Konsistenz einsetzbaren Universalrohstoff für sich entdeckt hat. Die Nachfrage nach Palmöl verdoppelt sich dabei alle zehn Jahre. Malaysia und Indonesien decken gemeinsam zirka 80 Prozent der globalen Nachfrage. Um diese Leistung aufrechterhalten zu können, werden alleine in Indonesien jährlich 620.000 Hektar, also 6.200 km², Regenwald vernichtet (Vergleich: Indonesien hat etwa 1,9 Millionen km²; Malaysia knapp 330.000 km²). Damit nicht genug entweicht durch die resultierende Entwässerung des Torfbodens so viel CO2, dass Indonesien für knapp zehn Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich ist und somit Platz drei der größten Klimasünder, hinter China und den USA , einnimmt.

Zerstörung von Kleinbetrieben auch innerhalb der EU

Der größte Agrar-Investor Rumäniens, Andreas Bardeau, investiert dort „wo österreichische Geschichte ist“ – der Adelige kaufte Land zu Zeiten, in denen der Hektarpreis noch deutlich unter 2.500 Euro lagen. Die Nachfrage nach Land steigt, und mit ihr auch der Preis. Heute ist es rumänischen Kleinbauern nicht mehr möglich, sich zusätzliches Land zu leisten. Einer der interviewten Bauern setze kurz nach den Dreharbeiten seinem Leben ein Ende, weil er keine Perspektive mehr sah, seinen Familienbetrieb weiter fortzuführen: Er gehörte zu den 70 Prozent der rumänischen Bauern, auf einem der vier Millionen Höfe, die überhaupt keine EU-Förderung bekommen. Die großen Betriebe, alle größer als 500 Hektar, können sich dank Agrarsubventionen jedoch immer mehr Land leisten.

Fazit

Ein spannender und durchaus empfehlenswerter Film, der durch eindrucksvolle Bilder und bewegende Lebensgeschichten sehr zum Nachdenken anregt.

Gewinnspiel

Übrigens ist Landraub auch in Buchform erhältlich: Zwei Exemplare verlosen wir unter allen, die uns bis zum 04.12. ein E-Mail mit dem Betreff „Landraub“ an gewinnspiel@austrianbiologist.at schreiben und uns darin mitteilen, welcher Artikel ihnen aus dem Themenmonat Nachhaltigkeit am besten gefallen hat.


2 Antworten
  1. Thomas Bienek

    Kann diesen Film nur empfehlen. Und nicht nur Menschen, die sich in dieser Richtung engagieren… Eigentlich wäre dieser Film ein „Weckruf“ für die Sorglosen… LG aus Innsbruck . Thomas (Presse und Medienarbeiz für „Fansfornature-Austria“).

    27.11.2015 um 10:52
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