Das Donaukraftwerk Greifenstein ist eines von elf Wasserkraftwerken an der österreichischen Donau. © Bwag/WikimediaCommons

:: Saubere Energie – für die Fisch‘?

24/10/2015 von / 0 Kommentare
Titelbild: Das Donaukraftwerk Greifenstein ist eines von elf Wasserkraftwerken an der österreichischen Donau. © Bwag/WikimediaCommons

Flüsse und ihre begleitenden Au-Landschaften sind aufgrund ihrer besonders hohen Biodiversität Lebensräume von unschätzbar ökologischem Wert und daher Gegenstand zahlreicher Naturschutzbemühungen. Gleichzeitig steigt aber die Nachfrage nach sauberer Energie; in einem so wasserreichen Land wie Österreich ist die energetische Nutzung der zahlreichen Fließgewässer praktisch vorgegeben. Tatsächlich ist der Ausbau der Wasserkraft in Österreich bereits weit fortgeschritten und liegt bei rund 70 Prozent des technisch und wirtschaftlich Sinnvollen – der Anteil am Gesamtstrom in Österreich beträgt etwa 55 Prozent. Die Vorteile dieser Form der Stromerzeugung sind überzeugend: erneuerbare Energie, die noch dazu sehr konstant und bei hohem Wirkungsgrad produziert werden kann. Die Nutzung der Wasserkraft ist jedoch im Land am Strome, sowie der restlichen Welt, nicht so umweltfreundlich wie es auf den ersten Blick scheint. Denn für den Fluss und seine Bewohner stellen Wasserkraftwerke (WKW) einen schwerwiegenden Eingriff dar.

Ökologische Auswirkungen von Wasserkraftwerken

In unregulierten Flüssen findet sich ein Mosaik an ständig neugebildeten Nebengewässern unterschiedlichster Ausprägung. Durch die für den Kraftwerksbetrieb notwendigen baulichen Maßnahmen, wie der Befestigung von Ufern und dem Bau von Rückstaudämmen, entfällt jedoch diese Neubildung. Bestehende Begleitgewässer werden vom Hauptstrom abgetrennt, was zu zunehmender Verlandung führt. Gerade diese Nebenarme sind aber für viele Fischarten wichtige Lebensräume, die zur Nahrungssuche, Fortpflanzung oder als Rückzugshabitate genutzt werden. Die begradigten Uferlinien sind sehr monotone Abschnitte, welche die ökologischen Funktionen der ursprünglichen Ufer, etwa als Lebensraum für Jungfische, nicht mehr erfüllen können. Im Staubereich kommt es außerdem zu einer Verschiebung der Artengemeinschaft. Strömungsliebende, typische Flussfische werden durch anspruchslosere oder an stehende Gewässer angepasste Arten ersetzt.

Neben diesen Beeinträchtigungen, ist die fehlende Durchgängigkeit der meisten Flüsse durch Wehre oder WKWs ein Hauptproblem für viele Wasserorganismen. Fast alle Fischarten führen im Laufe ihres Lebens Wanderungen durch, sei es um zu Laichplätzen (und zurück) zu gelangen, zur Ausbreitung, Nahrungssuche oder zum Überwintern. An Querbauwerken nehmen die Wanderungen jedoch ein abruptes Ende, was zu fragmentierten und isolierten Teilpopulationen führt, zwischen denen der genetische Austausch praktisch unterbunden ist. Umso kleiner und isolierter die Restpopulationen sind, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit aufgrund genetischer (Inzucht, genetische Drift) oder umweltbedingter (Klima, Nahrung, Räuber) Zufallsprozesse oder Schwankungen auszusterben.

Der Laichzug der Nase: Diese charakteristische Fischart der Donau galt früher als Massenfisch; die imposanten Laichwanderungen sind aufgrund der zahlreichen Beeinträchtigungen heute ein bereits selten gewordenes Naturschauspiel. © Gerhard Pock/Life-Netzwerk-Donau

Abb. 1 Der Laichzug der Nase: Diese charakteristische Fischart der Donau galt früher als Massenfisch; die imposanten Laichwanderungen sind aufgrund der zahlreichen Beeinträchtigungen heute ein bereits selten gewordenes Naturschauspiel. © Gerhard Pock/Life-Netzwerk-Donau

Lösungsansätze

Zur Verbesserung der Situation ist es vor allem wichtig die beeinträchtigten Flussabschnitte ökologisch aufzuwerten. So können beispielsweise neue Schotterbänke aufgeschüttet, beziehungsweise bestehende ausgeweitet werden, um so der Uferzone mehr Struktur und Abwechslung zu verleihen. Weiters können Altarme wieder an den Hauptstrom angebunden werden, um so den nutzbaren Lebensraum für Fische und andere Wasserorganismen zu vergrößern. Das alles sind durchaus kostenintensive Maßnahmen. Durch finanzielle Unterstützung von Seiten der Europäischen Union (LIFE+), konnten jedoch bereits viele, durchwegs erfolgreiche Projekte durchgeführt werden, beispielsweise in der Wachau.

LIFE+

LIFE+ ist eines der wichtigsten Förderprogramme der EU für Projekte im Bereich Natur- und Umweltschutz und gliedert sich in drei Teilbereiche: Natur und biologische Vielfalt, Umweltpolitik und Verwaltungspraxis, sowie Information und Kommunikation. Vor allem soll damit die Finanzierung des Schutzgebiets-Netzwerkes Natura 2000 sichergestellt werden. Insgesamt wurden für den Zeitraum 2007-2013 dafür EU-weit über 2,1 Milliarden Euro bereitgestellt. In Österreich wurden bisher 46 Projekte mit LIFE+-Förderung durchgeführt. Die meisten Maßnahmen haben den Erhalt von natürlichen Lebensräumen zum Ziel, wie das Projekt Flusslebensraum Mostviertel-Wachau, dass eine Flussrenaturierung in drei Natura-2000-Gebieten entlang von Donau, Pielach und Ybbs vorsieht. Es gibt aber auch Einzelprojekte für besonders schützenswerte Arten, wie etwa der Großtrappe (Otis tarda) oder des Huchens (Hucho hucho), wobei der Übergang zwischen Lebensraum- und Artenschutz natürlich fließend ist.

Auch beim Problem der fehlenden Durchgängigkeit spielt die Europäische Union eine maßgebliche Rolle beim Versuch die Situation zu entschärfen. Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) der EU, die auch ins österreichische Wasserrecht übernommen wurde, sieht vor die Wandermöglichkeiten für aquatische Organismen wieder vollständig herzustellen. Um den in der WRRL geforderten „guten ökologischen Zustand“ eines Flusses zu erreichen, sind daher Fischaufstiegshilfen (FAH) bei neu errichteten Querbauwerken vorgeschrieben, bereits bestehende müssen entsprechend nachgerüstet werden. Unabdingbar ist bei allen FAHs eine genaue und sorgfältige Planung, da sie prinzipiell so gebaut werden müssen, dass sie von allen im Gewässer vorkommenden Arten und Entwicklungsstadien das ganze Jahr über benützt werden können. Besonders wichtig ist die richtige Dimensionierung einer FAH. So sollten sich die Fließgeschwindigkeiten nach den schwimmschwächsten Arten (und Stadien) richten, dürfen aber auch nicht zu gering sein, da sich die Fische beim Aufstieg vorrangig an der Strömung orientieren. Die Abmessungen der Anlage sind wiederum nach der größten zu erwartenden Art zu dimensionieren. Huchen (Hucho hucho) und Welse (Silurus glanis) können über einen Meter groß werden – eine FAH in Gewässern, in welchen diese Arten natürlich vorkommen, muss daher entsprechend großzügig bemessen werden. In vielen Fällen ist das (noch) nicht der Fall. Generell sind zu geringe Wassertiefen, zu hohe Strömung und zu hohes Gefälle die Hauptgründe für nicht angenommene FAHs.

Abb. 2 Eine eher technische Lösung einer Fischaufstiegshilfe – der Schlitzpass. © PodrPro/WikimediaCommons

Abb. 2 Eine eher technische Lösung einer Fischaufstiegshilfe – der Schlitzpass. © PodrPro/WikimediaCommons

Das Wandern ist des Fisches Lust

Aus naturschutzfachlicher Sicht stellen dynamische Umgehungsarme die beste Lösung dar. Sie sind nicht nur bloße Hilfen beim Aufstieg, sondern können auch wichtige ökologische Funktionen erfüllen. Diese FAHs entsprechen Nebenarmen und mit ihnen können Schlüsselhabitate, wie etwa geeignete Laichplätze, wiederhergestellt werden, was besonders in bereits beeinträchtigten Gewässern sinnvoll und notwendig wäre. Neben den Fischen profitiert natürlich auch eine Vielzahl anderer Wasserlebewesen von derartigen Maßnahmen, die allerdings naturgemäß viel Platz in Anspruch nehmen.

Ein oft übersehenes Problem bei der Durchgängigkeit von Fließgewässern ist der Fischabstieg, beispielsweise nach dem Laichen. Das Verhalten der Fische ist hierbei ein anderes als beim Aufstieg, denn die Fische lassen sich oft energiesparend passiv mit der Strömung treiben. Deswegen sind die meisten (vor allem technische) FAHs für den Abstieg ungeeignet. Nur allzu oft führt der Weg dann durch den Turbinengang, was mit einer zusätzlichen – je nach Größe und Drehgeschwindigkeit der Turbine unterschiedlichen – Mortalität einhergeht. Vor allem bei Stauketten an größeren Flüssen können sich die negativen Einflüsse der WKWs summieren und somit erhebliche Verluste mit sich bringen.

Ein positives Beispiel eines Umgehungsgerinnes beim Kraftwerk Abwinden-Asten. Solche neu geschaffenen Nebenarme können neben dem Fischaufstieg auch noch weitere wichtige ökologische Funktionen übernehmen. © ezb TB Zauner/Life-Netzwerk-Donau

Abb. 3 Ein positives Beispiel eines Umgehungsgerinnes beim Kraftwerk Abwinden-Asten. Solche neu geschaffenen Nebenarme können neben dem Fischaufstieg auch noch weitere wichtige ökologische Funktionen übernehmen. © ezb TB Zauner/Life-Netzwerk-Donau

Die Zukunft der Wasserkraft

Wasserkraftwerke sind zwar sauber in dem Sinne, dass sie beim Betrieb keine Treibhausgase produzieren, als umweltfreundlich kann man sie, aufgrund ihrer erheblichen Auswirkungen auf das Ökosystem Fluss, jedoch nur bedingt bezeichnen. Dabei kann Wasserkraft durchaus einen Beitrag zum Klimaschutz leisten, denn ihre Vorzüge gegenüber herkömmlichen fossilen Kraftwerkstypen sind nicht von der Hand zu weisen. Außerdem ist eine flächendeckende Versorgung mit anderen erneuerbaren Energiequellen, wie der Photovoltaik, noch nicht realisierbar, beziehungsweise im Fall der Windkraft auch nicht unproblematisch (Stichwort Vogelzug).

Die Umgebung bereits bestehender Kraftwerke muss jedoch ökologisch aufgewertet werden, vor allem was die Uferbereiche und Durchgängigkeit betrifft. Bei neuen Kraftwerken muss hingegen genau abgewogen werden, ob, wo und wie sie gebaut werden; wobei hier Ökologie, Tourismus und Fischerei stärker eingebunden werden sollten.

Besonders wichtig ist es allerdings, dass zuvor das volle Potential an Energiesparmaßnahmen und Effizienzsteigerung ausgeschöpft wurde. Hier sind nicht nur Politik und Wirtschaft gefragt, sondern jeder Einzelne von uns. Denn jedes WKW macht nur dann Sinn, wenn es als Ersatz für nicht-erneuerbare Energiegewinnung eingesetzt wird und nicht um den immer noch steigenden Energiebedarf zu decken. Ein Vollausbau, der seitens der Wasser- und Energiewirtschaft immer wieder gefordert wird, löst das Problem nicht, sondern verschiebt es nur um einige Jahre und damit auf spätere Generationen. Stromsparen muss daher das Gebot der Stunde sein – nicht nur im Kampf gegen den Klimawandel, sondern auch um unsere letzten verbliebenen freien Flüsse für uns und unsere Nachfahren zu bewahren.

Literatur

BMLFUW (2012): Leitfaden zum Bau von Fischaufstiegshilfen. Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft, Wien.

JUNGWIRTH M., HAIDVOGL G., HOHENSINNER S., WAIDBACHER H. & ZAUNER G. (2014): Österreichs Donau. Landschaft – Fisch – Geschichte. Institut für Hydrobiologie und Gewässermanagement, BOKU, Wien.

SCHIEMER F. & WAIDBACHER H. (1994): Naturschutzerfordernisse zur Erhaltung einer typischen Donau-Fischfauna. Limnologie aktuell 2: 247-265.

SCHIEMER F., GUTI G., KECKEIS H. & STARAS M. (2004): Ecological status and problems of the Danube River and its fish fauna: a review. Proceedings of the Second International Symposium on the Management of Large Rivers for Fisheries 1: 273-300.

WWF (2010): Mythos Wasserkraft – Glorifizierung und Wirklichkeit. WWF Österreich, Wien.


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