Museumsdorf Niedersulz - Schule aus Gaiselberg: Klassenzimmer einer zweiklassigen Volksschule im Zeitschnitt 1900 (© User:Weisserstier@flickr CC BY 2.0)

:: Schule braucht Evolution

09/09/2015 von / 1 Kommentar
Titelbild: Museumsdorf Niedersulz – Schule aus Gaiselberg: Klassenzimmer einer zweiklassigen Volksschule im Zeitschnitt 1900 (© User:Weisserstier@flickr CC BY 2.0)

Doch zuvor sollte man diese Erkenntnis dem Biologieunterricht angedeihen lassen. Dass das noch nicht der Fall ist, zeigt der Blick in ein beliebiges Biologielehrbuch. Ein Beispiel aus meinem Berufsalltag: Im Schuljahr 2014/15 unterrichtete ich die letzten Monate in einer 2. Klasse (6. Schulstufe) einer Neuen Mittelschule in Wien. Das verwendete Lehrbuch war in diesem Fall „Biologie für alle – 2. Klasse“ von Margit Drexler, Helga Grössnig und Brigitte Hellerschmidt – Olympe Verlag, Wien 2012.

Dieses Lehrbuch soll mir als Basis für meine weiteren Ausführungen dienen. Ein Blick in das Inhaltsverzeichnis zeigt bereits die in sich thematisch abgekapselten und zerstreuten Vorgaben für den Biologieunterricht.

Inhaltsverzeichnis

  • Kapitel 1: Lebensraum Wald
  • Kapitel 2: Insekten und Spinnentiere
  • Kapitel 3: Bausteine des Lebens
  • Kapitel 4: Lebewesen im und am Wasser

Quelle: Drexler et al. (2012:3f)

Selektion

Diese Themenauswahl entspricht dem vorgegebenen Lehrplan: „Die Schwerpunkte bilden Wirbellose und weitere ausgewählte Blütenpflanzen, Sporenpflanzen, Pilze und Mikroorganismen. Bei der Auswahl stehen vor allem jene Organismen im Vordergrund, die für die Ökosysteme Wald und heimisches Gewässer von Bedeutung sind. Weiters ist die Zelle als Grundbaustein aller Lebewesen zu behandeln.“ – Lehrplan Biologie AHS Unterstufe, Seite 3.

Wenn man den gesamten Lehrplan für Biologie durchsieht, fragt man sich, nach welchen Kriterien eine Auswahl getroffen wurde. Wenn man bedenkt, dass Homo sapiens eine bewusste Auswahl treffen kann, und nicht immer von einem entwicklungsgeschichtlichen Geschiebe abhängig ist, ist es unverständlich, warum sich die VerfasserInnen des Lehrplans nicht dieses Privilegs bedient haben. Stattdessen haben sie nur den Vorgängerlehrplan leicht abgewandelt. Der rote Faden der Entwicklungsgeschichte wurde fragmentiert, und nicht portioniert (gilt für alten und neuen Lehrplan). Themen werden so aus dem Zusammenhang der Phylogenese herausgerissen und fragmentarisch, also unzusammenhängend, wieder zusammengebaut. Portioniert würde bedeuten, dass Beispiele aus der Phylogenese für das sogenannte exemplarische Lernen entnommen werden. Dadurch entsteht eine ontogenetische Verkürzung. Der Entwicklungsverlauf bleibt erhalten.

Systematik

Die systematische Ordnung spielt im Lehrbuch wie im Lehrplan (Seite 2, ebd.) eine untergeordnete Rolle. Drei Teilmengen der Systematik wurden als Tabellen auf je einer Seite abgedruckt:

  • Systematik des Pflanzenreiches (einfache Übersicht)
  • Systematik der Gliederfüßer (einfache Übersicht)
  • Systematik der Wirbeltiere (einfache Übersicht)

Quelle: Draxler et al. (2012:146ff)

Hier wurden Teilsystematiken vorgelegt, ohne auf die Urheberschaft der Gesamtsystematik hinzuweisen. Als Unterrichtsthema passt die Systematik eher in die Sekundarstufe II.

Aussterben von Fehlentwicklungen

Diesem evolutionären Grundsatz wurde just im Fach Biologie nicht entsprochen, indem die Strukturmerkmale des Vorläuferfaches Naturgeschichte im Wesentlichen übernommen wurden. Biologisch betrachtet handelt es sich um die Verlängerung einer evolutionären Sackgasse.

Die drei obengenannten Punkte wurden nicht als methodische Werkzeuge und Wegweiser eingesetzt, sondern auf Themenaspekte reduziert und nach Lehrplanvorgaben ins jeweilige Lehrbuch eingestreut. Die Leitgedanken der Biologie steuern nicht die Unterrichtsvorgaben für vier Schuljahre, sondern sie werden wie der Echte Wurmfarn oder die Baldachinspinne bloß kurz vorgestellt.

So bietet dieses Fach für interessierte Kinder einen Lehrstoff, durch den sie sich durchbeißen müssen, um zu einer logischen Erkenntnis zu gelangen und für weniger Interessierte einen Lernstoff wie jeder andere auch, den sie hinter sich bringen müssen. Eine thematisch verknüpfte Strukturierung würden ein fortlaufendes Lernen ermöglichen. Das fällt auch allen Lernenden leichter als das Auflesen von Fragmenten.

Wenn der Biologielehrplan sich an seinen eigenen Forschungsmethoden orientieren würde, gelingt auch Evolution in der Schule, und zwar als Richtschnur für alle Fächer, die ein entwicklungsgeschichtliches Gefüge haben.


Eine Antwort
  1. Mag. Erich Böck

    Ich kann in dieser Hinsicht Herrn Hartl nur zustimmen. Seit Jahren schon leiden wir Biologielehrer unter den Zwängen eines modernen, interessensorientierten Biologieunterrichts und einem vollkommen ungeeigneten Lehrplan mit uninteressanten Lehrbüchern. Gott sei Dank gibt´s heute die elektronischen Medien um den Unterricht etwas interessanter gestalten zu können. Alleine der Film „Mit Rüsseln und Zangen“ über die Mundwerkzeuge der Insekten zeigt den Schülern anschaulich weit mehr als etliche Seiten im Lehrbuch. Und diesem fehlt der rote Faden. Ich denke da noch zurück an die „alten“ Schulbücher aus der Urzeit (Anfang 1980er) – systematischer Aufbau – man lernt vom Großen und Fortschrittlichen (Mensch, Säuger) inkl. Systematik bis zu den Kleinstlebewesen. Und dann kann man in der dritten auf Ökosysteme eingehen mit einem fundierten Grundwissen. Ebenso Gott sei Dank gibt´s noch egagierte Lehrer die auf den Lehrplan pfeifen (Schulaufisicht bitte jetzt weghören) und den Kindern einen interessanten naturwissenschaftlichen Unterricht bieten. Der nächsten Lehrplankommission ins Lehrbuch geschrieben: back to the roots – entrümpeln und interessanter machen!

    01.11.2015 um 19:35
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