Vorsicht Rattengift ausgelegt. (c) Frank Vincentz - Own work [CC-BY-SA-3.0-migrated] via Wikimedia Commons

:: Schweres Geschütz gegen lästige Nager: In Seefeld-Kadolz soll Ratten und Mäusen großflächig der Garaus gemacht werden

10/08/2015 von / 0 Kommentare
Titelbild: © Frank Vincentz – [CC-BY-SA-3.0-migrated] via Wikimedia Commons

Seefeld-Kadolz ist eine Marktgemeinde im niederösterreichischen Bezirk Hollabrunn mit rund 900 Einwohnerinnen und Einwohnern. Zu diesen kommt offenbar noch eine Unzahl von Ratten und Mäusen. Wie viele, darüber kann wohl nur spekuliert werden, jedoch offensichtlich genug, um den Gemeinderat zu veranlassen, „die planmäßige Vertilgung von Ratten im gesamten Gemeindegebiet“ zu verordnen, wie es auf der offiziellen Webpräsenz der Gemeinde heißt.

Konkret bedeutet dies die Bekämpfung der Nagetiere nicht nur in der Kanalisation und auf öffentlichen Flächen, sondern auch auf bebauten, nicht offensichtlich vom Rattenbefall betroffenen, Liegenschaften, um den Erfolg der Maßnahme zu sichern. Hierbei werden Köderboxen eingesetzt, die anderen Tieren und Menschen den Kontakt mit dem Rattenköder verwehren sollen. Auf Anfrage teilte uns ein Unternehmen für Schädlingsbekämpfung mit, dass das verwendete Rattengift für andere Tiere unbedenklich sei. Erstens sei es für diese als Nahrung unattraktiv und zweitens ergäbe sich durch den Verschluss der Box und die verborgene Position überhaupt nicht das Problem, dass es von diesen gefressen werde. Sekundärvergiftungen (sollte beispielsweise ein Beutegreifer ein durch das Gift verendetes Nagetier aufnehmen) seien „ebenfalls nicht bekannt“. Auch für Kinder stelle der Rattenköder keine Gefahr dar, da sie durch die verschlossene Köderbox nicht in Berührung mit der Substanz kämen.

Bei genauerer Recherche zeigt sich allerdings, wie gefährlich Rodentizide (chemische Substanzen zur Bekämpfung von Nagetieren) sind. Abgesehen von der offensichtlich tödlichen Wirkung auf die Zielorganismen (Nagetiere), zieht die Aufnahme von Rattengift auch für andere Tiere und Menschen lebensbedrohende Folgen nach sich. Aus diesem Grund dürfen sie in der Regel auch nur von Fachleuten verabreicht und angebracht werden!

Rötelmaus: Sie dient dem Puumulavirus als Reservoirwirt; (c) soebe [CC-BY-SA-3.0-migrated]

Rötelmaus: Sie dient dem Puumulavirus als Reservoirwirt; (c) soebe [CC-BY-SA-3.0-migrated]

Die Situation in Seefeld-Kadolz

Liegenschaftseigentümer der Gemeinde, die sich der eingangs erwähnten Verordnung widersetzen, müssen mit einer Verwaltungsstrafe von bis zu € 726.- und darüber hinaus mit der Übernahme der anfallenden Mehrkosten rechnen.
Seitens der Gemeinde wird die Notwendigkeit mit dem Hinweis darauf unterstrichen, dass Ratten und Mäuse nicht nur Materialschäden an Gebäuden verursachen, sondern auch Krankheitserreger, wie etwa den Hantavirus, übertragen können.

Hantaviren sind weltweit verbreitet und werden von Nagern auf den Menschen übertragen. Als Hauptüberträger wird in Österreich in diesem Zusammenhang die Rötelmaus angesehen. Die Infektion wird durch das Einatmen von kontaminiertem Staub ausgelöst. Nach einer Inkubationszeit von durchschnittlich 2-4 Wochen treten bei Erkrankten zumeist grippeähnliche Symptome wie hohes Fieber, Gliederschmerzen und Husten auf; es kann auch zu einer Einschränkung der Nierenfunktion kommen. Hantaviren-Infekte heilen in den meisten Fällen folgenlos aus.

Die Behandlung erfolgt symptomatisch, Impfschutz gibt es keinen. In Österreich gab es in Zusammenhang mit dieser Infektion laut Medienberichten erst drei nachgewiesene Todesfälle, die mit einer Ansteckung durch die Rötelmaus assoziiert werden können.

Gemäß Auskunft des Departments für Virologie ist eine Ansteckung durch Ratten in Österreich prinzipiell äußerst gering. Dies begründet sich in der Tatsache, dass diese hauptsächlich dem Seoulvirus (ein Hantavirus) als Reservoirwirt dienen und dessen Verbreitung sich auf Südostasien konzentriert, wenngleich es auch in Hafenstädte eingeschleppt wurde. Rötelmäuse hingegen können das Puumalavirus (ebenfalls ein Hantavirus) übertragen.

 Sin Nombre Typus: Ebenfalls ein Hantavirus; (c) CDC Cynthia Goldsmith via Wikimedia Commons

Sin Nombre Typus: Ebenfalls ein Hantavirus; (c) CDC Cynthia Goldsmith via Wikimedia Commons

Widerstand in der Gemeinde

Aus diesen Gründen regt sich in der Bevölkerung der Widerstand gegen die Vorgehensweise der Gemeinde: Abgesehen von der Gefährlichkeit von Rodentiziden, versteht man die Argumentation der Verantwortlichen mit dem Hantavirus nicht. Immerhin liegt Niederösterreich nicht in dessen Hauptverbreitungsgebiet (sondern die Steiermark und Kärnten) und seit 2009 gab es in diesem Bundesland überhaupt nur eine nachgewiesene Infektion.
Außerdem könne man, so entsetzte Bürgerinnen und Bürger, weder ein vermehrtes Vorkommen von Ratten und Mäusen noch durch diese verursachte Schäden feststellen.

Ob und wie lange die vermeintliche Rattenplage im Zaum gehalten wird und inwieweit dies der Bevölkerung nützlich sein wird, bleibe dahingestellt. So oder so illustriert die Situation in Seefeld-Kadolz das meist angespannte Verhältnis zwischen Ratte und Mensch aufs Deutlichste.
Bereits Wilhelm Busch wusste:

„Gute Tiere, spricht der Weise, musst du züchten, musst du kaufen, doch die Ratten und die Mäuse kommen von ganz selbst gelaufen.“


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