Stop the invasion - (c) Fungus Guy [CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/5/5a/Stop_the_invasion.JPG

:: Neobiota: Aliens erobern die Welt

23/07/2015 von / 2 Kommentare

Titelbild: Stoppt die Invasion! – Wie man die Verbreitung der gefürchteten Zebramuschel in Kanada verhindern kann, steht auf diesem Hinweisschild aus Ontario. – (c) Fungus Guy [CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons
„Wir erwarten die versprochene Invasion. Und die Fische warten auch.“ – Wie schon Winston Churchill im Oktober 1940 haben auch viele Biologen die drohende Gefahr schon kommen gesehen. Auch wenn Churchill sich nicht auf die Tier- und Pflanzenwelt bezog, trifft seine Aussage überraschend gut auf die Situation zu, mit der wir uns heute konfrontiert sehen: Die Invasion zahlreicher Arten in neue Lebensräume. Wer sind diese Invasoren? Was machen sie hier? Und wer beschäftigt sich mit dem Thema?

Aliens in aller Welt?

Immer wieder sorgen diese sogenannten „Neobiota“ – neue Lebewesen – für Schlagzeilen: In Kanada sind es überdimensionale Goldfische, die von ihren Besitzern aus den Aquarien in die Seen und Flüsse entlassen werden. In Australien sind es die Europäischen Kaninchen, die sich, wie das Sprichwort schon besagt, schnell vermehren. Aber auch in Österreich können immermehr Tier- und Pflanzenarten angetroffen werden, die ihren natürlichen Lebensraum eigentlich wo anders haben.

International werden sie als „Aliens“, als Fremde, bezeichnet – gemeint sind gebietsfremde Arten, deren Ausbreitung seit 1492 durch den Menschen rasant gesteigert wurde. Warum 1492? Weil der italienische Seefahrer Christoph Kolumbus mit der Entdeckung eines neuen Kontinents den Austausch von Waren auf globaler Ebene ermöglicht hat. Seit diesem Zeitpunkt werden zahllose Tiere und Pflanzen von einem Erdteil zum anderen geschifft, womit die biologischen Invasionen begannen (Video: Invasion of the Yellow Crazy Ants!). Seither haben sich Arten an Land und im Wasser über die ganze Welt ausgebreitet (Abb. 1). Mehr als tausend Arten gelangten so nach Österreich und sind vor allem in naturnahen Ökosystemen – z.B. Trockenrasen und Auwäldern – problematisch.

Invasionsbiologie Hauptwege der Neobiota: Major pathways and origins of invasive species infestations in the marine environment. (February 2008). In UNEP/GRID-Arendal Maps and Graphics Library. Retrieved 16:15, May 3, 2015 from http://www.grida.no/graphicslib/detail/major-pathways-and-origins-of-invasive-species-infestations-in-the-marine-environment_7eb0

Abb. 1 Invasive Arten haben sich in allen Weltmeeren verbreitet – besonders im Mittelmeer sind viele zu finden. „Major pathways and origins of invasive species infestations in the marine environment. „(February 2008). In UNEP/GRID-Arendal Maps and Graphics Library. (Abgerufen am 3. Mai 2015)

Viel katastrophaler als bei uns sind solche Invasionen aber auf Inseln, wie dem Paradebeispiel Neuseeland: hier machen vor allem europäische Arten Probleme – man muss nur an die knapp 45 Milliarden Schafe denken. Sie sind aber nicht die einzigen nicht-heimischen Arten, die britische Siedler in das Land gebracht haben: Hunde, Katzen und Ratten hatten vor allem für Neuseelands Vogelwelt drastische Konsequenzen – 40 Prozent aller heimischen Landvogelarten sind in Neuseeland inzwischen ausgestorben.

Brown tree snake Boiga irregularis: Licensed under Public Domain via Wikimedia Commons

Vermutlich der letzte Anblick vieler Vögel auf Inseln wie Guam und Hawaii – die Braune Nachtbaumnatter Boiga irregularis (Wikimedia Commons)

Auch andere Inseln wie Guam und Hawaii haben mit eingeschleppten Arten zu kämpfen: Die Braune Nachtbaumnatter (Boiga irregularis, Abb. 2) hat Guams Vögel zum Fressen gerne und die Kleine Feuerameise (Wasmannia auropunctata) überrennt beide Inselgruppen wie ein Lauffeuer.

 

Hinterher ist man immer schlauer

Ob absichtlich eingeführt oder nicht, macht nur theoretisch einen Unterschied. Die Auswirkungen können in beiden Fällen fatal sein:
Viele Arten, wie der Asiatische Laubholzbockkäfer (Anoplophora glabripennis), sind als blinde Passagiere unbeabsichtigt eingeschleppt worden, etwa durch die Verschleppung von Pflanzensamen mit Handelsgütern oder von Larvenstadien im Ballastwasser von Schiffen. Andere sind aktiv nach Mitteleuropa eingewandert, wie der Goldschakal über den Balkan. Als man Fasan, Regenbogenforelle und Robinie hier her gebracht hat, um Jagderfolg, Angelerlebnis und Gartenpracht zu steigern, hat man sich über die Auswirkungen auf die heimischen Arten nur wenig Gedanken gemacht. Heute weiß man, dass sich einige dieser eingeführten Arten negativ auf Mensch und Umwelt auswirken – sie sind invasiv. Sie beeinträchtigen Ökosysteme, Ökonomie und Gesundheit. Rund 11.000 von ihnen verursachen alleine in Europa Kosten von € 12,5 Mrd. pro Jahr: sie müssen ausgerissen und bejagt werden, verschulden Einkommenseinbußen für Landwirte und Fischerei oder zerstören wichtige Ökosysteme.

Was aber macht Neobiota so erfolgreich?

Vorauszusagen ob eine neue Art invasiv wird oder nicht, ist gar nicht so einfach. Es gibt jedoch einige Eigenschaften, die viele erfolgreiche Neobiota gemeinsam haben: Bei den Pflanzen sind es hauptsächlich sogenannte „r-Strategen“ – kurzlebige Arten mit vielen Nachkommen, die sich oft auch vegetativ (zB durch Ausläuferbildung) vermehren können. Sie haben große Toleranzbereiche was Temperatur und Wasserversorgung betrifft und können das vorhandene Nährstoffangebot effizient nutzen. Bei Tieren ist ein breites Nahrungsspektrum wichtig – wer nicht wählerisch ist, muss nicht hungern. Außerdem können sie sich meist aus eigener Kraft weit verbreiten und stark vermehren – wie die Karnickel in Australien.

Riesenbärenklau. "Reuzenbereklauw" by GerardM at nl.wikipedia. Licensed under CC BY-SA 3.0 via Wikimedia Commons - http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Reuzenbereklauw.JPG#/media/File:Reuzenbereklauw.JPG

Hübsch und gefährlich – der Riesen-Bärenklau verdrängt heimische Uferpflanzen. (c) GerardM via Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)

Mit diesen Eigenschaften können sie sich gegen die heimischen Arten leicht durchsetzen. Wie etwa die Spanische Wegschnecke (Arion vulgaris), die mit 9 Metern pro Stunde schneller ist als unsere Gartenwegschnecke und so früher beim Futter ankommt. Auch der sogenannte Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum, Abb. 3), der als Zierpflanze aus dem Kaukasus eingeführt wurde, wächst schneller und höher als die heimischen Uferpflanzen und nimmt ihnen das Sonnenlicht weg.

Was wird gegen invasive Arten unternommen?

Um zu wissen, was man gegen diese invasiven Arten machen kann, muss man zuerst wissen wo sich ihre natürlichen Verbreitungsgebiete befinden, wie sie nach Österreich gekommen sind und wie sie sich auf die heimischen Arten auswirken. Daher ist der erste Schritt beim Management neuer Arten die Forschung: es werden Daten erhoben, Verbreitungskarten angefertigt und Risikoanalysen zu besonders problematischen Arten erstellt. Natürlich werden auch bereits bekannte Populationen überwacht und je nach Erfahrungswerten und Möglichkeiten bekämpft. In Österreich sind all diese Maßnahmen im „Österreichischen Aktionsplan zu gebietsfremden Arten (Neobiota)“ geregelt. Auch die Europäische Union hat mit der 2015 in Kraft getretenen Verordnung „über die Prävention und das Management der Einbringung und Ausbreitung invasiver gebietsfremder Arten“ (EU Nr. 1143/2014) wichtige Schritte für das Management solcher Arten gesetzt. Aber auch jede(r) einzelne kann einen Beitrag leisten, indem er darauf achtet, welche Pflanzen er im Garten einsetzt und welche Souvenirs aus dem Urlaub mitgebracht werden.

Die wichtigste Devise lautet: Prävention ist erfolgreicher als Reaktion – wir können uns viel Geld und Mühe sparen, wenn wir das Einschleppen fremder Arten verhindern.

Info

Neobiota: Nichteinheimische Arten; Überbegriff für alle Neozoen (Tiere), Neophyten (Pflanzen) und Neomyzeten (Pilze), die nach 1492 vom Menschen in neue Gebiete eingeführt wurden.

Einteilung: hinsichtlich der Art ihrer Ausbreitung (Einwanderung, Einschleppung, Einbürgerung), ihres Status (unbeständig, etabliert) und ihrer derzeitigen naturschutzfachlichen Bedeutung (bisher ohne Auswirkungen, potenziell invasiv, invasiv)

Invasive Arten: gebietsfremde Arten werden als invasiv bezeichnet, wenn sie (meist unerwünschte) Auswirkungen auf andere Arten, Lebensgemeinschaften oder Biotope haben.

Forschung in Österreich

Global Naturalized Alien Floras [GloNAF] – Universität Wien

Citizen Science Neobiota Tracking – Universität für Bodenkultur, Wien

Die „Aliens“ sind da! – Umweltbundesamt

Neue Hoffnung zur Bekämpfung invasiver Arten – Universität Innsbruck

Rechtliche Rahmenbedingungen

 


2 Antworten
  1. Felix Korbinian Schmidtner

    Echt schöner Artikel! Ach ich liebe historische Zitate, wie das Churchills, in Verbindung von wissenschaftlichen Informationen. Ebenfalls gefällt mir, wie die Ausbreitung von invasiven Arten im historischen Zusammenhang gesehen wird und das auch ökologische Kennzeichen invasiver Organismen nicht unerwähnt bleiben. Der Artikel könnte meiner Meinung nach gerne länger sein :-P .

    24.07.2015 um 15:31
  2. Stefan

    Zu dem Thema ist übrigens in der aktuellen Ausgabe des ÖKO.L (Zeitschrift der Naturkundl. Station Linz) auch ein sehr guter Artikel von Michael Hohla erschienen, mit dem vielsagenden Titel: „Fürchtet euch nicht … vor den Neo-Neophyten“. Leider nur gedruckt erhältlich (Ausgabe 2/2015), ich mach dafür aber gern etwas Werbung! :)

    23.07.2015 um 18:43
Hinterlasse einen Kommentar