Josef Penninger Pressekonferenz Wien 2015

:: Penninger: „Ich bleibe da“ – und die Zukunft des IMBA

20/05/2015 von / 0 Kommentare
Titelbild: Josef Penninger bei der Pressekonferenz zu seinem Verbleib am IMBA; Foto: Felix Schmidtner

Letzte Woche gab der gefragte Genetiker Josef Penninger im Institute of Molecular Biotechnology of the Austrian Academy of Sciences (IMBA) eine Pressekonferenz, in der er erklärte, weshalb er beim IMBA bleibt. Seit 2002 ist Penninger bereits wissenschaftlicher Direktor des Instituts. Nun stand zur Diskussion, dass Penninger die Leitung des deutschen Max-Delbrück Centrum für Molekulare Medizin (MDC) übernehmen könnte, was mit einer Verantwortung von über 76 Millionen Euro verbunden wäre. Ein Einblick in die Topliga der Wissenschaft, dessen Summen an die des Fußballs erinnern.

„Ich bleibe da, ich vertraue auf diesen Standort“ ging die Tage durch die österreichischen Medien. Diese SMS soll Penninger dem Vizekanzler und Bundesminister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft, Reinhold Mitterlehner geschrieben haben (siehe DiePresse).

Die Geschichte um Penninger

Penninger soll laut ORF ein Angebot zur Leitung des MDC und deren 1600 Mitarbeiter mit einem jährlichen Etat von 76 Mio. Euro erhalten haben. Dem Bekanntwerden des Angebots folgte schnell eine Aussendung der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), in der sie erklärte, Penninger halten zu wollen. Neben Unterschieden in den Budgets der Einrichtungen (der IMBA wurden 2014 15 Mio. Euro von der ÖAW zur Verfügung gestellt) bemängelte er laut dem Standard „Stagnation in Österreich“, schließlich wolle er in die „Champions League“ der Wissenschaft, sowie laut ORF oftmalige „Lippenbekenntnisse, die nicht in die Tat umgesetzt würden“. Das Budget betreffend kündigte Minister Mitterlehner an, die Mittel der ÖAW mit der Stadt Wien für das IMBA zu erhöhen. Bisher kursierten diesbezüglich verschiedene Zahlen in den Medien und es war nicht endgültig klar, ob es sich um eine einmalige Zahlung oder um eine Aufstockung des Jahresetats handeln werde. Ob Penninger auch mehr Unabhängigkeit zugesichert wurde, wie in dem Standard-Artikel geschildert, stand bis Freitag in den Sternen.

Penninger begrüßt das öffentliche Interesse an den Lebenswissenschaften

Penninger erklärte sich positiv überrascht darüber, dass die letzten Wochen so viel über Wissenschaft geschrieben wurde, wenn auch im Zusammenhang mit seinem Namen.
Er habe im letzten Jahr viele Angebote bekommen. Jenes des MDC in Berlin sei nur eines von vielen gewesen; beispielsweise hätte er auch eines von einem anderen Kontinent bekommen.

MDC wäre mit hohem administratorischen Aufwand verbunden

Das MDC mit seinen 1600 Mitarbeitern ist eine deutsche Einrichtung der Helmholtz Gemeinschaft und bezieht ihr 76 Mio. Euro hohes Budget rein aus öffentlichen Quellen; 90 % aus dem deutschen Bundeshaushalt und 10 % aus dem Landeshaushalt Berlins.

Die Leitung des MDC wäre mit einem deutlich höheren administrativen Aufwand verbunden, als jene des IMBA, so erklärt dies Penninger. Daher entschied er sich in Wien zu bleiben, schließlich sehe er sich als Wissenschaftler und will Wissenschaft weiter betreiben, was ihm hier möglich ist. „In der Welt gibt’s schon sehr sehr viele tolle Administratoren, und da brauchts nicht noch einen wie mich dazu.“, so zitiert Penninger eine Bekannte.

Penninger liegt der Campus des Vienna Bio Centers am Herzen

Penninger hat als Teil des IMBA den Campus gemeinsam mit den Universitäten und dem Institut für molekulare Pathologie (IMP) aufgebaut und wichtige Infrastrukturen in der Genetik, im Tissue Engineering, was die Disziplin der Gewebekonstruktion beziehungsweise der Gewebezüchtung darstellt, und in der Stammzellenforschung geschaffen, sodass ihm dieser auch am Herzen liegt.

Einmaliger Zuschuss von BMWFW und Stadt Wien

Im Zuge der Verhandlungen mit Reinhold Mitterlehner, der als Minister für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft mit für die Förderung der Wissenschaft verantwortlich ist, hat Penninger einen einmaligen Zuschuss in Höhe von 22,5 Mio. Euro für das IMBA erzielt. Dieser kann über 5 Jahre aufgeteilt werden und stammt zu einem Drittel von der Stadt Wien, sowie zu zwei Drittel vom BMWFW. Penninger war bei den Verhandlungen wichtig, dass es sich bei dem Geld um wirklich neu investiertes Geld handelt und keines, das von anderen Budgets oder Infrastrukturprojekten abgezapft wird.

Geld für einen neuen Schwerpunkt in der Stammzellenforschung

Mit dem neuen Geld kann das IMBA einen neuen Schwerpunkt in der Stammzellenforschung unter Jürgen Knoblich, dem derzeitigen Leiter der Forschungsgruppe Stammzellen- und Tumorforschung, aufbauen. In diesem Bereich sind dem IMBA in den letzten Jahren einige Durchbrüche gelungen; unter anderem hat das Institut eine haploide embryonale Stammzellbibliothek aufgebaut, mit der man Medikamente direkt an Stammzellen testen kann. Im Bereich der Stammzellenforschung wurde die letzten Jahre auch in anderen Ländern viel investiert, was zeige, dass man auch international unglaubliches Potential in der Stammzellenforschung sieht.

Haploide embryonale Stammzellbibliothek

Eine embryonale Stammzellbibliothek ist eine weitreichende Sammlung an totipotenten Stammzellen, die man aus Embryonen gewonnen hat. Totipotent heißt, die Stammzellen sind zu jeder Spezialisierung fähig – im Gegensatz zu den bereits endgültig spezialisierten Zellen, wie etwa Neuronen (Nervenzellen). Haploid bezeichnet einen einfach vorhandenen Chromosomensatz. Viele Organismen haben aber einen diploiden (wie der Mensch) oder polyploiden Chromosomensatz, zum Beispiel Drosophila (Fruchtfliege) oder Triticum (Weizen).

Zukunftsvision: ein „Life Science Center“ in Wien

Neben diesen budgetären Fakten und dem neuen Schwerpunkt in Stammzell- und Krebsforschung erzählte Penninger auch von seiner Vision eines Life Science Centers in Wien, mit der er Wien mit in die Champions League der Wissenschaft bringen will. Dazu gab er schon letztes Jahr Vorschläge, die nun auf fruchtbaren Boden bei BMWFW, ÖAW und der Stadt Wien gelangt sind. Das Projekt ist noch in der Entwurfsphase.
Zumindest Penninger hat schon eine genauere Vorstellung: Er wünsche sich, dass man die drei Life Science Institute der ÖAW, das IMBA, das Gregor Mendel Institut (GMI) und das Research Center for Molecular Medicine of the Austrian Academy of Sciences (CeMM), in einer „Academy of Sciences“ bündelt. Diese „Academy of Sciences“ solle nach Penninger auch organisatorisch und budgetär unabhängiger von der ÖAW werden, sodass Life Sciences und Geisteswissenschaften nicht mehr gegenseitig um Gelder konkurrieren müssen. Zudem sollen die WissenschaftlerInnen der Institute, bzw. der neuen „Academy of Sciences“, näher an die Universitäten angelehnt werden, sodass sie zB. auch zu Professoren ernannt werden könnten. Damit würden auch die Universitäten gewinnen, die top ausgebildete Leute bekämen, so Penninger. Somit sollen Lebenswissenschaften in Österreich den Stellenwert bekommen, den sie bekommen müssen; Dinge sollen von Lippenbekenntnissen in die Realität umgesetzt werden und vielleicht schaffe man, etwas aufzubauen, das es in dieser Form in Europa noch nicht gibt.

Das Gebäude der IMP wird frei

Böhringer Ingelheim investiert in ein neues Institutsgebäude für die IMP, das alte Gebäude der IMP wird frei.   ©Visualisierung: ATP/Telegram 71 (Böhringer Ingelheim/IMP Pressefoto)

Böhringer Ingelheim investiert in ein neues Institutsgebäude für die IMP, das alte Gebäude der IMP wird frei.
©Visualisierung: ATP/Telegram 71 (Böhringer Ingelheim/IMP Pressefoto)

Der deutsche Pharmakonzern Böhringer Ingelheim, der in Wien einen bedeutenden Forschungs- und Produktionsstandort betreibt, investiert nun 50 Mio. Euro in den Campus des Vienna Bio Centers, um ein neues Forschungsgebäude für das Institut für molekulare Pathologie (IMP) aufzubauen. Das derzeitige Gebäude des IMP wird dadurch frei. Für die IMBA entstehe nun laut Penninger – auch wenn er nicht nannte, ob das IMBA genügend Budget hätte, um das Gebäude der IMP zu übernehmen – eine einmalige Chance.

„Was jetzt bei uns passiert ist ein kleiner Schritt“

Die Schaffung eines Life Sciences Centers in Wien reiche aber nur um mittelfristig einen Schritt in Richtung „Champions League“ zu gehen. Langfristig wird eine breite Förderung der Universitäten und Schulen, sowie eine „massive Verdopplung oder Verdreifachung des FWF-Budgets“ nötig, um „eine Kultur zu schaffen, […] in der Wissenschaft in das Zentrum der Kulturtätigkeiten gerückt wird.“, so Penninger.

IMBA

Das Institute for Molecular Biotechnology of the Austrian Academy of Sciences (IMBA) ist eine 1999 von der ÖAW und Böhringer Ingelheim ins Leben gerufene Initiative. Es gehört zu hundert Prozent der ÖAW und ist ein international anerkanntes Forschungsinstitut mit Sitz im Vienna Bio Center. Das IMBA sieht seine Aufgabe darin, molekulare Prozesse in Zellen und Organismen zu erforschen, sowie die Ursachen der Entstehung humaner Erkrankungen aufzuklären. Bedeutende Durchbrüche gelangen dem IMBA in den letzten Jahren im Bereich der RNA-Interferenz, der Stammzellenforschung und in der Entwicklung eines Modells des menschlichen Gehirns, das man in Zukunft auch für Krankheitsmodelle umwandeln will, sodass die pharmakologisch-neurologische Erforschung von Krankheiten hiermit möglich wird.
IMBA Budget 2014 ©IMBA, Annual Report 2014

IMBA Budget 2014 ©IMBA, Annual Report 2014

Zum Budget: Das IMBA erhält derzeit rund 15 Mio. Euro jährlich von der ÖAW, hinzu hat das IMBA im letzten Jahr noch über Forschungspreise und andere Drittmittel Beträge in der selben Höhe eingeworben, sodass das Gesamtbudget des IMBA 2014 bei 29,8 Mio. Euro lag. Mit dem auf fünf Jahre aufgeteilten Zuschuss von 22,5 Mio. Euro ergibt sich somit bis 2020 ein festes jährliches Budget von 19,5 Mio. Euro (ohne Drittmittel, die beispielsweise aus Forschungspreisen eingehen).

Josef Penninger

Josef Penninger, geboren 1964 in Gurten, Oberösterreich, ist wissenschaftlicher Direktor des IMBA seit 2002; sein Vertrag wurde heuer bis 2020 verlängert. Er diplomierte 1988 in Medizin und nebenbei 1990 in Kunstgeschichte und Spanisch. Im selben Jahr (1990) promovierte er in Immunologie zum Thema „Phenotypical and functional analysis of intra-thymic nurs (TNC)-lymphocyes“. Danach folgte eine Postdoc-Stelle beim Ontario Cancer Institute des Princess Margaret Hospital 1990 bis1994, sowie diverse Assistenzprofessuren. Seit 2004 ist er Professor der Immunologie und der medizinischen Biophysik in Toronto und der Genetik in Wien, sowie Honorarprofessor des Peking Union Medical Colleges. Seit 2011 ist er weiters Gastprofessor an der Medizinischen Universität Wien und Vizepräsident des European Research Institutes on Intracellular Pathology (ERI-ICP). Er sammelt in seiner Forschungsgruppe gezielte Erkenntnisse über die Funktion von Genen durch das Ausschalten (Knock-Out) einzelner Gene. Bedeutend für ihn war die Teilnahme an einer Publikation im Journal Nature 1999, die den ersten genetischen Beweis dafür lieferte, dass das Protein OPGL (RANKL) ein kritischer Regulator bei der Enstehung der Osteoklasten, den knochenmasseabbauenden Zellen, ist und somit eine entscheidende Rolle bei Osteoporose, Metastasen, und Arthritis spielt.

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