Abb1 Junges Ursonweibchen

:: Der Urson – Kein Stachelschwein des kleinen Mannes

06/04/2014 von / 0 Kommentare

Titelbild: Junges Ursonweibchen (Tiergarten Schönbrunn)

Was ist ein Urson? A. Eine krankhafte Hautverfärbung, B. Die Tracht eines kasachischen Volksstammes, C. Ein Nagetier oder D. Eine besondere Sternenkonstellation im Orionnebel?
So, oder so ähnlich, könnte vielleicht einmal, eine Frage bei der Millionenshow lauten, zumindest fände ich das sehr spannend. Vor allem wenn der Kandidat dann den Publikumsjoker einsetzt. Wie viele Menschen können mit dem Wort Urson etwas anfangen? Wahrscheinlich nur wenige.
Mit diesem kleinen Artikel möchte ich ein wenig dazu beitragen, dass Biologieinteressierte und Biologen meine Begeisterung für diese Tiere teilen. Zugegeben, als ich zum ersten Mal in meinem Leben einen Urson (Erethizon dorsatum) sah, war Faszination nicht gerade das was ich empfand. Eher war ich etwas amüsiert, dieses stachlige Tier bei seiner unsicher wirkenden Kletterei zu beobachteten. Aber je mehr ich mich mit diesen Tieren befasse, desto spannender erscheinen sie mir.

Systematik – nur ein kleiner Ausflug
Es gibt Tiere, die man als Laie sofort einer größeren Gruppe zuordnen kann: ein Tiger ist ein Raubtier, ein Käfer ist ein Insekt und eine Maus ist ein Nagetier. Beim Urson wird es beim ersten Anblick schon etwas schwieriger. Beobachtet man das Tier allerdings beim Fressen wird es schon leichter, natürlich ist der Urson ein Nagetier (Rodentia). Dabei handelt es sich um die größte und am weitesten verbreitete Gruppe innerhalb der Säuger. Deshalb wollen wir die Stellung von Erethizon dorsatum innerhalb der Rodentia etwas genauer betrachten.

Der Urson gehört zur Gruppe der Hystricomorpha bzw. Hystricognathi, das bedeutet zum Beispiel, dass sich am Ursonschädel unterhalb der Augenhöhlen zwei große Öffnungen (Foramen infraorbitale) befinden durch die sich ein kräftiger Muskel (Musculus masseter medialis) zieht und an den Seitenflächen des Gesichtsschädels ansetzt (dieser Muskel ist beim Kauen und Nagen der wichtigste). Außerdem weist diese Gruppe einen sehr spezifischen Kieferwinkel auf (Westheide, Rieger 2004). Doch wie oben erwähnt soll es sich hier um einen kleinen Ausflug und nicht um eine große Tour auf dem Gebiet der Systematik handeln.
Zur selben Gruppe wie Erethizon dorsatum gehören unter anderen auch die Chinchillas (Chinchillidae), Meerschweinchen (Caviidae) oder Wasserschweine (Hydrochaeridae). Innerhalb der Hystricomorpha gehört der Urson zur Familie der Neuwelt-Stachelschweine oder Baumstachler (Erethizontidae). Daneben gibt es noch die Familie der Altwelt-Stachelschweine (Hystricidae), die in Europa etwas bekannter sind, sich aber in vielen Punkten deutlich von den Neuwelt-Stachelschweinen unterscheiden.
Die Gruppe der Neuwelt-Stachelschweine umfasst nur eine Familie (Erethizontidae) mit 15 Arten (Roze). Erethizon dorsatum ist die einzige Art die in Nordamerika vorkommt, die restlichen Arten sind auf Südamerika beschränkt.

Der Urson auf den ersten Blick
Neben dem deutschen Namen Urson, wird das Tier auch als Nordamerikanischer Baumstachler bezeichnet. Obwohl dieser Name etwas sperrig ist, kann damit doch leichter auf das betreffende Tier geschlossen werden.
Es handelt sich also um ein Tier Nordamerikas, das sich auf Bäumen aufhält und Stacheln besitzt, so weit so richtig.
Aber natürlich gibt es da noch wesentlich mehr zu berichten. In diesem Abschnitt will ich deshalb nur einen kleinen Überblick über die „Grundausstattung“ eines Nordamerikanischen Baumstachlers geben.
Die Gewichtsangaben beim Urson unterscheiden sich je nach Literatur stark voneinander. Roze errechnete in seiner Studie ein Durchschnittsgewicht von 4,59kg bei Weibchen (2,2 – 7,2kg, n=82) und 5,53kg bei Männchen (2,4 – 8,8kg, n=54), Craig und Keller (1986) maßen ein Durchschnittsgewicht von 11,5kg bei Männchen (n=5). Damit sind die Nordamerikanischen Baumstachler die größten aller Neuwelt–Stachelschweine.

Ursonweibchen

Ursonweibchen

Die Tiere besitzen ausgeprägte Krallen und zwar vier an den Vorderbeinen und fünf an den Hinterbeinen. An den Vorderbeinen ist manchmal ein stark reduzierter Daumen sichtbar. Die Hand– und Fußflächen sind sehr rau und helfen wie die Krallen beim Klettern (wenn zum Beispiel die Äste zu dünn für die Krallen sind).
Der Ursonschwanz ist kein Greifschwanz, wie bei den restlichen Neuwel-Stachelschweinen, sondern in erster Linie eine Verteidigungswaffe, jedoch wird er auch beim Klettern eingesetzt (dazu später mehr).
Die Fellfarbe kann sich individuell unterscheiden, meist ist sie schwarz oder dunkelbraun und die Tiere sind nachtaktiv.
Ein Urson kann übrigens bis zu 30 Jahre alt werden.

Halt, Stopp, Keinen Schritt weiter – Warnverhalten
Was einem bei Erethizon dorsatum als erstes ins Auge sticht (in diesem Zusammenhang eine unangenehme Redewendung) sind natürlich seine Stacheln. Diese weiß er sehr gut einzusetzen, doch bevor es soweit kommt, hat ein Urson in der Regel die Angewohnheit sein gegenüber zu warnen.
Dies erfolgt auf drei sensorischen Wegen, visuell, akustisch und olfaktorisch. Einem Feind der also nicht gerade blind, taub und ohne Geruchsempfinden ist, wird somit die faire Chance geboten, ohne Stacheln davonzukommen.

Die deutliche schwarz-weiß Kontrastfärbung eines Urson (Tiergarten Schönbrunn)

Die deutliche schwarz-weiß Kontrastfärbung eines Urson (Tiergarten Schönbrunn)

Die erste Warnphase ist die visuelle, sie beruht auf der deutlichen schwarz- weiß Färbung. Am Rücken und an der Schwanzaußenseite zeigt sich eine Weißfärbung, während die Schwanzmitte schwarz gefärbt ist. Am Kopf ist nochmals eine weiße Färbung sichtbar. Dies kommt durch die weißen Stachelschäfte und das meist schwarze Fell zustande. Doch warum ausgerechnet eine schwarz- weiße Kontrastfärbung als Warnfarben? Der Grund ist das Aktivitätsmuster. Nordamerikanische Baumstachler sind meist nachts unterwegs und um diese Zeit ist ein deutlicher schwarz – weiß Kontrast immer noch gut sichtbar (ähnlich wie beim ebenfalls nachtaktiven Skunk).

Sollte sich nun ein anderer Waldbewohner davon nicht abschrecken lassen und sich dem Urson weiter nähern erfolgt Phase zwei: das Zähneklappern. Zugegeben, für uns Menschen klingt, das nicht gerade wie eine Warnung, allerdings wenn ich mir vorstelle, dass ich nachts irgendwo in Alaska in einem dunklen Wald vor mir plötzlich ein Zähneklappern höre, hätte das durchaus etwas Beängstigendes. Doch ernsthaft, dieses Geräusch ist für einen unvorsichtigen Waldbewohner, der den Urson vor sich einfach noch nicht bemerkt hat, gut hörbar und beide können so einer Konfrontation aus dem Wege gehen.
Dieses Zähneklappern erzeugt ein Baumstachler übrigens durch Körperzittern, währenddessen das Tier seinen Kiefer schließt. Dabei schlagen zuerst die Nagezähne und dann die Backenzähnen aneinander.

Rücken eines erregten Urson mit sichtbarem Rosettenbereich (Tiergarten Schönbrunn)

Rücken eines erregten Urson mit sichtbarem Rosettenbereich (Tiergarten Schönbrunn)

Sollten beide Warnungen nicht fruchten, wird dem vermeintlichen Feind noch eine Chance gegeben ohne Stachelattacke davonzukommen. Phase drei, ist die geruchliche Warnung.
Am Rücken eines Ursons gibt es einen Bereich auf dem nur Stacheln aber keine Haare sitzen. Stellt das Tier seine Stacheln auf, kann man dort seine rosafarbene Haut gut sehen (dieser Bereich wird auch als Rosette bezeichnet).
Auf der Haut befinden sich Talgdrüsen, welche eine übelriechende Substanz abgeben. Durch das Aufstellen der Stacheln und die Wärme der Haut (und das Fehlen von Haaren) kann die abgegebene Substanz verdunsten und sich so über die Luft verteilen. Zusätzlich überlappen die Stacheln im Bereich der Rosette mehr als sonst am Körper und befördern die Drüsenflüssigkeit beim Abspreizen noch zusätzlich an die Umwelt. Ich persönlich bin noch nie in den „Genuss“ einer solchen Warnung gekommen. Laut Uldis Roze solle aber, nichts in den Wäldern so riechen, wie ein wütender Urson.
Man muss natürlich dazu sagen, dass nicht immer so geordnet gewarnt wird wie man anhand meiner Aufzählung jetzt vermuten könnte. Wenn man sich dem Baumstachler nur schnell genug nähert kann dieser auch die eine oder andere Warnung überspringen und gleich zur Sache kommen.

Der gemeine Stachel
Mit der effizienten Verteidigungswaffe eines Ursons machte bereits der bekannte Naturforscher Alfred Brehm Bekanntschaft. So berichtete er über eine unangenehme Begegnung mit einem Baumstachler: „Achtzehn Stacheln waren so tief in meine Fingerspitzen eingedrungen, dass ich selbst nicht imstande war, sie herauszuziehen“ (Grzimeks Tierleben 1969). Die Stacheln von Erethizon dorsatum sind meist nicht länger als 10cm, während es einige seiner afrikanischen Verwandten bis auf 20cm bringen können. Dafür besitzt ein Ursonstachel das eine oder andere überraschende Extra.
Ein Nordamerikanischer Baumstachler ist natürlich nicht überall bestachelt, denn kein Jungtier freut sich über stachelige Zitzen und kein Tier sticht sich gern beim Gehen oder Klettern selbst. Deshalb sind auch die Körperunterseite, Gesicht und Ohren ohne Stacheln. Häufig hört man von etwa 30.000 Stacheln die ein Urson tragen soll. Laut Roze geht diese Zahl vermutlich auf einen 1950 im National Geographic erschienen Artikel von Donald Spencer zurück. Der Autor selbst gibt aber keine nähere Erklärung dazu ab, wie er auf diese Zahl kommt.
Mittlerweile wurde diese Zahl so häufig übernommen, dass man in vielen Artikeln (vor allem im Internet) von diesen angeblich 30.000 Stacheln beim Urson liest.
Ob es nun wirklich um die 30.000, 20.000 oder 33.427 Stacheln sind, die ein Baumstachler im Durchschnitt trägt, soll uns hier nicht weiter beschäftigen.

Stacheln verschiedener Länge

Stacheln verschiedener Länge

Von ihrer Entstehung her sind die Stacheln im Grunde genommen modifizierte Deckhaare. Sie wachsen also problemlos nach. Allerdings gibt es zwischen den Stacheln Unterschiede wie lange es braucht bis sie nachwachsen. Die relativ kurzen Stacheln auf der Schwanzoberseite brauchen nur etwa 2 Monate, die längsten Stacheln am Rücken benötigen etwa 3,5 Monate, allerdings dauert es bis zu 9 Monate bis Stacheln von mittlerer Größe nachgewachsen sind, zum Beispiel jene seitlich am Schwanz (Po-Chedley, Shadle 1955).

Wie aber verteidigt sich denn nun ein Urson konkret?
Die Stacheln, werden weder dem Feind entgegengeschossen noch bleiben sie am Baumstachler (wie zum Beispiel beim Igel). Ein entspannter und nicht wütender Urson lässt seine Stacheln lässig hängen. Die Stacheln sind über Gewebe und Muskeln gut am Körper verankert und lassen sich (zum Beispiel bei einem narkotisierten Tier) gar nicht so leicht herausziehen. Das muss auch so sein, sonst würde das Tier ja bei allen möglichen Tätigkeiten seine Stacheln verlieren und stände irgendwann ohne Stacheln und damit auch ohne Schutz da. Erschreckt sich das Tier aber, richten sich die Stacheln am Körper sofort auf. Dies erfolgt hauptsächlich durch die Kontraktion der sogenannten Piloerectormuskeln, die an den Stachelwurzeln ansetzen.
In der Regel versucht sich ein Urson so zu positionieren, dass das Tier mit Rücken und Schwanz zum Angreifer steht. Denn so kann er sich auch aktiv verteidigen, indem er seinen oberseits bestachelten und muskulösen Schwanz blitzschnell in Richtung seines Angreifers schlägt. Dabei wechseln dann einige Stacheln auch ihren Besitzer und stecken mit dem falschen Ende in der Haut des Angreifers.

Warum aber lösen sich die Stacheln des Urson nun plötzlich so leicht und bleiben in der Haut des Angreifers stecken?
Damit es dazu kommt müssen die Stacheln im aufgerichteten Zustand leicht mit dem Schaft in die Haut des Baumstachlers hineingedrückt werden. Ein Kollagenring der den Stachelschaft umgibt verhindert, dass sich das Tier dabei selbst verletzt. Durch das Hineindrücken des Stachels zerreißen nun Gewebeverbindungen die den Stachel in der Ursonhaut verankern und der Stachel kann sich nun leichter lösen.
Zusätzlich besitzt ein Ursonstachel eine unerwartete Gemeinheit – er ist nicht einfach glatt. Im Gegensatz zu den Stacheln der Altwelt – Stachelschweine haben fast alle Neuwelt – Stachelschweine (außer Chaetomys subspinosus) winzige Widerhacken. Diese sind ähnlich Dachschindeln überlappend angeordnet. Dadurch braucht der Stachel nicht tief in die Haut des Feindes einzudringen um dort außerordentlich fest zu stecken.
Ein weitere Gemeinheit sind kleine schwarze Stacheln (meist nicht länger als 2cm) die sich an der Schwanzoberseite und auch im Rosettenbereich befinden. Diese können durch den Urson so tief in die Haut des Angreifers getrieben werden, dass sie dort unter der Haut verschwinden. Aufgrund der Widerhacken am Stachel und der Muskelbewegungen des Angreifers, kann so ein Stachel beginnen im Körper zu wandern. Im besten Fall tritt dieser an einer anderen Körperstelle wieder aus, allerdings kann der Stachel auch bis zu den inneren Organen wandern und dort fatale Auswirkungen haben. Wie wir sehen ist ein Urson alles andere als ein leichtes Opfer.

Unerwarteter weise, scheinen die Stacheln relativ selten zu Entzündungen bei den Opfern zu führen. Mittlerweile weiß man, dass dies darauf beruht, dass die Stacheln am Rücken und am Schwanz mehr oder weniger mit einer öligen Substanz überzogen sind, die antibiotisch wirkt. Da es unwahrscheinlich ist, dass ein Urson damit seine Angreifer ein wenig schonen will stellt sich natürlich, die Frage nach dem evolutionsbiologischen Sinn. Die nahe liegende Vermutung ist, dass der Baumstachler sich damit selbst schützt.
Obwohl Erethizon dorsatum ein geschickter Kletterer ist, scheint es nämlich doch nicht selten vorzukommen, dass er von einem Baum stürzt (Roze et al 1990).
Ein Sturz aus größerer Höhe kann nicht nur zu Frakturen führen, sondern auch dazu, dass sich ein Urson seine eigenen Stacheln in die Haut rammt. Obwohl die Tiere sehr talentiert dabei sind sich diese Stacheln selbst wieder aus der Haut zu ziehen, kann es sein, dass der eine oder andere Stachel unerreichbar bleibt. Hier ist es nun wünschenswert, dass das Tier (falls es den Sturz ohne sonstige ernsthafte Verletzungen überstanden hat) nicht an einer Entzündung durch seine eigenen Stacheln erkrankt.
Wie bereits erwähnt, trägt ein Nordamerikanischer Baumstachler eine große Menge an Stacheln ständig mit sich, deshalb sollten diese einerseits steif und fest, aber nicht allzu schwer sein. Diese erforderliche Festigkeit mit gleichzeitig geringem Gewicht, wird auch dadurch erreicht, dass der Stachel mit porösem Keratin gefüllt ist (die Stacheln sind also nicht hohl), welches diesen leicht und kaum biegsam macht.

Der Feind in meinem Wald
Trotz seiner Wehrhaftigkeit, ist auch ein Nordamerikanischer Baumstachler nicht ohne Feinde. Einer seiner Feinde ist wahrscheinlich unschwer zu erraten, richtig: der Mensch. Ähnlich wie unseren heimischen Igeln, so ergeht es den Baumstachlern in Nordamerika, sie werden häufig zu Verkehrsopfern. Wie der Igel glaubt, dass ihm seine Stacheln gegen ein herannahendes Auto helfen, so glauben das auch die Baumstachler und jeder weiß wie dieses Duell stets ausgeht. Außerdem werden Baumstachler nach wie vor bejagt.
Neben Homo sapiens gilt auch der Puma (Puma concolor) als nicht zu unterschätzender Feind. Diese Raubkatzen scheinen sich regelmäßig mit Baumstachlern anzulegen, um sie danach zu verspeisen, auch wenn das bedeutet sich ein paar Stacheln einzufangen.
Einer der erfolgreichsten Ursonjäger (neben dem Menschen) ist allerdings der Fischermarder (Martes pennanti). Obwohl der Urson nicht die wichtigste Proteinquelle für diesen Marder ist, stellt er doch regelmäßig den Baumstachlern nach. Dabei wendet er eine spezielle Jagdmethode an, er attackiert den Urson immer wieder im Gesicht. Natürlich muss der Fischermarder dabei auf der Hut sein um nicht einen Schlag mit dem stacheligen Schwanz abzubekommen. Allerdings scheint Martes pennanti relativ geschickt dabei zu sein. Durch die ständigen Attacken und den dadurch verursachten Verletzungen wird der Baumstachler immer schwächer, bis er irgendwann wehrlos ist und dem Marder ganz zum Opfer fällt. Studien zeigen, dass der Fischermarder durchaus in der Lage ist, eine Baumstachlerpopulation in einem Gebiet stark zu dezimieren.
Daneben gibt es natürlich noch andere Beutegreifer, die es ab und zu schaffen einen Urson zu erbeuten, allerdings wesentlich seltener.

Mahlzeit! – Was einem Urson alles schmeckt

Auf einer Speisekarte in einem gedachten Ursonrestaurant stehen eigentlich nur rein pflanzliche Gerichte. Dazu gehören Baumrinde, Blätter verschiedener Bäume, saisonale Früchte und Mast. Natürlich stehen dem Baumstachler nicht zu jeder Jahreszeit alle Speisen zur Verfügung. Beispielsweise fressen die Tiere im Frühling gerne die Knospen des Zuckerahorns (Acer saccharum), während sie die Äste an denen die Knospen wachsen und bereits geöffnete Knospen ignorieren.
Im Laufe des Frühlings konzentrieren sich die Baumstachler vermehrt auf die jungen Blätter von Buchen und Eschen (wobei der Blattstiel nicht konsumiert wird). In einem gemischten Nadelwald werden im Sommer hauptsächlich die Bätter von Amerikanischen Linden (Tilia americana), Amerikanischen Zitterpappeln (Populus tremuloides) und der Großzähnigen Pappel (Populus grandidentata) verzehrt. Im späten Sommer und bis in den Herbst suchen die Baumstachler dann in den Bäumen nach verschiedenen Früchten oder Bucheckern und Eicheln. Während des Winters bleiben den Tieren meist nur die lebenden Schichten der Baumrinde als Nahrung. Da diese wenige Nährstoffe enthalten, verlieren Baumstachler während des Winters deutlich an Gewicht. Eine der natürlichen Haupttodesursachen ist deshalb auch das Verhungern im Winter.

Die Verdauung der aufgenommenen Nahrung erfolgt hauptsächlich im Caecum (Blinddarm). Das Caecum ist etwa so groß wie der Magen und dort reagiert eine Brühe aus Bakterien (bzw. deren Enzyme) mit dem pflanzlichen Material unter anaeroben Bedingungen bis das pflanzliche Material in kleinere Moleküle fermentiert wurde und dann verwertet werden kann.
Die oben erwähnte Ernährung gibt die Realität allerdings nur sehr oberflächlich wieder. Tatsächlich gibt es hier nicht nur Unterschiede zwischen verschiedenen Populationen, sondern sogar auf Individuenebene (was hauptsächlich auf den individuellen Unterschieden in der Mikroflora beruht). Wer mehr dazu wissen will, dem sei Uldis Roze´s The North American Porcupine empfohlen (was eigentlich für jeden Abschnitt dieses Artikels gilt).

Bei der Ernährung ergeben sich für den Baumstachler verschiedene Probleme. Ein Problem sind die Abwehrstoffe, die Pflanzen ausbilden um sich vor Herbivoren zu schützen (zum Beispiel Tannine). Ein Baumstachler muss also die Fähigkeit besitzen zu wissen, welche Pflanzenteile wann genießbar sind. Und tatsächlich kann man dies beobachten. So werden die bereits geöffneten Knospen des Zuckerahorns, deshalb verschont, weil sie einen deutlich höheren Tanningehalt als die geschlossenen Knospen zeigen, um nur ein Beispiel zu nennen.
Ein anderes Problem, ist das Aufrechterhalten des richtigen Natrium/Kalium Verhältnis im Körper. Dieses 1:1 Verhältnis wird zur Steuerung der Nerven- und Muskelzellen (Aktionspotentiale) benötigt. Im Pflanzengewebe herrscht jedoch ein Verhältnis von etwa 500(K):1(Na).
Das bedeutet, es gelangen zu viele Kaliumionen in den Körper, welche wieder über die Nieren herausgefiltert werden müssen. Allerdings kommt es dabei auch zum Verlust von Natriumionen, so dass es zu einer starken Abweichung vom lebensnotwendigen 1:1 Verhältnis kommt. Und so muss sich Erethizon dorsatum auf die Suche nach Natriumquellen machen. Eine solche Quelle sind zum Beispiel Teichrosen. Wenn diese nicht von Land erreichbar sind, ist ein Urson auch in der Lage diese schwimmend zu erreichen. Hierbei sind ihm auch seine Stacheln eine Hilfe, da diese so leicht sind dass sie Auftrieb im Wasser haben. Man hat auch schon beobachtet wie ein Baumstachler an den Knochen eines (natürlich nicht vom Urson) frisch erlegten Tieres nagt, weil auch diese eine Natriumquelle darstellen.
Eine weitere Möglichkeit ist der Verzehr der äußeren Baumrinde. Im Winter nutzen die Tiere häufig Totholz an den Straßen, auf dem sich Streusalz abgelagert hat. Diese Quelle führt oft dazu, dass Baumstachler zu Verkehrsopfern werden.
Da beim Herstellungsprozess von Autoreifen auch Natrium zum Einsatz kommt, können auch diese angenagt werden. Und auch die Beschichtung von Sperrholz ist für die Tiere interessant. Hier kommt es natürlich häufig zu Mensch – Urson Konflikten, die nicht selten mit dem Tod des Tieres enden.

Oben: Beim Klettern, Unten: Junges Ursonweibchen und dessen Fraßspuren (Tiergarten Schönbrunn)

Oben: Beim Klettern, Unten: Junges Ursonweibchen und dessen Fraßspuren (Tiergarten Schönbrunn)


Liebe unter Baumstachlern – Reproduktion

Wenn man die Mutter – Kind Beziehung mal beiseitelässt, dann kann man sagen, dass ein Urson nicht sehr gesellig ist. Die Tiere brauchen ihren Freiraum und dementsprechend, haben sowohl Männchen als auch Weibchen ihr eigenes Territorium. Allerdings können die Territorien von Männchen mit denen von Weibchen und anderen Männchen teilweise überlappen.Einmal im Jahr, treffen adulte Weibchen und Männchen zusammen um eines der fundamentalsten Dinge zu tun, zu denen Lebewesen fähig sind – den Fortbestand der eigenen Art sichern.

Wenn man an den bestachelten Körper eines Urson denkt, könnte man glatt Mitleid mit einem Männchen haben. Und tatsächlich, muss ein Ursonmann vorsichtig zur Sache kommen, wenn er von der Ursondame keine gestachelt bekommen will. Den ersten Schritt macht aber das Weibchen. Etwa in der Zeit zwischen Oktober bis November löst sich die Membran auf, welche die Vagina davor verschlossen hat, das Weibchen kommt in den Östrus (für ca. 8 bis 12 Stunden). Nun gibt das Weibchen über die Vagina eine dickflüssige, schleimartige Substanz ab. Beim Urinieren, läuft diese Substanz mit dem Urin vom Baum herunter und erzeugt damit eine Duftwolke die Männchen auch aus größerer Entfernung anlockt.
Häufig sind die Ursonmännchen etwas überpünktlich und die Weibchen sind noch nicht bereit zur Paarung. Die Männchen lassen die Weibchen dann nicht mehr aus den Augen und überprüfen ständig den reproduktiven Status, indem sie die Urinspuren des Weibchens am und unter dem Baum ausgiebig beschnüffeln. Dieses „Bewachen“ des Weibchens kann sogar einige Tage dauern und es können mehrere Männchen involviert sein. Die adulten Männchen die bei einem Weibchen aufeinandertreffen sind meist alles andere als erfreut und so kommt es nicht selten zu gegenseitigen Attacken mit Stacheln und Bissen.

Der Erfolg eines Männchens korreliert positiv mit dessen Gewicht (außerdem verfügen größere Männchen meist auch über ein größeres Territorium). Die anderen Männchen wandern dann weiter oder bleiben zumindest auf Abstand. Wenn sich nun ein Ursonmännchen gegen seine Konkurrenten durchgesetzt hat, gilt es jetzt noch die betreffende Dame zu überzeugen. Nun setzt das Männchen ein weniger charmantes Mittel ein – seinen Urin. Dabei stellt der Ursonmann sich auf die Hinterbeine und spritzt aus seinem erigierten Penis immer wieder mehrere Salven von Urin auf das Weibchen ab. Dieses seltsam anmutende Verhalten ist bereits von Mäusen bekannt und wird als sogenannter Whitten-Effekt bezeichnet (Whitten 1956). Durch ihren Urin geben die Männchen dabei, für die Paarung, wichtige Chemosignale ab.
Diese Urinbombardements können über mehrere Stunden gehen, bevor sich das Weibchen entscheidet. Konnte der Ursonmann dann endlich überzeugen, verlassen meist beide die Bäume und der eigentliche Akt findet statt. Das Weibchen biegt dabei ihren Schwanz nach oben und das Männchen steht auf seinen Hinterbeinen hinter ihr, die Vorderbeine lässt er entweder lässig herunterhängen oder legt sie auf die (unbestachelte) Schwanzunterseite des Weibchens. Der Akt selbst dauert zwischen 1-5 Minuten (Shadle et al 1946) kann aber viele Male wiederholt werden bis es einem von beiden zu viel wird und sich wieder auf die Bäume begibt. Einige Stunden nach der Kopulation wird beim Weibchen aufgrund einer enzymatischen Reaktion mit dem Sperma des Männchens eine Art vaginaler Pfropfen gebildet. Bis jetzt gibt es keine näheren Untersuchungen zu diesem Vorgang, aber naheliegend wäre, dass durch den Pfropfen Samenverlust verhindert wird oder/und weitere Kopulationen mit anderen Männchen.
Ob die Ovulation durch den Koitus induziert wird oder zyklisch abläuft bleibt noch zu klären, man vermutet aber eher Letzteres. Sollte das Weibchen beim ersten Eisprung nicht erfolgreich befruchtet worden sein wiederholt sich der Zyklus etwa einen Monat später (Dodge 1967, Burge 1966). Nach der Paarung gehen die Tiere wieder ihrer Wege und die Männchen kehren in ihr Territorium zurück.

Die Tragzeit ist relativ lang bei einem Urson und beträgt ca. 210 Tage. Während der Wintermonate wächst der Fötus nur sehr wenig, was verständlich ist, da Urson zu dieser Zeit meist hungern und Gewicht verlieren. Aber im letzten Monat (April oder Mai) nimmt der Fötus, aufgrund der reichen Frühlingsdiät rasch an Größe zu. Bei der Geburt wiegt das Junge (es kommt stets nur ein Junges zur Welt) etwa 490 Gramm. Das Jungtier besitzt bei der Geburt bereits Haare und Stacheln ist aber noch vom sogenannten Amnion (auch als Embryonalhülle bezeichnet) umhüllt. Die Ursonmutter leckt dann diese Hülle vom Jungtier ab. Das Amnion wird von der Mutter verzehrt, da es reich an Mineralien und Proteinen ist und durch dessen Geruch Räuber angelockt werden könnten. Die Stacheln des Jungtieres sind anfangs noch sehr weich, härten aber nach etwa einer Stunde bereits aus.

Nordamerikanischer Baumstachler sind keine „geborenen“ Kletterer, deshalb bleibt das Neugeborene auch in der ersten Zeit am Boden. Jede Nacht klettert die Mutter einmal vom Baum und säugt ihr Jungtier. Dabei stehen dem kleinen Urson vier Zitzen zur Verfügung (zwei in der Nähe der Achsel und nochmals zwei befinden sich weiter unten am Bauch der Mutter). In den ersten zwei Lebenswochen ernährt sich ein Baumstachlerjunges nur von der Muttermilch, später beginnt es zusätzlich an pflanzlicher Kost zu knabbern und beginnt auch langsam die ersten Kletterversuche. In freier Wildbahn bekommt das Jungtier bis zu 4 Monate lang neben pflanzlicher Nahrung noch Muttermilch.

Wenn dann die nächste Paarungssaison beginnt, trennen sich Mutter und Jungtier, allerdings gibt es hier Unterschiede bei den Geschlechtern.
Meist sind es bei den Säugetieren ja die Männchen die abwandern, nicht so bei den Urson. Hier sind es die Weibchen, die weit weg von ihrem Geburtsort wandern und ein eigenes Territorium suchen, während die Männchen eher in der Gegend ihres Geburtsortes bleiben. Durch dieses Verhalten soll vermutlich Inzucht vermieden werden (biologischer Vater trifft nicht auf seine Tochter).
Da die jungen Männchen in der Nähe ihres Geburtsortes bleiben, könnten diese sich natürlich mit ihrer Mutter paaren, allerdings werden die Männchen erst mit etwa zwei Jahren geschlechtsreif (Weibchen mit ca. 17 Monaten) und dann müssen sie sich erst noch gegen andere Männchen durchsetzen um ein Weibchen zu erobern. Dies geschieht selten vor ihrem vierten Lebensjahr, wenn sie vollkommen ausgewachsen sind.

Ein paar Sätze zum Schluss
Ich hoffe ich konnte nun einen kleinen Einblick in das Leben dieser stacheligen und faszinierenden Tiere geben. Natürlich wurde Vieles nur oberflächlich oder gar nicht erwähnt. Zum Beispiel, dass das Ursonjunge in den ersten Lebensmonaten keine schwarz-weiß Färbung aufweist, sondern sich diese erst später herausbildet.
Oder, dass Nordamerikanische Baumstachler ihren Wasserbedarf in freier Wildbahn vermutlich allein durch frische Blätter decken können.
Auch habe ich hier nichts über die interessante Beziehung zwischen den Urson und den amerikanischen Ureinwohnern erwähnt.
Wer allerdings mehr über diese Tiere wissen will, dem seien die beiden Bücher (siehe Quellenangabe) vom erfahrenen Ursonexperten Dr. Uldis Roze empfohlen. Die Informationen zu diesem Artikel stammen übrigens fast ausschließlich aus seinen Büchern und persönlicher Kommunikation mit Dr. Roze.
Im Tiergarten Schönbrunn ist es übrigens möglich die Tiere „live“ zu sehen (ich empfehle möglichst früh zu kommen, da die Tiere den Tag meist verschlafen).

Ursonweibchen im Tiergarten Schönbrunn

Ursonweibchen im Tiergarten Schönbrunn

 

Quellen

Burge, B.L. 1966. Vaginal casts passed by captive porcupine. J. Mammal. 47:713-714.

Craig, E.H., and B.L. Keller. 1986. Movements and home range of porcupines, Erethizon dorsatum, in Idaho shrub desert. Can. Field-Nat. 100:167-173.

Dodge, W.E. 1967. The biology and life history of the porcupine (Erethizon dorsatum) in western Massachusetts. PhD dissertation, University of Massachusetts, Amherst.

Grzimeks Tierleben, 1969. Band 11. Kindler Verlag AG Zürich.

Po-Chedley, D.S. and A.R. Shadle. 1955. Pelage of the porcupine, Erethizon dorsatum. J. Mammal. 36:84-95.

Roze, U. et al. 1990. Antibiotic properties of porcupine quills. J. Chem. Ecol. 16:725-734.

Roze, U. 2009. The North American porcupine. Cornell University Press Ithaca and London.

Roze, U. 2012. Porcupines – the animal answer guide. The Johns Hopkins University Press Baltimore.

Shadle, A.R. et al. 1946. The sex reactions of porcupines (Erethizon d. dorsatum) before and after copulation. J. Mammal. 27:116-121.

Westheide, W. und R. Rieger. 2004. Spezielle Zoologie Teil 2: Wirbel- oder Schädeltiere. Spektrum Akademischer Verlag Heidelberg Berlin.

Whitten, W.K. 1956. Modification of the estrous cycle of the mouse by external stimuli associated with the male. J. Endocrinol. 13:399-404.


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