Tauchtourismus

:: Tourismus und Umwelt – eine ambivalente Beziehung

03/02/2014 von / 1 Kommentar

Was sind die Motive, die alljährlich Millionen von Menschen zu Urlaubsreisenden machen? Die Sehnsucht nach fremden Ländern und Kulturen. Die Freude auf erholsamen Urlaub und Entspannung. Der Wunsch nach Abenteuern, um dem Alltag zu entfliehen. Die Ziele dieser Touristen sind ebenso vielfältig wie ihre Ansprüche. Von Städte- und Kulturreisen bis zu Antarktis-Expeditionen spannt sich der Bogen der Möglichkeiten. Angebote für billigen Massentourismus finden sich ebenso wie ultimative Luxus-Destinationen. Besonders begehrt sind Aufenthalte am Meer. Tropische Inseln, weiße Sandstrände, blauer Himmel, majestätische Palmen, und davor das Korallenriff im kristallklaren Wasser. All das gibt es. Noch, muss dazu gesagt werden. Sind diese Naturjuwelen mit Tourismus verträglich?

Das Prinzip der „Recreational Succession“
Eine kleine Gruppe Individualreisender entdeckt ihr Traumziel: ein Gebiet unberührter Natur in phantastisch schöner Landschaft. Da keinerlei Infrastruktur vorhanden ist wird für den nächsten Aufenthalt vorgesorgt: anstatt der Zelte werden einfache Unterkünfte errichtet und zumindest stundenweise elektrischer Strom organisiert. Da sich dieser „Geheimtipp“ herumspricht, kommen zunehmend mehr Urlauber in dieses Naturparadies. Um deren Bedürfnisse und Ansprüche zu befriedigen reicht die primitive Infrastruktur aber nicht mehr aus. Neue und bessere Quartiere werden gebaut, Restaurants errichtet, die Erreichbarkeit verbessert. Die Zahl der Gäste nimmt stetig zu, ebenso das Ausmaß und die Qualität der Infrastruktur. Allerdings leidet darunter die ökologische Qualität dieses Ortes, da die Artenvielfalt schwindet und sich die Luft- und Wasserqualität verschlechtert. Anderes Publikum mit anderen Ansprüchen ersetzt die ursprüngliche „Entdecker Gruppe“. Diese zieht weiter, entdeckt anderswo ein neues Traumziel und setzt dort die „Recreational Succession“ erneut in Gang. Auf einem Planeten begrenzter Größe ist diese Entdeckung und Erschließung stetig neuer Umweltparadiese nicht möglich. Anstatt beständig neue Destinationen in den verbliebenen Naturresten zu erschließen, wäre die nachhaltige Nutzung der bestehenden Möglichkeiten das Gebot der Stunde.

Tauchtourismus

Beobachten. Schwerelos im Wasser zu schweben und den Bewohnern dieser uns fremden Welt zuzusehen ist ein wunderbares Vergnügen. Wenn man sich wie ein höflicher Besucher und nicht wie ein Plünderer verhält, können dieses Vergnügen auch noch nachfolgende Generationen geniessen (Federschwanz Stechrochen, Hypolophus sephen). (c) Kikinger

Beispiel „Mariner Tourismus“
Segler, Surfer, Schwimmer, Taucher, Schnorchler, Sonnenanbeter, Jetski Fahrer, Mini- und Megayacht Kapitäne, Fischer und Kreuzfahrtpassagiere; sie alle pflegen ihr Hobby im maritimen Umfeld. In vielen Fällen wird das Meer schlichtweg als notwendiges Medium wahrgenommen, um der geliebten Freizeitbetätigung nachzukommen. Tatsächlich haben die Meere und Ozeane aber wichtigere Funktionen, als uns als Spielkiste, Transportweg oder sogar als globaler Mülleimer zu dienen. Sie versorgen uns mit Nahrung; sie reichern die Atmosphäre mit dem für uns lebensnotwendigen Sauerstoff an; sie haben wesentlichen Einfluss auf die Wärmebilanz und Klimaentwicklung; und sie sind der Lebensraum für eine gewaltige Artenzahl von Organismen. Sobald unsere Form der Urlaubsgestaltung eine dieser wichtigen Funktionen des Meeres schädigt, sollten wir innehalten und uns darüber Gedanken machen, wie wir diese Schäden vermeiden oder zumindestens minimieren können. Das Ziel eines nachhaltigen Tourismus ist neben dem wirtschaftlichen Erfolg auch der langfristige Erhalt und Schutz der natürlichen Ressourcen, die das Kapital dieses Tourismus darstellen.

Beispiel Korallenriffe
Jeder kennt aus dem Fernsehen die wunderbaren Korallenriffe, voll mit den buntesten Fischen, und darüber gleitet noch ein Manta in der Strömung. Das will man selbst auch erleben, und daher ziehen Korallenriffe massenhaft Touristen an. Korallenriffe sind zweifellos gut für den Tourismus. Der Tourismus ist aber nicht unbedingt gut für Korallenriffe! Die ohnehin durch Klimawandel und Versauerung der Meere gefährdeten Riffe werden durch schlecht geführten Tourismus noch mehr geschädigt. Potentielle Stressoren sind:

  • Reef walking. Im Riff zu stehen oder zu gehen zerbricht die Korallen. Kleine, junge Korallen sind mit freiem Auge nicht zu sehen und werden zertreten.
  • Sammeln oder Kauf von Muscheln, Schnecken, Korallenskeletten, Haigebissen. Die Tiere werden dafür getötet, das Riff wird artenärmer.
  • Fischen. Das sollte den einheimischen, professionellen Fischern zur Nahrungsversorgung überlassen werden. Das Fischen im Riff als Freizeitunterhaltung ist abzulehnen.
  • Eutrophierung. Die Einleitung nährstoffreicher Abwässer überdüngt das Riff. Als Folge werden die Korallen von raschwüchsigen Algen überwuchert. Das Riff stirbt ab.
  • Sedimentation. Bautätigkeiten an der Küste führen zu einer hohen Sedimentbelastung der vorgelagerten Ökosysteme, mit negativen biologischen Auswirkungen.

Jeder einzelne dieser Punkte ist ein Mosaiksteinchen in der schleichenden Zerstörung des paradiesischen Korallenriffs. Außerdem vermindern diese „Umweltsünden“ die natürlichen Funktionen des Riffs:

  • Die Küsten und Strände vor der erosiven Kraft der Wellen zu schützen.
  • Vielen Fischarten als Lebensraum und Brutgebiet zu dienen.
  • Die Vielfalt an Wirbellosen zu erhalten, die den Fischen als Nahrung dienen.
  • Durch den Fischreichtum die Lebensgrundlage der lokalen Fischer zu garantieren.
  • Aufgrund seiner Attraktivität langfristig Einnahmen durch Tourismus zu erzielen.

Ein Lösungsversuch
Für nachhaltige touristische Nutzung ökologisch sensibler Destinationen muss das Prinzip der „Recreational Succession“ durchbrochen werden. Komfort im Urlaub muss nicht zwangsläufig auf Kosten der Umwelt gehen. Wenn wichtige Umweltaspekte bei Planung, Errichtung und Betrieb von Hotelanlagen und Resorts berücksichtigt werden, wird das die Umweltschäden von Beginn an reduzieren. Auch in bereits bestehenden Einrichtungen kann noch Vieles in eine umweltverträglichere Richtung gesteuert werden. Die Erkenntnis, dass intakte Umwelt einen Wert darstellt, wird zu einem verantwortlicheren Umgang mit ihr führen. Ein mächtiges Werkzeug ist Information. Die wenigsten Touristen verursachen absichtlich Schäden. Sehr viele jedoch sind uninformiert und gedankenlos in den Porzellanläden der Natur unterwegs und hinterlassen dort eine Spur der Verwüstung. Gezielte Information und Aufklärung vor Ort hilft nicht nur der Umwelt, sondern verhilft auch den Gästen zu einer neuen Qualität ihres Urlaubs. Dass dieses Konzept erfolgreich ist kann der Autor dieser Zeilen aus eigener, mehr als 10-jähriger Erfahrung auf den Malediven bestätigen. Permanente Vorträge, Präsentationen, Einsicht in Bücher und in mikroskopische Welten vermitteln Gästen und Betreibern mehr Wissen über das delikate Ökosystem ihrer Urlaubsortes bzw. ihres Arbeitsplatzes. Das löst zwar nicht alle Probleme, ist aber ein kleiner Schritt in die richtige Richtung.

„Wir zerstören was wir suchen, indem wir es finden.“ (Hans-Magnus Enzensberger, 1979)

Das trifft auf jene Form des Tourismus zu, der laufend unberührte Natur als neue Destination erschließt.

Taucher im Korallenriff

Vorbildlich. Schnorcheln im Korallenriff ist nicht immer einfach. Die Korallen reichen bis knapp unter die Wasseroberfläche. Um eine sichere Passage zu ermöglichen ist hier ein Schnorchelkanal angelegt. So kann ohne jede „Feindberührung“ das Riff sicher und umweltfreundlich gequert werden.(c) Kikinger

Literatur und Links

KINATSCHU, Kinder und Naturschutz im Urlaub. Kleiner Artenschützer auf Reisen. Aktion, Spaß und Spannung in der Natur. Bundesamt für Naturschutz und TUI. Kostenlos und versandkostenfrei zu bestellen bei: +49(0) 228 8491-4444, Email: presse@bfn.de

ORAMS, M. (1999). Marine tourism. Development, Impacts and Management. Routledge. 115pp. ISBN 0-415-13938-4.

WAIBEL, M., T. THIMM & W. KREISEL (Hsg.) (2005). Fragile Inselwelten. Tourismus, Umwelt und indigene Kulturen. Pazifik Forum, Bd.9. Horlemann Verlag. 254pp. ISBN 3-89502-204-7.

www.kuramathi.com/environment

www.tui-group.com/de/nachhaltigkeit

VIDEO: „Save the Maldives“ des Kuramathi Island Resort

Nachtrag - 31.3.2016 -Vortragstipp!

Vortrag von Reinhard Kikinger: „Korallenriffe und Tourismus – Chancen und Bedrohungen für ein delikates Ökosystem“

ZooBot gemeinsam mit proMare:
Zeit: Mi., 13.4.2016, 17 Uhr
Ort: Karl-Burian-Hörsaal(HS 2), UZA1, Biozentrum der Universität Wien
Details und Plakat unter http://www.univie.ac.at/zoobot/wordpress/?p=2432


Eine Antwort
  1. Martin

    ALso ich kann das nur bestätigen: Auf den Malediven hat man da in den letzten Jahren einiges gelernt. DOrt wird die Natur wirklich respektiert! Respekt, so soll das sein!

    19.08.2014 um 13:56
Hinterlasse einen Kommentar