Abb.4.: Pachygrapsus marmoratus, die sehr scheue Strandkrabbe (Foto G.Gretschel)

:: Exkursion ADRIA: Teil 4 – Auf Entdeckungsreise

03/04/2013 von / 0 Kommentare

Ich möchte am Anfang dieses Artikels ganz dringend an alle LeserInnen appellieren: Bitte kein Gemetzel in den „Gärten des Poseidon“!
Bewachsene Steine, solltet ihr sie kurzzeitig ent- oder umwenden, bitte wieder an den selben Platz zurücklegen, wo ihr sie gefunden habt. Ihr vernichtet sonst ein kleines Ökosystem. Pflanzen bitte nur sehr sparsam sammeln. Gesammelte Organismen niemals Temperaturschwankungen aussetzen und sie so bald wie möglich wieder zurück ins Meer bringen. Sammeln und wissenschaftliches Dokumentieren ist im Ausland eine sehr heikle Angelegenheit.Vergiss niemals, dass du unter Umständen mit dem Gesetz des Landes in Konflikt kommen könntest. Erkundige dich über deine Rechte bei solchen Aktivitäten. Verhalte dich auf jeden Fall nicht auffällig oder provokant vor der einheimischen Bevölkerung. Allzuleicht kannst du damit als Gast des Landes negative Reaktionen erzeugen.

Erster Kontakt
Ich steige mit meinen Neoprenfüßlingen vorsichtig über die schroffe Brandungsplattform einer Felsküste und nähere mich der Wasserlinie. Herrlich, harzig duften die Allepokiefern. Die Zikaden schnarren ohrenbetäubend. In der linken Hand halte ich einen Kescher, die Flossen und mein Sammelnetz. An der rechten Hand baumelt mein Fotoapparat und die Taucherlampe. Vielleicht etwas zu viel aber ich will schließlich nichts verpassen.

Abb.4.: Pachygrapsus marmoratus, die sehr scheue Strandkrabbe (Foto G.Gretschel)

Abb.1: Pachygrapsus marmoratus, die sehr scheue Strandkrabbe (Foto G. Gretschel). Bitte klicken zum Vergrößern.

Vorbei geht es an einem üppig mit Braunalgen bewachsenen Gezeitentümpel. Eine kleine Krabbe sitzt knapp über der Wasserlinie und verschwindet blitzschnell in einem bewachsenen Spalt im Tümpel. Das kann nur Pachygrapsus marmoratus sein. Sie steigt als einzige in der Adria über die Wasserlinie und weidet im Gezeitenbereich den filzartigen Algenbewuchs ab. Mir gelingt ein wunderschönes Foto (Abb. 1). Mit etwas Geduld und mit dem Stiel meines Keschers kann ich die Krabbe aus ihrem Felsspalt direkt in meine Hand treiben. Unter ihrem nach vorne umgeklappten Hinterleib (Pleon) entdecke ich ein pulsierendes, gelbes, sackartiges Gebilde mit einer deutlichen Öffnung. Es könnte ihr Gelege sein, das sie ebenfalls unter dem Pleon trägt. Das wären aber viele kleine, kugelige, dunkel gefärbte Eier. Nein, dieser Krebs „hat“ Krebs. Das geplagte Tier wird von einem Parasiten heimgesucht, der ihren gesamten Körper bis in die Scherenspitzen tumorartig durchwuchert – Der Krabbenwurzelkrebs Sacculina carcini. Dieses Tier gehört zur Gruppe der Rankenfüßer (Cirripedia). Nur die Weibchen parasitieren auf die erwähnte Art ihre Wirtskrabbe. Sie ernähren sich dabei von Nährstoffen aus der Mitteldarmdrüse der Krabbe. Nach ca. sieben Monaten bricht dieser gelbe Sack durch das Pleon des Wirtes. Dabei handelt es sich um den Brutraum des Wurzelkrebses. Männliche, planktontische Larven gelangen an dieses Organ und reduzieren sich zu extremen Zwergmännchen, die nur aus wenigen Zellen bestehen und sich quasi in den weiblichen Brutraum implantieren. Sie befruchten die Eier in den Ovarien. Die entstehenden Schwebelarven werden im Naupliusstadium entlassen und suchen als sogenannte Cyprislarven wieder einen neuen Wirt (aus Westheide, Rieger 1996). Sie heften sich bei jungen Krabben an eine Borste und dringen über deren Basis in den Körper des Wirtes ein. Dieser sehr atypische Krebs konnte nur auf Grund der Cyprislarve den Crustaceen zugeordnet werden.

Syngnathus typhle – Die Grasnadel (Foto G.Gretschel)

Abb. 2: Syngnathus typhle – Die Grasnadel (Foto G.Gretschel)

Schwer zu entdecken
Seenadeln sind Fische aus der Familie der Pfeifenfische (Fam. Syngnathidae) sind schwer zu finden. Zu dieser Familie zählen übrigens auch die Seepferdchen. Diese Tiere zeigen eine unglaubliche Mimese in ihrem Lebensraum.

Abb.13.: Bunodeopsis strumosa – Die Zwergaktinie – Eine nur wenige Millimeter kleine Seeanemone, die auf Seegrasblättern lebt (Foto G.Gretschel)

Abb. 3.: Bunodeopsis strumosa – Die Zwergaktinie – Eine nur wenige Millimeter kleine Seeanemone, die auf Seegrasblättern lebt (Foto G.Gretschel)

Sie sind nicht nur in Farbe und Form an die Seegrasblätter angepasst sondern sie orientieren sich in der Wiese auch noch parallel zu den Blättern (Abb. 2). Auf diese Weise sind diese Fische beim Schnorcheln kaum zu entdecken. Mithilfe einer Seegrasdredge kann man die Tiere allerdings aufspühren und außerdem noch einige andere verblüffende Tiere aus der Seegraswiese entlarven (Abb. 3):
Eine grüne Grasnadel aus der Dredgeprobe brachte ich wieder behutsam in den Lebensraum zurück. Nach kurzer Zeit nahm sie ihre natürliche Position ein und ich konnte ein Foto mit Seltenheitswert machen (siehe oben).

Räuber und Beute
Besonders an gut beströmten Überhängen, vor allem im Eingangsbereich von Höhlen, findest du kleine Hydroidenstöckchen von wenigen Zentimetern Höhe. Das sind Nesseltiere aus der Gruppe der Hydrozoa, die durch Sprossung feder- oder bäumchenartige Stöckchen bilden. An den Enden der Verzweigungen sitzen die kleinen Polypen (Abb. 4, links).

Wenn du erst einmal gelernt hast, die Bäumchenpolypen zu finden, dann wirst du bald auf eine der begehrtesten Makromotive der Unterwasserfotografen stoßen: Fadenschnecken (Aeolidioidea) aus der Gruppe der Hinterkiemerschnecken (Opisthobranchia). Diese, wenige Zentimeter kleinen Weichtiere, sind farbenprächtige, räuberische Nahrungsspezialisten.

Bäumchenpolypen – Eudendrium racemosum – im Eingangsbereich einer Höhle (links) Wanderfadenschnecke – Cratena peregrina - in der Fotoküvette (rechts) (Fotos: G.Gretschel)

Abb. 4: Bäumchenpolypen – Eudendrium racemosum – im Eingangsbereich einer Höhle (links)
Wanderfadenschnecke – Cratena peregrina – in der Fotoküvette (rechts) (Fotos: G.Gretschel)

Die Wanderfadenschnecke (Abb. 4, rechts) ernährt sich ausschließlich von den Bäumchenpolypen. Sie ist unempfindlich gegenüber den Nesselkapseln (Cniden) ihrer Beute. Unreife Cniden transportiert sie unverdaut über das Verdauungssystem in die Spitzen ihrer Rückenanhänge (Cerata). Dort reifen sie in körpereigenen Zellen (Cnidophagen) heran und können im Falle einer Bedrohung in Paketen ausgestoßen werden (aus Hofrichter R. 2002).

Weiterführende Literatur und Quellen:

Hofrichter R (Hrsg.) (2002) Das Mittelmeer; Fauna, Flora, Ökologie; Teil 1: Allgemeiner Teil; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin

Hofrichter R (Hrsg.) (2003) Das Mittelmeer; Fauna, Flora, Ökologie; Teil II/1: Bestimmungsführer; Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg, Berlin

Westheide W, Rieger R (Hrsg.) (1996) Spezielle Zoologie; Teil 1: Einzeller und Wirbellose Tiere; Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, Jena, New York

Riedl R (1983) Fauna und Flora des Mittelmeeres; Verlag Paul Parey, Hamburg, Berlin.

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