Der gestreifte Schleimfisch Parablennius gattorugine zwischen Braun- und Grünalgen (Foto: G.Gretschel)

:: Exkursion ADRIA: Teil 2 – Unterhalb der Niedrigwasserlinie

03/04/2013 von / 0 Kommentare

Unter der Niedrigwasserlinie beginnt der ständig untergetauchte Meeresbereich. Der anstehende Fels (primärer Hartboden) und Felsstücke, die durch ihre Größe oder ihre geschützte Lage lang genug in einer Position liegen bleiben, werden in den lichtdurchfluteten Bereichen vor allem von Meeresalgen bewachsen. Diese besitzen derbe Haftorgane und nehmen Nährstoffe meist über ihren gesamten Vegetationskörper (Thallus) auf.
Mehrjährige Algen haben überdauernde Thallusabschnitte (Hauptstämmchen oder Haftscheiben), in denen die Nährstoffe während der Ruhephasen in den lichtschwachen Wintermonaten zwischengespeichert werden.Saisonale Algen sind die Vagabunden unter den Meerespflanzen. Sie erscheinen oft nur für wenige Wochen und wachsen auch auf weniger stabilen Untergründen, ja sogar auf den derberen größeren Verwandten.

Ein solches Pflanzendickicht bietet durch die Vielzahl an Wuchsformen einen räumlich sehr stark strukturierten Lebensraum, das sogenannte Algenphytal, das eine Unmenge an Kleinfauna beherbergt. Kleine Krebse, Stachelhäuter, Weichtiere und Vertreter aus beinahe allen marinen Tierstämmen leben hier und ernähren sich entweder von im Wasser suspendierten organischen Partikeln (Suspensionsfresser) oder von Partikeln, die sich im Geflecht der Pflanzen fangen und dort ansammeln (Depositfresser). Andere Tiere beweiden lebende Pflanzen (herbivore) oder fressen lebende Tiere (carnivore). Ähnlich verhält es sich mit den Seegraswiesen der Sedimentböden. Deshalb sind Pflanzenlebensräume (Phytal) hochdiverse Biotope mit vielen kleinen Spezialisten. Für größere Konsumenten, die in der Nahrungskette weiter oben folgen, ist das Phytal oft sichere Kinderstube, Versteckmöglichkeit und Nahrungslieferant. Die meisten Fische wachsen im Phytal auf oder verbringen dort sogar ihr ganzes Leben (Abb 1).

Seegräser sind Gefäßpflanzen und besitzen Wurzelsysteme mit Rhizomen, da sie von Landpflanzen abstammen. Mit der Errungenschaft dieser Systeme, die an Land notwendig sind, um Nährstoffe aus dem Boden aufzunehmen und dann über die Gefäße in alle Bereiche der Pflanze zu transportieren, konnten die Seegräser die feinkörnigen Sedimentböden der Meere für sich in Anspruch nehmen. Die Wurzeln ermöglichen nicht nur eine gute Verankerung in diesem Substrat sondern auch die Aufnahme der gelösten Nährstoffe, vor allem Phosphate, deren Konzentration im Porensystem zwischen den Sandkörner wesentlich höher ist als im umgebenden Wasser.

Der gestreifte Schleimfisch Parablennius gattorugine zwischen Braun- und Grünalgen (Foto: G.Gretschel)

Abb.1: Der gestreifte Schleimfisch Parablennius gattorugine zwischen Braun- und Grünalgen (Foto: G. Gretschel)

An stärker geneigten, felsigen Böden ist selbst im seichten Meer der Lichtverlust so groß, dass sich nur schattenliebende (sciaphile) Algen und diverse sesshafte Tiere dauerhaft ansiedeln können. Hier findet man zum Beispiel Schwämme (Porifera) und Stöckchen von Moostierchen (Bryozoa). Kalkröhrenwürmer (Polychaeta) und Wurmschnecken (Gastropoda) können hier ebenfalls ohne Raumkonkurrenzdruck durch schnellwüchsige Algen ihre Kalkröhren am Substrat ausbreiten. Es bilden sich durch ständiges Übereinanderwachsen kalkige Riffstrukturen biogenen Ursprungs, sogenannte Bioherme. Nur die obersten Zentimeter des Riffs sind belebt. Den Hauptanteil der Kalkmasse bilden die Kalkrotalgen (Corallinacea). Diese Bioherme nennt man Coralligéne oder Korallinenböden. Selbst auf tiefen Sedimentböden können sich Coralligéne-Strukturen bilden. Solche, durch kalkabscheidende Aufwuchsorganismen verfestigte Sedimentböden, werden auch als sekundäre Hartböden bezeichnet.

Bei Blockgrund handelt es sich um Gesteinsblöcke, die lange Liegezeiten aufweisen. Die Blöcke sind eher kantig und stark bewachsen. Im Laufe der Zeit werden sie durch Aufwuchs regelrecht miteinander verkittet. Dadurch erlangt das Blockfeld eine noch höhere Stabilität und das Sytem von kleinen Höhlen beherbergt eine reiche Fauna. Bohrende Schwämme und Muscheln durchlöchern das Gestein und hinterlassen nach ihrem Ableben ein weiteres Lückensystem für kleinere Bewohner.

Die feinen Sande der tieferen Böden werden vor allem durch tierische Grabtätigkeiten geprägt. Muscheln und Maulwurfskrebse legen hier röhrenartige Grabbauten an. Die feinsten Sedimente findet man fernab der Küsten in Tiefen ab ca. 30m. Sie besitzen kaum noch ein Lückensystem mit Porenwasser. Bereits nach wenigen Zentimetern Tiefe ist das Sediment frei von Sauerstoff. Grabbauten sind kaum mehr vorhanden. Es bilden sich oft massige Konglomerate aus sesshaften Tieren, die sich von organischem Material ernähren, das fast ausschließlich in oberen Wasserschichten gebildet wird und auf die tieferen Böden herab rieselt. Pflanzen können bis auf diverse Einzeller in dieser Tiefe kaum existieren.

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