:: Der Wald als Naturpädagoge

20/02/2013 von / 0 Kommentare
Müller G., 2011. Der Wald als Naturpädagoge. Bioskop (1), 14-17.
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Der Wald kann die Sehnsucht der Menschen nach Naturerlebnis befriedigen.

In der Literatur wird Waldpädagogik in der heute praktizierten Form unterschiedlich beschrieben. Die Palette der Definitionen reicht von der ökologischen Pädagogik bis zur rein forstlichen Öffentlichkeitsarbeit (vgl. Kohler 2000: 28ff.). Wie Menschen ihre Umwelt erleben und wie sie umweltbezogen handeln, verzahnt Ökologie, Bildung und Psychologie (vgl. Fliegenschnee/Schelakovsky 1998: 18). Der Wald kann die Sehnsucht der Menschen nach Naturerlebnis befriedigen (vgl. Suda/Schaffner 2006: 6). Intellektuelle und sinnlich-emotionale Zugänge werden durch Naturwahrnehmung und Naturerfahrungen ermöglicht und dürfen in Konzepten der Bildung für eine nachhaltige Entwicklung nicht fehlen (vgl. Stoltenberg 2009: S. 182).
Typisches gemeinsames Merkmal aller Outdoor-Konzepte ist der Aufenthalt in freier Natur. Damit nutzen sie die positiven Effekte auf Wohlbefinden und Gesundheit bei Menschen, die sich im Grünraum aufhalten. Beispielsweise nehmen Stressempfinden und Kopfschmerzen ab, die Ausgeglichenheit wird verbessert. Die Kombination von Sport und Grünraum bietet den ausgeprägtesten Erholungseffekt (vgl. Hansmann/Hug/Seeland 2007: 3).

Waldpädagogik stellt den Wald selbst in den Mittelpunkt

In der Praxis werden in der Waldpädagogik forstliche Öffentlichkeitsarbeit (vgl. Forstgesetz 1975 idgF 2007: § 171 (1) f ), außerschulische Bildung und Naturerlebnis kombiniert. Die Alleinstellungsmerkmale der Waldpädagogik liegen in der Betonung der Beziehungsgestaltung Mensch-Umwelt- Wirtschaft, der forstlichen Öffentlichkeitsarbeit direkt im Wald und dem starken Bezug zu Personen mit forstlichen Berufen. Der starke forstwirtschaftliche Bezug lässt sich damit begründen, dass Waldpädagoginnen und Waldpädagogen sehr häufig selbst einen forstlichen Beruf ausüben. (vgl. Voithleitner/ Killingseder 2001: 81)

(c) schulewald.com

(c) schulewald.com

Zum Staunen bringen

Nehmen wir an, eine Schulklasse möchte an einer waldpädagogischen Führung teilnehmen. In der Regel legen dann Lehrperson und Waldpädagogin oder Waldpädagoge in einem Vorgespräch gemeinsam konkrete Lernziele und Inhalte fest. Dabei ist es auch möglich, Vertreterinnen und Vertreter der Schulklasse mit einzubinden.
Der didaktische Ansatz und die Methodenwahl für die tatsächliche Gestaltung der waldpädagogischen Führung hängen stark von der Persönlichkeit, dem forstlichen Wissen und den pädagogischen Fähigkeiten der Waldpädagogin oder des Waldpädagogen ab. Ist der Waldort gut gewählt, lässt sich im Idealfall mit dem arbeiten, was in der Natur erkennbar ist: Vom Sturm geworfene Bäume, Blitzkanäle in der Baumrinde oder am Waldboden oder fühlbare Temperaturunterschiede innerhalb und außerhalb des Waldes. Man kann den Wald erforschen, indem der Boden aufgegraben und Pflanzen bestimmt werden. Die Entdeckungsreise kann zu einem Fuchsbau führen oder die Frage aufwerfen, ob Baumstämme warm sind, weil rund um sie meist weniger Schnee liegt.

Selber Hand anlegen

Es gibt also zahlreiche Möglichkeiten, den Wald selbst und dessen forstwirtschaftliche Bedeutung zum Thema zu machen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer können in Experimenten nachvollziehen, dass dichter Wald besser vor Steinschlag schützen kann als lichte Waldbestände. Oder dass bewachsener und durchwurzelter Waldboden Wasser viel besser speichern kann als Grasflächen oder nackter Boden.
Man kann auch Spuren suchen, die von der Nutzung des Waldes zeugen, wie Baumstöcke, Holzganter oder Traktorspuren. Organisatorisch aufwändiger, dafür aber mit nachhaltiger Wirkung, wird es dann, wenn die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Rolle von Waldbesitzerinnen und Waldbesitzern schlüpfen können und im Wald selbst Hand anlegen. Die Beziehung Mensch-Umwelt- Wirtschaft wird besonders deutlich, wenn alle gemeinsam einen Baum aussuchen, der geerntet werden soll. Nach der Baumernte wird für Nachwuchs gesorgt, indem standortgerechte junge Bäume gepflanzt werden. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, in Sonderprojekten gemeinsam junge Wälder zu pflegen.

Qualitätsentwicklung in der Waldpädagogik

Die qualitätsbestimmenden Einflussfaktoren in der Waldpädagogik sind vielfältig und lassen sich gruppieren. Das Modell der Stellräder versucht, sie in geordneter und vereinfachter Form bildlich darzustellen (siehe Abb. „Stellräder“). Das Modell ineinander greifender und verzahnter Stellräder stellt die bei jeder Waldführung wirkenden Einflussgrößen dar und soll deren Abhängigkeiten voneinander und ihre Wechselwirkungen sichtbar machen (vgl. Bancalari/Krejcarek/Possert-Jaroschka 2010: 8-14).

Das Modell der "Stellräder in der Waldpädagogik"

Das Modell der „Stellräder in der Waldpädagogik“ (Bancalari, Krejcarek, Possert-Jaroschka 2010:5)

Die Herausforderung für die Waldpädagogin oder den Waldpädagogen besteht darin, diese Stellräder in der Balance zu halten – seien sie nun in Bewegung oder im Stillstand. Dieser „Balanceakt“ erinnert an die thematische interaktionelle Methode (vgl. Cohn 2009: 111-120).

Rahmenbedingungen: Sie sind meist unveränderbar und immer mit zu berücksichtigen. Zum Beispiel kann ein plötzlicher Wetterumschwung die Methodenwahl verändern.

Organisation: Dieses Stellrad fasst Faktoren wie Zeit und Ort, Ausrüstung, Logistik, Kommunikation, Vor- und Nachbereitung zusammen. Sachkompetenz: Sie umfasst nicht nur das im Rahmen des Zertifikatslehrganges Waldpädagogik erworbene Wissen, sondern auch Zusatzkompetenzen inkl. persönlicher Erfahrungen.

Ziele: Die Definition der Grob- und Feinziele bestimmt maßgeblich die Stellräder Dramaturgie und Methodik.

Gruppe: Dieses Stellrad vereinigt alle Informationen über die Gruppe, die in der Planungsphase eruierbar und bei der Waldführung selbst zu beobachten und zu erfahren sind.

Methodik: Die Methodenwahl hängt beispielsweise von den Zielen sowie von der Gruppe und ihrer Dynamik ab und kann „passend“ oder „unpassend“ wirken.

Dramaturgie: Der dramaturgische Verlauf der Veranstaltung steuert einen oder mehrere Höhepunkte an. Dramaturgie gibt Orientierung und Struktur, achtet auf den Wechsel zwischen Anspannung und Entspannung und fokussiert die Aufmerksamkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer.

Gegen einen Unkostenbeitrag von 5 € plus Portospesen kann die Broschüre „Qualitätsbewusst“ mit einem Stellrad zum Selberbasteln in der Böhmerwaldschule bezogen werden (www.boehmerwaldschule.at). Forstleute und andere „Waldprofis“ haben eine ganz besondere „Waldbotschaft“ konzipiert – die Waldpädagogik. Die SchuleWald.com vernetzt das Bildungsangebot der österr. zertifizierten WaldpädagogInnen und Waldschulen. Auf deren Homepage www.SchuleWald.com ist der Groteil der österreichischen Waldpädagogen mit Ihren Führungsangeboten vertreten und kann so leicht – nach Örtlichkeit und Angebot, aufgefunden werden. Ebenso organisiert und vernetzt SchuleWald.com verschiedene weitere Natur-Bildungsangebote.

 Quellen und Literaturverzeichnis

BANCALARI , Katharina/ KREJCAREK , Martin/ POSSERT -JAROSCHKA , Peter (2010): Qualitätsbewusst. Die Stellräder für qualitätsvolle Walderlebnisse. Online unter http://www.wp-vertrauensperson.com (02.12.2010).
BUNDESKANZLERAMT /RECHTSINFORMATIONSSYSTEM (2010): Bundesgesetz vom 3. Juli 1975, mit dem das Forstwesen geregelt wird (Forstgesetz 1975) StF: BGBl. Nr. 440/1975. Online unter http://www.ris.bka.gv.at/GeltendeFassung.wxe?Abfrage=Bundesnormen&Gesetzesnummer=10010371.
COHN , C. Ruth (2009): Von der Psychoanalyse zur themenzentrierten Interaktion. Von der Behandlung einzelner zu einer Pädagogik für alle. 16., durchges. Aufl. Stuttgart: Klett-Cotta / J. G. Cotta‘sche Buchhandlung Nachflg.
FLIEGENSCHNEE , Martin/ SCHELAKOVSKY Andreas (1998): Umweltpsychologie und Umweltbildung. Eine Einführung aus humanökologischer Sicht. Wien: Facultas Verlag.
HANSMANN , Ralf/ HUG , Stella-Maria/ SEELAND , Klaus (2007): Erholung und Stressreduktion durch körperliche Aktivität im Wald und Park. Vortrag im Rahmen des ersten TAF-Forums. Institute for Environmental Decisions (IED). ETH Zentrum Zürich. Online unter http://afw-ctf.ch/ VortragHug.pdf (02.01.2011).
KOHLER , Beate (2000): Was genau ist Waldpädagogik? Im Spannungsfeld von Öffentlichkeitsarbeit und Umweltbildung. In: AFZ DerWald-Allgemeine Forst Zeitschrift für Wald und Forstwirtschaft Nr. 1/2000. Hannover: Deutscher Landwirtschaftsverlag GmbH, S. 28-30.
SUDA , Michael/ SCHAFFNER Stefan (2006): Der Wald in der individuellen und gesellschaftlichen Wahrnehmung. In: proWald – Magazin des Deutschen Forstvereins e.V. Juli 2006. Göttingen: Verlag Die Werkstatt, S. 4-7.
STOLTENBERG , Ute (2009): Mensch und Wald. Theorie und Praxis einer Bildung für eine nachhaltige Entwicklung am Beispiel des Themenfeldes Wald. München: oekom Verlag.
VOITHLEITNER , Johannes/ KILLINGSEDER , Hans-Peter (2001): Zwischen Bildung und forstwirtschaftlicher Öffentlichkeitsarbeit. Forschungsauftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Umwelt und Wasserwirtschaft. Universität für Bodenkultur. Wien: Eigenverlag des Instituts für Sozioökonomik der Forst- und Holzwirtschaft.


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