:: Interview mit Mark Benecke – Im Herzen bin ich Biologe

07/04/2018 von / 0 Kommentare
Titelbild: Mark Benecke – der Sherlock Holmes der Kriminalbiologie. Quelle: Christoph Hardt

Mark Benecke ist Kriminalbiologe. Bekannt als „Herr der Maden“, gelobt als „Popstar der Wissenschaft“ und ins Rampenlicht gestellt als der „tätowierte Politiker“ – doch Mark bleibt Mark. Ein Biologe, der „macht wozu er Bock hat und fertig“. Im Interview erzählt Benecke von seinem Weg in die Kriminalbiologie und forensische Entomologie, das Insektensterben und seine Haustiere, die Fauchschaben (Gromphadorhina portentosa).

Mark Benecke ist Deutschlands einziger öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Als solcher wird er zu unterschiedlichen Kriminalfällen berufen und unterstützt die Spurensuche maßgeblich. So wurde Benecke auch zur Untersuchung von Adolf Hitlers vermeintlichem Schädel (Craniumfragment & Zähne) im Moskauer Staatsarchiv und im Archiv des russischen Inlandsgeheimdienstes (FSB) hinzugezogen.

Seit mehr als 25 Jahren ist Benecke international als Kriminalbiologie tätig und spezialisiert sich hier unter anderem auf die forensische Entomologie. Aktuell betreibt er als freiberuflicher Biologe das Institut „BENECKE FORENSIC BIOLOGY – International Forensic Research & Consulting“ in Köln. Studiert hat er zunächst Biologie/Zoologie und Psychologie an der Universität Köln. Erst durch ein Praktikum in der Rechtsmedizin gelangte er dann in die Forensik und promovierte schließlich auch am Institut für Rechtsmedizin der Universität Köln. Benecke erweiterte seinen Fokus zudem durch diverse internationale Ausbildungen im Bereich der Forensik, u.a. absolvierte er ein Training an der FBI Academy. Später war er auch selber als Trainer auf der Body Farm des FBI in Tennessee tätig.

Wie Mark Benecke selbst sagt, ist er eigentlich einfach „ein Ärmel hochkrempelnder Biologe, der dann auch manchmal vor Gericht sitzt“ und so biologisches Wissen mit kriminalistischen Faktenstrukturen verbindet. Nebenbei trägt Benecke durch die Publikation von Sachbüchern und seine Vorträge vor breitem Publikum zur Wissenschaftskommunikation bei. Thematisiert werden vergangene Kriminalfälle und die spannenden Möglichkeiten entomologischer Untersuchungen in der Forensik, Tötungs-Methoden wie Erhängungen und Enthauptungen und, wie könnte es anders sein, der Kreislauf des Lebens. Ein informativer und spannender Abend ist garantiert.

Im Interview mit dem bioskop erzählt Mark von seinem Weg in die Kriminalbiologie und forensische Entomologie, das Insektensterben und seine Haustiere, die Fauchschaben (Gromphadorhina portentosa).

Fangen wir doch einfach ganz von vorne an. Die meisten BiologInnen in meinem Bekanntenkreis haben schon in der Kindheit Heuschrecken im Lupenglas beobachtet und Farbtabletten in Eprouvetten gemischt. Wie bist Du zur Biologie gekommen?

Als Kind wollte ich Koch werden. Aber die Spurensuche und das Experimentieren, vor allem in der Chemie, haben mich auch schon immer interessiert. Damals habe ich Staub auf Tesafilm geklebt und unter einem ganz billigen Mikroskop angeschaut oder auch jahrelang versucht, Schneeflocken mit Lack einzufangen. Ich liebe Tatsachen, Beweisbares und Messbares. Das erfahren wir durch Experimente, sonst nicht. So kam das dann, dass ich Biologie studiert habe.

Und die BiologInnen hatten die besten Partys. Kein Witz.

Fakten und Spurensuche – da bist Du in der Forensik genau richtig. Wie sieht denn Dein Arbeitsalltag als Kriminalbiologe aus?

Das kommt auf den Fall an. Wenn es sich um einen aktiven Tatort handelt und die Zeit da ist, dann gehe ich auf Spurensuche und bin mit der Tatortrekonstruktion beschäftigt. Erstmal wird alles dokumentiert. Wenn es um die Bedeutung der Spuren für den Fall geht, lautet die Regel: Ich glaube erst einmal gar nichts. Niemals das annehmen, was vermeintlich offensichtlich ist – ganz im Gegenteil. Man muss neutral und ohne jede Annahme vorgehen. Ich halte mich da an Sherlock Holmes: “There is nothing more deceptive than an obvious fact.”

Die Aufträge bekommen wir von verschiedenen Leuten. Grundsätzlich kann mein Team und mich jeder beauftragen. Ich arbeite für offizielle Stellen und für Angehörige, wenn sie nicht zu traumatisiert sind und noch Energie für die Fallarbeit haben. Wir kriegen auch oft Akten, und entweder der Angehörige, Staatsanwalt, Polizist oder auch Journalist sagt: Guck mal, hier stimmt etwas nicht.

In einigen Fällen übergibt uns die Polizei die Insekten direkt und wir bestimmen dann erst im Labor die wichtigsten Fakten, wie Art, Lebensraum, Alter, Lebenszeit auf der Leiche und so. Durch solche Details lässt sich schon einiges feststellen, das für die Fallbewertung interessant ist.

Welche Spuren sind an einem Tatort für Dich interessant?

Blutspuren, genetische Fingerabdrücke, Insekten, auch andere Spuren – jedes kleine Detail kann spannend sein oder werden. Sogar Teelichter. Ich wurde einmal zu einem Mordtatort gerufen, an dem noch Teelichter brannten. Ein scheinbar nebensächliches Detail. Ich habe sie dennoch fotografiert und im Nachhinein haben die Fotos bei der zeitlich-räumlichen Rekonstruktion der Tat geholfen.

Insekten sind für das Verständnis auch sehr hilfreich. Ich gucke mir Gliedertiere an, um beispielsweise Hinweise zu bekommen, wie lange die Leiche am Fundort war oder ob sie mit Sicherheit längere Zeit am Fundort gelegen hat und nicht transportiert wurde.

Bei deinen Interviews und Auftritten thematisiert Du auch ein sehr wichtiges Thema: Das Insektensterben. Beeinflusst der Artenverlust auch Deine Arbeit?

Die Untersuchung von Todesfällen wird dadurch schwieriger. Vor dreizehn Jahren ist uns das Insektenproblem zum ersten Mal aufgefallen. Da fielen uns im Sommer die Schmeißfliegen (Calliphoridae) weg, deren Larven wir zur Bestimmung der Leichenliegezeit verwenden. Wir müssen also drumherum arbeiten und uns mehr auf andere Spuren konzentrieren. Ich arbeite ja auch mit Blut, Sperma und so. Es gehen auch manchmal aus anderen Gründen Spuren verloren, so ungewöhnlich ist das also nicht. Wir arbeiten mit dem, was wir haben.

Die Frage ist eher, wie wir Menschen weiterleben können, wenn durch den Verlust anderer Tier- und Pflanzenarten das gesamte Lebensnetzwerk zusammenbricht. Populationszusammenbrüche sind biologisch nichts Besonderes, aber hier wirkt der Mensch mit. Das ist kein Spruch vom Wollsocken-Biolehrer, sondern Realität.

Insekten, Larven, Maden – das sind deine täglichen Wegbegleiter. Hast Du Lieblinge?

Ich bin so ein Graswurzelmensch und Tierfreund. Maden sind coole, informative und biologisch sinnvolle Lebewesen. Und sie helfen bei der Liegezeitbestimmung von Leichen. Ich mag aber auch Fauchschaben (Gromphadorhina portentosa). Die leben bei mir als Haustiere und ich nehme sie auch zu meinen Vorträgen mit, um sie den Leuten zu zeigen. Das sind ganz normale Lebewesen – wie du und ich. Die stinken nicht oder ärgern Menschen. Sie fauchen nur manchmal.

Abb.1.: Mark Benecke mit seinen Haustieren – den Fauchschaben. Quelle: Thomas van de Scheck


Eigentlich mag ich ja alle Insekten, denn sie sind großartige, teils uralte Konstruktionen. Aber es ist eine ziemlich einseitige Zuneigung. Insekten interessieren sich nicht für menschliche Gefühle.

Im Berliner Naturkundemuseum bin ich Pate der Markusmücke, auch Markus- oder Märzfliege (Bibio marci) genannt. Die kommen nur einmal im Jahr zum Vorschein. Wenn man eine Markusfliege mit einer Leiche in einen Teppich einwickelt und im See versenkt, kann ich dann anhand der Fliege bestimmen, in welcher Jahreszeit das war. Außerdem sind Markusfliegen ganz schwarz, und ich mag alles, was schwarz ist.

Lustig sind auch Käsefliegenmaden. Die können springen und krümmen sich vorher wie ein Croissant zusammen. Außerdem schreien alle im Labor noch lauter, wenn diese Maden aus einem Leichensack springen.

Siehst Du dich eher als Biologe oder Forensiker?

Eigentlich bin ich einfach ein Ärmel hochkrempelnder Biologe, der manchmal vor Gericht sitzt. Wichtig ist, dass ich im Herzen Biologe bin. Kriminalistik ist einfach eine Anwendung meiner biologischen Tätigkeit.

An der Universität Wien interessieren sich vor allem Studierende der physischen/biologischen Anthropologie für eine Karriere in der Forensik. War deine Karriere ein Glücksfall?

„Karriere“ würde ich es jetzt nicht nennen. Mir macht es einfach Spaß. Meine Frau und ich arbeiten 365 Tage im Jahr und haben keinen Urlaub. Wer spannende, unbekannte Welten im Kleinen erforschen will, hat als freiberufliche/r Forensiker/in einen der vielfältigsten und verantwortungsvollsten Spielplätze im naturwissenschaftlichen Bereich.

Siehst du Bedarf für BiologInnen in der Forensik?

Klar, massenhaft. Es macht nur keiner. Die meisten wollen halt Hubschrauber fliegen, mit Blaulicht herumrasen oder so was. Bei uns geht es aber um Messen, Zählen, Sortieren und Fotografieren. So gesehen trifft unsere Wirklichkeit eigentlich nie die Erwartungen. Wer gerne sehr vertieft und verkauzt rumwurschtelt, extrem ordentlich und sehr ehrlich ist, für den ist das was.

Mein Tipp wäre, auf der Jobsuche auch mal bei der Polizei und bei Routine-Labors reinzuschnuppern. Da herrschen normalere Arbeitsbedingungen.

Gibt es bestimmte Qualifikationen, die man mitbringen sollte?

Ja. Freude an sehr guter, präziser Fotografie, Akribie, Ordnungsliebe, Detailversessenheit und Offenheit für die schrägsten Dinge: Unsere Fälle klingen oft nahezu unmöglich. Wir untersuchen auch Blutwunder, Leichen-Öle, Mumienkeller und dergleichen. Es ist auch zwingend notwendig, jederzeit zu reisen und andere Menschen, Lebensweisen und Kulturen ganz ehrlich und tief zu akzeptieren.

Spaß an Ausrüstung ist auch gut. Ich suche immer neue, noch präzisere Messgeräte, die aber nie digital sein dürfen, weil sie sonst zu schnell kaputt gehen. Ich habe bestimmt schon fünfzig Taschenlampen getestet, und ein großer Testbericht für eine stabile Metall-Tatort-Lampe mit Sperma auf verschiedenen Textilien stammt auch aus unserem Labor.

Hast du noch einen abschließenden Tipp für die Studierenden?

Ja: Arbeiten, nicht reden.

Durch Deine Arbeit bist Du ja ziemlich abgeklärt, wenn es um das Thema „Tod“ geht. Es gibt inzwischen viele Möglichkeiten, wie man den menschlichen Körper nach dem biologischen Tod noch verwenden kann. Angefangen von der Nutzung für Forschung und Wissenschaft bis zum Einsatz als Dünger durch Promession. Hast Du Dir schon Gedanken gemacht, was mit Deinem Körper passieren soll?

Mir egal, das können andere entscheiden. Ich bin dann ja tot und kriege nix mehr mit. Fäulnis im Freien finde ich normal, natürlich und energieeffizient, aber da sich viele Menschen davor gruseln, will ich nichts erzwingen, was anderen unangenehm ist.

Danke für das Interview. Und vielleicht sieht man sich ja bei deiner nächsten Vorstellung in Wien.

PROMESSION ist eine neue Bestattungsmethode, die auf der Forschung der schwedischen Biologin Susanne Wiigh-Mäsak beruht. Der Verwesungsvorgang wird hierbei durch vorheriges kryotechnisches Granulieren und Trocknen der Leiche beschleunigt. Anschließend kann das Granulat kompostiert werden. Die Methode erlangte in den letzten Jahren unter dem Schlagwort „Öko-Bestattung“ mediale Aufmerksamkeit.
MARK BENECKE IN WIEN
Termine: 6. Juni 2018 – Hitlers Schädel
               8. Juni 2018 – Bakterien, Gerüche und Leichen
Ort:         Rabenhof Theater
Rabengasse 3, 1030 Wien
Mehr Informationen zu Mark Benecke: http://home.benecke.com/

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