:: Betroffene berichten: Wer kann sich bald noch das Studium leisten? (Teil 2)

21/12/2017 von / 0 Kommentare
Titelbild: Quelle: pixabay

Erwerbstätige Studierende bekommen ihre Studiengebühren erlassen – noch. Schon bald könnten sie zur Kasse gebeten werden. Die Uniko denkt indes über das Exmatrikulieren von „BummelstudentInnen“ und das Modell des Teilzeitstudiums nach. Wir haben uns mit Betroffenen unterhalten.

Erwerbstätige, bitte zur Kasse!

Ab Wintersemester 2018 könnten berufstätige Studierende wieder für ihr Studium zahlen müssen – eine Gesetzesänderung ist dafür nicht nötig: Paragraf 92 des Universitätsgesetzes von 2002 besagt unter anderem, dass berufstätigen Studierenden der Studienbeitrag unter bestimmten Bedingungen erlassen werden soll. Seine aktuelle Fassung ist jedoch nur bis 29. Juni 2018 gültig – erlassen wurde er am 1. Oktober 2017. Am 30. Juni 2018 ist somit die Studiengebührenbefreiung wieder aufgehoben. Das Wissenschaftsministerium zeigt aktuell keine Anstalten, das Gesetz zu reparieren.

Doppelbelastung für arbeitende Studierende

„Rund 80% der Erlässe von Studiengebühren werden aufgrund von Erwerbstätigkeit erteilt“, kommentiert Lena Köhler (GRAS) vom Vorsitzenden-Team der Bundes-ÖH die aktuelle Situation in einer Presseaussendung. „Arbeitende Studierende sind ohnehin schon doppelt belastet, da darf das Studium nicht zusätzlich durch finanzielle Hürden erschwert werden”, ergänzt ihre Kollegin Sandra Velebit (VSSTÖ), „im Zusammenhang mit anderen Verschärfungen dieses Jahres, wie den bereits erfolgten verdoppelten Studiengebühren für viele Studierende aus Drittstaaten scheinen wir wieder vor flächendeckenden Studiengebühren zu stehen.”

Studie der WKO, Stand 2016:

Die durchschnittlichen Gesamteinnahmen eines Studierenden in Österreich betragen derzeit ca. € 1.130 monatlich. Damit liegt das Einkommen über dem Durchschnitt aller 29 Eurostudent-Länder (€ 885). Trotzdem waren im Sommersemester 2015 rund 26% aller Studierenden stark von finanziellen Schwierigkeiten betroffen. Angehörige aus „niedrigen Schichten“ sind davon doppelt so häufig wie Angehörige „hoher Schichten“ (29% vs. 16%) betroffen. Weiters sind auch Studierende mit nicht deutscher Erstsprache (48%) und Alleinerziehende (47%) betroffen.

61% der Studierenden waren im Sommersemester 2015 erwerbstätig (Ø 19,9h pro Woche). Das Erwerbsausmaß ist unter erwerbstätigen Studierenden aus niedriger Schicht mit 23,6 Stunden am höchsten.

54% der erwerbstätigen Studierenden haben Schwierigkeiten, Studium und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Je höher die Erwerbstätigkeit ist, desto eher haben Studierende Schwierigkeiten damit.

Die Studienabschlussquote ist bei Beziehern von Studienbeihilfe oder eines Stipendiums für SelbsterhalterInnen doppelt so hoch und auch die Abbruchquote der Geförderten ist deutlich geringer als bei anderen Studierenden.

Gibt es bald ein Teilzeitstudium?

Wenn es nach Oliver Vitouch, Präsident der Universitätenkonferenz und Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt geht, ist das Teilzeitstudium ein Modell für die Zukunft. Er fordert einerseits strengere Regelungen; so sollen Studierende künftig nur noch zwei Mal zur Prüfung antreten dürfen. Wenn sie längere Zeit prüfungsinaktiv sind, also weniger als 16 ECTS pro Studienjahr absolvieren, sollen sie exmatrikuliert werden; die Anzahl der Studien, die man aufnehmen darf, will er ebenfalls begrenzen. Vitouch will aber andererseits auch das System neu aufsetzen und so die Studierenden antreiben – in Form eines Teilzeitstudiums, das aber um einen genau definierten Zeitrahmen länger dauern soll als ein Vollzeitstudium. Studierende sollen hier mit zusätzlichen Stipendien gefördert werden, damit sie ihre Berufstätigkeit reduzieren können. Woher das Geld kommen soll, ist bislang unklar.

Was sagen die betroffenen Studierenden dazu?

Lehramtsstudentin der Biologie (Name der Redaktion bekannt), arbeitet für einen Verlag

Du studierst Biologie auf Lehramt und hast vorher schon Zoologie studiert. Warum studierst du weiter?
Das Lehramt anzufangen – da war der Beweggrund, dass ich mich zusätzlich absichern wollte, weil es ja für die Zoologie nicht so viele Arbeitsplätze gibt. Mir hat das aber dann auch wirklich Spaß gemacht und jetzt ist es keine Notlösung mehr – ich habe auch schon in der Erwachsenenbildung gearbeitet. Auch weil das Lehramt mich auch noch fachlich breiter aufstellt.

Findest du, ganz provokant gefragt, dass du mit einem Studium nicht genug haben solltest?
Das entspricht nicht meiner Vorstellung von Studium und Bildung. Ich find es schon sehr wichtig, dass man ein Studium nicht als Ausbildung sieht, die dann gegessen ist, sondern dass man dadurch auch am Ball bleibt und man sich auch breiter aufstellen kann. Bildung macht Spaß und ist wichtig. Gerade mit dem Biologiestudium muss man sich wirklich nicht verstecken – als Biologe kann man sich gut einarbeiten, weil man breit aufgestellt ist. Ich treffe auch immer wieder Biologen im Beruf, die ganz unterschiedliche Dinge machen, weil sie sich einfach gut einarbeiten können und vielseitig sind.

Kann man von deinem Job im Verlag leben?
Ich habe schon das Glück, dass ich jetzt sehr gut verdiene. Wenn ich auf 20 Stunden runtergehen würde, könnte ich von den Fixkosten noch leicht leben – insofern wäre das finanziell kein Problem. Aber Arbeitgeber stehen Teilzeit ja oft nicht so positiv gegenüber. In der Erwachsenenbildung war das flexibler und hat Spaß gemacht, aber das war auf Werkvertragsbasis und da war die finanzielle Unsicherheit einfach sehr hoch. Qualifizierte Teilzeitjobs sind, euphemistisch gesprochen, rar.

Wie viel Zeit wendest du wöchentlich für deine Arbeit auf, wie viel für das Studium?
Das ist ganz schwierig zu sagen. Die erste Zeit war ich Teilzeit in der Erwachsenenbildung – da war es 50:50 aufgeteilt – je 20-25 Stunden für Arbeit und Studium. Da war ich aber mit dem Studium noch sehr flexibel. Danach habe ich 1 ½ Jahre Vollzeit als Redakteurin gearbeitet und gleichzeitig bis zu den Sommerferien in der Erwachsenenbildung am Abend gearbeitet. Da ist natürlich auch fürs Studium nichts weitergegangen. Nicht einmal Prüfungen waren da mehr möglich.
Jetzt gehe ich „nur“ noch Vollzeit arbeiten und kann noch nebenbei ungefähr eine Vorlesung im Semester machen. Da kann ich aber meistens auch nur zur Prüfung gehen – es ist wichtig, dass man da Streaming und Online-Ressourcen bekommt und dass die Studierenden sich solidarisieren und gegenseitig Unterlagen austauschen. Mein jetziger Job ist wenig flexibel – ich muss ständig im Büro oder bei Auswärtsterminen anwesend sein. Und den Urlaub kann ich mir nicht frei einteilen. Da kann ich auch keine mehrtägigen Exkursionen machen, die eigentlich verpflichtend wären. Früher oder später werde ich mir diese Tage in der Arbeit erjammern müssen. Oder es muss dann ein Jobwechsel her.

Wärst du grundsätzlich dafür, Studiengebühren zu bezahlen?
Naja, einerseits finde ich natürlich, dass der ganz freie Hochschulzugang ideal ist. Das ist etwas schönes und positives, wenn möglichst viele Menschen den Zugang zu Bildung haben. Sozial gestaffelte Gebühren haben aber in allen Lebensbereichen Vorteile. Dem würde ich vielleicht nicht so negativ entgegenstehen.

Was hältst du vom Modell Teilzeitstudium?
An sich ist das positiver als gar keine Möglichkeit zu schaffen für Berufstätige. Aber gleichzeitig ist das auch eine sehr unflexible Lösung. Man steht damit zwar unter weniger Zeitdruck, aber es ist noch immer genug davon da. Für Berufstätige könnte das sehr schwierig werden. Nur weil man sich ein Semester freinimmt in der Bildungskarenz heißt das ja noch immer nicht, dass man auch in alle relevanten Übungen reinkommt. Oft sind die Lehrveranstaltungen heillos überbucht und man landet dann nur auf der Warteliste. Es gibt auf der Uni ein Kapazitätenproblem und ein Platzproblem. Das Teilzeitmodell wird sich möglicherweise nicht in der Praxis so einfach umsetzen lassen.

Wie würdest du die Sachlage regeln, wenn du etwas zu sagen hättest?
Es sollte einfach so bleiben wie es ist. Ich verstehe ja nicht ganz, inwiefern man eine Belastung für das System darstellt, wenn man neben dem Job langsam ein Studium macht. Als Berufstätiger nimmt man ja wenige Kapazitäten in Anspruch, wenn man einem anderen den Platz nicht wegnimmt. Eine Möglichkeit, dass man sich aus beruflichen Gründen vom Studium beurlauben lassen kann, wäre vielleicht eine gute Lösung.


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