:: Betroffene berichten: Wer kann sich bald noch das Studium leisten? (Teil 1)

05/12/2017 von / 0 Kommentare
Titelbild:Quelle: pixabay

Erwerbstätige Studierende bekommen ihre Studiengebühren erlassen – noch. Schon bald könnten sie zur Kasse gebeten werden. Die Uniko denkt indes über das Exmatrikulieren von „BummelstudentInnen“ und das Modell des Teilzeitstudiums nach. Wir haben uns mit Betroffenen unterhalten.

Erwerbstätige, bitte zur Kasse!

Ab Wintersemester 2018 könnten berufstätige Studierende wieder für ihr Studium zahlen müssen – eine Gesetzesänderung ist dafür nicht nötig: Paragraf 92 des Universitätsgesetzes von 2002 besagt unter anderem, dass berufstätigen Studierenden der Studienbeitrag unter bestimmten Bedingungen erlassen werden soll. Seine aktuelle Fassung ist jedoch nur bis 29. Juni 2018 gültig – erlassen wurde er am 1. Oktober 2017. Am 30. Juni 2018 ist somit die Studiengebührenbefreiung wieder aufgehoben. Das Wissenschaftsministerium zeigt aktuell keine Anstalten, das Gesetz zu reparieren.

Doppelbelastung für arbeitende Studierende

„Rund 80% der Erlässe von Studiengebühren werden aufgrund von Erwerbstätigkeit erteilt“, kommentiert Lena Köhler (GRAS) vom Vorsitzenden-Team der Bundes-ÖH die aktuelle Situation in einer Presseaussendung. „Arbeitende Studierende sind ohnehin schon doppelt belastet, da darf das Studium nicht zusätzlich durch finanzielle Hürden erschwert werden”, ergänzt ihre Kollegin Sandra Velebit (VSSTÖ), „im Zusammenhang mit anderen Verschärfungen dieses Jahres, wie den bereits erfolgten verdoppelten Studiengebühren für viele Studierende aus Drittstaaten scheinen wir wieder vor flächendeckenden Studiengebühren zu stehen.”

Studie der WKO, Stand 2016:

Die durchschnittlichen Gesamteinnahmen eines Studierenden in Österreich betragen derzeit ca. € 1.130 monatlich. Damit liegt das Einkommen über dem Durchschnitt aller 29 Eurostudent-Länder (€ 885). Trotzdem waren im Sommersemester 2015 rund 26% aller Studierenden stark von finanziellen Schwierigkeiten betroffen. Angehörige aus „niedrigen Schichten“ sind davon doppelt so häufig wie Angehörige „hoher Schichten“ (29% vs. 16%) betroffen. Weiters sind auch Studierende mit nicht deutscher Erstsprache (48%) und Alleinerziehende (47%) betroffen.

61% der Studierenden waren im Sommersemester 2015 erwerbstätig (Ø 19,9h pro Woche). Das Erwerbsausmaß ist unter erwerbstätigen Studierenden aus niedriger Schicht mit 23,6 Stunden am höchsten.

54% der erwerbstätigen Studierenden haben Schwierigkeiten, Studium und Erwerbstätigkeit zu vereinbaren. Je höher die Erwerbstätigkeit ist, desto eher haben Studierende Schwierigkeiten damit.

Die Studienabschlussquote ist bei Beziehern von Studienbeihilfe oder eines Stipendiums für SelbsterhalterInnen doppelt so hoch und auch die Abbruchquote der Geförderten ist deutlich geringer als bei anderen Studierenden.

Gibt es bald ein Teilzeitstudium?

Wenn es nach Oliver Vitouch, Präsident der Universitätenkonferenz und Rektor der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt geht, ist das Teilzeitstudium ein Modell für die Zukunft. Er fordert einerseits strengere Regelungen; so sollen Studierende künftig nur noch zwei Mal zur Prüfung antreten dürfen. Wenn sie längere Zeit prüfungsinaktiv sind, also weniger als 16 ECTS pro Studienjahr absolvieren, sollen sie exmatrikuliert werden; die Anzahl der Studien, die man aufnehmen darf, will er ebenfalls begrenzen. Vitouch will aber andererseits auch das System neu aufsetzen und so die Studierenden antreiben – in Form eines Teilzeitstudiums, das aber um einen genau definierten Zeitrahmen länger dauern soll als ein Vollzeitstudium. Studierende sollen hier mit zusätzlichen Stipendien gefördert werden, damit sie ihre Berufstätigkeit reduzieren können. Woher das Geld kommen soll, ist bislang unklar.

Was sagen die betroffenen Studierenden dazu?

Sunny – studiert Bildungswissenschaften und arbeitet selbstständig als Hundetrainerin

Du studierst Bildungswissenschaften – warum eigentlich und wie lange machst du das schon?
Ich habe vorher Biologie studiert und bin jetzt auf der Bildungswissenschaft, weil mir die für den Job als Hundetrainerin mehr bringt. Alles was ich für meinen Job aus der Biologie brauche, habe ich dort schon gelernt. Der Lernaufwand für den Rest – vor allem für die Anatomie – stand in keiner Relation zum Nutzen für den Job. Als Hundetrainerin muss ich Menschen Inhalte gut vermitteln können. Deshalb studiere ich jetzt Bildungswissenschaften.

Wie viel Zeit wendest du wöchentlich für deine Arbeit auf, wie viel für das Studium?
Das variiert. Es kommt sehr darauf an, ob man viel Anwesenheitspflicht hat oder nicht. Ich lerne schnell und mir ist es wichtig, das meiste aus meinem Studium herauszuholen und trotzdem meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Ich schaue daher, dass ich immer die Lehrveranstaltungen besuche, die mir wirklich helfen.

Was ist die Herausforderung beim Studieren als Berufstätige?
Berufstätige wie ich müssen ihre Zeit an der Uni einfach viel effizienter einplanen. Da kann man nicht herumkasperln. Sogar wenn du geringfügig arbeitest, fallen zehn Stunden weg. Mit Anreisezeit sind das dann schnell mal 15 Stunden pro Woche. Die fehlen einem dann fürs Studium – entweder für die Lehrveranstaltungen, oder auch um auf einem vernünftigen Notenniveau zu bleiben. Nur geringfügig zu arbeiten kann sich aber eh keiner leisten. Wenn ich fünf Termine hab zu je einer Stunde, bin ich auch über 10 Stunden beschäftigt. Es kommen ja noch Kundenakquise, Vor- und Nachbereitung und die Anreise dazu. Mit einer geringfügigen Beschäftigung kann man es sich gar nicht leisten, außer man bekommt Unterstützung von der Familie.

Und mit Stipendium?
Ich habe Bio mit Selbsterhalterstipendium studiert. Aber was macht man mit nur 700 Euro im Monat? Das ist gerade genug für Miete, Betriebskosten und Hundefutter. Da ist es klar, dass das auch das Studium verzögert – man muss ja trotzdem ein bisschen was arbeiten, um über die Runden zu kommen.

Was sagst du, wenn jemand findet, dass Langzeitstudierende Schmarotzer sind?
Es will echt niemand seine Zeit verscheißen, wir berufstätigen Studierenden wollen keine Schmarotzer sein. Nur: Das Leben wird auch nicht günstiger. Gerade in einer Stadt wie Wien, wo die Mieten immer horrender werden. So ein WG-Zimmer kostet schon allein mindestens 400 Euro im Monat. So viel verdienst du mit einem geringfügigen Job. Irgendwo muss man da einfach Abstriche machen beim Studium. Man muss ja wo leben und sich von irgendwas ernähren auch.

Was hältst du davon, auf den Unis einzusparen?
Wenn man schon Kosten optimieren will, dann bitte auch die Didaktik. Es gibt schon moderne Online-Varianten, wo man den Professor gar nicht mehr sieht, weil er über Videos die Lehrinhalte erklärt. In einem Forum kann man dann Fragen stellen, die seine Assistenten beantworten. Das spart Kosten und Humankapital – auch für den Studenten. Und es spart dem Lehrpersonal Zeit. Das find ich ganz vernünftig, wenn das gut gemacht ist.

Also findest du die Anwesenheitspflicht überholt?
Ich sag mal so: Wir sollten allgemein besser über Abgabe- als über Anwesenheitspflichten reden. Seien wir uns doch mal ehrlich: Bei vielen Lehrveranstaltungen lesen die Lehrenden nur von den Folien runter. Da sitzt man nur drinnen, weil man unterschreiben muss. Und dass man in die Lehrveranstaltung reinkommt, ist dank des Punktesystems immer ein ziemliches Gambling. (Anm. d. Red.: In vielen Studienrichtungen muss man Punkte setzen – meist mit einem Ausgangskapital von 1.000 Punkten pro Semester – um in die Lehrveranstaltungen zu gelangen. Wer die meisten Punkte setzt, wird aufgenommen – der Rest landet auf einer Warteliste, die nach gesetzten Punkten gereiht ist.)
In den meisten Studienrichtungen ist es ja sogar dann nicht einfach, weil man die Punkte setzt oder akademische Abstriche macht – also zum Beispiel nicht in den Kurs geht, der einen wirklich interessiert, sondern in sein Äquivalent, in dem halt noch ein Platz frei ist oder das besser in den Zeitplan passt. Das sollte man sich besser mal anschauen, bevor man Studiengebühren an einer Mindeststudiendauer aufhängt.

Und dann kann ja immer noch was Unvorhergesehenes passieren.
Ja, richtig. Bei der Anwesenheitspflicht muss man immer auch einplanen, ob man mal krank werden könnte. Und letztlich muss man dann auch noch schauen, dass sich die Lehrveranstaltungen nicht überlappen, obwohl sie Pflicht sind und man eigentlich an allen teilnehmen sollte laut empfohlenem Semesterplan.
Da war zum Beispiel einmal eine Vorlesung, die ich mir extra rausgesucht hab. Die war für Montag geplant. Die Professorin wurde ziemlich krank, dafür habe ich auch Verständnis, das kann einem einfach passieren. Das Problem war: Ich war schon in der Lehrveranstaltung drinnen und dann wurde die plötzlich am Donnerstagabend geblockt angeboten. Aber als Berufstätige muss man natürlich auch planen können. Gerade in der Selbstständigkeit – die meisten Leute wollen eher am Abend meine Dienste in Anspruch nehmen. Das kam mir vor wie Schikane. Da setzt du deine Punkte und planst dein Semester und dann kommt man dir überhaupt nicht entgegen.

Wärst du denn grundsätzlich dafür, Studiengebühren zu bezahlen?
Ich find nicht, dass man motivierten Leuten, die was tun möchten und vielleicht sogar am zweiten Bildungsweg studieren, Steine in den Weg legen muss. Die haben ja eine ganz andere Erwartungshaltung als 18-jährige, die frisch an die Uni kommen. Ich profitiere ja im Moment des Lernens schon davon und nicht erst, wenn ich den Titel hab. Also gerade für Berufstätige werden Studiengebühren ganz bestimmt nicht die Studienzeit verkürzen. Mit anderen Methoden wie dem verstärkten E-Learning und dem Shift von der Anwesenheits- zur Abgabepflicht könnte man meiner Meinung nach sehr besser Geld sparen und Ressourcen schonen.

Was hältst du vom Modell Teilzeitstudium, das Oliver Vitouch präsentiert hat?
Das ist auch schwierig. Wenn man sich darauf als Studierender einlässt und dann passiert etwas Unvorhergesehenes, wie zum Beispiel ein Krankenhausaufenthalt, dann könnte man auch riesige Probleme bekommen. Wie gesagt: Ich denke, mit mehr Abgabepflichten kann man das wesentlich besser regeln.
Ich glaube nicht, dass die Lösung ist, Leuten den Zugang zu Bildung schwieriger zu machen. Das hält die Leute in der Bildungsarmut und hilft keinem was. Das hält nur eine gewisse Wählerschaft aufrecht. Es ist eine einfache Zeitrechnung: Ein Vollzeitstudium ist wie ein Vollzeitjob. Willst du in Mindeststudiendauer studieren, dann kannst du fast nicht arbeiten.
Ich kenne durchaus auch Leute, die haben zur Gaudi ein zweites Studium gemacht, waren aber schon mit Fleiß dahinter – es ist ja trotzdem auch eine Zusatzqualifikation – und konnten einfach nicht abschließen, weil es halt die Lehrveranstaltungen nicht nach Büroschluss gegeben hat. Normale Arbeit fordert die Menschen geistig und körperlich – und dann soll man auch noch Energie zum Lernen für die Uni aufbringen können.
Bevor man die Studenten belangt, sollte man meiner Meinung nach einmal schauen, wo man sonst einsparen kann. Stattdessen denkt die Politik aber darüber nach, dass sie irgendwelche Ämter und Ministerien um viel Geld nach sonstwohin versetzt.


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