:: Interview: Vom Banker zum Naturpark-Ranger

28/08/2017 von / 0 Kommentare
Titelbild: Naturpark Leiser Berge. Quelle: E. Neffe, www.naturpark.at

Was sind eigentlich die Aufgaben eines Naturpark-Rangers? Was treibt einen Banker ein Jahr lang in die Wildnis Wisconsins? Und wie fühlt man sich, wenn man von dort wieder zurückkommt? Für das bioskop habe ich mich mit dem Naturpark-Ranger Alexander Ma’iingan Ernst vom Naturpark Leiser Berge im niederösterreichischen Weinviertel getroffen, um diesen und noch mehr Fragen auf den Grund zu gehen.

Gleich zu Anfang eine Frage, die du sicher ziemlich oft gestellt bekommst: was macht ein Naturpark-Ranger den ganzen Tag?
Im Naturpark bin ich elf Stunden pro Woche angestellt. Die nütze ich, um im Naturpark nach dem Rechten zu sehen und momentan, weil ich erst seit Jänner hier arbeite, auch zum Kennenlernen der Umgebung. 4.040 Hektar sind kein kleines Gebiet – und ich sollte hier jede Pflanze und ihren Standort kennen. Ganz besonders natürlich die geschützten Pflanzen.

Das heißt, du musst vor allem viel wandern?
Naja, so ähnlich könnte man das sagen. Aber das ist nur ein Teil der Aufgabe. Wenn es Probleme im Naturpark gibt, schalte ich die zuständigen Stellen ein. Meist sind das die Gemeinden, die zum Naturparkgebiet gehören. Man kann mich aber auch dabei antreffen, wie ich gerade am Oberleiser Berg Mistkübel ausleere. Das gehört für mich aber dazu – ich habe Respekt vor der Natur und will daher, dass sie sauber bleibt. Ansonsten mache ich auch Führungen und schaue, dass ich für diese neue Routen erschließe. Das ist mir wichtig, weil viele der TeilnehmerInnen wiederkehrende Gäste sind, die schon viele Wege kennen.

Du arbeitest elf Stunden pro Woche im Naturpark – was machst du in der restlichen Zeit?
Ich habe gemeinsam mit meiner Frau Christa einen kleinen Bauernhof, auf dem wir Schafe halten. Die sind natürlich auch eine Beschäftigung. Ansonsten bin ich selbstständig und gebe das Wissen, das ich in meinem Jahr in der amerikanischen Wildnis gesammelt habe, an andere weiter. Da habe ich sowohl Angebote für Kinder und Jugendliche als auch für Erwachsene.

Abb.1: Alexander Ernst teilt seine Erfahrungen in der Wildnis mit Jung und Alt. Quelle: Naturpark Leiser Berge

Ein Jahr in der amerikanischen Wildnis – wie kam es eigentlich dazu?
Ich war früher Bankberater. Das hat mir schon Spaß gemacht, aber es war nicht, was ich wirklich wollte. Also hab‘ ich dann einfach den Job gekündigt, ohne so recht zu wissen, wie es weitergehen sollte. Das war aber okay, weil ich sowieso einmal den spanischen Jakobsweg gehen wollte, um ein bisschen nachdenken zu können. In fünf Wochen habe ich zu Fuß rund 1,000 Kilometer zurückgelegt. Herausgekommen ist, dass ich auf jeden Fall einen Beruf haben will, bei dem ich mehr in der Natur unterwegs bin.

Und da bist du einfach nach Wisconsin geflogen?
Nein, von Wisconsin wusste ich da noch nichts. Anfangs gestaltete sich auch die Recherche im Internet schwierig – ich wusste nicht so recht, wie das heißt, nach dem ich suche. Schließlich wurde ich fündig: ich habe mich für die Ausbildung zum Natur- und Wildnistrainer in Tirol angemeldet und die dann auch absolviert. In einem der Workshops war einer, der das Yearlong in Wisconsin gemacht hat und da wusste ich: das mache ich auch.

Und wie lebt es sich in der amerikanischen Wildnis?
Naja, wir lebten da wie die Jäger und Sammler. Das war am Anfang natürlich eine Umstellung. Werkzeuge oder Gefäße hatten wir kaum. Ausgestattet wurden wir alle – auch die Kinder – nur mit einem Tomahawk und einem Messer.

Da waren auch Kinder dabei?
Ja, zum Schluss waren sechs Kinder und 18 Erwachsene über. Das jüngste Kind war drei Jahre alt.

Wie war es für die Kinder, in der Wildnis zu leben?
Sie haben immens an Selbstbewusstsein gewonnen – besonders die Kleinste, die anfangs wirklich sehr schüchtern war. Am Ende des Yearlong war sie am Lagerfeuer eine echte Alleinunterhalterin – die hat gesungen und getanzt. Wir haben in dem Clan (Anm.: in der Gruppe der TeilnehmerInnen) nach den Grundsätzen der dortigen Natives gelebt. Das hieß zum Beispiel auch, dass alle gleichgestellt waren: wir ließen die Kinder ausreden und zeigten ihnen genauso viel Respekt und Interesse wie den Erwachsenen. Ich glaube, dass das ein guter Weg war.

Im Clan habt ihr sicher einiges erlebt. Was waren denn so die großen Highlights?
Das ganze Jahr war eine extrem geile Erfahrung. Toll war vor allem, dass wir zu einer richtigen Familie zusammengewachsen sind. Alleine kommt man in der Wildnis nicht weit – wenn man überleben will, muss man sein Ego hintanstellen. Mein Clan ist zwar jetzt wieder auf der ganzen Welt verstreut, aber wir haben noch immer so viel Kontakt wie möglich und wenn es ein Problem gibt, helfen wir einander nach wie vor. Außerdem habe ich gelernt, im Hier und Jetzt zu leben: in der Wildnis kann man nicht wahnsinnig weit vorausplanen. Und Gewohnheiten sind sowieso dein größter Feind. Wenn ein Hirsch jeden Tag um Punkt sechs Uhr am gleichen Fleck steht und dort eine Portion Gras frühstückt, merkt sich das der Bär binnen kürzester Zeit und reißt ihn.

Und wenn du an einzelne Erlebnisse denkst?
In der Nacht haben wir oft Wölfe heulen gehört. Die sind wir auch tracken gegangen – das war sehr spannend. Gesehen haben wir leider nie einen. Sie gehen Menschen lieber aus dem Weg.

Wie war es, in die Zivilisation zurückzukehren?
Genau erinnere ich mich an die erste Dusche. Das war wie alle Feste zusammen. Ich habe jetzt auch eine andere Dankbarkeit den Tieren gegenüber, die für mein Überleben sterben.

Auf welche moderne Erfindung würdest du denn rückblickend nicht mehr verzichten wollen?
Das Auto. Oder Transportmittel halt ganz allgemein – darf auch ein Zug sein. Autos sind halt praktischer, weil du damit ungebundener bist. Wir haben schon immer wieder ziemlich weite Strecken gehen müssen – Wasser gab es nur vom See, der einen 20-minütigen Fußmarsch entfernt war, und auch das Essen war bei weitem nicht direkt vor der Haustür. Zum Brombeerfeld im Sommer musste man doch einen erheblichen Weg in Kauf nehmen und wenn man einmal einen Hirsch nach Hause tragen hat müssen, sieht man auch die Welt mit anderen Augen.

Wie bist du dann von Wisconsin in die Leiser Berge gekommen?
Ich bin ja an sich in Wien geboren, aber meine Familie ist aus der Gegend. Der Bauernhof war noch da, den ich reaktiviert habe mit den Schafen. Und dann wollte ich mein Wissen weitergeben und hab‘ einfach bei den Naturparken angefragt. Mein Vorgänger war gerade dabei, sich mehr auf seinen zweiten Beruf, die Musik, zu konzentrieren und so hatte ich Glück und war, wie man so schön sagt, zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

Bereust du deine Entscheidung, die Bank ganz aufgegeben zu haben?
Mich interessiert Wirtschaft nach wie vor. Aber ich bin hier in den Leiser Bergen angekommen. Die Jobs, die ich hier habe, sind meine absoluten Traumjobs. Ich bereue es ganz und gar nicht.


Alexander Ma’iingan Ernst war früher ein Bankangestellter, hat von Mai 2012 bis März 2013 ein Jahr lang in der Wildnis Wisconsins gelebt und ist jetzt unter anderem Naturpark-Ranger im Naturpark Leiser Berge und selbstständiger Wildnis-Coach bei Wildnis Leben.

Weiterührende Links


Teaching Drum Outdoor School in Wisconsin


Video: Dokumentation von Michael Scott (YouTube)


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