:: Rezension: Latein für Vogelbeobachter

29/05/2017 von / 0 Kommentare
Titelbild: Der Papageitaucher (Fratercula arctica) verdankt seinen Trivialnamen dem bunten Schnabel, der an einen Papagei erinnert. Quelle: Viktoria Valenta, Puffin on Treshnish Isles


Die Verwendung von lateinischen Begriffen löst bei vielen Menschen eine Reihe von Gefühlen aus, die meisten sind nicht gerade positiv und können bis zur puren Panik reichen – da muss man nur an eine Lateinprüfung oder einen Geschichtetest denken. Dabei muss man kein Sprachgenie sein, um sich im Reich der lateinischen Sprache und der Klasse der Aves zurecht zu finden.

Roger Lederer und Carol Burr verstehen es den LeserInnen diese Angst zu nehmen und sogar Begeisterung für die Bedeutung auch noch so komplizierter Begriffe zu wecken. Wer hätte gedacht, dass sich hinter einem Zungenbrecher wie Corvus brachyrhynchos einfach nur ein Rabenvogel (corvus, lat. für Krähe) mit einem kurzen (brachys, griech.) Schnabel (rhynchos, griech.) versteckt, der bei uns als Amerikakrähe bekannt ist?

Schon alleine der Aufbau des Buches bildet die Basis für kurzweilige Unterhaltung. Egal auf welcher Seite man das Buch aufschlägt, entdeckt man immer etwas Spannendes. Dabei muss man das Buch nicht von vorne bis hinten lesen, sondern kann sich immer wieder eine kurze Stelle heraussuchen. Es empfiehlt sich allerdings mit den ersten einführenden Seiten zur wissenschaftlichen Seite der Vogelbeobachtung zu beginnen, dann kann man sich nach Herzenslust in die weiteren Kapitel stürzen. Neben einem alphabetischen Verzeichnis von über 3000 wissenschaftlichen Begriffen gibt es Steckbriefe von ausgewählten Vogelgattungen, Portraits berühmter OrnithologInnen und weiterführende Informationen zu Themen wie Vogelgesang und die Anpassung der Tiere an verschiedenste Lebensräume.

Interessantes gibt es auch über diverse OrnithologInnen zu lesen. Da stößt man natürlich auf Berühmtheiten wie John Gould oder Konrad Lorenz. Es werden aber auch jene vorgestellt, die vielleicht nicht ganz so bekannt sind, aber trotzdem Einfluss auf die Naturbegeisterten dieser Welt gehabt haben – und das in ganz anderen Bereichen, als wir erwartet hätten. Wer hätte gewusst, dass der wohl berühmteste britische Romanheld im Dienste ihrer Majestät nach einem 1900 in Philadelphia geborenen Ornithologen benannt wurde? Bond – der echte James Bond – erforschte auf zahlreichen Exkursionen vor allem die Vogelwelt der Karibik und verfasste dazu auch mehrere Bücher. Dem Schöpfer seines Martini trinkenden Romanpendants stattete er sogar einen Überraschungsbesuch auf dessen Anwesen auf Jamaika ab – Ian Fleming wollte zuerst gar nicht glauben, wer da plötzlich vor ihm stand.

Eine weitere illustre Persönlichkeit, die in gewissen „Birder“-Kreisen zur Kultfigur wurde, war Phoebe Snetsinger. Sie war eine der wenigen Personen, die es schaffte in ihrem Leben mehr als 8.000 Vogelarten zu beobachten. Für sie war das Birding nicht nur eine Leidenschaft, sondern „eng mit Überleben verflochten“. Als sie 1981 die Diagnose Hautkrebs im Endstadium bekam, sagte ihr der Arzt nur noch ein kurzes Leben voraus. Danach stürzte sie sich quasi in ein Reiseleben mit zahlreichen Vogelexkursionen und hielt diesen kostspieligen und anstrengenden Lebensstil noch weitere 18 Jahre durch.

Wer sich zwischen den vielen Persönlichkeiten und komplizierten Namen eine kleine Pause gönnen will, kann sich die spannenden Fakten in den kleinen Informationsboxen durchlesen, die immer wieder eingestreut sind. Da lernt man zum Beispiel, dass der Papageitaucher (Fratercula arctica) seinen Trivialnamen zwar dem bunten Schnabel verdankt, der an einen Papagei erinnert. Der wissenschaftliche Gattungsname Fratercula lässt sich hingegen auf einen Vergleich mit Mönchen zurückführen: Beim Fliegen sehen die zusammengelegten Füße des Papageitauchers wohl so aus, als ob er beten würde. Erstaunlich ist auch, dass es einer dieser lustigen Vögel fertigbrachte, 62 Fische auf einmal in seinem Schnabel zu transportieren!

Der Schnabel eines Vogels spielt generell eine wichtige Rolle, nicht nur bei der Nahrungsaufnahme, sondern auch bei der Balz, der Verteidigung und der Erzeugung von Tönen. Viele wissenschaftliche Namen beziehen sich auf die Form und Färbung des Schnabels (-rhyncho, -rhino oder –rostrum): da hätten wir zum Beispiel den Rhinoceroshornvogel, Buceros (lat. für: gehörnt) rhinoceros (lat. für: Nasenhorn) oder die Löffelente, Anas clypeata, die einen schildförmigen (clipeum, lat. für Schild) Schnabel hat, um Insekten und Samen aus dem Wasser zu filtern.

Den AutorInnen ist hier nicht nur ein überraschend unterhaltsames und informatives, sondern auch ein ausnehmend schön illustriertes Buch gelungen. Das einzige kleine Manko ist, dass man bei der Suche nach der Bedeutung eines konkreten Vogelnamens nicht direkt fündig wird – dafür sind einfach zu wenige Begriffe im Buch enthalten. Aber dafür ist es auch nicht gedacht, es wird sogar auf weitere Quellen, wie das Helm Dictionary of Scientific Bird Names oder Avibase verwiesen. Wer allerdings eine spannende Reise in die Wissenschaft der Vogelbeobachtung unternehmen will (oder sich einfach gerne schöne Vogelbilder anschaut), sollte an diesem Buch nicht einfach vorbeigehen, sondern sich auf das Abenteuer einlassen!

Das Buch:




Latein für Vogelbeobachter
Roger Lederer & Carol Burr

224 Seiten, 256 farbige Abbildungen, 20 s/w Abbildungen, Hardcover
Originaltitel: Latin for Birdwatchers
ISBN 978-3-8321-9491-8
DUMONT Verlag



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