:: Rezension: Paul Kammerer – der „Wiener Darwin“ und sein mysteriöser Selbstmord

22/12/2016 von / 0 Kommentare
Titelbild: Der Fall Paul Kammerer. Quelle: Hanser Verlag

Ein Buch, das für Biologen und Biologinnen unter dem Weihnachtsbaum liegen könnte! Es deckt ein breites Spektrum an möglichen Lesarten ab und kann verschiedenen literarischen Genres zugeordnet werden: Biographie, historischer Gesellschaftsroman, Kriminalroman sowie wissenschaftsgeschichtliche Aufarbeitung des Antisemitismus im Wien der Jahrhundertwende bis in die 1920er-Jahre. Es ist also mit Sicherheit für jede/n etwas dabei.

Das umfassend recherchierte Buch porträtiert biographisch das Leben des Dr. Paul Kammerer, der um die Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert in Wien gelebt und gearbeitet hat. Durch seine Forschungen wurde er so bekannt, dass die New York Times ihn als Charles Darwins Nachfolger tituliert hatte: „Scientist tells of success where Darwin met failure“ (3. Juni 1923).

An der Wiener Biologischen Versuchsanstalt, einer damals weltweit einzigartigen Institution experimenteller Biologie, hat Kammerer an verschiedenen Tiergruppen zur Vererbung erworbener Eigenschaften geforscht. Selbst ein Verfechter der Darwin’schen Evolution war er aber kein genetischer Dogmatiker; eine Position, die sich gerade erst durch die Wiederentdeckung der Arbeiten Gregor Mendels zu bilden begann, die aber erst in den 1940er-Jahren durch die moderne Synthese der Evolutionstheorie erst wirklich gefestigt wurde. Er erzielte über lange Züchtungsreihen an Salamandern, Geburtshelferkröten, Grottenolmen und Seescheiden hinweg Änderungen in Phänotypen, die bis heute in der Biologie diskussionswürdig bleiben. Erst kurz nach der Veröffentlichung des hier besprochenen Buches wurde im Journal of Experimental Zoology eines seiner Ergebnisse an den Geburtshelferkröten mit modernem Wissen über epigenetische Vererbung und einem „Parent of Origin-Effekt“ erklärt und diskutiert (Vargas, Krabichler & Guerrero-Bosagna, 2016). Insofern kann davon ausgegangen werden, dass Paul Kammerer und seine zeitgenössischen WissenschaftskollegInnen Phänomene diskutiert haben, die mit dem damaligen Wissensstand nicht gut erklärbar waren und schon deshalb kontroversiell aufgenommen werden mussten.

Abb. 1 Österreichische Zoologe Paul Kammerer (1880-1926). Quelle: George Grantham Bain Collection (Library of Congress) via Wikimedia Commons

Abb. 1. Österreichische Zoologe Paul Kammerer (1880-1926). Quelle: George Grantham Bain Collection (Library of Congress) via Wikimedia Commons

Nicht nur das Nachvollziehen seines wissenschaftlichen Lebens ist aus genannten Gründen spannend. Klaus Taschwer hat in jedem Kapitel einen für das Leben Kammerers wesentlichen Abschnitt mit viel Kontextwissen rund um die Gesellschaft Wiens der Jahrhundertwende, die zerfallende Monarchie, die politische Situation dargestellt. So erschließt sich dem Leser/der Leserin mehr als nur das Leben dieses Zoologen. An drei Kapitelbeispielen wird dies hier kurz dargestellt.

In Kapitel 1 wird der Selbstmord Kammerers im Jahre 1926 sowie die folgenden Spekulationen und offenen Fragen dargestellt. Kammerer wurde nach Moskau als voller Professor berufen; damit hätte er ein Lebensziel erreicht, das ihm an der Universität Wien verwehrt geblieben ist. Es werden die mannigfaltigen Erzählstränge eröffnet, die in den folgenden Kapiteln herausgearbeitet werden: seine Musikalität, seine Herkunft, seine Beziehungen zu Frauen und nicht zuletzt, das wissenschaftliche Werk, das schon zu Lebzeiten heiß diskutiert wurde und in einem Betrugsvorwurf geendet hatte. So wurde an einem wichtigen Präparat seiner Züchtungsarbeiten im Jahr seines Todes nachgewiesen, dass an den Brunftschwielen einer männlichen Geburtshelferkröte mit Tusche Manipulationen vorgenommen wurden. Vorderhand wäre dies natürlich ein Grund sich das Leben zu nehmen, es wurde von mancher Seite auch gleich als Schuldeingeständnis gewertet, aber diese Sichtweise wäre zu kurz gegriffen, wie schon etliche Nachrufe nach seinem Selbstmord zeigten.

In Kapitel 3 beispielsweise wird die Kindheit und Jugend als Nachzügler im großbürgerlichen Haushalt aufgerollt. Sehr interessant wird die beginnende Aquarianer- & Terrarianerkultur beschrieben, die im späten 19. Jahrhundert großen Aufschwung erlebte und wo der jugendliche Paul Kammerer sich enormes Haltungs- & Züchtungswissen angeeignet hat. In Kapitel 9 wiederum – es handelt in der Zeit des ersten Weltkrieges – wird die politische Haltung Kammerers als Pazifist und sozial denkender Mensch dargestellt. So hielt er viele, auch gut besuchte populärwissenschaftliche Vorträge für Laien in Wien und Deutschland und publizierte auch in Zeitschriften für Aquarien- & Terrarienliebhaber. Die Verbindung der offen gelebten pazifistischen Haltung mit seiner jüdischen Herkunft ist wahrscheinlich auch ein Grund, warum er von großdeutsch gesinnten, antisemitischen oder katholisch-konservativen WissenschaftskollegInnen der Universität Wien in seinem Fortkommen immer wieder gebremst wurde.

So wird in diesem Buch weit mehr vermittelt als nur das Leben dieses sehr vielschichtigen Biologen. Im letzten Kapitel kommt ein neuer, wiederum detailliert recherchierter und nachgezeichneter Hintergrund einer Verschwörung gegen Kammerer 90 Jahre nach seinem Tod hinzu. Schon Arthur Köstler hat in den 1970er Jahren mit einem Buch (zu Deutsch „der Krötenküsser“) versucht Kammerers wissenschaftlichen Disput mit den damaligen politischen und wissenschaftshistorischen Fakten zu erklären, über antisemitische Hintergründe hatte er damals aber nicht berichtet. Klaus Taschwer hat sich in den letzten Jahren stark dem Wissenschaftsbetrieb der 1920er Jahre bis zum 2. Weltkrieg gewidmet und da nachgewiesen, dass es bereits seit dem 1. Weltkrieg starke reaktionäre Netzwerke an der Universität Wien gegeben hat, die auch bis nach dem 2. Weltkrieg nachwirkten. Mit diesem Wissen im Hintergrund und detektivischer Kleinstarbeit legt er eine plausible Indizienkette vor, wie die Manipulationen an den Brunftschwielen der Geburtshelferkröte vorgenommen werden konnten und folglich Paul Kammerer wissenschaftlich diskreditiert wurde.

Das Buch
„Der Fall Paul Kammerer“ von Klaus Taschwer (Hanser Verlag)
ISBN 978-3-446-44878-0
https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/der-fall-paul-kammerer/978-3-446-44878-0/

Literatur
Köstler, A. (1971/Neuauflage 2010) Der Krötenküsser. Der Fall des Biologen Kammerer. Czernin-Verlag, Wien.
Vargas AO, Krabichler Q & Guerrero-Bosagna C. 2016. An epigenetic perspective on the midwife toad experiments of Paul Kammerer (1880-1926). J. Exp. Zool. (Mol. Dev. Evol.) 00B:1–14.

Weitere Quelle zum Thema
http://univie.academia.edu/PaulKammerer – Profil von Paul Kammerer, wo Klaus Taschwer die Publikationsliste und ausgewählte Publikationen von Paul Kammerer online zugänglich macht. (benötigt Registrierung!)


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