:: Rezension: „Geschichte unserer Umwelt“ von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork

07/11/2016 von / 0 Kommentare
Titelbild: Titelbild des Buches „Geschichte unserer Umwelt“ von Verena Winiwarter Hans-Rudolf Bork. Quelle: Primus Verlag, 2014

Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork veranschaulichen anhand von sechzig Beispielen die Problematik, Handhabung und Lösung von Umweltbeeinträchtigungen. Jede einzelne Geschichte bildet eine Zeitreise in die letzten hundert Jahre, in denen der Mensch nicht nur seine Umwelt beeinflusst hat, sondern auch die Umwelt den Menschen. Von Küstenschutz an der Nordsee, über nachhaltige Bodennutzung in China, bis hin zu den Auswirkungen des Eisenbahnbaus in Kanada werden Studien weltweit aufgegriffen und zusammengefasst.

Wissenschaftsbuch des Jahres 2015


„Geschichte unserer Umwelt“ von Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork wurde von der Deutschen Umweltstiftung zum Umweltbuch des Jahres 2015 gewählt. Zusätzlich erhielt das Buch den Titel Wissenschaftsbuch des Jahres 2015 vom österreichischen Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung und der Buchkultur Verlagsgesellschaft.

Eine interdisziplinäre Wissenschaft namens Umweltgeschichte

Auf dem zurückhaltend gestalteten Buchcover ist, neben Titel und Autoren, lediglich eine Erdkugel, versehen mit Jahresringen eines Baumes, zu sehen. Und genau darum geht es auch in diesem Buch: Die Umwelt unserer Erde über den Wandel der Zeit.
Bereits auf der ersten Doppelseite findet man eine Weltkarte, auf welcher die einzelnen Regionen markiert sind, die in diesem Werk als Beispiele zwischen Mensch-Umwelt-Interaktionen herangezogen werden. Schnell lässt sich erkennen, dass verschiedenste Kontinente, Biome und Klimazonen ausgewählt wurden.

Im ersten Kapitel „Ein Zeitreiseführer“ gehen die AutorInnen Verena Winiwarter und Hans-Rudolf Bork auf die Bedeutung von Reisen als Bildungsmedium, die Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur und deren Verlauf im Wandel der Zeit ein. Vereinzelte literarische Zitate im Text, als auch in den Infoboxen, appellieren hier nicht nur an den/die NaturwissenschafterIn, sondern auch den Poeten/die Poetin in uns. Sachverhalte werden zusätzlich durch übersichtliche Grafiken erklärt, während historische Abbildungen, zum Beispiel Postkarten aus dem 18. Jahrhundert, das Erzählte für den Leser/die Leserin greifbar machen.

Inhaltlich beschäftigt sich diese Einführung allen voran mit dem Begriff Umweltgeschichte und dessen Einflussfaktoren. Das Augenmerk liegt hier vor allem auf dem Menschen, welcher unter anderem durch Kriege, Industrie und Kultur maßgeblich zur Gestaltung der Natur beigetragen hat. Die Komplexität der Konzepte, welche hier Anwendung finden, ist überraschend, aber einleuchtend. Das Kapitel endet mit den einladenden Worten: „Umweltgeschichte ist die Wissenschaft von Beziehungen zwischen Menschen und ihrer Umwelt in der Vergangenheit für die Zukunft. Wir wünschen eine gute (Forschungs-)Reise!

Abb. 1: Das „Schafmilchschweinekuhpferd“ als Zuchtziel für die deutsche Landwirtschaft im Jahr 1907 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014

Abb. 1: Das „Schafmilchschweinekuhpferd“ als Zuchtziel für die deutsche Landwirtschaft im Jahr 1907 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014

Sechzig Reisen durch die Zeit

Im Anschluss kommt der Leser/die Leserin zum Kern des Buches, nämlich der Sammlung von sechzig Geschichten, welche besondere Fälle von Mensch-Natur-Interaktionen beinhalten. Von der Jungsteinzeit, bis in die Gegenwart, über (fast) alle Kontinente der Erde, scheint die Auswahl durchaus abwechslungsreich. Jede einzelne Erzählung erstreckt sich über eine übersichtliche Doppelseite, wodurch man nie zu lange in einer Geschichte verweilt.
Auch hier bilden eindrucksvolle Originalbilder eine spannende Ergänzung. Allem voran trifft man hier wieder auf Postkarten, aber auch Aufnahmen der NASA, topografische Karten und moderne Fotografien sind zu entdecken. Am Ende der Doppelseite wird gerne die Moral von der Geschichte hervorgehoben, wie zum Beispiel in Importe nach Australien mit Nebenwirkung:
Die Einführung von Arten ist wie die Büchse der Pandora: Einmal geöffnet lässt sie sich nicht mehr schließen.

Darüber hinaus sind diese sechzig Zeitreisen thematisch in sechs Unterkapitel eingeteilt, wodurch sie der Leser/die Leserin schneller orientieren kann. Hier erschließt sich abermals die Vielfalt der Geschichten, mit Kapiteltiteln wie Mensch und Natur in Agrargesellschaften, Die vielen Gesichter der industriellen Lebensweise oder Natur und Politik.

Abb. 2: Die Imperator der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) in 1913 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014.

Abb. 2: Die Imperator der Hamburg-Amerikanischen Paketfahrt-Actien-Gesellschaft (HAPAG) in 1913 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014.

Das Schlusswort

Das abschließende Kapitel beginnt mit einem berühmten Zitat von Lewis Carrolls „Alice im Spiegelland“, in dem die viel zitierte Rote Königin spricht: „Bei uns, verstehst du, muss man laufen was man kann, nur um auf der Stelle zu bleiben.“(Carroll, Alice im Spiegelland [1871] 1990). Die Anwendung dieser Worte auf unseren Umgang mit der Umwelt liegt für die AutorInnen auf der Hand: Unsere Umwelt befindet sich im steten Wandel – möchte sie sich der Mensch erhalten, so bedarf es ständiger Anpassung. Des Weiteren sehen sie den Anfang des menschlichen Einflusses vor allem im Beginn der Güterproduktion und der einhergehenden Begleiterscheinungen. Nichtsdestotrotz wird auch der potentielle Nutzen von Technik und Wissenschaft für die Zukunft auf der Erde positiv hervorgehoben, sofern Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden. Darüber hinaus bleibt aber die unausweichliche, immerwährende Unsicherheit über die Auswirkungen unseres Handelns nicht unerwähnt.
Geschichten aus früheren Kapiteln werden hier abermals aufgegriffen und in einen größeren Kontext zueinander gestellt.

Anschließend zu dem Schlusswort findet der Leser/die Leserin neben Literatur und Quellenverzeichnis auch weiterführende Literatur, ein Kurzglossar und ein Register. Hier lädt das Buch abermals zum Schmökern und Nachschlagen ein.

Abb. 3: Stich einer Überschwemmung in Ungarn, 1879 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014.

Abb. 3: Stich einer Überschwemmung in Ungarn, 1879 (Postkarte). Quelle: Primus Verlag, 2014.

Fazit

Obgleich seines komplexen und umfangreichen Themengebietes, haben es die AutorInnen Winiwarter und Bork geschafft, dieses Werk gut verständlich und spannend zu gestalten, ohne dabei tadelnd den Finger zu heben. Trotz des Schwerpunktes „Umwelt“ bedient das Buch nicht nur naturwissenschaftliche LeserInnen, sondern bietet sich auch für KulturwissenschafterInnen, HistorikerInnen und PolitikwissenschafterInnen an. Die Auswahl der Geschichten und deren Darstellung, gespickt mit reichlich Zitaten und Bildern, sorgt für Abwechslung und erlaubt kurze als auch lange Ausflüge in die Welt der Umweltgeschichte. Grundsätzlich lässt sich dieses Werk empfehlen, wen man mehr über die permanente Interaktion zwischen Mensch und Umwelt lernen möchte. Wer jedoch ein ausführliches Nachschlagewerk sucht, wird hier nur mäßig fündig, da die erzählten Geschichten nur einen kleinen Auszug aus diesem großen Gebiet bieten.


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