Bauern beim Einsammeln und Abtransport von Holz. Kupferstich, Wolf Helmhardt von Hohberg, 1695. Via Wikimedia Commons

:: Nachhaltigkeit – Leitkultur für die Zukunft

06/11/2015 von / 1 Kommentar

Titelbild: Bauern beim Einsammeln und Abtransport von Holz. Kupferstich, Wolf Helmhardt von Hohberg, 1695. Via Wikimedia Commons
Nachhaltigkeit ist ein Leitbegriff des 21. Jahrhunderts. Manche fordern damit genügsamere Lebensstile ein, andere wollen damit ihre Produkte vermarkten, wieder andere stellen sich damit als verantwortungsvoll und langfristig denkende Menschen dar. Ganz vielen Menschen sagt das Wort Nachhaltigkeit aber gar nichts, oder schlimmer – es ist für sie ein Modewort, das von jedem für alles verwendet werden kann. Wofür also steht Nachhaltigkeit? Tatsächlich ist der Begriff bereits 300 Jahre alt. Grund genug, sich diesen etwas angestaubten Begriff etwas genauer anzusehen. Es lohnt sich.

Geschichtliches Umfeld des Geburtsprozesses

Abb. 1„Hans Carl von Carlowitz“ von Painter unknown. - scan from „Allgemeine Forstzeitschrift“, München, 7. Jahrgang, Nr. 39 1952, S 401 Via Wikimedia Commons

Abb. 1„Hans Carl von Carlowitz“ – Scan aus der „Allgemeinen Forstzeitschrift“, München, 7. Jahrgang, Nr. 39 1952, S 401. Via Wikimedia Commons.

1713 verwendet Hans Carl von Carlowitz (Abb. 1) den Begriff zum ersten Mal. Er beschreibt damit eine Wirtschaftsweise, bei der Natur und menschliche Nutzung im Gleichgewicht liegen. Carlowitz macht dies am Beispiel des Waldes deutlich, sein Buch heißt „Anweisung zur wilden Baumzucht“. Der Titel ist auch das Programm: wilde Bäume, so Carlowitz, müssen jetzt und heute gepflanzt und als Wald gepflegt werden, damit auch die zukünftigen Menschen Holz nutzen können. Um die Bedeutung dieser Aussage zu verstehen, muss man sich in seine Zeit zurückdenken: Es ist die Zeit des Barock und der beginnenden Aufklärung. Damals gibt es ausschließlich erneuerbare Energien: Mit Wasserkraft wird gemahlen, gesägt und Eisen gehämmert, Mobilität und Transport hängen an der Kraft von Ochsen und Pferden und alles was gewärmt, erhitzt oder geschmolzen werden muss braucht die Kraft des Feuers, das von der Verfügbarkeit von Holz und Holzkohle abhängt. Holz ist der zentrale Roh- und Wertstoff der Wirtschaft und prägt die gesamte Lebenswelt des 18. Jahrhunderts. Sogar die Basisstoffe der chemischen Industrie stammen aus dem Wald: Schmierstoffe und Laugen, Gerbstoffe für die Lederherstellung oder Flussmittel für die Glaserzeugung sind Baumprodukte. Aber gerade in dieser Zeit wächst die Bevölkerung extrem stark. Dadurch steigt die Holznachfrage und es kommt immer öfter und andauernder zu Engpässen in der Versorgung. Ganze Landstriche sind verheidet oder nur dünn bestockt.

Von der Nachlässigkeit zur Nachhaltigkeit

In dieser Zeit schreibt Hans Carl von Carlowitz sein Buch über den Waldbau. Er ist kein Förster, sondern als Oberberghauptmann zuständig für den Bergbau in Kursachsen. Und der Bergbau braucht damals eine Menge Holz: zum Ausbau und Abstützen der Schächte, für das Pumpen und Ableiten des Grubenwassers, zum Schmelzen und zum Transport der Erze.

Carlowitz stellt große Mängel in der Bewirtschaftung der Wälder fest: Es wird mehr geerntet als nachwächst, Jungwald wird nicht nachgepflanzt. Und Vieh und Wild fressen das Wenige weg, das sich von alleine verjüngt. Das wird in der Zukunft Einschränkungen für den Bergbau und die gesamte Wirtschaft bedeuten, sieht der verantwortungsvolle Manager Carlowitz voraus. Das bewegt ihn tief, er sieht es als Unrecht am Erbe der kommenden Generationen.

Der Blickwinkel des Hans Carl von Carlowitz – und das ist wichtig – ist kein speziell forstlicher, sondern ein ganzheitlicher. Er weist auf den übermäßigen Ressourcenverbrauch hin und zeigt die Folgen dieses, „nachlässigen Verbauchs“ auf. Nachlässig, das ist für ihn das Reizwort für gedankenloses Verschwenden, das nicht wirtschaftlich organisiert und planerisch beschränkt ist und deshalb auch nicht auf Dauer ausgerichtet ist. Carlowitz setzt dieser Nachlässigkeit den Begriff der „nachhaltenden Nutzung“ entgegen und fordert zu aktivem Handeln und zu positivem Gestalten auf: zum Nachziehen (Zucht) der wilden Bäume durch Säen und Pflanzen.

Sein Fazit: Nachhaltende, also auf Dauer angelegte sparsame Nutzung ist nötig, um den Wohlstand des Landes zu sichern. Hans Carl von Carlowitz komprimiert die Lehre seines Buches und die forstliche Erfahrung vieler Jahrhunderte in nur zwei Worten: „nachhaltende Nutzung“. Diese Wortschöpfung ist neu, vor ihm hat sie noch niemand verwendet. Mit dem Begriff der „nachhaltenden Nutzung“ setzt er die Vision einer vom Menschen gestalteten Ordnung gegen den Horror eines nachlässigen und gedankenlosen Plünderns, das für die Nachkommen Chaos bedeutet.

Ansätze nachhaltiger Forstwirtschaft gab es auch schon vor Carlowitz, aber er ist der erste, der es „ins Wort“ bringt, dem es gelingt, die Idee der ethischen Verantwortung zwischen den Generationen in einem Begriff zu fassen. Nachhaltende Nutzung wurde nach Carlowitz nochmals zu Nachhaltigkeit verdichtet und zum Leitgedanken der sich in der Aufklärung entwickelnden Forstwissenschaft.

Die Industrielle Revolution: Energierausch und Emanzipation vom Wald

Im 19. Jahrhundert führen vor allem die Dampfmaschine und die sich daran anknüpfende industrielle Revolution zu einem rapide wachsenden Energiebedarf, der unmöglich aus den Vorräten der Wälder gedeckt werden kann. Der Rohstoff Holz wird knapp. Einen Ausweg bieten die in Fülle vorhandenen „unterirdischen Wälder“ aus Steinkohle, die mit Nachdruck erschlossen werden. Das ermöglicht Energieverzehr und Wachstum, die keine Grenzen zu kennen scheinen. Mit der neuen, erdgeschichtlichen Energie löst sich die Produktion von den als Fesseln empfundenen nachwachsenden Rohstoffen. Mit der industriellen Revolution beginnt nun ein fossiles Zeitalter, das nicht mehr von den Früchten der eigenen Zeit zehrt, sondern die Speicher der Vergangenheit ver-zehrt. Kohle, Erdgas, Erdöl ersetzen seither Brennholz; Stahl, Glas, Beton verdrängen Bauholz.

Das hat auch positive Seiten, denn der Wald wird entlastet. Die Forstwirtschaft kann so das Prinzip der Nachhaltigkeit weiter entwickeln und in verschiedenen Varianten auf der Fläche ausprobieren. Es muss aber angemerkt werden, dass die heutige Forstwirtschaft zwar in sich nachhaltig ist, unser Wirtschaftssystem als Gesamtes ist es jedoch in keiner Weise. Der World Overshoot Day macht dies deutlich: es ist der ermittelte Tag ab dem die Menschheit über ihre Verhältnisse lebt, weil sie mehr konsumiert als die Biosphäre in einem Jahr regenerieren kann. In diesem Jahr waren bereits nach acht Monaten, am 13. August 2015, die globalen Ressourcen eines ganzen Jahres verbraucht!

Nachhaltigkeit heute: Brückenbegriff zwischen drei Säulen

Eine zweite Phase der Begriffsgeschichte beginnt mit dem 1987 veröffentlichten Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung, der meist als Brundtland-Bericht bezeichnet wird. Darin wird, erstmals auf globaler Ebene, nachhaltige Entwicklung definiert. Die UN-Konferenzen für Umwelt und Entwicklung 1992, 1997 und 2002 greifen dies auf und führen es fort. Hier geht es um einen ganzheitlichen Ansatz, um die Integration von Umweltschutz und Armutsbekämpfung, also um den Zusammenhang globaler und intergenerationeller Gerechtigkeit. Im Kern des Begriffs steckt nach wie vor das Prinzip, wie es von Carlowitz beschrieben wurde, er führt jedoch weit über den Bereich der Forstwirtschaft hinaus. Mit der Konferenz von Rio 1992 wurde „sustainable development“ zum Programm für eine globale Partnerschaft mit den gleichberechtigten Zielen „ökologische Tragfähigkeit“, „soziale Gerechtigkeit“ und „wirtschaftliche Effizienz“ (Dreisäulenkonzept).

Der moderne, weite Nachhaltigkeitsbegriff und der forstlich-technologische Nachhaltigkeitsbegriff haben als große Gemeinsamkeit ein Denken von der Zukunft her, das als Konsequenz ein Handeln im Heute fordert.

Nachhaltigkeit ist heute ein Dachbegriff, der vieles integriert, der aber deswegen auch schwammig bleibt. Trotzdem muss festgestellt werden: Der Begriff ist heute unbedingt notwendig. Er ist sogar unentbehrlich, weil er Brücken baut zwischen wirtschaftlichem Handeln und ethischer Verantwortung, zwischen Gegenwart und Zukunft, zwischen Ursache und Wirkung. Nachhaltigkeit führt weg von der Nachsorge hin zur Vorsorge, weg vom linearen hin zum systemischen Denken. Kein anderer Begriff bündelt in sich so sehr soziale, ökonomische und ökologische Interessen auf zukunftsfähige Entwicklung wie dieser.


 

Diesen Beitrag zitieren: Hamberger, J. Nachhaltigkeit – Leitkultur für die Zukunft. bioskop (2015, November 6). http://www.austrianbiologist.at/bioskop/2015/11/nachhaltigkeit-leitkultur-fuer-die-zukunft

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