:: Der Jane-Effekt – Interview mit Jane Goodall

11/09/2015 von / 2 Kommentare

Titelbild:Jane & Jou Jou Hand, © Michael Nichols, Bildnachweis: JGI-International

Dr. Jane Goodall, Jahrgang 1934, Verhaltensbiologin, gefeiert wie ein Rockstar, ist seit beinahe 30 Jahren Botschafterin der Schimpansen. Die charismatische Frau wuchs in England auf und hatte von frühester Kindheit an ein ausgeprägtes Interesse an der Natur und im Speziellen an Tieren und ihrem Verhalten. Ihre Mutter Vanne bestärkte sie in ihren Träumen, obwohl diese zu jener Zeit für eine junge Frau unerreichbar schienen.
Nach einer abgeschlossenen Ausbildung zur Sekretärin, zu der ihr ihre Mutter riet – ein Studium war ihr finanziell zuerst nicht möglich – sparte sie genug Geld, um nach Afrika zu reisen und dort ihren Traum, Tiere zu beobachten und ihr Verhalten zu studieren, zu verwirklichen. Da es für die damalige Zeit unüblich war, als (junge) Frau alleine zu verreisen, begleitete ihre Mutter sie schließlich sogar nach Tansania.

Der berühmte Paläoanthropologe Louis Leakey war schnell nicht nur von Janes Kompetenz als seine Assistentin, sondern auch von ihre[m wissenschaftlichen Talent überzeugt. Er bot ihr an, die Schimpansen des Gombe Waldes in Westtansania zu studieren – nicht wissend, dass Jane schon bald eine bahnbrechende Entdeckung machen würde: Sie entdeckte, dass Schimpansen Werkzeuge gebrauchen und sogar selbst herstellen konnten – eine Fertigkeit, die bis zu diesem Zeitpunkt nur Menschen zugeschrieben worden war.
Jane forschte zu diesem Zeitpunkt noch ohne ein Universitätsstudium abgeschlossen zu haben. Ihre bedeutenden Forschungsergebnisse wurden sogar von National Geographic in die ganze Welt transportiert und fanden regen Anklang.

Paläoanthropologie

Paläoanthropologie ist die Wissenschaft vom fossilen (prähistorischen) Menschen, insbesondere seiner Evolution (Anthropogenese). – Definition aus dem Spektrum Kompaktlexikon der Biologie
Dennoch brauchte sie einen akademischen Titel, um von der wissenschaftlichen Community erstgenommen und gefördert zu werden.

Dr. Jane Goodall and Galahad. Gombe National Park, Tanzania. Bildnachweis: JGI-International

Dr. Jane Goodall and Galahad. Gombe National Park, Tanzania. Bildnachweis: JGI-International

Mit einer Ausnahmegenehmigung, erwirkt von Louis Leakey, konnte sie sich an der Universität von Cambridge zum Doktorat-Studiengang einschreiben lassen. Drei Jahre später, mit 31 Jahren, schloss sie das Studium ab und sie konnte sich wieder gänzlich ihren Forschungstätigkeiten in Afrika widmen. Über den Zeitraum ihres Wirkens im afrikanischen Regenwald fiel ihr jedoch zunehmend auf, dass der Lebensraum der Tiere immer mehr vom Menschen zerstört wird. Es musste eine Lösung gefunden werden, um das Wohlergehen der Menschen und ihrer Nachbarn, den Schimpansen, gleichermaßen zu gewährleisten. So entschloss sie sich 1986, ihre Forschungstätigkeiten einzustellen und sich künftig für den Tier- und Umweltschutz einzusetzen.
Seither erhielt sie zahlreiche Auszeichnungen und wurde vom damaligen UNO-Generalsekretär Kofi Annan zur UN-Friedensbotschafterin ernannt. Heute ist sie, 81-jährig, zumindest 300 Tage im Jahr unterwegs, schreibt Bücher, hält Vorträge – an dem Engagement, der Ausdauer und der Willensstärke, die sie schon in Kindertagen hatte, scheint sie über die Jahre nichts eingebüßt zu haben. Im Gegenteil, als ich sie vergangenen Juni um 23 Uhr abends nach ihrem Vortrag und einem Tag, der für sie um halb sechs Uhr früh begonnen hatte, in Wien treffe, scherzt Jane mit mir, scheinbar unbeschwert, über das Leben und den Tod. Von ihrem Humor und ihrer Ausstrahlung nicht angesteckt zu werden – unmöglich.

Und so kamen wir ins Plaudern:


Dr. Goodall, wie allgemein bekannt ist, haben Sie sehr hart gearbeitet, um Ihren Traum, mit Menschenaffen zu arbeiten, verwirklichen zu können. Wenn jemand Biologe werden möchte, aber besorgt darum ist, keine Arbeitsstelle zu finden – was würden Sie ihm oder ihr raten?

Er oder sie braucht Ausdauer und Willensstärke. Ich kann es nur aufgrund meines eigenen Lebenslaufes beschreiben und am besten so erklären: Bereits als Kind hatte ich den Wunsch, möglichst viel über die Tierwelt, über unseren Planeten und unsere Umwelt zu wissen. Ich wollte nach Afrika. Dafür habe ich hart gearbeitet und immer fest daran geglaubt, dass eines Tages dieser Wunsch Realität wird. Schon meine Mutter Vanne hat mich immer darin bestärkt: „ Jane, wenn du wirklich etwas willst, dann musst du stets fest daran glauben und auch hart dafür arbeiten, dann wird dein Wunsch in Erfüllung gehen.“. Sie hat mich immer wieder daran erinnert. Es ist auch einer meiner Gründe zur Hoffnung, mein Glaube an die Stärke des menschlichen Geistes, Träume verwirklichen und Ziele erreichen zu können.

Spielen Biologen heutzutage überhaupt noch eine wichtige Rolle? Wo sehen Sie Möglichkeiten für die Gesellschaft, von biologischem Wissen zu profitieren?

Biologen spielen eine sehr wichtige Rolle. Sie entdecken ständig neue, aufregende Fakten über die Natur. Sofern sie oder ihre Kollegen dieses Wissen auch mit der Öffentlichkeit teilen können, wird dies auch den Respekt für die Natur und die Lebewesen, mit denen wir diesen Planeten teilen, erhöhen und Gefühle der Ehrfurcht und Faszination für die Natur in uns auslösen.

Welche Fähigkeiten oder Fertigkeiten brauchen Biologen, um die Welt ein Stück weit mitzuverändern? Was ist Ihr persönliches Geheimnis zum Erfolg?

Also zu allererst muss ein Biologe seinem Fach wirklichen Enthusiasmus entgegenbringen. Außerdem muss der Biologe oder jemand aus seinem Umfeld aber auch den Wunsch haben, und dazu fähig sein, Information überzeugend zu kommunizieren und so die Öffentlichkeit auch mitzureißen, Menschen zu faszinieren. Ich habe den enormen Willen und scheinbar auch einen guten Weg mit Menschen zu kommunizieren – schriftlich wie auch mündlich. Diese Gabe versuche ich so weise wie möglich einzusetzen.

Wie würden Sie den „Jane Effekt“ in fünf Worten beschreiben?

Fähigkeit, andere zu inspirieren, motivieren.

Eine letzte Frage, die von einem unserer Leser stammt: Wonach riecht eigentlich ein Schimpanse?

Einmal haben wir einen Schimpansen in Gombe gehabt, der ganz schön nach Gorilla gerochen hat. Aber im Allgemeinen riechen sie nach, naja, nach Schimpansen! (Anmerkung durch den holländischen Biologen und Schimpansen-Experten Patrick van Veen: Wenn Schimpansen sich beim gegenseitigen Lausen entspannen oder auch wenn Weibchen sexuell aktiv werden, ist ein verstärkter Duft am ehesten wahrnehmbar.)

Geduld als Schlüssel zur Beobachtung - Jane Goodall im Freiland. © Gant Morten Bjarnhof, Bildnachweis: JGI-International

Geduld als Schlüssel zur Beobachtung – Jane Goodall im Freiland. © Gant Morten Bjarnhof, Bildnachweis: JGI-International

Danke an Dr. Goodall für das Interview!

Dr. Goodalls Projekte werden über die Jane Goodall Institute koordiniert – helfen können sowohl Privatpersonen als auch Unternehmen. Für Kinder und Jugendliche gibt es außerdem das „Roots and Shoots“-Programm, bei dem verschiedenste Projekte eingereicht und umgesetzt werden können.


2 Antworten
  1. Theodora Höger

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    13.09.2015 um 01:33
  2. Peter Iwaniewicz

    Gratuliere! Die Beiträge auf eurer Website werden immer besser und professioneller.
    Bitte mehr davon.

    12.09.2015 um 10:53
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