Eine mikrofluidische Kammer für in-vitro Kultur, die in Zusammenarbeit mit der technischen Universität Enschede entwickelt wurde. Diese neuartige Kulturmethode, die das Milieu der Eileiter simuliert, wurde von Kieslinger im IVF Labor VUmc erstmalig an menschlichen Embryonen getestet. © D.C. Kieslinger

:: 10 Fragen an berufstätige BiologInnen: Dorit Kieslinger – Klinische Embryologie

03/06/2015 von / 0 Kommentare
Titelbild: Eine mikrofluidische Kammer für in-vitro Kultur, die in Zusammenarbeit mit der technischen Universität Enschede entwickelt wurde. Diese neuartige Kulturmethode, die das Milieu der Eileiter simuliert, wurde von Kieslinger im IVF Labor VUmc erstmalig an menschlichen Embryonen getestet. © D.C. Kieslinger
Mag. Dorit Kieslinger hat in Graz Zoologie studiert und ist nach ihrem Erasmus Jahr in Utrecht (Niederlande), nach Amsterdam gezogen. Sie arbeitet seit 6 ½ Jahren im IVF Zentrum des Universitätskrankenhauses Amsterdam (VUmc) und ist dort seit 2010 als Klinische Embryologin beschäftigt. Zusätzlich zu ihrer Arbeit im IVF Labor erforscht sie neue Methoden, die die Erfolgsquote von In-vitro-Fertilisation (IVF) Behandlungen erhöhen sollen.
 Dorit Kieslinger

Dorit Kieslinger

1) Beschreiben Sie bitte kurz Ihren Arbeitsalltag. Was sind Ihre Hauptaufgaben?

Als Klinische Embryologin bin ich verantwortlich für den guten Verlauf der IVF Behandlungen in unserem Labor. Dazu gehört die praktische Arbeit im Labor selbst, aber auch angewandte Forschung (teilweise für meine Doktorarbeit), Validierung und Einführung neuer Methoden, Qualitätskontrolle und Audits, Koordination der Behandlungen, Management, sowie die Beratung von Paaren, die sich ein Kind wünschen. Für die herkömmliche In-vitro-Fertilisation (IVF) konzentrieren wir die Spermien und bringen sie in einem speziellen Nährmedium mit den Eizellen zusammen. Bei der Intrazytoplasmatischen Spermien Injektion (ICSI) wird jeweils ein Spermium, unter sehr starker Vergrößerung, anhand seiner Morphologie ausgewählt, und in die Eizelle injiziert. In den darauf folgenden Tagen erfassen wir die Entwicklung der Embryonen zu genau fest gelegten Zeiten mit Hilfe eines Mikroskops. Schliesslich wird drei Tage nach der Eizellentnahme ein Embryo aufgrund seiner Zellteilungsrate selektiert und in die Gebärmutter transferiert. Die anderen Embryonen werden einen Tag nach dem Embryotransfer in flüssigem Stickstoff eingefroren, wobei die Bildung von Eiskristallen in den Zellen vermieden werden muss. Mein Forschungsschwerpunkt ist die Erforschung neuer Methoden zur Optimierung von IVF Behandlungen. Momentan beschäftige ich mich mit einem Projekt, bei dem wir mit Hilfe von Time-lapse Aufnahmen versuchen, die Schwangerschaftsrate durch verbesserte Selektion der Embryonen zu erhöhen.

Die Injektion einer Samenzelle in eine Eizelle (ICSI) geschieht mit Hilfe von Joysticks zur feinmotorischen Steuerung der Bewegungen von Injektionsnadel und Haltepipette unter 320 facher Vergrösserung. © C.H. Statema

Die Injektion einer Samenzelle in eine Eizelle (ICSI) geschieht mit Hilfe von Joysticks zur feinmotorischen Steuerung der Bewegungen von Injektionsnadel und Haltepipette unter 320 facher Vergrößerung. © C.H. Statema

2) Was gefällt Ihnen an Ihrem Job am meisten?

Meine Tätigkeit hilft anderen Menschen dabei, ihren grössten Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen. Die Arbeit ist abwechslungsreich, da ich meine Zeit zwischen wissenschaftlicher Forschung, Laborarbeit und Management einteilen muss. Das motivierte Arbeitsklima in unserem IVF Zentrum ist sicher auch ein wichtiger Faktor, warum ich mich dort so wohl fühle: jedes Teammitglied will dazu beitragen, die Erfolgschancen von kinderlosen Paaren durch seinen Einsatz zu steigern.

3) Was gehört zu den schwierigsten Dingen in Ihrem Beruf? Was sind für Sie die größten Herausforderungen?

Eine der größten Herausforderungen ist es, in komplexen Situationen die Ruhe zu bewahren und schnell die richtige Entscheidung zu treffen. Da wir es im Labor mit unersetzlichem, menschlichen Material zu tun haben, lastet auf dieser Arbeit auch eine große Verantwortung. Leider können wir nicht jedem Paar, das sich ein Kind wünscht, helfen.

4) Wie sind Sie auf diesen Job aufmerksam geworden?

Ich interessierte mich schon einige Zeit für die hormonelle Regulation des weiblichen Zyklus und die Arbeit in einem IVF Labor passte genau in dieses Interessensgebiet. Allerdings konnte ich nicht so abrupt von der Verhaltensforschung (Magisterarbeit zur Blickverfolgung bei Makaken) in die Klinische Embryologie wechseln. Deshalb habe ich zuerst noch etwas mehr als ein Jahr im IVF Labor als Analytikerin gearbeitet und mich danach für die dreijährige Weiterbildung im IVF Zentrum zur Klinischen Embryologin beworben. In diesen drei Jahren habe ich sowohl meine praktischen Kompetenzen im IVF Labor weiter entwickelt, als auch mein fachliches Wissen vertieft und alle notwendigen Kurse zu Themen wie Management und Qualitätssicherung absolviert.

5) Welche Qualifikationen sind für Ihre Tätigkeit besonders wichtig?

Ein abgeschlossenes Biologie-Studium ist Voraussetzung in den Niederlanden zur postakademischen Ausbildung zur Klinischen Embryologin zugelassen zu werden. Genauigkeit, vielleicht sogar ein gewisser Hang zum Perfektionismus sind von Vorteil. In diesem Fachgebiet ist stetige Weiterbildung ein Muss und wissenschaftliches Interesse unentbehrlich. Für die Arbeit in einem Team sind außerdem gute Kommunikationsfähigkeiten notwendig.

Kieslinger während eines Vortrags zur Kultur menschlicher Embryonen in mikrofluidischen Kammern auf einem internationalen Kongress für Reproduktionsmedizin.

Kieslinger während eines Vortrags zur Kultur menschlicher Embryonen in mikrofluidischen Kammern auf einem internationalen Kongress für Reproduktionsmedizin.

6) War es schon immer Ihr Wunsch eine Arbeit dieser Art auszuüben oder hatten Sie früher andere Berufswünsche?

Nein, früher wollte ich Verhaltensforscherin werden, allerdings konnte ich mir meine Zukunft in diesem Berufsfeld auf Dauer schließlich doch nicht vorstellen. Die Arbeit als Embryologin passt, denke ich, besser zu mir. Ich finde es sehr befriedigend mit meiner Tätigkeit Menschen zu helfen und gleichzeitig durch meine Forschung dazu beizutragen die technischen Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung zu verbessern.

7) Wie sehen Sie die Arbeitsmarktsituation in Ihrem Umfeld? Wie stehen die Jobaussichten für BiologInnen?

In den Niederlanden gibt es lediglich 13 IVF Zentren. Sowohl Gynäkologen als auch Embryologen aus den verschiedenen IVF Zentren arbeiten regelmäßig zusammen. Der fachliche Austausch mit Kollegen von anderen Labors ist sehr bereichernd, da wir alle dasselbe Ziel verfolgen. Klinische Embryologen werden intern ausgebildet, wenn ein IVF Zentrum einen neuen Embryologen benötigt, weshalb es nicht so oft freie Stellen gibt.

Blastocyste in einer mikrofluidischen Kulturkammer. © D.C. Kieslinger

Blastocyste in einer mikrofluidischen Kulturkammer. © D.C. Kieslinger

8) Ist ein Biologiestudium für Ihre Position notwendig, welche anderen Ausbildungen wären hilfreich?

Ein Biologiestudium ist Voraussetzung für diese Arbeit. Zusätzlich sind Kurse in Projektmanagement, Statistik und zum Thema Qualitätsmanagement sicher zu empfehlen.

9) Welche Inhalte des Biologiestudiums benötigen Sie in Ihrem Berufsalltag am häufigsten?

Zellbiologie, Entwicklungsbiologie, Biochemie, Physiologie, Statistik und Genetik

10) Was würden Sie Biologiestudierenden raten, die sich für einen ähnlichen Job interessieren?

Wer eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, sollte schon während des Studiums das Lesen und am besten auch Schreiben von englischen, wissenschaftlichen Artikeln praktizieren. Ein Praktikum in einem Labor könnte hilfreich sein, um Erfahrungen zu sammeln und auch sein manuelles Geschick unter Beweis zu stellen.

Vielen Dank!

Klinische Embryologie in Österreich


In Österreich kann man berufsbegleitend das Masterstudium ‘klinische Embryologie‘ absolvieren.
Ort: Karl-Franzens-Universität Graz
Dauer: 4 Semester
Weitere Infos unter: http://www.uniforlife.at/medizin-und-gesundheit/detail/kurs/klinische-embryologie/

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