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:: Biologie und Wirtschaft, Wirtschaftsbiologie

30/05/2013 von / 1 Kommentar
Titelbild: Shopping – In den Warenkorb (c)Michael Staudinger / pixelio.de

Die Trennung der Beschreibung von Naturobjekten in ein Erkenntnisinteresse und ein ökonomisches Interesse brachte einerseits die Naturkunde und andererseits die Warenkunde hervor. Beispielsweise ist der Wal als „Fisch“ bezeichnet worden, weil er aus dem Wasser geholt wird. Begriffe wie Erze, Obst, Gemüse gehören beiden Interessenssphären an.

Waren“ entstehen durch ökonomische Zwecksetzungen je nachdem, ob sie in die gesellschaftliche Interessenssphäre eintreten oder sie wieder verlassen. „Potenzielle Waren“ sind z.B. Bäume, sobald sie gefällt werden; Erze, sobald sie abgebaut werden; Quellwasser, das vermarktet wird … „Latente Waren“ haben ihren Warencharakter eingebüßt, können ihn aber wieder erlangen: die Abfälle als Rohstoffe …

Die Trennung von Biologie und Ökonomie hat beiden Disziplinen inhaltliche Defizite beschert. Tatsächlich aber ist das ökonomische Prinzip die Existenzvoraussetzung allen Lebens, wie uns der Zweite Hauptsatz zur Biophysik des Lebendigen lehrt (Erwin Schrödinger, 1944: Was ist Leben ?).

Die Warenkunde ist im ökonomischen Interesse aus der Naturgeschichte hervorgegangen. Mit der Fortentwicklung der Systematik zur systemischen Denkweise entwickelte sich aus der Naturgeschichte die Biologie und dazu im sozioökologischen Kontext die Warenlehre. Die Beschreibung der Wege von den Naturalien zu den warenförmigen Artefakten war zunächst Sache von Technologie – eine Lehre von der Kunst, aus Erkenntnissen Anwendungen zu (er)finden.

 

Evolution - Ware - Ökonomie

R. Kiridus-Göller, E. K. Seifert (Hrsg.): Evolution – Ware – Ökonomie
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Die Bedeutung für das ökonomische Ganze fand jedoch immer weniger Beachtung, das mangelnde Verständnis schlägt sich in bildungspolitischen Entscheidungen nieder. Es ist der öffentlichen Wahrnehmung entgangen, dass ein an der Realökonomie orientiertes Gründungsinstitut der Hochschule für Welthandel, nunmehr Wirtschaftsuniversität Wien, im Oktober 2012 mit Beginn des Studienjahres geschlossen worden ist: Ursprünglich hieß es „Institut für Warenkunde“, dann „Technologisches Institut“, nach dem Zweiten Weltkrieg dann „Institut für Technologie und Warenwirtschaftslehre“, zuletzt „Institut für Technologie und nachhaltiges Produktmanagement“.

Der Vater der modernen Managementlehre Peter F. Drucker (1909 – 2005) bezeichnete sich selbst als einen Sozialökologen. Das Problem der Nachhaltigkeit ist ein Organisationsproblem des Wirtschaftsganzen. Eine lebensdienliche Ökonomie setzt deren Lebensfähigkeit voraus.

Die Ware ist das sozialökologische Lebens-Mittel, ist von bioökonomischer Grundbedeutung und physische Basis des Wirtschaftens. Die Rolle der Technologie betrifft die produktive Faktoren-Kombination, die Lenkung dieser Prozesse erfolgt arbeitsteilig und arbeitsverbindend durch die Gesellschaft des Menschen. Daher ist von „produktiven soziotechnischen Systemen“ die Rede. Die janusköpfige Finanz- und Umweltkrise ist eine der wirtschaftspolitischen Kultur: Steht nun das Leben im Dienst des Wirtschafts-Systems oder aber das Wirtschafts-System im Dienst des Lebens ? Das ökonomische Prinzip der Nachhaltigkeit bedeutet – anstatt von destruktiven Eingriffen – produktiv mit der Biosphäre zu leben. Als Träger lebensdienlicher Information werden Waren systempolitisch wichtiger als Geld.

Auf der Suche nach einer lebensfähigen Programmatik, mit der Hoffnung auf nachhaltig produzierte Produkte, ist die biobasierte Wirtschaft in die gesellschaftspolitische Diskussion geraten. Der „Bioökonomie“ liegt das technologische Verhältnis von biologischen Erkenntnissen zu Anwendungen zugrunde. Der Neologismus „Bionik“ geht auf einen bei der United States Airforce beschäftigten Nervenarzt zurück: Zur Bezeichnung eines Symposiums im Jahr 1960 unter Leitung des österreichischen Biophysiker Heinz von Foerster (1911 – 2002) erdachte Jack Ellwood Steele (1924 – 2009) eine Verbindung von „bios“ und dem Suffix „-onics“ , womit er „das Studium von“ meinte. Der wesentliche Unterschied der Bionik zur Biotechnologie liegt formal in den Systemorientierungen. In naturwissenschaftlicher Sicht ist die Bionik der energetischen Orientierung der Physik zuzurechnen, während die Biotechnologie mit Blick auf die „lebende Materie“ sich den biochemischen Vorgängen widmet.

Die sozialwissenschaftliche Kritik an der „Kommodifizierung des Lebens“ hat mit der wirtschaftsideologischen Verschränkung von Warenkörpern mit Geldmärkten und Biotechnologien zu tun. Die Physis des Lebendigen fehlt in den Denkmustern der klassischen und neoklassischen Lehrgebäuden der politischen Ökonomie. Übersehen wird der sozialökologische Charakter warenförmiger Umweltbeziehungen: die Biokybernetik und Bioökonomie. Als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung haben Waren kybernetischen Charakter in den Ist-Soll-Wert-Spannungen zwischen dem Organismus und dessen existenzbestimmenden Faktoren.

Wesentlich ist die Einsicht, dass das „Leben“ eine informationsabhängige Systemqualität ist, deren Fortbestehen von entsprechender Energiezufuhr abhängt.

Weil der Markt ein Teil der Gesellschaft ist und diese ein von der Biosphäre abhängiges kulturelles System, ist der bioökonomische Warenbegriff auch umfassender als der sozialwissenschaftliche Güterbegriff, der betriebswirtschaftliche Produktbegriff ist eine Teilmenge davon. Mit vom Gefüge der Teile ausgehenden Blick zum Ganzen – warenkundliche Schlüsselqualifikation Gewerbetreibender – ist von Handelswaren und Handelsgütern die Rede, kompetente Fachleute fehlen zunehmend. Der „ehrbare Kaufmann“ wirtschaftet nachhaltig und nachhaltige Denkweise betrifft das Wirtschaftsganze. Die Ware ist der Wirtschaftsgegenstand, der Mensch muss wirtschaften, um zu leben.

Unsere Mittel zur Bedürfnisbefriedigung sind Teile eines Lebensganzen. Die Waren sind primär bioökonomische Strukturen. Das Verhältnis der Warenkunde zur Bioökonomik gleicht den Zusammenhängen der Erkenntnisse von Mendel und Darwin. Die Evolutionsökonomik ist dabei, die herkömmlichen Vorstellungen von Wirtschaft abzulösen. Bislang befassen sich die Wirtschaftswissenschaften mit Aspekten von Wirtschaft, weniger mit der Frage, was denn Wirtschaft im Ganzen eigentlich ist.

Der Verlust der Bedeutung von „Ware“ im gesellschaftlichen Bewusstsein geht einher mit der Dominanz anglo-amerikanischer Wirtschaftsterminologie, monetärer Sichtweise und „Naturvergessenheit“ der neoklassischen Ökonomie. Der Begriff „Ware“ hängt mit ökonomischem Generalismus zusammen: Dieser fehlt heutzutage, isolierte ökonomische Teilrationalitäten neigen zur Irrationalität im Ganzen.

Die Orientierung an der Umwelt als Einkommensquelle und daher Wirtschaftsaufgabe ist der wesentliche Unterschied im Wirtschaftsparadigma, so wie es mikroökonomisch im auf Hans Ulrich (1919 – 1997) zurückgehenden St. Galler Managementmodell und makroökonomisch in den auf Nicholas Georgescu-Roegen (1906 – 1994) zurückgehenden „Bioeconomics“ dargestellt wurde.

Wesentlich insgesamt ist, dass die Nachhaltige Entwicklung einer Wirtschaftsweise bedarf, für die in den akademischen und schulischen Bildungsplänen eine entsprechende Managementqualifikation zu schaffen ist, zu welcher die bioökonomisch orientierte Warenlehre, oder kurz ‚Bioökonomie‘ , als das Grundlagen-Fach anzusehen ist“ (Eberhard K. Seifert, Prof. für ‚Environmental Management’ an der WU Wien).

Zur Politik-Beratung hat im Jahr 2009 Deutschlands Bildungsministerium einen BioÖkonomieRat (BÖR) eingesetzt. Die kürzlich erfolgte Schließung des warenwissenschaftlichen Instituts an der Wiener Wirtschaftsuniversität, das im Lehramtsstudium auf den bioökonomischen Kontext ausgerichtet war, darf als wirtschaftsakademische und bildungspolitische Kalamität bezeichnet werden.

Siehe auch:

  • Franz M. Wuketits: Stichwort Bioökonomie. Naturwissenschaftliche Rundschau 65 (2012) Heft 8, S. 441 – 442.

Eine Antwort
  1. Clemens Pelz

    Die Nachhaltigkeit spielt eine immer kleiner werdende Rolle in unserer Gesellschaft, da Produkte schnell und günstig verfügbar sein müssen. Leider wird sich diese Entwicklung auch weiterhin fortsetzen, sagt mir mein Gefühl.

    26.06.2014 um 16:18
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